Interview: „Wow, das bin ich?!“

Die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli über ihr Faible für Antonio Salieri und Michael Jackson, ihre Karriere, ihre Stimmbänder und das Sterben auf der Bühne.

profil: Frau Bartoli , wie war Ihr gestri-ges Konzert?
Bartoli: Es war ein Triumph. Ich hatte schon nach der ersten Hälfte Standing Ovations.
profil: Was haben Sie gesungen?
Bartoli: Arien von Antonio Salieri.
profil: Viele halten ihn für einen ungeheuer langweiligen Komponisten.
Bartoli: Gerade dieses Urteil stimmt nicht. Warum würde seine Musik das Publikum sonst so mitreißen? Die meisten Menschen kennen Salieri aus dem Film „Amadeus“ als Mozarts fiesen Gegenspieler. Doch seine Musik wurde für den Film manipuliert: Sie sollte banaler klingen. Wie die Tageszeitung „Guardian“ unlängst recherchierte, fragte man in der Wiener Nationalbibliothek an, ob es nicht auch schlechte Musik von Salieri in den Archiven gebe. Die Bibliothekare sagten: Leider nein, weil Salieri ein großer Komponist war. Also vergriff man sich an den Partituren und änderte sie.
profil: Sie haben Salieri-Arien auch auf CD eingespielt. War es schwer, Ihren Plattenproduzenten von dem riskanten Projekt zu überzeugen?
Bartoli: Ich habe die Leute von Decca mit meinen Wünschen schon immer ein bisschen schockiert. Doch nachdem das Vivaldi-Album mehr als eine halbe Million CDs verkauft hat und auch das Gluck-Projekt zum Erfolg wurde, lässt man mir jetzt relativ freie Hand. Es war leicht, Decca von Salieri zu überzeugen. Jeder, der seine Musik hört, verliebt sich in sie.
profil: Warum ziehen Sie abgelegene Arien von Scarlatti, Pergolesi, Cesti oder Caldara den Gassenhauern vor?
Bartoli: Ich singe auch Mozart und Rossini. Mein Ziel ist nicht, unbekannte Musik aufzuführen, sondern gute Musik. Natürlich weckt ein Komponist wie Salieri meine Neugier. Da schrieb jemand 39 Opern, hat Beethoven und Schubert unterrichtet, aber man kann kaum Noten oder CDs von seiner Musik kaufen? Das ist spannend. Ich habe zweieinhalb Jahre an dem Projekt gearbeitet.
profil: Fragen Sie sich manchmal, warum die Menschen ausgerechnet nach Ihrer Stimme süchtig sind?
Bartoli: Ein guter Koch verrät niemals sein Rezept.
profil: Vor zwanzig Jahren erschien es eher unwahrscheinlich, dass eine Mezzosopranistin jemals beliebter als ein Sopran sein könnte.
Bartoli: Die Farben einer Mezzo-Stimme sind doch interessant! Aber ich glaube, dass es in Wahrheit nie um die Höhe einer Stimme geht, sondern um Charakter. Dass man gut singen kann, wird schon fast vorausgesetzt. Man muss ein guter Schauspieler sein.
profil: Von der Carmen, dem Gipfel jeder Mezzo-Karriere, wollen Sie vorerst nichts wissen.
Bartoli: Wir stellen uns diese Oper immer in einer Arena mit großem Orchester vor. Das ist falsch. „Carmen“ ist eine intime Oper und keine Folklore-Nummer. Ich mag die dunklen Seiten dieser Frau. Sie ist die Urahnin aller Frauen und hat die Emanzipation quasi erfunden. Doch Händels Agrippina beispielsweise fasziniert mich mehr. Sie ist stolz und beherrscht alle Spielchen.
profil: Sie geben höchstens fünfzig Auftritte pro Saison. Warum machen Sie sich so rar?
Bartoli: Es sind eher nur 45 Auftritte. Ich will den Spaß am Singen nicht verlieren und nicht von einer Stadt zur nächsten hetzen, sondern ein Privatleben haben und genug Zeit, um meine Rollen gut zu studieren.
profil: Hat Ihre Flugangst etwas damit zu tun?
Bartoli: Nein, obwohl die Aircondition der Flugzeuge die Stimmbänder austrocknet. Ich fahre lieber mit dem Zug oder nehme ein Schiff. Das ist eine herrlich altmodische Art zu reisen. Im Flugzeug sagt einem ständig jemand, was man zu tun hat: Sitz aufrecht, schnall dich an, jetzt isst du, klapp den Tisch nach oben. Am Schiff ist man frei.
profil: Wie lebt es sich, wenn die Stimmbänder der wichtigste Körperteil sind?
Bartoli: Wenn ich Bauchweh habe, kann ich auch nicht singen. Doch es stimmt schon: Ich gehe nicht in Räume, in denen stark geraucht wird. Wenn ich ein Konzert habe, rede ich davor möglichst wenig. Das A und O eines Sängerlebens ist die Stimme. Man muss auf ihre Bedürfnisse hören.
profil: Was ist an Ihren Stimmbändern so besonders?
Bartoli: Meine Stimmbänder sind nicht speziell. Es ist der Sound einer Stimme, der sich von anderen unterscheidet. Denn man singt nicht nur mit dem Körper, sondern mit dem Herzen. Das fasziniert uns so am menschlichen Gesang: dass er direkt aus der Seele kommt.
profil: Bei Konzertabenden vibriert und bebt Ihr ganzer Körper. Warum können Sie nicht stillstehen?
Bartoli: Wenn man ruhig dasteht, singt man nur mit den Stimmbändern. Das wäre doch eine Schande.
profil: Als 15-Jährige tanzten Sie Flamenco, nahmen Gesangsunterricht und mussten noch zur Schule gehen. Wie sah Ihr Leben aus?
Bartoli: Es war eine Katastrophe. Ich hatte mehr zu tun als heute. Aber es war auch eine großartige Zeit. Ich wollte unbedingt professionelle Flamenco-Tänzerin werden. Schließlich wurde mir klar, dass ich als Sängerin mehr Talent hatte. Meine Eltern haben mich nie zu etwas gezwungen. Beide waren Opernsänger und wussten sehr genau, was dieser Job von einem verlangt. Sie waren eine große Hilfe.
profil: Liebten Sie als Teenager das Pathos der Oper?
Bartoli: Mehr als die Musik gingen mir die Libretti auf die Nerven. Ich konnte Puccinis „La Bohème“ oder Verdis „Macht des Schicksals“ nicht ertragen. Die Musik ist großartig, aber die Story? Selbst heute fällt es mir manchmal schwer, der Handlung zu glauben.
profil: Wann begannen Sie, Ihren Beruf als Sängerin zu lieben?
Bartoli: Als ich registrierte, dass ich eine Stimme habe. Ich machte den Mund auf und dachte mir: Wow, das bin ich?! Das ist meine Stimme? Es war so, als hätte ich 16 Jahre mit einem Körper gelebt und plötzlich einen Körperteil entdeckt, von dem ich bis dahin nichts gewusst hatte. Es war wie das Entdecken einer neuen Dimension.
profil: Ihre einzige Lehrerin war Ihre Mutter. War das nicht auch eine Belastung?
Bartoli: Man hat die Polizei im eigenen Haus. Wir haben permanent gearbeitet, was man freilich nicht mag, wenn man 15 Jahre alt ist. Aber meine Mutter war klug und hat meine Neugierde immer wach gehalten. An den Hochschulen kriegt man zwei Stunden pro Woche. Das reicht bei weitem nicht. Ich hatte Glück.
profil: Ihre Mutter gab ihre Solokarriere für die Familie auf. Haben Sie mit Ihrer Karriere auch einen Traum Ihrer Mutter erfüllt?
Bartoli: Sie findet meine Karriere großartig. Aber sie meint auch, dass sie jetzt erkennen könne, dass sie sich wieder genau so entscheiden würde: für die Familie und gegen die Karriere. Kinder zu haben, kann keine Karriere ersetzen.
profil: Was denken Sie darüber?
Bartoli: Wenn sie das sagt, glaube ich ihr. Mutter zu sein ist wohl der schwierigste Job im Leben.
profil: Stimmt das Klischee, dass Ihr Beruf einsam macht?
Bartoli: Ja. Deshalb ist es wichtig, die Balance zwischen Job und Privatleben nie aus den Augen zu verlieren. Die Bühne ist nur ein Aspekt. Wenn man das vergisst, wird man zerstört. Dann leidet alles: die Stimme, die Karriere, das Herz. Doch die Sänger von heute wissen das, wenngleich es noch immer schwer ist, die richtige Balance zu finden.
profil: Wie haben Sie reagiert, als man Ihnen zum ersten Mal sagte, dass Ihre Stimme zu den besten der Welt gehört?
Bartoli: Ich habe es nie geglaubt. Wenn man sich am Gipfel wähnt und unschlagbar fühlt, verliert man den nötigen Biss. Man zieht sich die Pantoffeln an und wird schlechter. Man befindet sich niemals an der Spitze. Das ist eine Utopie.
profil: Ihre Karriere läuft wie auf Schienen. Gibt es einen Masterplan?
Bartoli: Natürlich ist meine Karriere durchdacht und gut strukturiert. Es wäre falsch gewesen, etwa an der New Yorker Metropolitan Oper mit irgendeiner Rolle zu debütieren. Ich wollte eine Rolle finden, die passt. Es geht mir immer darum, meine Stimme zu erhalten.
profil: Nehmen Opernmanager auf Ihre Stimme Rücksicht?
Bartoli: Den Managern sind auch andere Dinge als eine Stimme wichtig. Es ist rar, jemanden zu finden, der Geduld hat und seine Schützlinge nicht nur so schnell wie möglich auf die Bühne schicken will, egal, wie das Ergebnis ausfällt. Deshalb sind viele Karrieren an der Oper so kurz.
profil: Imponiert Ihnen die Power von Frauen wie Madonna?
Bartoli: Frauen wie Madonna imponieren mir, Männer wie Michael Jackson sogar noch mehr. Jackson steht seit 30 Jahren auf der Bühne. Als ich ihn das erste Mal tanzen sah und singen hörte, war er für mich ein Wunder. Jetzt freilich steht er unter einem schlimmen Verdacht. Was von den Vorwürfen wahr ist, weiß ich nicht. Aber ich halte ihn noch immer für einen großen Künstler.
profil: Was können Klassik-Sänger von Popstars lernen?
Bartoli: Karriere-Strategie und Disziplin. Popkünstler sind einem noch viel höheren Druck ausgesetzt. Unlängst habe ich mich mit Andrea Bocelli unterhalten – sein Terminkalender ist unglaublich. Ich konnte nicht fassen, dass ein Künstler so viel arbeiten kann.
profil: Wie hart arbeiten Sie?
Bartoli: Der Druck im Klassik-Geschäft ist groß. Im Unterschied zu Popsängern müssen wir immer live singen. Wir müssen immer „ready to go“ sein. Doch ich studiere pro Jahr nur eine neue Opernrolle. Mehr kann und will ich nicht machen. Es dauert nicht nur lange, die Rolle musikalisch zu lernen. Man muss auch die Psyche der Figur verstehen. Das dauert oft noch länger.
profil: Stört Sie da die Vorstellung, dass Leute zu Ihren CDs bügeln und den Abwasch machen?
Bartoli: Das ist sicher nicht die beste Art und Weise, Musik zu hören, weil man sich dabei leicht verletzen kann. Man fängt an, konzentriert zuzuhören – und schon hat man sich die Finger verbrannt.
profil: Singt ein Profi wie Sie noch in der Badewanne?
Bartoli: Mit großer Freude, was ziemlich laut sein kann. In Hotels ruft manchmal die Rezeption an und sagt, es würde ihnen furchtbar Leid tun, aber einige Gäste hätten sich beschwert, weil sie ihr Nickerchen nicht halten könnten. Manchmal lieben es die Leute aber auch und sind beeindruckt, dass da jemand nebenan wohnt, der live singt.
profil: Wann sind Sie mit einer Interpretation zufrieden?
Bartoli: Eigentlich bin ich nie zufrieden. Aber ich bin zufrieden, wenn ich mit Musik eine besondere Atmosphäre kreieren kann, die man im Saal spürt. Viele bewundern immer den Künstler. Aber ohne die Komponisten wären wir nichts.
profil: Wie leicht fällt es Ihnen, sich in Opernfiguren des 18. Jahrhunderts hineinzuversetzen?
Bartoli: Die sind uns ähnlicher, als wir glauben. Es sind doch immer dieselben Geschichten über Liebe, Hass, Eifersucht und die Fragilität des Menschen. Wir haben dieselben Bedürfnisse, egal, ob wir Internet-Anschluss haben oder noch mit der Postkutsche reisen. Jede Nachrichtensendung macht einen hysterisch. Die Oper ist der Ort, wo man noch träumen kann.
profil: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie auf der Bühne sterben?
Bartoli: Das hängt vom Komponisten ab. Manche helfen einem loszulassen. Als ich 1995 „L’Anima del Filosofo“ von Haydn im Theater an der Wien sang, bin ich zum ersten Mal in meiner Karriere gestorben. Ich konnte kaum glauben, dass Sterben so friedlich sein kann. Ich dachte immer, Sterben ist dramatisch und verkrampft. Doch die Art, wie Haydn das komponierte, war ganz anders. Ich dachte, hoffentlich sterbe ich auch einmal so.
profil: Wie würden Sie reagieren, wenn Sie eines Morgens aufwachen und bemerken würden, dass Sie nicht mehr singen könnten?
Bartoli: Ich würde meine Flamenco-Klassen wieder aufnehmen.
profil: Sie wären nicht außer sich?
Bartoli: Karriere ist wie Schönheit. Schönheit muss man auch irgendwann einmal wieder zurückgeben. Man kann nicht siebzig Jahre lang schön sein. Mit der Karriere ist es dasselbe. Man kann nicht hundert Jahre lang singen. Irgendwann muss man die Stimme zurückgeben.