Irak: Bagdader Höllenfahrt

Nichts hätte besser den Zustand des Irak illustrieren können als die Lynchparty, die Saddam Husseins Leben beendete. Dem Land drohen noch mehr Hass, noch mehr Chaos. Sechs Szenarien für einen Staat, dessen Zerfall unaufhaltsam erscheint.

Zu Lebzeiten wollte er einer der Großen auf der Weltbühne sein. Er war nicht nur ein blutrünstiger Tyrann – eine gehörige Prise Größenwahn war es schließlich, die ihn von Durchschnittsdespoten unterschied. So gesehen hat es, gerade wegen der Widerwärtigkeit der Lynchparty, die Saddam Husseins Leben beendete, fast etwas Kurioses an sich, dass seine letzten zwei Minuten und 36 Sekunden zum großen Schlager auf Internetportalen wie YouTube und Googlevideo wurden, millionenfach angeklickt, von Hunderttausenden weitergemailt oder auf Handys geladen.
Nie war das YouTube-Motto „Broadcast Yourself“ makabrer.

Vier und einen halben Stern, Ausweis höchster Sehenswürdigkeit, verlieh die interagierende Netzcommunity der verwackelten Videodatei, die offenbar von einem Offiziellen der irakischen Regierung aufgenommen worden war. „Ein 5-Sterne-Tod“, so der extratrockene Kommentar der britischen Tageszeitung „The Guardian“.

Kaum etwas hätte den Zustand des Irak rund dreieinhalb Jahre nach dem Sturz Saddams und dem Einmarsch der US-geführten Allianz besser illustrieren können als diese düsteren Bilder und das Geschrei im Henkerraum der Militärgeheimdienstkaserne im Bagdader Schiiten-Bezirk Kadhimiya. „Moqutada! Moqutada! Moqutada!“, kreischten die Anhänger des grimmigen nationalreligiösen Schiitenführers Moqutada al-Sadr, welche die Exekution offenbar an sich gerissen hatten. Und sie schrien: „Fahr zur Hölle!“ – „Meint ihr die Hölle, die der Irak ist?“, erwiderte Saddam Hussein. Keine schlechte Replik für einen, der die Schlinge schon um den Hals hatte.

Die Regierung von Nuri al-Maliki, dem Führer der kleinen schiitischen Dawa-Partei, die das Land eigentlich stabilisieren sollte, sie kann nicht einmal einen symbolisch derart entscheidenden Vorgang unter Kontrolle halten. Die Exekution des Despoten, den zu Amtszeiten die überwältigende Mehrheit der Iraker hasste, verwandelte sie zu einem konfessionellen Racheritual, einen Täter in ein Opfer. Dass die Hinrichtung im Morgengrauen des ersten Tages des sunnitischen Opferfestes stattfand – die Schiiten beginnen das Fest erst einen Tag später –, war nicht nur gesetzwidrig, sondern konnte nur als Beleidigung der Minderheit gelten, die unter Saddam den Kern des Staatsapparats stellte und nun zu einer neuen Unterklasse gemacht wurde.

Die Aussichten für den Irak nach Saddam sind so schwarz wie die zappendusteren Bilder aus dem Henkersraum. Wie kann es also weitergehen im Irak?

Szenario 1: Die USA bleiben im Land, und die Lage stabilisiert sich – irgendwie.

140.000 Soldaten haben die USA im Irak stationiert – schon diese Woche, so Prognosen, könnte George W. Bush das Kontingent noch einmal um 20.000 Mann erhöhen. Die interreligiöse Gewalt geht zurück, weil die Iraker der Unsicherheit müde sind, und die schwache al-Maliki-Regierung gewinnt an Statur. Kurden und Schiiten teilen das Land untereinander auf, einflussreiche sunnitische Politiker werden im Zeichen der „nationalen Versöhnung“ in die Regierung integriert. Nachteil: sehr unrealistisch, da auf schiitischer Seite die Tendenz eher in Richtung Radikalisierung geht und die Sunniten, unter Saddam die Oberschicht, den Absturz zur Unterklasse nicht schnell verwinden werden. Während auf schiitischer Seite die Rivalität der einzelnen Gruppen die Radikalisierung vorantreibt, gibt es auf sunnitischer Seite überhaupt keine erkennbaren Führungsstrukturen.

Szenario 2: Föderativer Irak mit schwacher Zentralregierung.

Die USA ziehen ihre Truppen nach und nach ab. Aber sie unterstützen den Aufbau der irakischen Sicherheitskräfte, indem US-Militärs in irakische Einheiten massiv „eingebettet“ werden. Damit wird die Tendenz gestoppt, dass das irakische Militär im ethnischen Konflikt selbst Partei wird. Gegenwärtig ist es massiv unter der Kontrolle schiitischer Milizen – und nimmt oft an ethnischen Säuberungen teil. Das geht so weit, dass die US-Soldaten die Entwaffnung sunnitischer Gruppen gestoppt haben – weil danach schiitische Milizen beziehungsweise die reguläre irakische Armee Massaker an den Wehrlosen veranstalteten. Jetzt werden eine Kalaschnikow pro Mann und zwei volle Magazine toleriert – um eine Art Gleichgewicht des Schreckens zu bewahren. Ruhe und Ordnung lassen sich auf solcher Grundlage freilich schwer durchsetzen. Voraussetzung für eine Beruhigung ist, dass die ethnische Säuberung des Irak so weit fortschreitet, dass Sunniten und Schiiten nur mehr in klar getrennten Siedlungsgebieten wohnen. In diesem Fall könnte sich der Irak „zu einem Land entwickeln, das Folgendes hat: eine Zentralregierung mit begrenzten Kompetenzen, Provinzregierungen mit großer Autonomie und eine Aufteilung der Öleinkünfte“, so Dennis Ross, der einstige Nahostbeauftragte von Präsident Bill Clinton. Auch an dieses Szenario glauben nur mehr eher optimistische Beobachter.

Szenario 3: Die USA ziehen ab. Der Irak zerfällt in zwei Teile.

Praktisch gibt es jetzt im Irak schon zwei Regionen, auf welche die Zentralregierung kaum noch irgendwelchen Einfluss hat: den kurdischen Landesteil im Norden und die schiitischen Gebiete im Süden. Die Kurdenregionen sind stabil, sie werden von den Clans der Barzanis und Talabanis, die sich schon in den neunziger Jahren zusammengerauft haben, in strengem Proporz regiert. Der Süden ist von den verschiedenen schiitischen Gruppen kontrolliert, Vertreter anderer Ethnien haben hier keinen Einfluss. Kurzum: Sunniten und Schiiten haben in der Kurdenregion wenig Einfluss, Kurden und Sunniten in der Schiitenregion ebenso wenig. Nur die Sunniten sind nicht Herr in ihren Siedlungsgebieten. Möglich, dass sich diese Situation stabilisiert. Dann würden die Sunniten in ihren Regionen nach und nach eingeschnürt. Das wäre eine simple Umkehrung der ehemaligen Machtverhältnisse. Doch auch dieses – ohnehin unschöne – Szenario würde sofort zu neuen Problemen führen. Die Kurden im Norden würden eigentlich vorziehen, in einem föderativen Irak zu verbleiben, weil ein unabhängiges Kurdistan mit Aggressionen der Türkei oder Syriens rechnen müsste. Im schiitischen Süden würden die Rivalitäten konkurrierender Gruppen an Radikalität gewinnen. Vor allem die mit dem Iran verbundenen Parteien Sciri (Hoher Rat für die Islamische Revolution im Irak) und Dawa sowie die Anhänger von Moqutada al-Sadrs Underdog-Milizen, der Mahdi-Armee, würden sich blutige Fehden liefern. Ein Zerfall des Landes würde also eher nicht zu stabilen Gebilden führen, sondern zu mehr Chaos – und hätte wohl auch noch eine Intervention der Nachbarstaaten zur Folge.

Szenario 4: Das Land zerfällt – aber nach einer Ära des Chaos gibt es Stabilität.

In den USA setzt sich die Einsicht durch, dass die teure und verlustreiche Präsenz im Irak nichts Positives mehr bewirkt. Die Soldaten werden abgezogen. Im Irak bilden sich auf darwinistische Weise neue Machtzentren heraus. Wie Mafiabanden eliminieren sich die Milizen und Fraktionen gegenseitig, bis nur mehr die stärksten übrig bleiben. Neben der stabilen Kurdenregion im Norden entsteht im Westen ein rigid-islamistisches sunnitisches Gebilde, das von Jordanien im Westen bis zum Oberlauf von Euphrat und Tigris, Mosul im Norden und den westlichen Vorstädten Bagdads reicht. Im schiitischen Süden teilen sich entweder die al-Sadr-Leute und die Sciri-Kämpfer die Macht – oder al-Sadr setzt sich vollends durch.

Szenario 5: Der Irak wird zum schwarzen Loch.

Der darwinistische „Staats“-Bildungsprozess findet nicht statt. Vom kurdischen Quasistaat abgesehen, zerspringt der Irak in mannigfaltige Fragmente. Stammesfürsten, Religionsführer und Warlords herrschen über ihre jeweiligen Sprengel. Der Irak wird langfristig und total zum „gescheiterten Staat“ – ähnlich wie Somalia oder Afghanistan.

Szenario 6: Der Irak wird zum schwarzen Loch – und destabilisiert die gesamte Region.

Der Irak zerfällt – mit Ausnahme der Kurdenregion – in ein kleineres Puzzle sunnitischer und ein größeres Puzzle schiitischer Herrschaftsgebiete und bringt den Iran und Saudi-Arabien in eine gefährliche Konfrontation. Der Iran erweitert seinen Einfluss im Südirak, ein schiitisches „Großreich“ mit Teheran als Machtzentrum grenzt unmittelbar an Saudi-Arabien. Für die sunnitische Ölmonarchie ist das eine Horrorvorstellung. Saudi-Arabien antwortet darauf mit Unterstützung der irakischen Sunniten. Schon jetzt droht Saudi-Arabien offen mit einer „massiven Intervention“, um „die iranisch unterstützten schiitischen Milizen an der Abschlachtung der Sunniten“ zu hindern – so der saudische Regierungsberater Nawaf Obaid unlängst in der US-Tageszeitung „Washington Post“. Syrien und Saudi-Arabien alimentieren die irakischen Sunniten massiv, um ein Gegengewicht zum iranischen Einflussgebiet zu etablieren.

Die Lage ist so verfahren, dass die USA kaum mehr etwas richtig machen können. Es ist unwahrscheinlich, dass die Situation sich verbessert, wenn Washington die Soldaten abzieht – eher das Gegenteil ist der Fall.

„Die amerikanische Besatzung hat die Institutionen des Saddam-Regimes hinweggefegt, ohne neue zu schaffen, die sie hätten ersetzen können“, schreibt der amerikanische Nahostspezialist Christian Caryl in der angesehenen US-Wochenzeitung „New York Review of Books“. Das Ergebnis ist revolutionäre Anarchie, eine Chaosspirale. So erwies sich die Hinrichtung Saddam Husseins, unabhängig von den moralischen Grundsatzfragen in Zusammenhang mit der Todesstrafe, als das falsche Symbol zur falschen Zeit, wie das US-Magazin „Newsweek“ vergangene Woche schrieb: „Die Herausforderung bestand nicht mehr darin, ihn zu eliminieren.“ Die Schlüsselfrage sei heute, ob der Mann, der den Irak mit brutaler Gewalt zusammengehalten hat, „ersetzt werden kann“.

Von Gregor Mayer und Robert Misik