Irak: „Bis zum letzten Blutstropfen“

US-Chefverwalter Paul Bremer provoziert die radikalen Schiiten. Seinen Truppen beschert er damit eine zweite Front. Das ganze Land wird zum Kriegsschauplatz.

Sadr-Stadt am vergangenen Dienstagnachmittag: US-Panzer haben vor der schiitischen Arme-Leute-Vorstadt von Bagdad Posten bezogen. Drinnen, etwa zwei Kilometer entfernt, sammeln sich die Anhänger des radikalen Predigers Muktada al-Sadr rund um den schlichten Bürokomplex der „Al-Sadr-Bewegung“. Auf den Dächern der quaderförmigen Bauten haben sich Heckenschützen von al-Sadrs „Mahdi-Armee“ postiert. Benannt ist diese Truppe nach Mahdi, dem zwölften Imam der Schiiten, der im zehnten Jahrhundert auf geheimnisvolle Weise verschwand und dereinst als „entrückter Imam“ zurückkehren soll, um die Welt zu retten.

Heute geht es noch nicht um die Welt, sondern nur um das Bürohaus. Vor dem Gebäude herrscht Endkampfstimmung. „Wir kämpfen bis zum letzten Blutstropfen“, schwören die Versammelten. Zwei US-Panzer nähern sich. Die Menge geht in Drohstellung. Unter die Unbewaffneten mischen sich Milizionäre der Mahdi-Armee mit ihren Kalaschnikows. Man erkennt sie gleich: Ihr Markenzeichen sind die schwarzen Hemden. Die Amerikaner rücken wieder ab. Eine Konfrontation hätte ein weiteres Blutbad nach sich gezogen.

Kämpfe und Tote gab es in Sadr-Stadt in den Nächten zuvor, Kämpfe und Tote gab es am Dienstag im ganzen Land. Der Irak ist aus den Fugen. Erstmals ist der Funke des antiamerikanischen Aufstands, der bisher von der sunnitischen Minderheit getragen wurde, auf Teile der schiitischen Mehrheit übergesprungen.

Straßenkampf. Begonnen hatte es am Sonntag. Anhänger al-Sadrs griffen in der Pilgerstadt Najaf Regierungsgebäude und die spanische Basis an. Über 20 Iraker und ein Soldat aus El Salvador blieben am Ende tot liegen. Am Abend kochten die Emotionen dann in Sadr-Stadt hoch – der 2-Millionen-Slum ist nach dem Vater al-Sadrs benannt, einem angesehenen Schiiten-Führer (siehe Interview). Die Mahdi-Armee besetzte drei Polizeiwachen im Handstreich, denn die von der Besatzungsmacht ausgebildeten Polizisten hatten zwar Verstärkung angefordert, sich dann aber kampflos zurückgezogen. US-Truppen marschierten ein. Eine Kolonne geriet in einen Hinterhalt der Mahdi-Armee. Die Milizionäre setzten Panzerfäuste und Scharfschützen ein, die aus Wohnhäusern feuerten. Die amerikanischen Soldaten schossen zurück. Sie fanden sich in ihrem schlimmsten Albtraum wieder – im Straßen- und Häuserkampf.

„Es war eine sehr kalkulierte Aktion“, meint US-General Martin Dempsey von der 1. Infanteriedivision. „Das ist wirklich ein Mob, ein Mob mit einer Menge Waffen.“ Am Ende zählten die Krankenhäuser 40 tote Iraker, darunter viele Zivilisten, die US-Armee verlor acht Soldaten.

Sadr-Stadt war jedoch nur der Auftakt. Überall im Land versuchten radikale Schiiten, Verwaltungsgebäude unter ihre Kontrolle zu bringen. In Nassiriya besetzten sie vor der Nase der italienischen Garnison die Euphrat-Brücke und dann die Innenstadt. Aus einem Teil von Kerbala vertrieben sie die Polen. In Amara kämpften sie gegen die Briten. Najaf wurde am Dienstag vollständig von den „Schwarzhemden“ kontrolliert. Die Milizionäre errichteten Checkpoints am Stadtrand, verschafften sich Zugang zur Imam-Ali-Moschee, einer der wichtigsten schiitischen Pilgerstätten, und patrouillierten in den Straßen.

Die reguläre irakische Polizei war nirgends zu sehen. Kein Wunder: Etliche Polizisten, die ihren gar nicht schlechten Sold in der Höhe von 130 US-Dollar von der Besatzungsmacht erhalten, sind übergelaufen. „Ich habe meinen Job aufgegeben“, sagt der Polizist Ali al-Hussein stolz, „um mich der Mahdi-Armee anzuschließen. Meine Loyalität gilt meinem religiösen Führer Muktada al-Sadr.“

In den vergangenen Monaten gab es im Irak immer wieder Anschläge, Hubschrauberabschüsse, Scharmützel. Doch noch nie seit Kriegsende wurden in weniger als vier Tagen drei Dutzend Besatzungssoldaten und fast 200 Iraker getötet. Diese Eskalation kommt nicht von ungefähr: Vieles deutet darauf hin, dass der US-Verwalter im Irak, Paul Bremer, mithalf, sie anzuheizen. Zunächst verbot er das Wochenblatt der Sadr-Bewegung, „Al Hawsa al-Natiq“, für 60 Tage. Begründung: Die Zeitung habe zur Gewalt aufgestachelt. Tatsächlich hatte sie polemische Kommentare („Bremer in Saddams Fußstapfen“) und absurde Gerüchte gedruckt – etwa, dass Terroranschläge vom US-Militär verübt würden.

Bremer erklärte den 30-jährigen Brandredner al-Sadr zum „Outlaw“, der „sich außerhalb der Gesetze gestellt“ habe. Wenige Stunden später gab sein Sprecher Dan Senor bekannt, dass gegen den Schiitenführer ein Haftbefehl vorliege – und zwar schon seit Monaten. Al-Sadr stehe im Verdacht, die Ermordung von Ajatollah Abdelmajid al-Khoei im vergangenen April organisiert zu haben. Al-Khoei, ein Spross aus dem „Hochadel“ des Schiitenklerus von Najaf, war eben aus England zurückgekehrt, wo er die „Khoei-Foundation“ geleitet hatte, eine wichtige Institution der Anti-Saddam-Bewegung im Exil. Den Amerikanern galt er als Hoffnungsträger eines gemäßigten, prowestlichen Schiatums. Ein Mob erschlug ihn am Eingang zur Imam-Ali-Moschee mit Äxten.

Zeitdruck. Senor vermochte nicht schlüssig zu erklären, warum al-Sadr trotz Haftbefehls monatelang unbehelligt blieb. Sein Chef Bremer steht allerdings unter immensem Leistungsdruck. Der erzloyale Republikaner und in Lateinamerika gehärtete Terrorbekämpfer richtet seine Entscheidungen auf die US-Präsidentenwahlen im November aus. Am 30. Juni soll die Macht im Irak an eine Übergangsregierung abgegeben werden. Damit würde die Besatzung enden. Für George W. Bush wäre das wichtig – nichts kann er im Wahlkampf weniger brauchen als tägliche Schreckensnachrichten von der Front. Die Zeit drängt, Bremer steht zu Diensten.

Der Preis dafür ist ein Zweifrontenkrieg. Denn seit vergangenem Wochenende sind die bisher ruhigen Gebiete mit schiitischer Bevölkerung ebenso Kampfschauplätze wie das „sunnitische Dreieck“ westlich und nördlich von Bagdad. Eben erst sind Marineinfanteristen frisch eingeflogen worden, um in den sunnitischen Unruheherden Fallujah und Ramadi durchzugreifen. Zwei Brigaden kesselten die beiden Städte zu Wochenbeginn ein. Stoßtrupps drangen vor, um sich gezielt die Aufstandsführer zu holen. Der Preis war enorm hoch: mindestens 60 tote Iraker. Der TV-Sender Al Jazeera zeigte Bilder von Kindern in blutigen Bandagen.

Im schiitischen Najaf herrscht derweil keine ungeteilte Freude über die Machtübernahme der „Schwarzhemden“. Al-Sadr steht nicht für eine demokratische Zukunft. Seine Milizionäre sorgen öfter mit Nachdruck dafür, dass sich die Frauen züchtig kleiden und verschleiern. Der eingesessene schiitische Klerus in Najaf, an dessen Spitze der weithin anerkannte Großajatollah Ali al-Sistani steht, verachtet al-Sadr insgeheim, weil er zu jung ist und auf der Rangleiter der Gelehrten gerade die Stufe eines Hoja erklommen hat – mindestens zehn Jahre emsigen Studiums von einem Ajatollah entfernt. Nun macht sich die Angst breit, dass die Schiitenfraktionen übereinander herfallen könnten.

Sistani umgarnte in einer Erklärung die al-Sadr-Anhänger, indem er die Besatzer verurteilte, mahnte sie aber zugleich, dass ihre Forderungen auch mit Verhandlungen durchsetzbar seien. Al-Sadr wiederum ließ in seinem Büro, nur zwei Gassen von der Klause Sistanis entfernt, eine Verlautbarung verlesen, wonach er das „befreite“ Najaf dem ehrwürdigen Großajatollah „als Geschenk“ zu Füßen legen möchte. Seine Anhänger sollten sich „mit allen Mitteln verteidigen“, nachdem die Amerikaner „ihre bösen Absichten gezeigt“ hätten.

Auch in Sadr-Stadt stellte man sich auf neue Schlachten ein. Kurz vor Sonnenuntergang am Dienstag trafen im Büro der Sadr-Bewegung überraschend Gäste ein: zwei Imame aus der erzsunnitischen „Heldenstadt“ Fallujah. „Wir sind Brüder im Glauben“, lautete ihre Botschaft, „unser Feind ist derselbe. Wir geben euch, was immer ihr benötigt.“