Irak: Offene Rechnungen

Die Ruhigstellung des zwangsbefreiten Zweistromlandes verschlingt immer mehr – amerikanisches – Geld. Selbstmordattentäter eröffnen unterdessen eine neue Front gegen die US-Besatzer.

Den Tag, an dem der 13-jährige Hassan entführt wurde, wird die Familie El Twil aus Bagdad wohl nie vergessen. Die Täter lockten den Teenager aus dem Haus und stießen ihn in ein Auto. Es war der 24. August dieses Jahres. Am nächsten Tag warf jemand eine Audio-Cassette über die Gartenmauer. Darauf war Hassans Stimme zu hören, beigefügt war ein Zettel mit der Lösegeldforderung und den Übergabemodalitäten. Die Summe: 50.000 Dollar.

Selbst für eine wohlhabende Bagdader Familie wie die El Twils ist das ein hoher Betrag. Vater Ajid el Twil begann, das Geld im Kreis der Geschwister und Cousins zusammenzukratzen.
Die von den US-Besatzern neu aufgebaute irakische Polizei war in dem Kriminalfall keine große Hilfe. „Die wollten erst 48 Stunden abwarten, um zu sehen, wie ernsthaft die Sache ist“, so der Vater.

Die Familie handelte schnell, zahlte und erhielt das geraubte Kind zurück. Bei der Übergabe wunderten sich die El Twils, dass die Gangster gar nicht wie Kriminelle aussahen. Sie waren korrekt gekleidet und machten einen intelligenten Eindruck. Der freigekommene Hassan erzählte von einem schick eingerichteten Haus, in dem er festgehalten worden war, und von chromblitzenden Geländeautos, in denen man ihn chauffiert hatte.

Die Entführer waren ganz offensichtlich Profis, die sich auf gewerbsmäßige Entführungen spezialisiert haben. Solche kriminelle Banden gibt es im Irak heute zuhauf. Ein halbes Jahr nach dem Einmarsch der Amerikaner und dem Sturz des Diktators Saddam Hussein herrscht im Land Chaos. Doch nur der spektakulärste Teil davon findet ein Echo in den internationalen Medien: die Serie der Anschläge auf US-Patrouillen, bei denen im Schnitt täglich ein amerikanischer Soldat getötet wird.

Und jetzt auch noch die Selbstmordanschläge.
Drei solcher Attacken innerhalb von acht Tagen ließen keinen Zweifel daran, dass die US-Besatzer an einer neuen, höchst unangenehmen Front angegriffen werden. Am Donnerstag vorvergangener Woche sprengte sich ein Attentäter mit seinem Auto vor einer Polizeiwache in der Bagdader Schiiten-Vorstadt Sadr-City in die Luft. Es gab zwölf Tote.

Am Sonntag vorvergangener Woche wiederholte sich ein ähnliches Szenario vor dem „Hotel Bagdad“ im Zentrum der irakischen Hauptstadt. Bilanz: acht Tote. In dem Hotel logieren Mitglieder des im Juli von den Amerikanern eingesetzten provisorischen irakischen Regierungsrates, amerikanische Unternehmen, die am Wiederaufbau mitnaschen, und – offiziell dementiert – Mitarbeiter des CIA. Erst kürzlich aufgestellte Betonsperrwände verhinderten beim „Bagdad“-Anschlag ein schlimmeres Blutbad.

Am Dienstag vergangener Woche schließlich versuchte es ein selbstmörderischer Autobomber vor der türkischen Botschaft. Außer ihm starb niemand, einige Botschaftsmitarbeiter wurden verletzt. Die Nachricht war auch hier klar: Protest gegen die Tatsache, dass das türkische Parlament eine Woche zuvor der Entsendung von bis zu 10.000 Soldaten zur Unterstützung der US-Streitmacht im Irak zugestimmt hat.

Ziviles Leben. Das sind die Schreckensmeldungen, die alle Welt – besonders natürlich die Amerikaner – erschauern lassen. Die Bürger des neuen Irak jedoch leiden noch mehr an der hohen Kriminalität, an Stromausfällen, am Mangel an Geräten und Medikamenten in den Krankenhäusern. Die vielen Soldaten aus Saddams Heer, die abrüsten mussten, haben zudem ihre Existenzgrundlage verloren und müssen sich stundenlang um geringfügige finanzielle Überbrückungshilfen anstellen.

Doch auch wenn Normalität für die Iraker noch ein Wunschtraum bleibt und sich die Besatzer zunehmend hinter improvisierten Betonmauern und Stacheldrahtsperren verschanzen – in Bagdad regt sich wieder ziviles Leben, zumindest tagsüber. Die Geschäfte quellen über vor Waren. Die meisten Kinder gehen seit Anfang Oktober wieder in die Schule. Die Stromproduktion ist spürbar angestiegen. Zählte man im Sommer die Stunden, in denen es Strom gab – es waren vier bis sechs am Tag –, so zählt man jetzt die, in denen es keinen gibt. Die Zahl der Toten mit Schussverletzungen, die pro Nacht in den Leichenschauhäusern eingeliefert werden, hat sich halbiert (macht aber immer noch ein Vielfaches der Zahl vor dem Krieg aus).

Mittwoch vergangener Woche brachte die Zentralbank neue Dinar-Banknoten in Umlauf. Damit verschwindet nicht nur Saddams Bild, das auf den alten Scheinen prangt, nach und nach aus dem Blickfeld. Das neue Geld ist auch handlicher und fälschungssicherer – und ein Signal an potenzielle Investoren, dass sich die irakische Wirtschaft bald erholt haben wird.

„Ich denke doch, dass sich die Situation in den vergangenen zwei Monaten etwas gebessert hat“, räumt selbst Ajid el Twil, Vater des entführten Hassan, ein. Der 35-jährige Musikalienhändler Ajad Mahmud teilt diese Einschätzung. Er hat vor zwei Wochen sein Geschäft in der Hauptstraße des Geschäftsviertels Karade wieder eröffnet. Marmorplatten zieren den Boden, die Wände erstrahlen in frischem Weiß, diskret angebrachte Beleuchtungskörper tauchen die feilgebotenen Gitarren, Geigen, Pianos und Verstärkeranlagen in ein ansprechendes Licht. Waren im Wert von mehreren tausend Euro glänzen auch abends im Schaufenster. Keine Angst vor Räubern? „Ich habe natürlich ein paar Leute, die nachts aufpassen“, sagt Mahmud, „und auf die Nachbarn kann ich mich auch verlassen.“ Um den Geschäftsgang macht er sich keine Sorgen. „Die Leute suchen Zerstreuung, und sie lieben die Musik. Und sie kaufen. Nicht nur Privatpersonen, auch Schulen zum Beispiel.“

Mag man den Amerikanern auch ihr schießwütiges Auftreten, ihre Gefühllosigkeit und Arroganz im Umgang mit Einheimischen vorwerfen, eines haben sie jedenfalls begriffen: Soll ihnen der befreite Irak nicht völlig entgleiten, dann müssen sie Geld ins Land pumpen. 87 Milliarden Dollar ließ sich US-Präsident George W. Bush im April vom amerikanischen Kongress bewilligen. Der Großteil der Summe entfiel naturgemäß auf die Kriegskosten, aber für die Schatulle des US-Verwalters Paul Bremer fiel auch etwas ab. Derzeit bemüht sich Bush beim Kongress um weitere 78 Milliarden Dollar, von denen 20 Milliarden für die zivile Infrastruktur vorgesehen sind.

Zahlmeister. Von vielen Irakern als ungebetene Besatzer gescholten, sind die Amerikaner die Zahlmeister im Land. Sie bezahlen die seit Kriegsende vervielfachten Gehälter der Lehrer, Ärzte und Beamten. Sie bezahlen die Neuausstattung der im Nachkriegschaos geplünderten Schulen und die neuen Lehrbücher, die von den Lobeshymnen auf Saddam Hussein gesäubert wurden. Sie bezahlen die Renten. Sie subventionieren – einem Usus der Saddam-Zeit folgend – den Benzinpreis, der deshalb lächerliche 2,5 Euro-Cent pro Liter beträgt. Bloß wird heute wegen der mangelnden Kapazitäten der sabotagegeplagten Raffinerien das irakische Öl mit Tanklastern in die Türkei gefahren und dort zu Benzin verarbeitet. Die Mehrkosten dafür bezahlen – richtig – die amerikanischen Steuerzahler.

Lukrativ bleibt das Irak-Abenteuer hingegen weiterhin für US-Unternehmen mit exklusivem Zugang zur Bush-Administration. Diese sahnen ohne ernsthafte Ausschreibungen lukrative Verträge für die Ausstattung und Versorgung des US-Militärs, aber auch für Sicherheitsdienste sowie fette Wiederaufbauprojekte ab. Der Baukonzern Bechtel etwa sicherte sich noch mitten im Kriegsgeschehen einen Rahmenvertrag im Umfang von 680 Millionen US-Dollar. Kellog, Brown & Root, eine Tochter von Halliburton, jenem Unternehmen, das früher von George Bushs Vizepräsidenten Dick Cheney geleitet worden war, erhielt den Zuschlag für die Wiederherstellung der Ölinfrastruktur. Seit dem Afghanistan-Krieg übernimmt das Unternehmen Versorgungsdienste für das US-Militär, ohne jegliches Zeit- und Wertlimit.

Auch die Weitergabe von Teilaufgaben an internationale und irakische Subunternehmer lässt sich nicht immer nachvollziehen. Ingenieure eines irakischen Bauunternehmens veranschlagten die Reparaturkosten für eine im Krieg beschädigte Tigris-Brücke mit 300.000 Dollar. Reparieren wird sie jedoch ein Bechtel-Subunternehmer – für 50 Millionen Dollar. „Es herrscht keine Transparenz“, klagt Mahmud Othman, der als unabhängiger Kurde im Regierungsrat sitzt. „Eine Menge amerikanischen Geldes wird verschwendet. Wir Iraker sind Opfer, und die amerikanischen Steuerzahler sind ebenfalls Opfer.“

Geldnot. Bis die am Boden liegende Erdölwirtschaft den Irak finanziell unabhängig machen kann, wird noch viel mehr Geld fließen müssen. Auf 55 Milliarden US-Dollar schätzt die Weltbank in einer jüngsten Analyse den Finanzbedarf des Irak in den Jahren 2004 bis 2007. Die Geberkonferenz, die an diesem Donnerstag und Freitag in Madrid stattfinden wird, könnte noch große Lücken offenbaren. Neben den 20 Milliarden Dollar aus Bushs jüngstem Irak-Paket offerierten bisher lediglich Japan 1,5 Milliarden und die EU magere 200 Millionen. Weitere Zuwendungen werden sehnlichst erhofft.

Die Kosten könnten sogar noch steigen, wenn sich neue Konflikte und Eskalationen auftun. Islamische Extremisten, aber auch den USA ablehnend bis feindlich gesinnte irakische Nachbarstaaten wie Iran und Syrien nutzen die wirren Verhältnisse, um den Besatzern das Leben schwer zu machen. Die Selbstmordanschläge der vergangenen Wochen tragen deutlich die Handschrift von Osama Bin Ladens Terrornetzwerk al-Qa’ida. Internet-Seiten dieser Organisation rufen seit dem Sommer alle „Gotteskämpfer“ dazu auf, die Auseinandersetzung mit dem „großen Satan“ USA nunmehr auf irakischem Boden zu suchen. Saddam-loyale Stämme im irakisch-syrischen Grenzgebiet dürften seitdem tausende al-Qa’ida-nahe Freischärler ins Land geschleust haben.

Wunschdenken. Auch unter den Schiiten, die rund 60 Prozent der Bevölkerung stellen und die unter Saddam unterdrückt waren, gärt es neuerdings. Der junge, radikale Prediger Muktada el Sadr, der die Unterstützung der konservativen Mullahs im Iran genießt, brach vergangene Woche Unruhen in der heiligen Stadt Kerbela vom Zaun. Sein Versuch, die Moscheen der schiitischen Heiligen Hussein und Abbas mitsamt den dort befindlichen Spendenkassen unter seine Kontrolle zu bringen, scheiterte zwar. Aber bei den Kämpfen zwischen El Sadrs Mob und ortsansässigen moderaten Schiiten gab es Tote und Verletzte.

Die Strategie der Terroristen, Widerständler und Radikalen zielt darauf ab, den Amerikanern die Besatzung so unerträglich zu machen, dass sie abziehen. Das ist freilich Wunschdenken.

Nach dem Blitzkrieg gegen Saddams Papierarmee stecken die USA im Irak fest. Ihre geostrategischen Interessen lassen einen Abzug vor Installierung einer ihnen halbwegs freundlich gesinnten Regierung nicht zu.

Viele Iraker schwanken ohnehin zwischen Verteufelung und Hinnahme der Besatzung, immer mehr plädieren für ein vorläufiges Bleiben der US-Boys. „Sie sind gekommen, jetzt müssen sie auch die Sicherheit herstellen“, fordert Kemal Charaji, Friseur in Karade, „gehen sollten sie erst, wenn wir eine neue Verfassung haben.“ Die soll nach US-Plänen ein vom Regierungsrat bestellter Verfassungskongress ausarbeiten, doch derzeit kann sich dieser nicht einmal über seine Zusammensetzung einigen. Charaji bringt das nicht aus der Fassung. „Wir haben 35 Jahre gewartet“, sagt er in Anspielung auf die Saddam-Diktatur, „wir haben Geduld.“