Irak-Reportage: Hoffnung auf Kredit

Nicht gewählt, aber heiß ersehnt: Die Iraker erwarten sich von ihrer neuen Regierung Wunder. Dass sie auch nur einen Bruchteil der Hoffnungen erfüllen kann, ist unwahrscheinlich.

Bagdad am Morgen. Der Tod kommt zum Frühstück. So wie letzten Mittwoch in der Palästinastraße: Ein Jugendlicher beugte sich über einen am Straßenland liegen gelassenen Bananenkarton und öffnete ihn. Eine Explosion zerriss ihn auf der Stelle. Die Splitter durchsiebten ein eben vorbeifahrendes Auto. Eine Mutter und ihr Baby waren auf der Stelle tot, ihr Mann, der den Wagen gefahren hatte, wurde blutüberströmt ins Krankenhaus gebracht. Möglich, dass die Sprengladung für eine US-Patrouille gedacht war.

Fast täglich explodiert irgendwo in Bagdad, Mossul oder Falludscha eine Autobombe oder ein Sprengsatz. Viele Opfer sind unschuldige Passanten. So raste vorvergangene Woche ein mit Sprengstoff beladener Geländewagen in die Warteschlange vor der Rekrutierungsstelle der irakischen Zivilmiliz in der Damaskusstraße. Der Selbstmordattentäter riss 40 Menschen in den Tod.

Die Polizeistationen, in denen die gerade rekrutierten neuen Sicherheitskräfte ihren Dienst versehen, sind bevorzugte Ziele terroristischer Gewalt. Innerhalb von wenigen Stunden kamen bei offenbar gut koordinierten Anschlägen in mehreren Städten über hundert Menschen ums Leben. Die Botschaft: Wer mittut bei der Stabilisierung der Lage – ohnedies ein schier hoffnungsloses Unterfangen –, der riskiert Leib und Leben.

Gestank, Unrat. Bagdad am Tag. Es ist heiß, der Verkehr steht. Man fährt uralte Autos: amerikanische Limousinen aus den sechziger Jahren oder nach dem Saddam-Sturz eingeführte klapprige Europäer und Japaner. Die Abgaswolken, die sie in die Luft blasen, stinken aber auch wegen des schlechten Benzins, das die altersschwachen Raffinerien ausstoßen. Der Geruch der leidenden Motoren vermengt sich mit dem stechenden Mief aus der maroden Kanalisation, in der die Abwässer eher versickern als aus ihr abrinnen. Der Blick fällt überall auf Bauschutt und verstreuten Unrat. Niemand ist dafür zuständig, sie wegzuschaffen, seit die Amerikaner vor 15 Monaten den Diktator Saddam Hussein von der Macht gejagt und im Dezember vorigen Jahres gefangen genommen haben. Unter Saddam, dem Tyrannen, dem Menschenschinder, dem selbstherrlichen und am Ende glücklosen Anzettler von Kriegen, hat es das nicht gegeben. Zumindest die Straßen waren damals sauber, sagt man in Bagdad.

Bagdad bei Nacht. Es ist der zweite Sommer, in dem sich die Bewohner der Stadt unruhig im Schlaf wälzen, denn die Stromabschaltungen bringen in den heißen Sommernächten die Ventilatoren und Klimaanlagen im 3-Stunden-Rhythmus zum Stillstand. Nicht einmal das haben sie in 15 Monaten zustande gebracht, schimpfen die Bagdader auf die Besatzer. General David Petraeus, bis Jahresanfang Kommandeur der US-Division in Mossul und einer der nachdenklicheren amerikanischen Militärs im Irak, nannte es das „Mann auf dem Mond“-Syndrom. „Die Iraker begreifen nicht“, pflegte er zu sagen, „dass wir es schafften, auf dem Mond zu landen, und zugleich nicht in der Lage sind, ihre Infrastruktur zu reparieren.“

Unsicherheit. Viele schließen sich nachts zu Hause ein, aus Angst vor Kriminellen und Lösegeld-Erpressern. Trotzdem gibt es in dieser Tristesse Ansätze eines Nachtlebens. Schon in den letzten Jahren der Saddam-Zeit lockten die Imbissstuben und Geschäfte in der Jadriyastraße mit ihren Gartenstühlen aus Plastik und Laubendächern das urbane Publikum an. Bei Hotdogs und Softdrinks vergessen hier junge Familien, Geschäftsleute und Beamte ihre Alltagsnöte.

„Ich gehe heute zum ersten Mal seit zwei Monaten wieder aus“, sagt der Fuhrunternehmer Abdulrahman Jalal unter Verweis auf die prekäre Sicherheitslage. Aber seine Partner und Geschäftsfreunde Hassan Ramadan Hassan aus dem südirakischen Nassiriya und Haider Yussuf aus dem nordirakischen Kirkuk sind bei ihm zu Besuch, und da ist nun mal ein Ausgehabend fällig. Die drei tauschen lange Geschichten über die unsicheren Landwege aus, Geschichten von verschwundenen Lastwagenladungen und mit MGs und Panzerfäusten bewaffneten Räuberbanden. Jalal fuhr noch bis vor einer Woche als Subunternehmer für die Amerikaner. Aber nachdem er anonyme Drohanrufe („Das wird deine letzte Fuhre sein!“) erhielt, kündigte er die Verträge mit ihnen.

Jalal weiß von drei Entführungsfällen allein in seiner Straße. Ein Arzt und zwei Kinder wurden verschleppt und gegen viele tausende Dollar Lösegeld wieder freigelassen. Auch in Nassiriya ist es nicht besser. „Ortsfremde sind in die Stadt geströmt“, berichtet Hassan. Es sind die militanten Anhänger des radikalen schiitischen Predigers Muqtada al Sadr. Wenn sie nicht gerade die öffentlichen Gebäude stürmen und sich mit den Besatzungstruppen herumschlagen, bestehlen sie die Ortsansässigen. In Kirkuk wiederum herrscht explosive Spannung zwischen Arabern, Turkmenen und Kurden, die sich in Bombenanschlägen und Schießereien entlädt. Jalal und Yussuf sind Turkmenen, Hassan ist Schiit. Jalal trägt die von Sunniten im Sommer gerne verwendete Dischdasche, ein weißes Gewand, das von den Schultern bis zu den Fersen reicht und wie ein Nachthemd aussieht. Hassan und Yussuf sind westlich gekleidet.

Alle drei hoffen inständig, dass sich ihr Schicksal an diesem Mittwoch, den 30. Juni, mit der Übergabe der Macht an die neue irakische Übergangsregierung zum Besseren wendet. Formal endet an diesem Tag die US-Besatzung. Die neue irakische Führung mit dem Präsidenten Ghazi al Yawar und dem Premier Iyad Allawi an der Spitze erhält die Vollmacht, das Land zu regieren, auch wenn ihr Spielraum durch die im Land verbleibende US-Streitmacht von 130.000 Mann deutlich eingeschränkt ist. „Wir freuen uns über die neue Regierung“, sagte Jalal. „Hauptsache ist, dass sie uns Sicherheit bringt.“ Hassan pflichtet ihm bei: „Yawar ist ein Sunnit, aber auch für die Schiiten völlig akzeptabel. Die meisten Minister sind Technokraten, Leute, die eine Ahnung haben.“ Allawi, dem man seine früheren Verbindungen zur CIA nachzusehen scheint, ist wiederum ein moderater Schiit, der aber gut mit den Sunniten kann. „Wir hoffen, dass es eine neutrale Regierung sein wird, die Stabilität bringt“, wirft der Kirkuker Yussuf ein. „Dass sie dem Volk dient, denn das Volk ist müde. Es hat zu viel durchgemacht. Drei Kriege, die Sanktionen und jetzt die Besatzung – unser vierter Krieg.“ Auch Yussuf ist müde, sein Haar ist trotz seiner 45 Jahre ergraut, sein Gesicht faltig. Er war acht Jahre lang Frontsoldat im schrecklichen Krieg gegen den Iran, wo in erbitterten Schlachten auf beiden Seiten hunderttausende verheizt wurden.

Vertrauensbonus. Dass Allawis Regierung in weiten Teilen der Bevölkerung einen Vorschussbonus genießt, belegt auch eine von der Besatzungsverwaltung in Auftrag gegebene Meinungsumfrage. 63 Prozent glauben demnach, dass es unter ihr besser wird, 15 Prozent das Gegenteil. 78 Prozent haben kein Vertrauen in die Besatzungsverwaltung, 81 Prozent keines in das US-Militär. 55 Prozent meinen, dass sich die US-Truppen sofort aus dem Land zurückziehen sollten – im Jänner lag dieser Anteil bei nur 28 Prozent.

Die neue Regierung wird es nicht leicht haben. Der al-Qa’ida-nahe Top-Terrorist Abu Mussab al Zarqawi und sein im Irak florierendes Netzwerk Al Tawhid wa al Jihad setzen alles daran, um das Zweistromland zu destabilisieren. Auf ihr Konto gehen nicht nur die blutigen Anschläge auf die Rekrutierungsbüros, sondern auch Politiker- und Beamtenmorde sowie die jüngste Geiselnahme und Enthauptung eines Südkoreaners. Alle Ausländer im Dienste der Besatzungsmacht sollen aus dem Land vergrault werden. Dies nagt wiederum an der wirtschaftlichen Lebensfähigkeit des Landes, so wie die permanenten Sabotageanschläge auf die Ölpipelines. Anfang des Monats kamen die Ölexporte für eine ganze Woche völlig zum Erliegen, wodurch Ausfälle in Höhe von 500 Millionen Dollar entstanden.

„Diese Regierung kann den Mangel an Legitimität durch Wahlen mit Legitimität durch Errungenschaften beseitigen“, meinte Mohammed Abdel Jabbar von der Tageszeitung „Al-Sabah“. „Öffentliche Unterstützung wird ihr aber nur dann zuwachsen, wenn einige Grundbedürfnisse erfüllt sind: Sicherheit, Nahrung, Arbeitsplätze und Wahlen.“

Klar ist auch noch nicht, wie diese Regierung auf den Stress der Belastungen reagieren wird, denen sie ausgesetzt ist. „Wir werden ihnen die Hände abhacken und die Kehle durchschneiden, wenn es nötig ist“, drohte Verteidigungsminister Hazem al Shaalan den Planern des Anschlags auf das Rekrutierungsbüro. Allawi stellte am vorletzten Wochenende die Verhängung des Ausnahmezustands in einzelnen „Problemregionen“ in Aussicht, ohne aber auf irgendwelche Details einzugehen. Viele fragen sich, wo die Regierung die Kapazitäten hernehmen will, um solche drastischen Pläne umzusetzen.

Immerhin sind aber neuerdings im schrecklichen Bagdader Verkehrsgetriebe überall Polizisten zu sehen. „Bis jetzt hatte die Hälfte Bürodienst geschoben, jetzt müssen 80 Prozent von uns raus“, maulte einer von ihnen. Erstmals seit 15 Monaten werden Verkehrssünder wieder mit Strafzetteln bedacht. Bei milderen Vergehen gibt es eine Verwarnung und einen Handzettel mit einer Erklärung der wichtigsten Verkehrszeichen. Den Bagdadern gefällt das. Endlich ein Anflug von Ordnung, der dem Chaos abgetrotzt wurde. Wie dauerhaft – das steht noch in den Sternen.

Oberstleutnant Hateb Kassem hegt keine Illusionen. Er residiert in einem kahlen Büro im einst glorreichen Polizeisportverein. Viele der Fußballer aus der Nationalelf, die sich zum Entzücken der Iraker für die Olympischen Spiele in Athen qualifiziert hat, kommen von hier. Wie alle öffentlichen Gebäude wurde auch der Klub nach dem US-Einmarsch geplündert. Die Amerikaner wollen für die Neuausstattung kein Geld hergeben, weil sie – anders als die Briten, die ihn 1923 gründeten – nichts davon halten, dass Polizei und Sport miteinander verbunden sind.

Wie viel Zeit? Die Polizei sei überfordert, erklärt Kassem. Unter Saddam spielte sie nur eine untergeordnete Rolle. Für die Sicherheit waren die brutalen Unterdrückungsapparate des Geheimdienstes Mukhabarat und der verschiedenen Spezial- und Leibgarden zuständig. Der neuen Polizei mangelt es an Ausbildung, Ausrüstung, Mitteln zur Eindämmung von öffentlichen Unruhen wie Tränengas. Allawis Regierung, glaubt aber auch Kassem, wird einen gewissen Schwung bringen. „Doch das wird nicht lange anhalten, drei Monate etwa, und dann fällt das in sich zusammen.“ Dann werde sich der Kampf um die politische Macht zuspitzen, die bestehenden politischen Kräfte werden sich auf ihre bewaffneten Milizen besinnen und übereinander herfallen.

Auch die Fuhrunternehmer auf ihrer Abendtour in Jadriya befürchten Bruderkriege. Die Angst gebiert absurde Scherze. „Angenommen, Saddam würde freikommen und es gäbe Wahlen: Er würde glatt gewinnen“, behauptet Abdulrahman Jalal. „Er war grausam, aber er kannte die Psyche der Iraker.“ – „Blödsinn“, widerspricht ihm Yussuf. „Wenn Saddam an die Macht zurückkehrt, wird kein einziger Mensch im Land bleiben.“