Irak: Tod eines Phantoms

Mit der Ausschaltung des al-Qa’ida-Führers Abu Mussab al-Sarkawi ist den USA ein bedeutender Schlag gegen den Terrorismus im Nahen Osten gelungen. Dass nun Ruhe auf dem Kriegsschauplatz Irak einkehrt, ist jedoch unwahrscheinlich.

Am Ende hatte der zuletzt wohl meistgefürchtete Terrorist der Welt ein paar Fehler zu viel gemacht. Enge Partner aus dem sunnitischen Widerstand gegen die US-Besatzung hatte Abu Mussab al-Sarkawi mit seinen blutigen Anschlägen auf Zivilisten gegen sich aufgebracht. Längst nicht mehr konnte sich Sarkawi im sunnitischen Widerstandsdreieck des Zentralirak bewegen wie der Fisch im Wasser. Stammesführer hatten ihm öffentlich die Unterstützung entzogen. Deshalb wollte der aus Jordanien stammende „Prinz von al-Qa’ida im Irak“ – als solcher adelte ihn seinerzeit Osama Bin Laden – mit einer PR-Offensive Terrain zurückgewinnen.

Zu diesem Zweck stellte er Videos ins Internet, in denen er sich als mutiger Guerillaführer präsentierte. Schlüsselpassage des Werbedrehs: Sarkawi ballert auf freiem Feld mit einer Maschinenpistole in die Luft. Im Hintergrund: Wüstenlandschaft, durchsetzt mit Grasbüscheln, ein paar Fixpunkte am Horizont.

Ein Anfängerfehler, den die al-Qa’ida-Führer Osama Bin Laden oder Aywan Zawahiri beispielsweise nicht machen würden – sie präsentieren sich nur vor neutralem, nicht identifizierbarem Hintergrund. Mit den Bildern lieferte Sarkawi selbst genügend Hinweise auf seinen ungefähren Aufenthaltsort.

Die Jagd auf Sarkawi. Seit Wochen bereits hatten die US-Special-Forces Sarkawis geistlichen Partner, Scheich Abd al-Rahman, im Visier gehabt; sie verfolgten ihn praktisch auf Schritt und Tritt. Schließlich gelang es den irakischen Sicherheitskräften angeblich auch, einen Spitzel in Sarkawis Umfeld zu platzieren. So wussten die US-Agenten am Ende ziemlich sicher: In dem kleinen verlassenen Haus in der Nähe des Dorfes Hibihib, 60 Kilometer nördlich von Bagdad, umgeben von einem malerischen Dattelpalmenwäldchen, zu dem al-Rahman Mittwochnachmittag vergangener Woche eilte, würde sich auch Terrorprinz Sarkawi aufhalten.

Um 18.16 Uhr Ortszeit erschütterten kurz hintereinander zwei Explosionen die Kleinstadt. US-Kampfpiloten hatten aus ihren F-16-Jets zwei 250-Kilo-Bomben auf den Schlupfwinkel der Terrorführung abgeworfen. Sarkawi sollte keine Chance haben.

Vier Stunden später – knapp nach 16 Uhr in Washington – erhielt Stephen Hadley, George W. Bushs Sicherheitsberater, einen Anruf von US-Botschafter Zalmay Khalilzad. „Wir glauben, wir haben Sarkawi“, berichtete dieser. Als Hadley die Botschaft dem Präsidenten überbrachte, meinte Bush knapp: „Wenn das stimmt, ist das ein guter Tag.“

Zwei weitere Stunden später, um 0.35 Uhr irakischer Zeit, waren alle Unsicherheiten ausgeräumt. Der al-Qa’ida-Führer hatte leicht identifiziert werden können: Seine Narben von Verwundungen, seine auffälligen Tattoos und der Vergleich von Fingerabdrücken brachten „endgültige Gewissheit“, so der Befehlshaber der US-Truppen im Irak, General George Casey.

Der Mann, der eine Blutspur durch den Irak und den Nahen Osten zog, hat ein blutiges Ende gefunden: Fin de partie für eine Terror-Ikone. Sarkawi war nicht irgendein Terrorist, er war eine sagenumwobene Figur. Wann immer Blut floss im Irak, wurde die Gewalttat fast routinemäßig Sarkawi zugeschrieben. Wenn sich ein Selbstmordattentäter vor einem schiitischen Heiligtum in die Luft sprengte oder eine Bombenfalle US-Truppentransporter hochgehen ließ, wenn in Madrid hunderte Pendler in Vorortzügen ums Leben kamen – immer wurde Sarkawi als Drahtzieher vermutet. Beweise konnten nicht immer nachgereicht werden.

Der Mythos Sarkawi wuchs ins Überlebensgroße auch angesichts des Umstands, dass es lange nur ein paar graustichige Fotos von ihm gab. Sarkawi mit Kufiya, dem arabischen Kopftuch, Sarkawi mit schicker schwarzer Wollmütze. Wenn er sich auf Bekennervideos zeigte, dann lange Zeit nur vermummt, wie auf jenen Bildsequenzen, die vor zwei Jahren jenen grauenhaften Ruhm begründeten, der Sarkawi umgab: Im Frühjahr 2004 soll Sarkawi eigenhändig den entführten Amerikaner Nicholas Berg vor laufender Kamera enthauptet haben. Manche Terrorakte seiner Gruppe Tawhid al Jihad (später umbenannt in „al-Qa’ida im Zweistromland“) wurden wohl nur begangen, damit die Bilder verbreitet werden konnten. Sarkawi war ein Spezialist des Bilderkriegs, der erste echte Meister der Internet-Guerilla.

Verbrecherkarriere. Auch wenn Sarkawis Bedeutung wohl überbewertet wurde, so bleibt doch unbestreitbar, dass die meisten der blutigsten und brutalsten Terrorakte im Irak auf das Konto seiner Gruppe gingen und gehen: der Anschlag auf das UN-Hauptquartier in Bagdad im August 2003, dem auch der UN-Sondergesandte Sergio Vieira de Mello zum Opfer fiel; Selbstmordattentate auf heilige Stätten von Schiiten in Bagdad und Kerbala im Frühjahr 2004; die Enthauptungen von Berg und dem Koreaner Kim Sun Il; Anschläge auf drei internationale Hotels im jordanischen Amman im vergangenen Herbst; wohl auch die Zerstörung der goldenen Moschee, eines der wichtigsten schiitischen Heiligtümer in Samarra, in diesem Frühjahr. Einen Religionskrieg im Irak zu entfachen, damit das Land für die neuen Herren unregierbar würde, war Sarkawis erklärtes Ziel.

Er war, anders als Osama Bin Laden oder dessen Stellvertreter Zawahiri, weder eine religiöse noch eine intellektuelle Autorität. Sarkawi schaffte sich seine Gefolgschaft durch Brutalität. Er repräsentierte gewissermaßen das Gegenmodell zu den beiden al-Qa’ida-Anführern – weniger ein Mann des Wortes als einer der Un-Tat. Kein Kind aus feinem Haus wie Bin Laden, kein Doktor wie Zawahiri, sondern ein Schulabbrecher aus dem Armutsnest Sarka in Jordanien.

Geboren als Ahmed Fadhil al-Khalalyah, war er ein Taugenichts, ein Straßenjunge, der als Jugendlicher mit seiner Gang Saufgelage feierte, sich bei Schlägereien einen Namen machte und sich seine erste Gefängnisstrafe in den achtziger Jahren wegen Drogengeschichten und einer Vergewaltigung einhandelte. Im Gefängnis kam er mit dem radikalen Islam in Kontakt. Mit 23 ging er nach Afghanistan, doch auch dort fand er keine Aufgabe: Bei seiner Ankunft war der „heilige Krieg“ gegen die Sowjets gerade zu Ende. Zurück in Jordanien, kam er wieder ins Gefängnis, wo er sich zum Führertypen wandelte. Er wurde nicht inhaftiert, weil er ein radikaler Islamist war, er wurde zum radikalen Islamisten, „während er inhaftiert war und weil er es war“, schreibt Loretta Napoleoni in einem großen Sarkawi-Porträt in der Zeitschrift „Lettre International“. Er war eher der Führer von der mafiösen Art: der „Chef“ im Block, Ansprechpartner für die Wärter, Autorität für die Mitgefangenen.

Nach seiner Entlassung ging er wieder nach Afghanistan. Dort wurde er von Osama Bin Laden schon erwartet. Aber Sarkawi war ein Gang-Leader, der auf eigene Rechnung arbeitete. Er unterstellte sich nicht dem al-Qa’ida-Chef. Er gründete sein eigenes Trainingslager in Herat, weit weg von den Kreisen Bin Ladens. Nach dem US-Angriff auf Afghanistan im Jahr 2001 fand er Unterschlupf im Iran, später im Nordirak.

„Abschlachtungen“. Nur Weniges, was man über Sarkawi zu wissen glaubt, ist gesichert: Für die US-Regierung war Sarkawis Anwesenheit im Iran ein Beweis dafür, dass die Führung in Teheran Terroristen unterstützte, später diente er ihr als Beleg für die These, dass Saddam Hussein mit der al-Qa’ida zusammenarbeitete. In Teheran soll ihm sogar ein verletztes Bein amputiert worden sein. Angesichts all dieser Mysterien ging bald ein Witz durch die Terrorexperten-Community: Sicher sei nur, „dass Sarkawi nicht mehr als drei und nicht weniger als null Beine hat“. Die vielen Desinformationen trugen dazu bei, dass Sarkawi mehr und mehr zum Phantom wurde. Schrittweise löste er Bin Laden als Weltfeind Nummer eins ab. Die USA setzten ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar auf seine Ergreifung aus – genauso viel wie auf Bin Laden.

Vor zwei Jahren unterstellte Sarkawi sich in einem blumigen Brief dem Befehl des saudischen al-Qa’ida-Führers und schwor ihm Treue. Im Gegenzug stieg Sarkawi zum Repräsentanten von al-Qa’ida im Irak auf. Organisatorisch hatte beides wohl nicht viel zu bedeuten, symbolisch hingegen umso mehr: Zwei Mythen profitierten voneinander – Sarkawi nutzte den Nimbus von der unbezwingbaren Hydra al-Qa’ida, und al-Qa’ida konnte sich rühmen, auf dem Schlachtfeld Irak durch den brutalsten Widerstandsführer repräsentiert zu werden. Strategische Differenzen wurden durch die Kooperation allerdings nicht ausgeräumt. Von Sarkawis Kampf gegen die Schiiten hielten Bin Laden und seine Leute wenig, und auch die brutalen Enthauptungen fanden sie abstoßend. „Viele deiner moslemischen Bewunderer unter den einfachen Leuten sind über deine Angriffe auf die Schiiten erstaunt“, schrieb Bin Ladens Chefideologe Zawahiri vor einigen Monaten an Sarkawi. Auch „die Geisel-Abschlachtungen“ kritisierte der al-Qa’ida-Stratege.

Wie stark Sarkawis Gruppe am Ende tatsächlich war, ist schwer zu sagen. Sarkawi war eine Ikone für radikale Dschihadisten aus aller Welt, und sie strömten in den Irak, um an seiner Seite zu kämpfen. Ein paar tausend Mann, so Schätzungen, soll seine Gruppe umfasst haben – verteilt auf lokale Zellen, die voneinander oft nichts wussten. An Freiwilligen für Selbstmordattentate fehlte es nicht. Beim Kampf um Falludscha Ende 2004 soll Sarkawis Armee von ausländischen Dschihad-Kriegern durchaus auch ein militärischer Faktor gewesen sein. Bei den irakischen radikalen Sunniten waren die Dschihad-Legionäre nie beliebt, aber als nützliche Kämpfer anerkannt. Zuletzt dürfte sich dies geändert haben, worauf Sarkawi fast schon verzweifelt reagierte. Er ernannte irakische Mitstreiter zu Kommandanten, ein gewisser Abu Maysara al-Iraki („Abu Maysara der Iraker“) avancierte zum Sprecher seiner Gruppe.

US-Militärstrategen rechnen jedenfalls nicht damit, dass die Sarkawi-Gruppe mit dem Tod ihres Anführers ausgelöscht ist – und schon gar nicht damit, dass nun Ruhe einkehrt. Das Ende Sarkawis ist ein „taktischer Sieg“, meint der britische Dschihadisten-Experte Jason Burke. Ein Sieg, der die Sarkawi-Gruppe schwäche und die Moral der irakischen Regierungsseite stärke: „Aber der Aufstand wird deswegen nicht zu Ende gehen.“

Sehr elegant warnte die „New York Times“ am Freitag vergangener Woche vor jedem Optimismus: „Die Erfahrung lehrt, dass es besser ist, die Bedeutung der raren guten Nachrichten aus dem Irak eher zu unterschätzen als zu überschätzen.“

Von Robert Misik
Mitarbeit: Gregor Mayer