„Irak ist mit Vietnam nicht zu vergleichen“

Interview: Ex-Außenminister Henry Kissinger über das US-Engagement im Irak, die Chancen auf einen Nahost-Frieden und einen möglichen EU-Beitritt der Türkei.

profil: Herr Professor Kissinger, kennen Sie diesen Brief?
Kissinger (liest): Nein, ich kann mich nicht an ihn erinnern, wie ich an der Kopie sehe, stammt er aus dem Jahr 1967.
profil: Geschrieben hat ihn Bruno Kreisky, der Ihnen seinen jungen Mitarbeiter Heinz Fischer für ein Semester in Harvard empfahl und meinte, er werde im politischen Leben Österreichs noch eine wichtige Rolle spielen. Fischer war damals 28.
Kissinger: Ich war damals in Harvard Leiter des politischen Seminars. Und Kreisky hat mit seiner Prognose ja wirklich Recht behalten.
profil: Im Irak gab es in den vergangenen Wochen die schlimmsten Anschläge seit Beginn der Invasion. Das steht stark im Widerspruch zu den Ankündigungen der US-Regierung, für Ruhe und Stabilität zu sorgen. Hat Präsident Bush zu viel versprochen?
Kissinger: Zuerst muss man festhalten, dass es keine große Leistung ist, mit solchen Terroranschlägen in großen Städten Zivilisten zu töten. Und es ist auch von der Logistik her gar nicht besonders schwierig, wenn man brutal genug ist. Zu Beginn des Kriegs wurde wahrscheinlich die Intensität eines möglichen Aufstands unterschätzt. Die Frage ist aber: Was soll man heute angesichts der Lage im Irak tun?
profil: Können militärische Mittel die versprochene Stabilität garantieren?
Kissinger: Zusätzliche militärische Maßnahmen würden wahrscheinlich nichts bringen. Ich halte viel von dem, was jetzt versucht wird: ein Referendum über die Verfassung und die Wahl des Parlaments. Dann muss man sehen, ob zwischen den verschiedenen Parteien eine Übereinkunft erzielt werden kann. Es ist einfach, das Vorgehen der Regierung im Irak herunterzumachen – aber dann sollten die, die das tun, auch Alternativen anbieten.
profil: Der frühere Außenminister Colin Powell hat seine eigenen Aussagen im UN-Sicherheitsrat über die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak bedauert. Mit dem Wissen von heute: War es richtig, die Irak-Invasion zu beginnen?
Kissinger: Man kann das nur nach dem Kenntnisstand beurteilen, den die Regierung damals hatte, und nicht nach dem heutigen. Es herrschte damals die feste Überzeugung, dass es diese Massenvernichtungswaffen im Irak gibt. Das war keine Erfindung von Präsident Bush. Schon Präsident Clinton hat 1998, als die USA den Irak bombardierten, davon gesprochen, dass es dort Massenvernichtungswaffen gebe.
profil: Laut einer vergangene Woche von der „New York Times“ veröffentlichten Umfrage sind 63 Prozent der US-Bürger über den Krieg im Irak zunehmend beunruhigt. Verliert die Bush-Administration die Unterstützung der Öffentlichkeit?
Kissinger: Das ist möglich. Aber man muss sich fragen, was geschieht, wenn sich der radikale Islamismus im Irak durchsetzt? Was hieße das für jene Länder Europas, in denen es Moslems gibt, was hieße es für die gemäßigten arabischen Länder oder für Indien? Es wäre ein Impetus für die Radikalen überall auf der Welt. Man sollte also nicht ständig die gegenwärtige Situation beklagen, weil es ein gemeinsames Interesse gibt, eine vernünftige Lösung zu finden.
profil: Viele vergleichen die Lage im Irak mit der Lage in Vietnam zu Beginn der siebziger Jahre, als Sie Außenminister waren. Ist der Vergleich Ihrer Meinung nach zulässig?
Kissinger: Vietnam ist so etwas wie das schwarze Loch der amerikanischen Geschichte. Alle, die darüber geschrieben haben, waren auf der Seite der Kriegsgegner. Vergleichbar ist nur eines: Präsident Richard Nixon hat den Krieg damals sozusagen geerbt. Als er sein Amt antrat, standen 550.000 US-Soldaten in Vietnam, und viele von denen, die sie entsandt hatten, wechselten plötzlich zur Friedensbewegung über. Aber das ist schon die einzige Gemeinsamkeit, sonst gibt es gewaltige Unterschiede. Irak ist mit Vietnam nicht zu vergleichen. Nach 1968 war der Krieg in Vietnam kein Guerilla-Krieg mehr, es gab keine Aufstände in den Städten, es gab keine Anschläge. Man konnte in Saigon mit dem Gefühl absoluter Sicherheit herumspazieren. Es gab dafür mehr oder weniger reguläre Frontabschnitte mit organisierten militärischen Einheiten. Der Vietnam-Krieg glich damit militärisch eher dem Zweiten Weltkrieg als der gegenwärtigen Auseinandersetzung im Irak. Vergleichbar war nur die frühe Phase in Vietnam. Außerdem gab es vietnamesische politische Kräfte, mit denen man verhandeln konnte, es gab in Nordvietnam eine klar definierte politische Führung. Die irakischen Aufständischen kontrollieren keine Gebiete, es gibt keine politischen Führer, die auch nur vortäuschen, verhandeln zu können. Vergleichbar sind nur die Gruppen in den Vereinigten Staaten, die gegen die Kriege waren und sind.
profil: Viele erinnern sich an Henry Kissinger, den Shuttle-Diplomaten im Nahen Osten. Welche Perspektiven eröffnet Ihrer Meinung nach der israelische Abzug aus Gaza?
Kissinger: Ich bin optimistisch, jetzt existieren objektiv günstige Bedingungen für eine Einigung. Beide Seiten wissen ja, wie das Ergebnis aussehen soll, aber sie wissen nicht, wie sie dorthin kommen. Wenn Europa und die USA kooperieren und die gemäßigten arabischen Länder einbeziehen, dann könnte etwas herauskommen.
profil: Sollten die USA und Europa nicht stärker darauf drängen, dass Israel keine neuen Siedlungen auf der Westbank errichtet?
Kissinger: Die Vereinigten Staaten haben das Israel ziemlich deutlich gesagt. Es ist ganz klar, dass jede Einigung die Reduktion israelischer Siedlungen voraussetzt und nicht die Schaffung neuer.
profil: Wie sehen Sie die europäische Zukunft? Wird es in 20 Jahren die Vereinigten Staaten von Europa geben oder eher eine Union verschiedener europäischer Staaten?
Kissinger: Das ist noch nicht ganz klar abzusehen. Derzeit gibt es eine Pause in der Debatte wegen der deutschen Wahlen und der Regierungsbildung, dann wird es eine Phase der Unsicherheit wegen der französischen Wahlen geben. Ich glaube also, dass in den nächsten zwei Jahren nicht sehr viel weitergehen wird, weil es ja der Zusammenarbeit zumindest dieser beiden großen Staaten bedarf, um die Sache wieder in Schwung zu bringen.
profil: Wegen des Irak-Kriegs gab es einen tiefen Riss zwischen Deutschland und Frankreich auf der einen und den USA auf der anderen Seite. Ist dieser Konflikt ausgeräumt?
Kissinger: Nein, aber beide Seiten stimmen darin überein, die Frage nicht mehr hochzukochen. Darum ist der Ton auch wieder freundlicher geworden.
profil: Sollte die Türkei in die Europäische Union aufgenommen werden?
Kissinger: Aus geopolitischer Sicht ist ein Beitritt der Türkei zur EU sicher wünschenswert …
profil: … das heißt: aus amerikanischer Sicht.
Kissinger: Der Durchschnittsamerikaner hat dazu wohl nicht wirklich eine Meinung, aber die Führungen der beiden großen Parteien sehen das so. Auf jeden Fall muss verhindert werden, dass sich die Verhandlungen über viele Jahre hinziehen und sich in dieser Zeit die Lage in der Türkei radikalisiert. Man sollte innerhalb der Europäischen Union also in einem vernünftigen Zeitraum zu einer Entscheidung kommen.

Interview: Herbert Lackner,
Christian Rainer

Henry Kissinger, 82
Der spätere Professor, Politiker und Stardiplomat wurde 1923 im mittelfränkischen Fürth geboren und emigrierte 1938 in die USA. Kissinger studierte an der Harvard University, wo er ab 1954 Internationale Politik lehrte. 1969 wurde er Sicherheitsberater von Präsident Richard Nixon, von 1973 bis 1977 diente er als Außenminister unter den Präsidenten Nixon und Gerald Ford. 1973 bekam Henry Kissinger den Friedensnobelpreis. Heute lebt er in New York. Als Vortragender reist er nach wie vor um den Globus.