Iran: Der Mörder und der Präsident

Ist der iranische Präsident Mahmud Ahmadinejad jener Mann, der 1989 bei den Wiener Kurdenmorden Schmiere stand? Im Gestrüpp aus Gerüchten hat sich die Wahrheit gut versteckt.

Wien, Linke Bahngasse 5, 13. Juli 1989: Ein angeschossener Geheimagent wird von zwei Männern zwischen geparkte Autos gezerrt. Er blutet aus mehreren Wunden. Ein Motorradfahrer hält daneben. Alle vier gehören sie zu einem iranischen Terrorkommando, das wenige Minuten zuvor, in einer Zweizimmerwohnung im dritten Stock des Zinshauses, ein Blutbad angerichtet hat und jetzt auf der Flucht ist. Nach kurzem Wortwechsel gibt der Motorradfahrer Gas und fährt, einen Täter auf dem Sozius, mit hoher Geschwindigkeit davon.

Teheran, 26. Juni 2005: Ein Mann nimmt vor der internationalen Presse auf einem Podium Platz. „Die Zeit des Wahlkampfs ist vorbei“, sagt er. „Jetzt beginnt die Zeit der Freundschaft. Wir sind eine große Nation, eine große Familie.“ Der Mann heißt Mahmud Ahmadinejad. Er ist tags zuvor zum neuen Präsidenten der Islamischen Republik Iran gewählt worden.

Zwischen den zwei Szenen liegen 16 Jahre, mehr als 3000 Kilometer Entfernung und eine schwer wiegende Behauptung. Ahmadinejad, sagt ein vor Kurzem aus dem Iran geflüchteter Informant, sei im Jahr 1989 der Mann auf dem Motorrad gewesen – als Mitglied des Killerteams dafür abgestellt, die Tatwaffen zu beschaffen und zu entsorgen; den Rückzug der Attentäter zu decken und mit einer Maschinenpistole einzugreifen, falls die Opfer – die kurdischen Politiker Abdelrahman Ghassemlou und Abdullah Ghaderi sowie der Vermittler Fadil Rasoul – den Versuch unternehmen sollten zu entkommen.

Das Leben ist kein Krimi, und die Politik gehorcht nur selten den Regeln eines guten Drehbuchs: übersichtliche Handlungsstränge, zweifelsfrei identifizierbare Hauptpersonen – und am Ende Klarheit darüber, was Wahrheit und was Lüge ist.

Verdacht. Mahmud Ahmadinejad, so viel steht fest, ist ein Mann, dessen Amtsantritt vielen auf der Welt nicht ins Konzept passt. Den USA gilt der Iran ohnehin als Hort des Bösen; die Europäer, die jahrelang auf die Reformer setzten, fühlen sich vor den Kopf gestoßen, dass sich das Volk selbst einen religiösen Hardliner als Präsidenten aussucht. An Opfern des Regimes besteht kein Mangel: Kurden, Oppositionelle, bedrängte Exilanten haben offene Rechnungen zu begleichen – und gleichzeitig wohl auch Angst.

Kaum hat Ahmadinejad also in Teheran seine Huldigungen entgegengenommen, steht er im Ausland schon für sämtliche iranische Missetaten der vergangenen Jahrzehnte am Pranger. Ehemalige Geiseln in der US-Botschaft in Teheran wollen in ihm einen ihrer Peiniger von 1979 erkennen – ein Bart im Gesicht reicht aus, um auf einem Foto die „frappante Ähnlichkeit“ auszumachen. Im Evrin-Gefängnis soll er Folterer gewesen sein, als Bürgermeister von Teheran habe er Selbstmordattentäter für den Irak angeworben, und sogar an der Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie sei er irgendwie beteiligt – Anschuldigungen, die sich nach wenigen Tagen in Luft auflösen.

Auch über das Wiener Attentat kursieren, aus vermeintlich seriösen Quellen, falsche Versionen. Der Autor Amir Taheri etwa, zu Zeiten des Schah-Regimes einflussreicher Zeitungsherausgeber, behauptet, Ahmadinejad habe bei den Wiener Gesprächen zwischen den Kurden und ihren Mördern als Hauptverhandler fungiert. Sein Name werde auf Tonbändern, die den Tathergang dokumentieren, mehrfach genannt, seine Stimme sei identifizierbar – und er sei derjenige Iraner, der nach der Querschlägerverletzung im Spital behandelt worden sei. Weder die Tonbandabschriften noch die Polizeiprotokolle belegen das, und der verletzte Attentäter Sahraroodi, der im Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital fotografiert wurde, sieht dem heutigen Präsidenten nicht einmal entfernt ähnlich.

Warnungen. „Eine Kampagne, fabriziert von den USA und Israel“, nennt das die iranische Regierung und warnt die Europäer: Sie sollten „politische Reife zeigen, indem sie nicht in die Falle gehen“. Von „Propaganda aus zionistischen und terroristischen Kreisen“ spricht Irans Botschafter in Österreich, Seyed Mohsen Navabi; der österreichische Botschafter in

Teheran wird zum Rapport ins dortige Außenamt bestellt und ermahnt. Der Wiener Regierung ist es peinlich, mit den Kurdenmorden ins internationale Rampenlicht gezerrt zu werden, in den diplomatischen Couloirs herrscht aufgeregtes Wispern, und auch realpolitisch ist Feuer am Dach. Eben noch hatte die EU gehofft, die Iraner durch wohlwollendes Zureden in Atomverhandlungen einbinden zu können. Jetzt sind die Iraner böse. Zu Recht?

Tatsächlich ist es nicht leicht, eine Schneise durch das Gestrüpp aus Gerüchten zu schlagen. Bei näherer Betrachtung lassen sich drei Ecken ausmachen, aus denen die Vorwürfe kommen. Erstens von der DKPI, der Partei der iranischen Kurden, die im irakischen Exil operiert. Sie wurde durch Gewaltakte schwer getroffen: Der in Wien getötete Ghassemlou war ihr charismatischer Vorsitzender; sein Nachfolger Sadagh Scharafkandi fiel nur zwei Jahre später, gemeinsam mit drei Mitarbeitern, in einem Hinterzimmer des Berliner Restaurants „Mykonos“ einem ähnlichen Attentat zum Opfer. „Ahmadinejad leitete jenes Kommando, das die Logistik der Ghassemlou-Ermordung besorgte“, sagt DKPI-Sprecher Hassan Ashrafi.

Trübe Wasser. Zweite Quelle sind die Volksmudschaheddin, eine einst marxistisch-islamistische Gruppe, die an der Revolution gegen den Schah beteiligt war, doch nach wenigen Monaten bei den Mullahs in Ungnade fiel. Von Paris aus verbreiten sie seit Jahren kompromittierendes Material über ihre einstigen Gegner. Dritter Scharfmacher sind, unterstützt von einigen Exil-Iranern, die Neokonservativen in den USA, auf der Suche nach Vorwänden, die einen Krieg gegen den Iran rechtfertigen könnten. „Ahmadinejad hat den Anschlag auf Ghassemlou geplant“, sagt etwa der Atom-Experte Alireza Jafarzadeh, Chef eines Think Tank in Washington und Kommentator beim konservativen TV-Sender Fox News. Er wisse das „aus verlässlichen Quellen im Iran“.

Der nun vom grünen Abgeordneten Peter Pilz ins Spiel gebrachte „Zeuge D“ gehört, soweit bekannt, keiner dieser Gruppen an. Glaubwürdig ist seine Aussage, weil die Details, die er kennt, zum Tatort und zu einigen ungelösten kriminalistischen Rätseln von 1989 passen (siehe Interview). Dass der Reservist mit der Beretta mit dem Präsidenten von heute identisch ist, beweist das allerdings noch nicht.

Fest steht, dass es seit der Revolution 1979 zahlreiche Attentate auf Regimegegner gab, bei denen Teheran Regie geführt haben muss – 33 Abtrünnige kamen laut deutschem Bundeskriminalamt (BKA) in Europa gewaltsam zu Tode. Licht ins Dunkel der Kommandokette brachte die deutsche Justiz 1997 beim „Mykonos-Prozess“. Ein „Zeuge C“ (wie „Zeuge D“ ein geflüchteter Iraner mit Kontakten in den Machtapparat) berichtete dort über ein penibles Regelwerk, nach dem die Opfer ausgewählt, ausgespäht und liquidiert wurden. Jedes Todesurteil wurde demnach schriftlich fixiert, die Befehle per Codewort erteilt. Getarnte Kundschafter sondierten die Lage im Zielgebiet und schickten Bestelllisten für notwendige Waffen und Fahrzeuge. Die logistische Abwicklung übernahmen die jeweiligen Botschaften. Es handle sich um „organisierte Kriminalität höchster Ausprägung“, so die Schlussfolgerung des BKA.

Netzwerk. Wie plausibel ist es nun, dass Ahmadinejad in dieses Netzwerk „organisierter Kriminalität“ verstrickt gewesen sein könnte? Sein offizieller Lebenslauf vermeldet stolz, er sei, als 1980 der Krieg mit dem Irak begann, „sofort zur westlichen Front gestürmt, um gegen den Feind zu kämpfen“, und habe sich 1986 freiwillig einer Spezialeinheit der Pasdaran („Revolutionswächter“) angeschlossen. Die Pasdaran, eine landesweite paramilitärische Organisation von hunderttausenden Freiwilligen, sind eine der wichtigsten Stützen des Regimes, die neben den Streitkräften agieren. Ihr Auftrag ist so breit wie ihr Einfluss: Sie sollen die Revolution „gegen alle Bedrohungen verteidigen“ sowie die geistliche Führung bei der Durchsetzung der islamischen Verhaltensregeln unterstützen. Dass es sich bei der „Spezialeinheit“ um die berüchtigte Al-Quds-(Jerusalem-)Armee gehandelt haben könnte, die für verdeckte Auslandsoperationen zuständig war, ist nicht belegt.

Fest steht, dass Ahmadinejad einen sehr religiösen Hintergrund hat. Sein Vater war Schmied, er wuchs mit sechs Geschwistern in einem Slum im Süden Teherans auf und erkämpfte sich – als landesweit 130. bei der Aufnahmeprüfung – einen Studienplatz an der Technischen Universität. Gesichert ist weiters, dass er ideologisch den „Basij“ nahe steht, einer Sozialbewegung armer, religiöser Jugendlicher. Im Krieg gegen den Irak wurden die Basij, oft ohne jede militärische Ausbildung, zu tausenden in die Minenfelder geschickt. Bis heute halten sie die Erinnerung an die opferreichen Frontjahre wach und schwören, die Werte der Revolution gegen Verirrungen zu schützen. Dass Ahmadinejad als Bürgermeister von Teheran den männlichen Stadtangestellten Bärte und lange Ärmel verordnete, dass er Plakate von David Beckham abhängen ließ und ein bescheidenes Leben führt, gefiel den Basij. Sie trugen zu seinem Sieg entscheidend bei.

Walter Posch, Iran-Experte am Institute for Security Studies der EU in Paris, hält diesen Teil seiner Biografie für prägend. „Er ist ein tief religiöser Technokrat“, glaubt der Iran-Kenner, „und in diesem Sinn typisch für die Kriegsgeneration. Diese Leute sind wenig beeindruckbar, fest verwurzelt in ihren Grundsätzen. Drohungen sind bei so jemandem sinnlos.“ Die Zugehörigkeit zu den Pasdaran mache in dieser Lebensgeschichte Sinn. Ahmadinejad war bei den Wiederaufbaubrigaden der Pasdaran, die nach dem Krieg die zerstörte Infrastruktur im ganzen Land reparierten. „Das ist stimmig und passt zu seiner Ausbildung als Bauingenieur“, so Posch – nicht jedoch die angebliche Zugehörigkeit zu einer auslandsorientierten Gruppe wie Al Quds. „Es ist nicht gesichert, dass Ahmadinejad überhaupt jemals im Ausland war“, gibt er zu bedenken.

Aus Teheran selbst sind derart differenzierte Entlastungsversuche nicht zu vernehmen. Der neue Präsident setzt eher auf Rundumschläge: „Die Welt muss sich verneigen und den Willen der iranischen Nation respektieren“, richtet er ihr aus.

Was das Regime an Drohkulissen aufbauen kann, hat es schon einmal bewiesen – während des Mykonos-Prozesses, als Deutschland zum „feindlichen Land“ erklärt wurde. Massendemonstrationen vor der deutschen Botschaft versuchten damals, die deutsche Justiz einzuschüchtern, Koranstudenten drohten den „dreckigen faschistischen Anklägern“ offen mit Mord; vor „Schäden für die Wirtschaftsbeziehungen“ wurde ebenso gewarnt wie vor „einer Gefährdung im Iran lebender Deutscher“.

Drohungen. Das Gericht ließ sich damals nicht beeindrucken und sprach die Attentäter schuldig. Österreich versucht es hingegen eher mit Abwiegelung. So wie sich schon 1989 die Anstrengungen, die Kurdenmorde aufzuklären, in Grenzen hielten – so zeigt man auch heute keine Eile, den neuen Hinweisen, die mit dem neuen „Zeugen D“ aufgetaucht sind, nachzugehen. Es gebe Ermittlungen, heißt es aus der Staatsanwaltschaft; es gebe keine Ermittlungen, heißt es aus dem Justizministerium; es gebe Erkundungen, ob der Zeuge überhaupt existiere. Ob man mit ihm in Kontakt sei, wollte man am Donnerstag „weder bestätigen noch dementieren“.

Das klingt nach Spiegelfechterei – und verdeckt eine simple Tatsache: Eine schwere Straftat auf österreichischem Boden, ein Dreifachmord mit terroristischer Handschrift, ist nach wie vor ungeklärt. Jener Mann, der den Mördern die Waffen besorgt hat, ist dafür – egal, ob er Mahmud Ahmadinejad heißt oder anders – nie belangt worden.

Drei Tote liegen auf dem Friedhof. In Teheran schwören derweil die Pasdaran ihrem neuen Präsidenten unverbrüchliche Treue, und nur er selbst weiß, ob er am 13. Juli 1989, in der Wiener Linken Bahngasse, auf einem Motorrad saß. Die Handlungsstränge des Krimis haben sich noch nicht zu Gewissheiten verknüpft. Und ob Ahmadinejad seinem Land als Präsident Gutes bringen wird – das ist überhaupt eine andere Geschichte.

Von Sibylle Hamann und Martin Staudinger