"Ein Angriff wäre absolut unklug“

Hans Blix, früherer Generalsekretär der IAEA und oberster Waffeninspektor im Irak, über das Nuklearprogramm des Iran, seine Folgen für den Nahen Osten und mögliche Strategien gegen eine atomare Aufrüstung des Mullah-Regimes.

Interview: Martin Staudinger, Robert Treichler

profl: Der neue IAEA-Bericht über das iranische Nuklearwaffenprogramm sorgt für Wirbel: Israel sieht sich bestätigt, Teheran dementiert, es ist die Rede von einem Angriff auf den Iran. Erinnert Sie die aktuelle Situation an die Zeit vor dem Irak-Krieg?
Blix: Natürlich werden jetzt Fragen nach den Beweisen und der Verlässlichkeit von Geheimdienstinformationen diskutiert. Der wesentliche Unterschied ist aber: Der Iran hat ein riesiges Nuklearprogramm, während im Irak damals kaum etwas von einem Programm übrig war.

profl: Halten Sie die Aussagen der Atombehörde also für glaubwürdig?
Blix: Der frühere französische Staatschef Jacques Chirac sagte einmal zu Mohammed El-Baradei (dem Ex-IAEA-Chef, Anm.) und mir, Geheimdienste könnten einander anstecken. Eine einzelne Information wird von einem Dienst zum nächsten weitergegeben, und plötzlich ergeben alle Daten ein einheitliches Bild. Auch wenn die IAEA sagt, eine Information werde durch mehrere Quellen bestätigt, bleibt ein Risiko. Viele Informationen stammen von Überläufern, angeblich gibt es auch einen Computer, der in die Hände westlicher Geheimdienste gelangte und Hinweise auf die Entwicklung einer nuklearwaffenfähigen Rakete enthält. Das klingt ein wenig nach James Bond, und wir tun gut daran, alles zu hinterfragen. Aber ich glaube, die IAEA war sehr klug und hat nicht einfach geschluckt, was ihr vor die Nase gehalten wurde. Sie berichtet ehrlich, was ihr vorliegt, und das macht einen starken Eindruck.

profl: Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Blix: Dass der Iran eine Reihe von Aktivitäten unternimmt, die auf die Entwicklung einer Atomwaffe hindeuten oder nur damit zu erklären sind. Die IAEA sagt aber nicht, dass tatsächlich eine Bombe gebaut wird. Ob das geschieht, ist letztlich eine Frage des politischen Willens.

profl: Würden Sie von einem "smoking gun“ sprechen?
Blix: Kommt darauf an, was man damit meint. Wie gesagt: Der Iran hat keine Bombe …

profl: … aber er hat ein Programm, um eine zu bauen.
Blix: Diese Möglichkeit besteht natürlich. Aber um das zu wissen, hätte es all die im Bericht detailliert angeführten Indizien nicht gebraucht. Allein die Konstruktion des Nuklearprogramms genügte für einen begründeten Verdacht: Der Iran errichtet zwei Atomkraftwerke und betreibt ein komplettes Programm zur Urananreicherung. Dass er zudem noch einen Reaktor für schweres Wasser will, mit dem Plutonium hergestellt werden kann, hat zusätzlich für hochgezogene Augenbrauen gesorgt.

profl: Das heißt: Auch Ihrer Einschätzung nach ergeben viele Aktivitäten der Iraner nur Sinn, wenn sie an einer Atomwaffe arbeiten?
Blix: Ja. Aber es besteht natürlich die Möglichkeit, dass sie der Option, eine Nuklearwaffe zu bauen, nur sehr nahe kommen wollen, um gewissermaßen virtuell im Besitz einer Nuklearwaffe zu sein. Dann jedoch können Kräfte im Iran jederzeit darauf drängen, den Weg fortzusetzen, und eines Tages kann der Iran Atomtests durchführen.

profl: Lässt sich abschätzen, wie weit der Iran tatsächlich vom Besitz einer Bombe entfernt ist?
Blix: Der Bericht legt sich in dieser Frage nicht fest, und das ist auch klug. Wenn Sie diese Frage vor fünf Jahren in Israel gestellt hätten, wäre die Antwort vermutlich gewesen: sehr bald, in ein oder zwei Jahren. Ich halte das nicht für glaubwürdig. Klar ist nur, dass der Iran der Atombombe näher und näher kommt.

profl: Ändert dieser Bericht die Situation?
Blix: Nein. Wichtiger als die Frage, wie viele Monate oder Jahre der Iran brauchen würde, um eine funktionsfähige Atombombe zu haben, ist die Frage, wie die Welt darauf reagiert. Ich glaube, man kann niemanden durch Androhung von Gewalt von einem Atomprogramm abbringen - das führt wohl eher dazu, dass sich derjenige noch mehr damit beeilt, um sich verteidigen zu können.

profl: Welche kurzfristigen Folgen hätte ein Militärschlag?
Blix: Man kann nicht erwarten, dass die Iraner einfach dasitzen und Däumchen drehen, wenn sie angegriffen werden. Sie werden sicher Gegenmaßnahmen einleiten, etwa in der Straße von Hormuz. Und möglicherweise werden auch die Freunde des Iran im Libanon und in Gaza reagieren. Das kann zu einem Flächenbrand im Nahen Osten führen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand noch einen Krieg im Nahen Osten riskieren will.

profl: Zuletzt gab es dennoch zumindest rhetorisch eine klare Tendenz in Richtung Angriff.
Blix: Ich denke, das wäre absolut unklug. Erstens weiß niemand, wo sich all die Atomanlagen befinden. Zweitens würde es mich absolut überraschen, wenn der Iran keine Prototypen und Konstruktionspläne hätte, auf die er nach einem Angriff zurückgreifen könnte. Und drittens: Wenn die Entscheidung, eine Bombe zu bauen, noch nicht gefallen ist, dann würde ein Militärschlag wohl erst recht dazu führen, dass sie getroffen wird.

profl: Warum dann das Säbelrasseln?
Blix: Vielleicht hat das ganze Gerede über Bombenangriffe gegen das iranische Atomprogramm den Zweck, die Welt auf schärfere wirtschaftliche Sanktionen gegen den Iran einzuschwören. Allerdings stellt sich auch hier die Frage, wie effektiv die bislang vom UN-Sicherheitsrat und der EU verhängten Maßnahmen waren. Ich denke, Verhandlungen sind der einzige Weg.

profl: Diese haben bislang aber auch keinen nachvollziehbaren Effekt gezeigt.
Blix: Verhandlungen sind nicht zuletzt eine Frage der Psychologie, und sie wurden vom Westen teilweise in selbstherrlicher Art und Weise geführt. Die Iraner haben, wie viele andere auch, ihren Stolz und fühlten sich behandelt wie Parias. Das hat die Dinge sicher nicht erleichtert. Wenn der Westen sagt, wir verhandeln mit euch, aber erst wenn ihr die Anreicherung von Uran ausgesetzt habt, dann ist das psychologisch nicht klug.

profl: Wie sollte der Westen sonst vorgehen?
Blix: Da ist diplomatischer Einfallsreichtum gefragt. Der Iran beharrt darauf, sein Nuklearprogramm nicht aufzugeben, aber das hat auch nie jemand verlangt - im Gegenteil, es wurde sogar angeboten, beim Bau ziviler Reaktoren zu helfen. Aufgeben soll der Iran lediglich sein Anreicherungsprogramm und andere Aktivitäten, die im Zusammenhang mit einem Atomwaffenprogramm stehen. Man muss sich ansehen, welchen Nutzen der Iran davon hat, das zu tun.

profl: Zum Beispiel?
Blix: Was mich auf lange Sicht optimistisch stimmt, ist die Tatsache, dass der Iran kein echtes Sicherheitsbedürfnis hat, das Atomwaffen rechtfertigen würde. Pakistan versuchte sich mit seinem militärischen Nuklearprogramm gegen Indien zu verteidigen, Indien gegen China, China gegen Russland und so weiter. Man muss den Iran also davon überzeugen, dass er von keinem seiner Nachbarn bedroht wird. Ursprünglich hat er sein Programm ja begonnen, weil er sich vom Irak bedroht fühlte.

profl: Jetzt kann sich der Iran immer auf das israelische Atomwaffenarsenal ausreden.
Blix: Smart wäre es, würde der Iran anbieten, die Anreicherung auszusetzen, wenn Israel im Gegenzug sein Atomprogramm aufgibt und sich auch andere Länder in der Region verpflichten, keine Programme zur Anreicherung und Wiederaufbereitung von Atombrennstoff in Angriff zu nehmen.

profl: Dass Israel sein Atomprogramm aufgibt, ist aber unrealistisch.
Blix: Ich denke, die Israelis würden über diesen Vorschlag heute wohl nur lachen. Aber wenn andere Staaten wie etwa Saudi-Arabien oder Ägypten auch mit Atomprogrammen und Urananreicherungsaktivitäten beginnen, könnte Israel es sich wohl überlegen, ob das Opfer nicht doch vertretbar wäre.

profl: Besäße der Iran eine Nuklearwaffe, wäre er dann eine enorme Bedrohung oder möglicherweise nur in einer besseren Position bei Verhandlungen über die nukleare Abrüstung im Nahen Osten?
Blix: Schwer zu sagen, wie der Iran den Besitz von Nuklearwaffen nutzen würde. Israel betrachtet diese Situation als tödliche Bedrohung, obwohl der Iran eigentlich seit Hunderten von Jahren keinerlei Tendenz in Richtung Expansionismus gezeigt hat. Der Krieg gegen den Irak war ja ein Verteidigungskrieg. Der unmittelbare Effekt einer iranischen Atomwaffe bestünde darin, dass die israelischen Atomwaffen neutralisiert wären.

profl: Also ein Gleichgewicht des Schreckens während des kalten Kriegs?
Blix: Ja. Wobei Israel etwa 200 atomare Sprengköpfe besitzt, ohne dies offiziell zuzugeben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Israel eines Tages doch der Idee einer atomwaffenfreien Zone im Nahen Osten nähertreten könnte. Staatspräsident Schimon Peres sagte einmal zu mir, erst müssten die Staaten in diesem Raum Demokratien sein und es müsste Frieden herrschen. Interessant ist, das sich auf diplomatischer Ebene in der Frage einer atomwaffenfreien Zone im Nahen Osten etwas tut: 2012 wird zu diesem Thema in Finnland eine Konferenz abgehalten werden.

profl: Aber läuft dem Westen inzwischen nicht die Zeit davon?
Blix: Was wäre die Alternative? Auch wenn uns das politische und soziale System des Iran mit Abscheu erfüllt, glaube ich trotzdem nicht, dass der Westen besonders heiß darauf ist, einen Regimewechsel herbeizuführen. Damit haben wir uns im Irak zu sehr die Finger verbrannt.

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Hans Blix, 83

Der ehemalige schwedische Außenminister leitete zwischen 1981 und 1997 die UN-Atomenergiebehörde IAEA. 2002 wurde er von den Vereinten Nationen aus der Pension zurückgeholt, um zu überprüfen, ob der Irak - wie von der US-Regierung als Rechtfertigung für einen Einmarsch behauptet - zu diesem Zeitpunkt tatsächlich über Massenvernichtungswaffen verfügte. Blix und sein Team fanden keine Hinweise darauf. Dass er darüber auch öffentlich keinen Zweifel ließ, trug ihm nicht nur schwere Kritik, sondern auch an Verleumdung grenzende Angriffe der Kriegsbefürworter ein. Nachträglich sollte Blix mit der Einschätzung, die USA und Großbritannien hätten die Bedrohung durch den Irak bewusst übertrieben, Recht behalten. Inzwischen berät Blix die Vereinigten Arabischen Emirate bei der Entwicklung eines Atomenergieprogramms. Er lebt in Stockholm.