Irland steht vor dem Bankrott: Die EU ist plötzlich beliebter denn je

Das langjährige wirtschaftliche Vorzeigeland Europas steht vor dem Bankrott. Und plötzlich ist die EU beliebter denn je.

Von Gunther Müller

Der Unterschied zwischen Irland und Island? „Ein Buchstabe und sechs Monate.“ Was dieser Tage gerne in den Pubs von Dublin erzählt wird, ist nur vordergründig ein Witz. Vielmehr handelt es sich um eine Kampfansage an die Regierung von Premier Brian Cowen. Im Oktober vergangenen Jahres musste Island Staatsbankrott anmelden, seinen Bankensektor verstaatlichen und den Internationalen Währungsfonds (IWF) um Hilfe bitten. Premierminister Geir Haarde trat im Jänner wegen massiver Demonstrationen gegen seine Sparmaßnahmen zurück.

Nun steht Irland vor der Pleite. Cowens Kabinett, bestehend aus der konservativen Volkspartei Fianna Fail und dem kleinen Koalitionspartner Green Party, kämpft gleich an mehreren Schauplätzen gegen den Untergang: Haushaltsnot, Immobilienkrise, ein Bankenskandal und eine rasant steigende Arbeitslosigkeit.

Irland galt in den vergangenen fünfzehn Jahren als Aushängeschild für das wirtschaftliche Erfolgsmodell der EU. Tausende Betriebe aus den USA und Europa wurden mit Steuervergünstigungen herbeigelockt. Das Land avancierte vom europäischen Armenhaus zu einer der Wohlstands­oasen des Kontinents. In Anlehnung an die asiatischen Tigerstaaten bekam Irland den Spitznamen „keltischer Tiger“.

Im September vergangenen Jahres war die Grüne Insel der erste Staat in der Eurozone, der nach zwei Quartalen negativen Wachstums offiziell von Rezession sprach. Seither ist es immer weiter bergab gegangen. Mit gesenktem Haupt stimmte Cowen seine Landsleute zuletzt auf schwere Zeiten ein: „Wir müssen damit rechnen, dass sich unser Lebensstandard um zehn bis zwölf Prozent verschlechtern wird.“

Für viele ist das allerdings die optimistischste Zukunftsaussicht. In den vergangenen Monaten machten hunderte Fabriken und Gasthäuser dicht. Computer­unternehmen aus den USA und Europa schlossen ihre Niederlassungen. „Der Traum ist vorbei“, bringt es ein in Dublin lebender Deutscher in der „Zeit“-Online-Community auf den Punkt: „Wenn ich unsere Siedlung betrachte, sehe ich unvermietete Mehrfamilienhäuser, im Boom hochgezogen und ohne Interessenten. In jeder Straße stehen ein paar Häuser mit zugenagelten Fenstern.“

Demonstrationen. Die Arbeitslosigkeit ist seit Jahresbeginn um 80 Prozent gestiegen. 326.000 Iren haben derzeit keinen Job, bis Jahresmitte sollen es über eine halbe Million sein – bei insgesamt 4,2 Millionen Einwohnern. Nun flüchten auch noch die polnischen Gastarbeiter – eine der ökonomischen Stützen des Landes – in Scharen zurück in ihre Heimat. „Mehr als die Hälfte haben in den vergangenen drei Monaten die Insel verlassen“, berichtet die ­Tageszeitung „Irish Times“.

Im Jänner hatte Brian Cowens Regierung zwei der wichtigsten Finanzinstitutionen, die Anglo Irish Bank (AIR) und die Bank of Ireland, verstaatlicht, um sie vor der Pleite zu retten. Kostenpunkt: sieben Milliarden Euro. Zuletzt kamen immer neue Informationen über die Machenschaften irischer Bankiers zutage, die wie in einem Casino Milliardenbeträge verzockt haben sollen.

Die Regierung ist ratlos , angesichts der Wucht, mit der die Krise das Land trifft. Auch die Oppositionsparteien üben sich in kollektiver Zurückhaltung. „Jetzt ist es offiziell“, kommentierte die britische Tageszeitung „The ­Guardian“ vergangene Woche die Schockstarre des irischen Par­laments. „Sogar in einer Rezession ist die Wirtschaft eine politikfreie Zone.“

Am Samstag vorvergangener Woche kam es in der Hauptstadt Dublin zu einer der größten Demonstrationen in der Geschichte des Landes. 120.000 Menschen marschierten vom Parnell Square zum Merrion Square und polterten gegen den geplanten Sparkurs der Regierung: Beamte und andere Staatsbedienstete sollen eine Zwangsabgabe aus ihrem Pensionsfonds leisten, Kindergelder sollen gekürzt und geplante Lohnerhöhungen verschoben werden, um das Schlimmste zu verhindern.

Vor diesem Hintergrund erlebt die Europäische Union einen unverhofften Imageschub. Im Juni 2008 hatten die Iren in einem Referendum den EU-Reformvertrag abgelehnt und damit die Union in eine tiefe Identitätskrise gestürzt. Die Stimmung hat sich seither dramatisch geändert. In diesem Jahr werden die Iren noch einmal über den Vertrag abstimmen. Laut Umfragen würden derzeit fast 60 Prozent der Iren mit Ja stimmen. „Im Überfluss wird man eben schnell einmal übermütig. Der Meinungsumschwung der Iren ist nur logisch“, sagt der ehemalige EU-Kommissar Franz Fischler verständnisvoll. „Das ist doch in Österreich nicht anders. Jetzt erwartet sich das Volk von der EU eine Lösung für die Finanzmärkte in Osteuropa – und schon steigt die Zustimmung für Europa.“