Islam: Karikatur eines Weltkriegs

Massen, Medien, Hysterie: Im Streit um zwölf Mohammed-Cartoons aus Dänemark stehen 1,3 Milliarden Moslems in aller Welt unter Generalverdacht. Die Auseinandersetzung erzählt aber mehr über die Ängste Europas als über reale Gefahren.

Bilder des Zorns: Fahnen brennen, Botschaftsgebäude werden gestürmt, wütende Massen schreien bei Demonstrationen in aller Welt ihre Wut hinaus. In Damaskus werden die dänische und die norwegische Botschaft in Brand gesteckt, in Gaza-Stadt marschieren vermummte Kämpfer mit Panzerfäusten vor dem EU-Büro auf, in Afghanistan kommen bei Zusammenstößen mehr als ein Dutzend Menschen ums Leben, in Teheran gehen die Scheiben der österreichischen Botschaft zu Bruch. Der Islam, scheint es, erhebt sich geschlossen gegen den Westen.

Ein Hauch von Weltkrieg liegt in der Luft. Der dänische Premier Anders Fogh Rasmussen spricht von einer „globalen Krise“. US-Außenministerin Condoleezza Rice nennt Syrien und den Iran als Drahtzieher hinter den gewalttätigen Protesten. Teheran weist das als „hundertprozentige Lüge“ zurück. UN-Generalsekretär Kofi Annan sieht sich ebenso veranlasst, kalmierend in den Konflikt einzugreifen, wie der ehemalige US-Präsident Bill Clinton.

Inzwischen ortet die deutsche Zeitung „Die Welt“ in Europa bereits ein „Klima der Einschüchterung und der Angst“. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ titelt apokalyptisch „Heiliger Hass“, und in Österreich fürchten laut einer „News“-Umfrage 46 Prozent der Befragten Terroranschläge.

Fast könnte man glauben, jetzt sei er da: der seit Jahren prophezeite Zusammenprall der Zivilisationen. Lange hat er sich angekündigt, durch Terroranschläge in New York, Washington, Bali, Madrid und London, durch Konflikte um das Verschleierungsverbot in Frankreich und Deutschland und den Mord an Theo van Gogh, dem niederländischen Regisseur eines provokanten Koran-Films. Aber all das waren lokal begrenzte Ereignisse. Diesmal hat die Auseinandersetzung globale Ausmaße angenommen. Sie reicht von Dänemark bis Iran, von Deutschland bis Indonesien, von Österreich bis Afghanistan.

Bilderkrieg. Der Anlass, zwölf Mohammed-Karikaturen, veröffentlicht in der konservativen dänischen Zeitung „Jyllands Posten“, mag läppisch erscheinen. Doch kaum etwas eignet sich so gut für einen erbitterten Krieg wie einfache, für jeden verständliche Bilder. Zumal sie grundlegende Prinzipien einer Gesellschaftsordnung symbolisieren – oder gegen solche verstoßen. Im konkreten Fall tun sie beides: Mohammed darf nicht bildlich dargestellt werden, lautet ein Prinzip des Islam. Den Bruch dieser Regel zu beanstanden bedeutet einen Angriff gegen die Meinungsfreiheit, hält die westliche Doktrin dagegen.

Was sich seit zwei Wochen in Gaza, Pakistan, Indonesien, Syrien und anderen islamischen Ländern abspielt, scheint alle Vorurteile zu bestätigen, die in Europa gegen Moslems gehegt werden: Gewaltbereitschaft, Unfähigkeit zur Integration und zum Dialog, Unvereinbarkeit mit den Werten der demokratisch-westlichen Kultur.

Die endlosen Bilderschleifen der westlichen TV-Anstalten, auf denen der Mob immer und immer wieder zum Sturm auf westliche Einrichtungen ansetzt, tun das ihrige dazu, diesen Eindruck zu verfestigen.

Und die Aussagen der islamistischen Hardliner passen nur zu gut ins allgemeine Bild: Der dänische Imam Ahmed Abu Laban reiste mit den zwölf Karikaturen – und drei weiteren, die mit den veröffentlichten in keinem Zusammenhang standen – durch den Nahen Osten, um dort die Stimmung anzuheizen. Taliban-Führer in Afghanistan loben eine Kopfprämie von hundert Kilo Gold für die Ermordung der gotteslästerlichen Karikaturisten aus. Fanatiker in London verkleiden sich als Selbstmordattentäter oder beten für neue Terroranschläge in London. Die Arabisch-Europäische Liga in Brüssel kontert auf die Mohammed-Cartoons mit antisemitischen Zeichnungen auf ihrer Webseite, die iranische Zeitung „Hamshahri“ schreibt einen Wettbewerb für Holocaust-Karikaturen aus.

Die Interessen und Intentionen dahinter bleiben weit gehend unbeachtet, die Dimensionen werden kaum einmal zurechtgerückt. Etwa die Tatsache, dass der Iran durchaus ein Interesse daran hat, die Demonstrationen im schwelenden Streit um sein Atomprogramm zu instrumentalisieren. Dass die Taliban wohl nichts anderes versuchen, als mit möglichst radikalen Sprüchen vergessen zu machen, dass ihre große Zeit längst Geschichte ist. Oder dass die Arabisch-Europäische Liga eine Organisation mit gerade einmal 300 Mitgliedern ist.

Dank medienwirksamer Aggressivität schafften es Gruppierungen wie diese in die Schlagzeilen, obwohl sie für die moslemische Religionsgemeinschaft in etwa so repräsentativ sind wie die Irisch-Republikanische Armee für den Weltkatholizismus.

Man kann es freilich auch so sehen: Kühl betrachtet ist der Aufstand der „arabischen Straße“ nicht eben ein Massenauflauf. In Teheran waren es am Montag vergangener Woche 200 Menschen, die bei einem – vermutlich organisierten – Protestmarsch vor der österreichischen Botschaft randalierten. Am Dienstag kamen vor der norwegischen Vertretung gerade einmal hundert Demonstranten zusammen. 400 in der indonesischen Hauptstadt Jakarta, 500 in der thailändischen Kapitale Bangkok, 150 im indischen Neu-Delhi. 2000 in Algerien, 5000 in Pakistan. In Afghanistan kam es laut Meldungen der Nachrichtenagenturen zu „Massenprotesten“. Die genannte Teilnehmerzahl: 300.

In Beirut gingen am Donnerstag dann zwar 250.000 auf die Straße – jedoch in erster Linie aus Anlass des schiitischen Ashura-Festes. Dabei wurden auch Parolen gegen die Cartoons skandiert. Zu Ausschreitungen kam es jedoch nicht.

Und die Sachschäden, die Angriffe auf westliche Einrichtungen? Selbst die gewalttätigsten Kundgebungen hinterließen – schlimm genug – im Wesentlichen nicht mehr Verwüstung als jeder durchschnittliche Anti-Globalisierungs-Krawall anlässlich eines Treffens der Welthandelsorganisation WTO. Die Todesopfer, die als Beweis für die Aggressivität der islamischen Welt herhalten sollten, waren von afghanischen Sicherheitskräften getötete Demonstranten, in einem Fall kam auch ein somalischer Jugendlicher ums Leben.

Rachemord? Bleibt ein Blutverbrechen in der Türkei. Dort wurde der italienische Priester Andrea Santoro von einem 16 Jahre alten Täter erschossen. Obwohl vergangene Woche noch nicht klar war, ob die Tat überhaupt mit dem Streit um die Zeichnungen in Zusammenhang gebracht werden konnte, überschlugen sich die Mutmaßungen: Angeblich habe der Täter bei Verhören als Motiv die Cartoons genannt. Die Türkei halte das Geständnis jedoch unter Verschluss, um nicht zugeben zu müssen, dass in ihrem Land der erste Rachemord wegen der dänischen Karikaturen verübt wurde.

„Der aktuelle Karikaturen-Streit wird späteren Medienwissenschaftern einmal als Beispiel dafür dienen, wie westliche und nichtwestliche Sender in perfektem Zusammenspiel innerhalb weniger Tage jene Massenhysterie erzeugen können, über die sie berichten“, schreibt der deutsch-iranische Schriftsteller und Islamwissenschafter Navid Kermani in der „Süddeutschen Zeitung“.

Eine globale Krise sieht vermutlich anders aus. Dennoch stehen jetzt im Westen wieder einmal alle 1,3 Milliarden Moslems unter Generalverdacht.

Dass es in Europa so gut wie keine Ausschreitungen moslemischer Demonstranten gab, blieb seltsam unbeachtet. Ebenso wie der Umstand, dass die Moslems hier auf die als beleidigend empfundenen Karikaturen nicht anders reagierten, als europäische Christen es zu tun pflegen: mit Strafanzeigen, Protesten und Beschwerden bei Politikern. Als der profil-Zeichner Gerhard Haderer 2002 mit Jesus-Karikaturen für Aufsehen sorgte, wurde er wegen „Herabwürdigung religiöser Lehren“ angezeigt, es hagelte Proteste. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel bezeichnete Haderers Werk als „Schundzeichnungen“.

Nichts anderes versuchten vergangene Woche Moslems in Frankreich: Sie wollten einen Gerichtsbeschluss herbeiführen, um den neuerlichen Abdruck der zwölf Karikaturen in der Wochenzeitung „Charlie Hebdo“ zu verhindern. Als sie damit scheiterten, beschlossen die Mitglieder der Vereinigung moslemischer Organisationen schließlich, im Pariser Vorortebezirk Seine-Saint-Denis das Demonstrationsrecht auszuüben und eine Kundgebung abzuhalten. Da sie keine Autos anzündeten, blieben aufgeregte Berichte aus dem Großraum Paris aus.

Der Schluss liegt nahe, dass der Streit um die Karikaturen mehr über die latenten Ängste und Vorurteile der westlichen Welt gegen den Islam erzählt als über die Gefahr, die von moslemischen Bürgern und Vereinigungen ausgeht.

Denn trotz aller zumindest in Europa über die letzten Tage bewiesenen Zurückhaltung gelten Moslems hier mehr denn je als latente Gefahr für den öffentlichen Frieden und die liberalen Werte. Wenn sie sich nichts zuschulden kommen lassen, wird eben wortreich befürchtet, dass die Gewalt bald aus ihren Heimatländern auf sie übergreift.

Der bayerische Innenminister Günther Beckstein kündigte umgehend an, aufgrund der „brisanten Situation“ die Einreisebestimmungen im Zusammenhang mit der Fußball-WM zu verschärfen: „Wenn zum Beispiel in Begleitung der iranischen Nationalmannschaft Iraner ins Land kommen, dann werden wir bei ihrer Einreise ganz genau hinschauen, dass keine Fanatiker dabei sind.“ Zu viel Jubel in der Südkurve empfiehlt sich für persische Fans demnach nicht.

Angst. Hierzulande sehen einer OGM-Umfrage im Auftrag des Wirtschaftsmagazins „Format“ zufolge 53 Prozent der Österreicher mittlerweile einen „Kampf zwischen Christentum und Islam“ heraufdräuen. Vor fünf Jahren waren es noch 38 Prozent gewesen. „Die Österreicher fürchten sich mehr als nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York“, so OGM-Meinungsforscher Peter Hajek.

Die Deutungshoheit über den Islam, so Autor de Winter, hätten nun einmal seine radikalsten Anhänger gekapert. Da können Moslems wie in den vergangenen Tagen noch so oft gegen Gewalt auftreten: Ihre Rufe werden kaum ernst genommen.

Terroranschläge, Zwangsverheiratungen, Ehrenmorde, weibliche Beschneidung, Unterdrückung der Frauen – Moslems, davon ist inzwischen vermutlich ein überwiegender Teil der Europäer überzeugt, vegetieren samt und sonders in einer dunklen, von Hass erfüllten Kultur. Es steht außer Frage, dass das für Teile der islamischen Sphäre tatsächlich gilt. Viele Zuwanderer, vor allem aus traditionellen islamischen Milieus, können mit den Freiheiten der westlichen Demokratie wohl auch nicht sehr viel anfangen. Dass aber gleichzeitig „zig Millionen Moslems im Frieden mit sich und ihrer Umwelt“ leben, wie der „Spiegel“ anmerkt, stimmt freilich ebenso.

Immerhin: Auf Umwegen scheint die Aufregung der vergangenen Tage auch positive Nebeneffekte zu haben. Die palästinensische Hamas, bislang vor allem als Terrororganisation notorisch, hat sich als Vermittler im Konflikt angeboten.

Von Martin Staudinger und Robert Treichler