Islamismus: Allah Anfang ist schwer.

CIA-Entführungen, digitaler Dschihad, radikale Sprüche – die irre Welt des Mohamed Mahmoud zwischen Geltungsdrang und Konspiration.

September 2005. Schaurige Szenen mitten in Wien: Ein junger Mann, Moslem, wird von Agenten der CIA durch den 20. Bezirk gehetzt. Am Leipzigerplatz wollen sie ihn stellen – und offenbar kidnappen. Der Mann läuft weg, schwarze Limousinen heften sich an seine Fersen. „Auf einmal fuhr ganz schnell ein Minibus vorbei und blieb vor mir quer stehen. Es kamen wieder Männer mit Hüte und Sonnenbrillen raus“, schildert der Gejagte später den Angriff. In der Nähe habe ein schwarzer BMW mit Diplomatenkennzeichen gewartet.

Mahmoud rennt weiter, er schreit um Hilfe, die Männer beschließen zu verschwinden. „Im gleichen Augenblick ist mein Vater ein Auto auf den Gehsteig gestiegen und versuchte ihm zu überfahren … danach bekam meine Mutter einen unbekannten Anruf, wo sie das hören könnte wie das Auto mein Vater überfaren wollte“, fasst er das Geschehen später schriftlich in mehr als holpriger Sprache zusammen.

Drei Monate später, Wien-Siebenhirten: „Ende Dezember 05, und an einem Tag in der Nacht war ich gegen 00:30 Uhr auf dem Weg nach Hause … In der Nähe von U6 Station, ging mit ein Minibus ganz langsam nach … Plötzlich sprangen 4 Männer mit Hüte und Sonnenbrillen raus und versuchten mich zu packen und ins Bus zu schmeissen. Einer von ihnen versuchte mir etwas ins Gesicht zu spritzen.“ Erneut kann sich Mahmoud befreien und fliehen. Und wieder kommt ein seltsamer Anruf: Ein „David oder Dawud“, der „sagte, dass er von der CIA ,amerikanischer Geheimdienst‘ ist“, will ihn zur Mitarbeit zwingen.

Es waren wilde Geschichten, die Mohamed Mahmoud im August 2006 bei einem profil-Gespräch im Wiener Kaffeehaus Domayer auftischte. Und er forderte nachdrücklich, seinen Bericht (siehe Faksimile) zu veröffentlichen. Immerhin sei er dem Schicksal des Imams Abu Omar nur knapp entronnen, der drei Jahre zuvor vom amerikanischen Geheimdienst CIA tatsächlich auf offener Straße in Mailand gekidnappt und nach Ägypten entführt worden war. Abu Omar war des Öfteren in Österreich gewesen und hatte mit Mahmouds Vater, einem in Wien lebenden Prediger aus Ägypten, regelmäßig Kontakt.

profil lehnte es ab, Mahmouds Dossier zu publizieren: Die Stichhaltigkeit seiner Behauptungen ließ sich nicht einmal ansatzweise überprüfen. Dass seine Schilderung alle gängigen Klischees eines schlechten Spionagethrillers bediente, dass die angeblichen Agenten sogar in finsterster Nacht dunkle Sonnenbrillen getragen haben, sich am Telefon mit „amerikanischer Geheimdienst“ gemeldet haben sollen und sofort davonliefen, als ihr Opfer zu schreien begann, machte die Sache nicht glaubhafter.

Außerdem hatte profil damals gerade über einen echten Entführungsfall berichtet. Der in Wien lebende Sudanese Omer Behari war auf dem Heimflug nach Wien auf dem Flughafen der jordanischen Hauptstadt Amman aus dem Flugzeug verhaftet und danach drei Monate in einem Geheimdienst-Gefängnis verhört und gefoltert worden.

In mehreren E-Mails beschwerte sich Mahmoud bitter darüber, dass profil seine abenteuerliche Entführungsstory nicht abdruckte. Einmal verwies er sogar auf Interesse deutscher Medien und des arabischen Al-Jazeera-Senders („sie würden sich entressieren es anonym zu berichten“).

Mohamed Mahmoud, 22, war alles andere als ein „Schläfer“: Schon seit längerer Zeit war der Schulabbrecher als auffälligster Propagandist in der einschlägigen Szene unterwegs gewesen, observiert von Beamten des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT). Genauso gut hätte er sich ein Schild um den Hals hängen können: „Ich bin ein gefährlicher al-Qa’ida-Mann!“

Konspirative Zirkel. Die Fahnder nahmen ihn trotzdem ernst, verwanzten seine Wohnung, hörten sein Telefon ab und lasen seine E-Mails mit. Dabei stießen sie auf bisher geheim gehaltene Seiten des jungen Moslems. Mahmoud hatte Zutritt zu hochkonspirativen Zirkeln im Internet, die tatsächlich zum Netzwerk der al-Qa’ida gehören. Herkömmliche Nutzer kommen in diese Foren nicht hinein. „Ein klandestines Netzwerk wird niemals auf Ansprache von außen reagieren. Die Rekrutierung geht von der al-Qa’ida selbst aus“, erklärt der deutsche Orientalist Hans-Peter Raddatz (siehe Interview). Das heißt: Mahmoud muss jedenfalls persönlichen Kontakt mit Mittelsmännern aus dem al-Qa’ida-Netzwerk gehabt haben.

Vergangene Woche griffen die Terrorfahnder zu – und Mahmoud schaffte es nun doch noch, als „erster al-Qa’ida-Terrorist Österreichs“ an die breite Öffentlichkeit zu gelangen. Mittwochvormittag stürmte eine Sondereinheit der Wiener Polizei die 40 Quadratmeter große Substandard-Wohnung in Wien-Fünfhaus, die Mahmoud gemeinsam mit seinen Eltern, zwei jüngeren Brüdern sowie seiner 20 Jahre alten Ehefrau Muna, die er erst vor wenigen Wochen geheiratet hatte, bewohnte. Er und seine Frau wurden verhaftet. Fast gleichzeitig, kurz nach zehn Uhr, nahm eine weitere Einheit des Wiener Sondereinsatzkommandos Aufstellung vor einer Wohnung in einem Gemeindebau am Rosa-Jochmann-Ring in Wien-Simmering. Die bewaffneten und vermummten Elitepolizisten traten gleich die Wohnungstür ein, hinter der sich der Pakistani O. mit seiner Frau befand. Wenige Sekunden später lag O. gefesselt am Boden. Ein Nachbar: „Die haben sich gebärdet, als würden sie Osama Bin Laden verhaften.“

Großeinsatz. 50 Beamte des BVT und ebenso viele Elitepolizisten des Wiener Sondereinsatzkommandos hatten gleichzeitig mit drei Verhaftungen und vier Hausdurchsuchungen Österreichs erste islamistische „Terrorzelle“ ausgehoben. Bedeutungsschwer zelebrierte Innenminister Günther Platter den historischen Moment im Fernsehen.

In einem im März dieses Jahres im Internet veröffentlichten Video hatten die drei Verhafteten Österreich und Deutschland aufgefordert, ihre Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Ansonsten müsse mit Anschlägen gerechnet werden.

Mahmoud soll den Text verlesen, O. soll gefilmt und Mahmouds Frau den arabischen Text übersetzt haben. Nun lautet der Vorwurf auf Nötigung und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Beide Delikte werden mit bis zu zehn Jahren Haft bedroht.

Am Tag nach Platters Medienauftritt wurde bekannt, dass am vergangenen Mittwoch ein vierter Verdächtiger verhaftet worden war. Der 35-jährige aus Marokko stammende Said N. war in der Provinz Quebec in Kanada festgenommen worden. N. ist für die kanadische Polizei kein Unbekannter und wird mit Bau von Bomben in Verbindung gebracht. Derzeit wird untersucht, ob Mahmoud bei ihm Sprengstoff kaufen wollte. Jedenfalls hatten die beiden Männer nach Einschätzung der Polizei intensiven Kontakt zueinander. Eilig betonte Innenminister Platter, dass Mahmoud nicht mit der Vorbereitung eines Anschlags beschäftigt gewesen sei. Jedenfalls seien keinerlei dahingehende Hinweise gefunden worden.

Die Online-Ausgabe des deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ stilisierte Mahmoud zum „Lautsprecher Bin Ladens“ hoch. Tatsächlich soll er ein wichtiger Mitarbeiter der deutschsprachigen Internetplattform „Globale Islamische Medienfront“ (GIMF) gewesen sein. GIMF wird auch als Kommunikationsnetz der al-Qa’ida bezeichnet. Fahnder des Wiener Innenministeriums fanden heraus, dass Mahmoud dort einschlägige Beiträge veröffentlicht hat.

Irak-Reise. Schon lange vor seiner Verhaftung hatte Mahmoud mit internationalen Kontakten geprahlt. In dem Schreiben, das er profil überreichte und das mit 14. August 2006 datiert ist, bekennt er seine Mitgliedschaft in der Salafia Aljihadia und Jihad Islam. Beides sind aus Ägypten stammende radikal-islamische Gruppierungen. In polizeilichen Verhören soll er außerdem angegeben haben, 2003 in irakischen Trainingscamps der al-Qa’ida an Übungen teilgenommen zu haben. Die Beamten wissen jedoch nicht, was sie von diesen Behauptungen halten sollen. Im Irak war er zwar, was er dort gemacht hat, ist unklar.

Ziemlich sicher kennt er den radikalen Mailänder Imam Abu Omar. Gegenüber dem Monatsmagazin „Datum“ gab er an, sogar ein halbes Jahr lang dessen Schüler gewesen zu sein. Gerne erzählte Mahmoud über Begegnungen mit dem Imam, Mitglied bei der ägyptischen Terrororganisation Jama’a al Islamye. 2003 war Abu Omar vom amerikanischen Geheimdienst in einem Militärflugzeug von Italien nach Ägypten entführt worden. Möglicherweise schmückt sich Mahmoud da mit einem Kontakt seines Vaters. Jedenfalls schilderte Mahmoud den Imam aus Mailand im profil-Gespräch „als eine Seele von Mensch. Er hat den Armen sein letztes Geld geschenkt.“ Später sei der Entführte in Ägypten gefoltert worden und sitze nun im Rollstuhl, sagte Mahmoud, der sich mit ungestutztem Vollbart als strenggläubiger Moslem kenntlich machte.

Ein italienisches Gerichtsprotokoll zum Verfahren gegen CIA-Angehörige wegen Entführung des Geistlichen vermerkt, ein Mailänder Kollege des Entführten sei mit dem Vater von Mahmoud in Wien in Kontakt gewesen. Von diesem habe er erfahren, dass sich „nur wenige Tage nach dem Kidnapping ein Mitarbeiter des österreichischen Geheimdienstes“ über Abu Omar erkundigt habe.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt stand Mahmouds Familie offenbar unter Polizeibeobachtung.

Die mithilfe westlicher Geheimdienste entführten Angehörigen der ägyptischen Terrororganisation Jamal Islamye, die für den blutigen Überfall auf Touristen in Luxor verantwortlich sind, verehrte Mahmoud fast wie Helden. Er verachtete die westliche Lebensweise, aber auch die aus seiner Sicht zu westlich orientierten Moslems. Mit der offiziellen Islamischen Glaubensgemeinschaft wollte er nichts zu tun haben. Mehrfach schilderte er profil gegenüber seine Abneigung gegen die offizielle Islamische Glaubensgemeinschaft. Diese würde nicht den wahren Islam vertreten und seien somit „kufr“, also Ungläubige.

„Wir hatten mit ihm oft Schwierigkeiten“, klagte der Integrationsbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Omar al-Rawi. So ließ sich Mahmoud auch den Namen „Islamische Jugend Österreichs“ schützen – und kam damit der offiziellen Organisation zuvor.

2005 gründete er seine eigene Jugendorganisation „Islamische Jugend Österreichs“ (IJOE), eine extremistische Splittergruppe, die kleinere Demonstrationen rund um den Karikaturenstreit oder gegen die US-Präsenz im Irak organisierte. Parallel zog er eine technisch gut gemachte Internetseite auf. Dort wurden Fotos von Misshandlungen von Moslems durch US-Soldaten und israelische Sicherheitskräfte gezeigt. Aber auch Kommentare zur Innenpolitik fanden sich dort, etwa zum Wahlkampf von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache.

Zur zehnjährigen Feier der „Moslemischen Jugend“, des offiziellen Ablegers der Glaubensgemeinschaft, wetterte er im Herbst 2006 im Internet gegen dort auftretende Musikgruppen, weil das Anhören von Musik „unislamisch“ sei. Nach Auffassung strenggläubiger Moslems sei Musik eigentlich nur Lärm, der es verunmögliche, die Stimmen der Engel zu hören.

Sharia statt Rechtsstaat. Zum österreichischen Rechtsstaat blieb er auf Distanz. Auf Flugblättern rief er seine Glaubensgenossen sogar dazu auf, der Nationalratswahl 2006 fernzubleiben, und behauptete kühn, wählen sei unislamisch. Dies brachte ihm polizeiliche Ermittlungen wegen Behinderung der Teilnahme an Wahlen ein. Daraufhin versandte Mahmoud verworrene Rechtfertigungs-Mails, wonach allen Moslems prinzipiell die Teilnahme an Wahlen in allen Ländern, in denen nicht die islamische Rechtssprechung der Sharia angewendet werde, untersagt sei.

Die Tätigkeit der al-Qa’ida kommentierte Mahmoud mit dem „legitimen Recht auf Selbstverteidigung“ der Moslems gegen „amerikanische Besatzer“. Die USA würden mithilfe befreundeter Staaten einen neuen „Kreuzzug“ gegen die islamische Welt starten. Auch der Anschlag auf das World Trade Center in New York sei von den Amerikanern inszeniert worden, um den Feldzug gegen Saddam Hussein starten zu können, erklärte Mahmoud gegenüber profil. Die paranoide Welt des Mohamed Mahmoud ist voll von Verschwörungen amerikanischer und israelischer Geheimdienste.

Interessant ist, wie Mahmoud sein Schreiben an profil schließt. Völlig ansatzlos beteuert er, dass „wir normal leben wollen. Wir hatten und haben auch nie vor, irgendetwas gegen Österreich zu tun, da Österreich uns nichts getan hat.“

Von Emil Bobi, Otmar Lahodynsky, Edith Meinhart und Martin Staudinger