„Israel ist im Begriff, in die
Selbst­isolierung zu geraten“

Der Historiker Fritz Stern (87) macht sich Sorgen über die Lage in Israel.

Interview: Michael Hesse

profil: In Ihrem neuen Buch äußern Sie Sorge über die Lage in Israel. Warum?
Stern: Ich sorge mich in vielerlei Hinsichten. Israel ist im Begriff, in die Selbstisolierung zu geraten. Ich glaube, dass sich die politisch-militärische Lage in den vergangenen Monaten verschlechtert hat. Dazu kommen noch der Aufstieg der Orthodoxen und der radikalen Rechten sowie ein Verlust an internationalem Ansehen. Bei aller Anerkennung dessen, was Israel geleistet hat, mache ich mir auch Sorgen um das demokratische Leben – wie viele andere auch. Aber es ist gleichzeitig ein gutes Zeichen, dass sich in Israel viele bewusst sind, wie sehr ihre eigene liberale Demokratie in Gefahr ist.

profil: Sie fordern auch, dass echte Freunde Israels das Land kritisieren sollen: Wer das tut, steht aber schnell unter Antisemitismus-Verdacht.
Stern: Die einfache Gleichung, dass sich Kritik an Israel aus antisemitischen Einstellungen speist, ist ein tiefer Unsinn. Man müsste sich aber viel mehr damit beschäftigen, wie die Israelis selbst die Behandlung der Palästinenser oder den Umgang mit der eigenen arabischen Bevölkerung betrachten.

profil: In der preisgekrönten TV-Dokumentation „The Gatekeepers“ („Töte zuerst“), die kürzlich auch in Europa ausgestrahlt wurde, erheben ehemalige israelische Geheimdienstchefs schwere Vorwürfe. Unter anderem beklagen sie, dass keine Regierung versucht habe, die radikalen Siedler zu stoppen.
Stern: Einerseits ist der Film erschütternd. Andererseits muss man sagen: Hochachtung vor einem Land, in dem solche schweren Vorwürfe gegen die eigene Regierung erhoben werden können. Diese Zerstückelung des palästinensischen Landes ist aber tatsächlich nicht akzeptabel. Ich will in keiner Weise so tun, als ob nur eine Seite die Schuld an der Situation tragen würde. Aber die beinahe permanente Besatzung war eine israelische Entscheidung, das Vorgehen dabei letztlich selbstzerstörerisch.

profil: Von wo kann ein Anstoß für eine Kursänderung kommen: aus den USA, Europa – oder nur aus Israel selbst?
Stern: Es müsste eine Kombination sein. Selbstverständlich von innen und von außen. Ich meine, dass man sich auch in Europa und den USA um eine andere Politik in Israel bemühen sollte. Die Chancen, dass sich etwas ­ändert, sind allerdings nicht besonders gut.

Zur Person
Fritz Stern, 87, 1938 vor den Nazis in die USA geflüchtet, ist als Historiker auf die Geschichte Deutschlands spezialisiert. Als sein Hauptwerk gilt „Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder“. Nun erscheint „Gegen den Strom“: ein Gesprächsband, in dem er mit dem deutschen Ex-Außenminister Joschka Fischer Themen der Weltpolitik diskutiert – besonders die Nahost-Frage.

Joschka Fischer und Fritz Stern. Gegen den Strom, Ein Gespräch über ­Geschichte und Politik. ­Verlag C. H. Beck, 2013, 223 Seiten, 20,60 Euro