Jäger der verlorenen Schätze

Meeresarchäologie. Vor der südspanischen Atlantikküste liegt der größte Schiffsfriedhof der Welt. Die archäologischen Schätze sind unermesslich - ihr materieller Wert geht in die Milliarden.

Vorsichtig entfernt Milagros Alzaga mit einer kleinen Saugmaschine den weißen Sand vom Meeresgrund. Nach und nach werden die Umrisse einer historischen, rund vier Meter langen Schiffskanone sichtbar. Über das in ihrer Taucherbrille eingebaute Mikrofon verständigt Alzaga eine Kollegin, die mit einer Unterwasserkamera herbeischwimmt, um Lage und Details der Kanone genau zu dokumentieren. Einige Meter weiter skizziert ein Experte für historische Schiffe auf einer speziellen Polyestertafel Wrackteile, die vom Heck des Schiffes stammen könnten.
Schon in den Monaten zuvor hatte das Team vom Zentrum für Meeresarchäologie in Cádiz (CAS) ein gutes Dutzend Kanonen, Kugeln, Anker, eisernes Ballastmaterial, Keramik, Flaschen sowie bronzene Bolzen gefunden. Selbst der Rumpf des Schiffes ist noch in groben Zügen erhalten. „Wir sind uns noch nicht ganz sicher, aber sehr wahrscheinlich handelt es sich um das französische Kriegsschiff ,Fougueux‘, das bei der Seeschlacht von Trafalgar untergegangen ist“, erklärt Meeresarchäologin Alzaga.

20 Schiffe versenkt. Die Schlacht von Trafalgar ging als eine der blutigsten Seeschlachten in die Geschichte ein. Am 21. Oktober 1805 schlug die Royal Navy unter Admiral Horatio Nelson den französisch-spanischen Flottenverband, der im Hafen der südspanischen Stadt Cádiz eingeschlossen war. Nelsons Sieg vereitelte nicht nur Napoleons Pläne für eine Invasion auf den Britischen Inseln, sondern beeinflusste indirekt auch das spätere Scheitern der napoleonischen Eroberungszüge auf dem europäischen Festland.
Rund 5000 Seeleute fanden bei Trafalgar den Tod. Die britische Flotte versenkte knapp 20 feindliche Kriegsschiffe, darunter auch die einzigartige „Santísima Trinidad“, Stolz der spanischen Marine. Mit ihren vier Decks und 126 Kanonen galt sie als das größte Kriegsschiff der damaligen Zeit. Ihr Wrack liegt noch immer irgendwo auf dem Meeresgrund zwischen Cádiz und Trafalgar.
Wie viele andere gesunkene Schiffe wurde auch die „Santísima Trinidad“ bisher nicht gefunden. Nach den meisten Wracks wird gar nicht gesucht. Dabei liegen die Schiffe hier nur wenige Meilen vor der Küste in relativ geringen Tiefen von maximal 35 Metern. Eine Bergung wäre weder technisch kompliziert noch besonders kostspielig. Selbst Hobbytaucher und Fischer haben leichtes Spiel, auf der Suche nach kostbaren Souvenirs zu den archäologisch wertvollen Fundstellen zu gelangen.
Das staatliche Zentrum für Meeresarchäologie verfügt aber weder über das nötige Personal noch über die erforderlichen Budgetmittel, um diese Sisyphusarbeit in Angriff zu nehmen. „Selbst mit modernster Technik, die wir nicht haben, wäre es nahezu unmöglich, all diese Schiffe zu suchen, geschweige denn, sie zu bergen“, gibt Alzaga offen zu. Denn an keinem anderen Ort der Welt – nicht einmal in der Karibik – gibt es so viele versunkene Schiffe wie vor der südspanischen Atlantikküste zwischen Tarifa und Ayamonte. An die 900 Wracks liegen hier auf dem Meeresgrund.

Historiker und Meeresarchäologen appellieren seit Jahren an die spanische Regierung, die archäologisch äußerst wertvollen Funde zu bergen, da viele der Kostbarkeiten im Sand versinken, vom Salzwasser langsam zerstört oder einfach geraubt werden. Rund 80 Prozent aller an der spanischen Küste bisher untersuchten archäologischen Fundstellen wurden zuvor teilweise geplündert oder zumindest verändert, klagen Meeresarchäologen.
Der spanische Staat scheint die Dringlichkeit nicht zu sehen. Zwar unterzeichnete Spanien im Jahr 2001 als eines der ersten Länder das Unesco-Abkommen zum Schutz der Meeresschätze, das unter anderem vorsieht, nicht gefährdete archäologische Fundstellen unberührt auf dem Meeresboden zu belassen. Aber die konstante, von modernen Schatzsuchern ausgehende Gefahr hat weiter zugenommen, seit die amerikanische Schatzbergungsfirma Odyssey Explorer im vergangenen Frühjahr vor der spanischen Atlantikküste 500.000 Gold- und Silbermünzen im Wert von 500 Millionen Dollar gefunden hat.
Fachleute schätzen den Wert der vor der Küste bei Cádiz versunkenen Schiffsladungen auf rund 24 Milliarden Euro. „Vor der spanischen Atlantikküste dürften rund 180 Schiffe auf dem Meeresgrund schlummern, die mit Gold, Silber und Perlen beladen waren“, schätzt Juan Manuel Garcia, Vorsitzender der Vereinigung zur Wiedergewinnung spanischer Galeonen. Drastischer formuliert es Manuel Martín Bueno, Spaniens unbestrittener Pionier auf dem Gebiet der Meeresarchäologie: „Auf dem Meeresgrund im Golf von Cádiz liegt mehr Gold als in der spanischen Nationalbank.“

Schwarzmarktpreise. Natürlich liegen die Goldmünzen nicht einfach so auf dem Meeresgrund herum. Die meisten der wertvollen Schätze müssten mit professionellem Gerät geborgen werden, erklärt Bueno. So sind es vor allem die kleinen archäologischen Schätze, die am häufigsten gestohlen werden. Immerhin erzielt eine antike Amphore aus römischer Zeit auf dem Schwarzmarkt mit Leichtigkeit zwischen 300 und 500 Euro, eine Bronze-Kanone aus dem 17. Jahrhundert sogar bis zu 50.000 Euro. Für Goldmünzen mit dem Siegel der spanischen Krone oder Keramik phönizischer Herkunft zahlen Sammler kleine Vermögen.
Ein Blick in die Laborräume des Zentrums für Meeresarchäologie in Cádiz verdeutlicht Vielfalt und Wert der archäologischen Funde, die auf dem Meeresgrund vor der südspanischen Atlantikküste liegen: vorchristliche Amphoren römischer Siedler, punische Vasen aus dem 1. Jahrhundert, phönizische Parfümbehälter aus dem 3. Jahrhundert und Kanonen verschiedenster Provenienz. Stolz zeigt Zentrumsleiterin Carmen Garcia einen vergoldeten Säbelgriff, den das CAS-Archäologenteam vor wenigen Wochen in einem französischen Schiffswrack gefunden hat.
Die meisten archäologischen Funde stammen allerdings aus dem 15., 16. und 17. Jahrhundert. Nach der Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 begannen die Spanier schon bald mit der Ausbeutung ihrer Kolonien in der Neuen Welt. Allein in den Jahren 1503 bis 1660 entluden die spanischen Galeonen im Hafen von Sevilla die unvorstellbare Menge von 185 Millionen Tonnen Silber. Gold aus den mexikanischen Minen und wertvolle Gewürze aus Mittel- und Südamerika strömten tonnenweise über die Carrera de Indias, die so genannte „indische Route“, nach Sevilla, dem Kontroll- und Umschlagplatz für den gesamten Amerika-Handel.

Der Weg nach Sevilla führte durch den Guadalquivir-Fluss, der nördlich von Cádiz bei Sanlúcar de la Barrameda ins Meer mündet. Hunderte Schiffe kenterten bei dem Versuch, in den Fluss einzufahren. Die nach der langen Atlantiküberfahrt oftmals schwer beschädigten Galeonen hielten entweder den regelmäßigen Stürmen im Golf von Cádiz nicht stand, oder die Kapitäne verschätzten sich beim Einlaufen in den Fluss mit Ebbe und Flut, sodass die Segler auf Grund liefen. Andere Schiffe fielen wiederum Piraten zum Opfer, die nur darauf warteten, die prall gefüllten spanischen Galeonen in Empfang zu nehmen.

Ältester Hafen. Doch im Golf von Cádiz sind auch Ladungen und Überreste antiker römischer, griechischer, byzantinischer, punischer oder phönizischer Schiffe zu finden. Aufgrund seiner Lage am Eingang zur Straße von Gibraltar, dem auch heute noch meistbefahrenen Seeweg der Welt, war der Golf von Cádiz schon in der Antike eine der wichtigsten Handelszonen der damaligen Welt. Cádiz selbst ist mit seiner 3000-jährigen Geschichte die älteste Hafenstadt Europas. Noch vor den Spaniern siedelten sich hier Phönizier, Römer und Araber an. Sie alle haben auch – oder vor allem – im Meer ihre archäologischen Spuren hinterlassen. Bei den neueren Wracks handelt es sich wiederum um Kriegsschiffe aus dem 18. und 19. Jahrhundert, als vor allem England, Spanien und Frankreich um die militärstrategisch wichtige Kontrolle der Meerenge von Gibraltar kämpften.
Die sich daraus ergebende Vielfalt archäologischer Unterwasserschätze ist auch Schatzsuchern bekannt. In welchen Dimensionen die Plünderungen teilweise stattfinden, zeigt Josefa Garcia Bejarano von der Tauchschule Novojet an einer nur zwei Seemeilen von der Küste von Sancti Petri entfernten Boje: Bereits in fünf Meter Tiefe ist die erste Kanone zu sehen. In einem kleinen darunterliegenden Graben zeigt sich ein grandioser Anblick: In nur 20 Meter Tiefe liegen mehr als 60 Kanonen, vier bis zu fünf Meter große Anker und zahlreiche Kanonenkugeln kreuz und quer auf dem Meeresgrund verstreut.
Gleich daneben deutet Tauchlehrerin Bejarano, die sich unter anderem auf archäologische Unterwasserführungen für Touristen spezialisiert hat, auf einen langen Schlauch einer Sandsaugmaschine. Schatzräuber haben ihn vor zwei Jahren auf der Flucht vor der anrückenden Küstenwache liegen gelassen. Taucher hatten die Guardia Civil in Cádiz über ein verdächtiges Schiff namens „Louisa“ informiert. Die Beamten verhafteten ein Dutzend Schatzsucher, die historische Gegenstände gleich haufenweise aus dem Wasser geholt hatten. „An einem anderen
Ort haben sie sogar einen ganzen Plastiksack, prall gefüllt mit über 50 Kanonenkugeln, zurückgelassen“, erinnert sich Bejarano.
„Eine Schande!“, sagt Juan Manuel Garcia von der Vereinigung zur Wiedergewinnung spanischer Galeonen. „Immerhin wurde die Geschichte Spaniens vor allem auf den Weltmeeren geschrieben. Vor unseren Augen wird unsere kulturelle Identität zerstört.“ Besonders empörend findet Garcia, dass es seitens der spanischen Regierung kein Konzept zur wissenschaftlich begleiteten Bergung der Kulturschätze gebe.
Da der Staat offenbar wenig für die Erhaltung der archäologischen Schätze tut, treten immer häufiger private Unternehmen in Erscheinung. So hat beispielsweise der Meeresarchäologe Javier Noriega Hernández mit seinem Unternehmen
Nerea Arqueología Subacuática in Zusammenarbeit mit der Universität von Málaga das Satelliten-Überwachungsprogramm Vyamsat entwickelt, mit dem alle registrierten Unterwasserschätze beobachtet und alle Annäherungen an die gesetzlich geschützten Zonen per GPS aus dem All verfolgt werden.

Kommerzielle Projekte. Andere Privatinitiativen, wie etwa das „Projekt Poseidon“, werden von Experten kritischer gesehen. Die an archäologischen Fundorten unter Wasser angebrachten Poseidon-Bojen schießen an die Wasseroberfläche und alarmieren per Funksignal die Küstenwache, sobald sich Schatzräuber dem Fund-ort nähern. Meeresarchäologe Manuel Martín Bueno hält das Projekt zwar für eine „nette Idee, aber es ist eine als wissenschaftliche Arbeit getarnte kommerzielle Aktion“. Schließlich plant Poseidon-Chef Gonzalo Millán del Pozo Tauchsafaris zu archäologischen Unterwassermuseen, dazu spezielle Ausbildungszentren für Meeresarchäologen, an deren Bau und Betrieb er selbst oder einer seiner Geschäftsfreunde finanziell beteiligt ist.

„Es muss etwas geschehen!“, fordert Mariano Aznar, Professor für Internationales Recht an der Universität Valencia. „Wir brauchen beispielsweise eine spezielle Institution, die sich konkret um die praktischen Überwachung der archäologischen Fundorte kümmert. Das soll auf einer im November stattfindenden Konferenz zwischen Fachleuten und Regierungsvertretern auch zur Sprache kommen“, so
Aznar.
Dass eine spezielle Bewachung der archäologischen Fundorte derzeit nicht möglich ist, gibt auch José Manuel Dueñas, Chef der Küstenwache in Cádiz, offen zu: „Bei unseren täglichen Patrouillenfahrten entlang der Küste kontrollieren wir zwar immer die Stellen, die uns das Zentrum für Meeresarchäologie als archäologisches Schutzgebiet angegeben hat.“ Vorrangig müssten sich die Beamten aber um Drogenschmuggler und illegale Immigranten kümmern, die fast täglich versuchen, von der nur 20 Kilometer entfernten marokkanischen Küste nach Europa zu gelangen. Einen Schatzräuber auf frischer Tat zu ertappen sei Glückssache und Nebenprodukt, so Dueñas.
Beim Aufspüren von Schatzräubern sind die CAS-Meeresarchäologen sowie die Küstenwache vor allem auf die Hilfe von Fischern und Tauchbasen angewiesen. Doch das Verhältnis ist getrübt, nachdem die Helfer von Archäologen wie Polizei wiederholt und wohl nicht immer zu Unrecht der potenziellen Mittäterschaft bezichtigt wurden.
Die spanische Gesetzgebung macht die Sache nicht einfacher: Sowohl die Bergung als auch der Handel archäologischer Funde ist verboten. Zufällige Funde sind innerhalb von 48 Stunden den zuständigen Behörden zu melden, sonst macht man sich strafbar. Den gesetzlich vorgesehenen Finderlohn von zehn Prozent des archäologischen Wertes erhalten aber die wenigsten, da die andalusische Regionalregierung in den meisten Fällen nicht zu Unrecht davon ausgeht, dass die Funde nicht wirklich zufällig waren. So bevorzugen Fischer wie Taucher trotz teilweise beachtlicher Strafen den Weg auf den Schwarzmarkt, sollten sie einen archäologischen Fund machen.
Milagros Alzaga hofft auf eine baldige Lösung. Denn jedes Mal, wenn irgendwo ein Gegenstand geklaut oder beschädigt wird, fehlt ihr ein „Teil vom Puzzle“. Erst vor wenigen Monaten wurde auch ihr französisches Wrack vor San Fernando erneut von einem Schatzräuber heimgesucht. „Auf einmal fehlten 60 Zentimeter lange Bronzebolzen, die zuvor tief im Holz des Schiffsrumpfes steckten. Die kann nur jemand herausgezogen haben. Die Strömung kann es nicht gewesen sein, die hat nicht diese Kraft“, sagt die Archäologin.

Von Manuel Meyer, Cádiz