Jagd auf Holocaust-Leugner Williamson:
Warum der Bischof nicht ins Gefängnis muss

Pius-Bruder Richard Williamson hat den Holocaust geleugnet. Alle Welt jagt ihn, aber wie soll man ihn bestrafen? Manche, die ihn ächten, meinen: gar nicht.

Von Robert Treichler

Seine Exzellenz, der Bischof, nehme an einer einmonatigen spirituellen Klausur teil und möchte nicht gestört werden, wird Fremden beschieden, die zum Anwesen der Pius-Bruderschaft in Wimbledon, südwestlich von London, kommen. Das ist für einen 69 Jahre alten Geistlichen nicht weiter ungewöhnlich, doch Richard Williamson ist ein besonderer Würdenträger. Der gottesfürchtige Mann, der Briefe an seine Anhänger immer mit den Worten „Kyrie eleison“ (Herr, erbarme dich) schließt, sucht im Schutze des Saint George’s House Zuflucht vor den Fährnissen der profanen Welt. Genauer gesagt wird gegen Williamson in Deutschland und Frankreich wegen Leugnung des Holocaust ermittelt, aus Argentinien wurde er offiziell wegen Unregelmäßigkeiten in seiner Aufenthaltsgenehmigung ausgewiesen, und bald schon könnte der Bischof per europäischen Haftbefehl gesucht werden.

Alle Welt jagt Richard Williamson. Grund dafür ist ein Interview, das der Bischof vergangenen November dem schwedischen TV-Sender SVT gegeben hat. Darin sagte Williamson unter anderem, es habe im Dritten Reich keine Gaskammern gegeben, und es seien nicht sechs Millionen Juden ermordet worden, sondern „zwischen 200.000 und 300.000“. Das Interview wurde am 21. Jänner ausgestrahlt, nicht ganz zufällig an dem Tag, als der Vatikan die Exkommunikation der Bischöfe der Pius-Bruderschaft aufhob – und damit auch Williamson in den Schoß der katholischen Kirche zurückholte. In seinem Amt als Bischof bleibt er kirchenrechtlich weiterhin suspendiert. Das stört den Briten jedoch kaum, denn Williamson neigt zum Ungehorsam.

Aber was soll man mit einem Mann tun, der seine fünf Minuten Weltruhm dazu benutzt, den Holocaust zu leugnen? Jedes Mal, wenn ein Revisionist übermäßig auffällig wird, stellt sich die Öffentlichkeit dieselbe Frage, und jedes Mal gibt es zwei konkurrierende Antworten: strafrechtlich verfolgen oder nicht. Soll Bischof Williamson ins Gefängnis, oder erhebt ihn das womöglich in den Augen einiger seiner treuesten Schafe gar zum Märtyrer?

Geboren wurde Richard Nelson Williamson 1940 in der südenglischen Grafschaft Buckinghamshire als zweiter von drei Buben einer streng protestantischen Familie. Aufgrund seiner Begabung erhielt er ein Stipendium für die Eliteuniversität Cambridge und schloss ein Literaturstudium ab. Er lebte als Lehrer in Afrika und konvertierte nach seiner Rückkehr nach England 1971 zum Katholizismus; trat in einen Orden ein, den er jedoch nach wenigen Monaten wieder verließ, um sich der traditionalistischen Pius-Bruderschaft anzuschließen. Deren Gründer, Erzbischof Marcel Lefebvre, weihte Williamson 1976 zum Priester und 1988 in einer vom Vatikan unerlaubten Weihe zusammen mit drei anderen zum Bischof. Von diesem Zeitpunkt an war Williamson exkommuniziert.

Widerspruch. Er weihte seinerseits unerlaubt Priester und Diakone und wetterte gegen den Irrweg, den Rom seiner Ansicht nach mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeschlagen hatte. Mit der schismatischen Situation kam der Widerspruchsgeist allem Anschein nach gut zurecht, Abweichlertum liegt ihm im Blut. In seinem Weblog „Dinoscopus“ (http://dinoscopus.blogspot.com/) vermengt er ultratraditionalistisches Gedankengut christlicher Prägung mit bildungsbürgerlichen Elementen und diversen Verschwörungstheorien zu pastoral vorgetragenem Nonsens. Textprobe: „Wacht auf! Der 11. September ist ein religiöses Problem! Kyrie eleison“.

Als einer der Hand voll Bischöfe von Lefebvres Fundi-Kirche genießt Williamson das Ansehen einer nicht zu unterschätzenden Gemeinde. Die Pius-Bruderschaft zählte im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben 486 Priester in 63 Ländern und betrieb 88 Schulen und immerhin zwei Univer­si­täten. Doch außerhalb der verschworenen Pius-Gesellschaft nahm niemand von ­Williamsons antijüdischen, antimodernen, frauenfeindlichen Predigten Notiz – bis zur Aufhebung der Exkommunikation. Als in diesem Moment das Licht der Öffentlichkeit auf die aufmüpfigen Brüder fiel, dozierte Williamson den Unfug von der wissenschaftlich beweisbaren Unmöglichkeit von Gaskammern im Dritten Reich.

Wie seine einschlägig bekannten Kollegen berief sich der Mann im schwarzen Talar mit purpurroten Knöpfen auf den absurden „Report“ des amerikanischen Holocaust-Leugners Fred Leuchter. Dieser präsentierte seine haltlosen Thesen, die den Massenmord in den Vernichtungslagern widerlegen sollen, bei einem Gerichtsverfahren in Kanada, um den dort lebenden Holocaust-Leugner Ernst Zündel zu entlasten. Stattdessen offenbarte sich in dem Verfahren Leuchters frappierende Inkompetenz. Williamson, der gern den Anschein erweckt, alles zu hinterfragen, stört das nicht.

Haftbefehl. Da das Interview mit dem britischen Bischof in der bayrischen Stadt Regensburg stattgefunden hatte, wurde die dortige Staatsanwaltschaft aktiv. In Deutschland steht Holocaust-Leugnung, ebenso wie in Österreich, unter Strafe. Der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok appellierte via „Bild“-Zeitung an die deutsche Justiz, einen europäischen Haftbefehl gegen Richard Williamson zu prüfen. Auch Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) stellte dies in Aussicht. In Deutschland, wie auch in Österreich, sieht man Leute wie Williamson gern hinter Gittern. Bei der Staatsanwaltschaft in Regensburg allerdings gab man sich vergangene Woche in dieser Frage etwas realistischer: „Aus Verhältnismäßigkeitsgründen“ sei an einen Haftbefehl nicht gedacht, sagte Oberstaatsanwalt Edgar Zach auf profil-Anfrage. Die zu erwartende Strafe sei zu niedrig, die Höchststrafe liegt in Deutschland bei fünf Jahren.
Bei Abwesenheit eines Angeklagten kann von der deutschen Justiz auch ein Strafbefehl an den Verteidiger zugestellt werden. Erhebt dieser keinen Einspruch, wird die Strafe rechtskräftig.

Einen Auslieferungsantrag an Großbritannien wird die deutsche Justiz im Fall Williamson höchstwahrscheinlich gar nicht stellen. Zuletzt hatte sie versucht, die Auslieferung des Holocaust-Leugners Fredrick Töben durch die britischen Behörden zu erzwingen. Töben wurde verhaftet, das Gericht verweigerte die Auslieferung, die Berufung der deutschen Justiz wurde vom High Court abgelehnt, denn die Leugnung des Holocaust stellt in Großbritannien kein Delikt dar. Töben kam vergangenen November frei. Sein Anwalt war Kevin Lowry-Mullins – er vertritt nun Richard Williamson.

Lowry-Mullins ist sich seiner Sache völlig sicher: Großbritannien werde Williamson nicht ausliefern, weder an Deutschland noch an Frankreich. Auch dort wird gegen Williamson ermittelt, obwohl die ihm vorgeworfene strafbare Handlung nicht auf französischem Boden stattfand. Angezeigt wurde Williamson in Paris von der Ligue Internationale contre le Racisme et L’Anti-sémitisme (Licra). Alain Jakubowicz, Anwalt der Licra, argumentiert gegenüber profil, dass durch Williamsons Äußerungen auch in Frankreich Schaden entstanden sei. Das französische Gesetz biete die Möglichkeit, das Leugnen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verfolgen, „also nutzen wir dies, denn dieser Fall hat in Frankreich enormes Echo hervorgerufen“, so Jakubowicz. Williamson könne auch in Abwesenheit verurteilt werden, wahrscheinlich sei eine bedingte Haftstrafe oder eine Geld­buße. In Österreich verzichtete die Israelitische Kultusgemeinde wegen mangelnder Erfolgschancen auf eine Verurteilung Williamsons auf eine Anzeige. So droht nirgendwo eine echte Gefahr für Williamson, eingesperrt zu werden.

Das muss kein Fehler sein , und das ist nicht nur die Meinung von Revisionisten. Als die deutsche Regierung vor zwei Jahren anregte, das Leugnen des Holocaust europaweit unter Strafe zu stellen, regte sich etwa in Großbritannien heftiger Widerstand. Dort herrscht die Ansicht vor, solche Gesetze seien wenig effektiv, stattdessen aber eine tendenzielle Gefahr für die Meinungsfreiheit. Das britische Magazin „Economist“ fasste damals die Einwände zusammen: Dass ein solches Gesetz Antisemitismus vorbeugen könne, sei „höchst zweifelhaft“, außerdem bestehe die Gefahr, dass es auf andere Genozide ausgeweitet werde.

In Großbritannien war die Empörung über Williamsons Äußerungen nicht geringer als in Frankreich oder Deutschland. Die Straflosigkeit macht den Revisionismus auch nicht salonfähig oder gar zum Massenphänomen. Zwar halten sich in England notorische Holocaust-Leugner auf wie der in Österreich einst inhaftierte David Irving, das frühere Fotomodell Michele Renouf, genannt „Lady Renouf“, oder auch zuweilen Fredrick Töben, der in Australien die revisionistische Website des Adelaide Institute betreibt. Doch der Kreis der Holocaust-Leugner bleibt ein winziges Phänomen rund um ein paar Wirrköpfe, die zwischen Größenwahn und Selbstmitleid pendeln und mit großem Sendungsbewusstsein von „historischen Fakten“ faseln, deren Verbreitung unterdrückt werde. Töben etwa schreibt im Internet: „Wenn Sie beginnen, die Holocaust-Shoah-Erzählung anzuzweifeln, müssen Sie auf persönliche Opfer vorbereitet sein, auf das Zerbrechen von Ehe und Familie, den Verlust der Karriere und auf Gefängnisstrafen.“ Was klingt wie eine Warnung, soll potenzielle Mitstreiter motivieren, sich auf das Abenteuer Holocaust-Leugnung einzulassen.

Isolation. Eine Sanktionsdrohung wie die Höchststrafe von zehn Jahren Haft wegen Wiederbetätigung im österreichischen Strafgesetzbuch ist in Europa einzigartig und lässt liberale Gemüter erschauern. Geringere Strafen wiederum bergen die Gefahr, dass Angeklagte die Gerichtsverfahren gern als öffentliches Forum missbrauchen. Die gesellschaftliche Ächtung hingegen scheint den größten Druck zu entfalten. Bei Richard Williamson liegt die Verantwortung einerseits beim Vatikan, andererseits bei der Pius-Bruderschaft. Beide müssen sehen, wie sie den Antisemiten in ihren Reihen loswerden, um schlimmen Schaden an ihrer Reputation abzuwenden. Keine Organisation kann es sich erlauben, mit dem Leugnen des Holocaust identifiziert zu werden.

Die einmonatigen spirituellen Exerzitien , die sich Williamson auferlegt hat, lassen vermuten, dass die Pius-Bruderschaft darauf hofft, anhaltendes Schweigen könne die Sache vergessen machen. Das scheint jedoch erstens fraglich, und zweitens ist Schweigen bestimmt nicht Williamsons Stärke. Davon zeugt sein Weblog. Außerdem neigen Holocaust-Leugner oft zur Wiederholungstat. Über kurz oder lang bleiben freischaffende Revisionisten wie Zündel, Irving oder Töben ohne nennenswerte Bedeutung. Sie verfügen über keine anderen Plattformen als ihre meist jammervollen Websites, denn niemand sonst publiziert ihren Unsinn. Ökonomisch halten sie sich dank unklarer Zuwendungen über Wasser, eine politische Gefolgschaft ist nirgendwo in Sicht. Die Gesellschaft kann sicher sein, von sehr sporadischen Momenten der Aufregung abgesehen, von Holocaust-Leugnern unbehelligt zu bleiben. Auch Williamson wird es schließlich nicht besser ergehen. Auf ihn wartet im besten Fall als Einkehr getarnte Isolation. Kyrie eleison ist dafür kein unpassendes Motto.