Jahresrückblick von Sven Gächter

Jahresrückblick von Sven Gächter Zehn Jahre sind genug

Zehn Jahre sind genug

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Das Verblüffendste am dritten Millennium war, dass es überhaupt begann. Ende 1999 zeitigte eine simple programmiertechnische Schlamperei hysterische Spätfolgen. Da in der Frühphase der Computerära Speicherplatz knapp gewesen war, wurden Jahreszahlen auf die letzten zwei Ziffern beschränkt, weshalb beim Dekadensprung fatale Mehrdeutigkeiten drohten: Die Kombination 00 konnte 2000 bedeuten oder 1900 – oder auch schlicht nichts, was landläufige Rechner, wenn sie verstockt genug waren, im besten Fall mit Untätigkeit, im schlimmsten jedoch mit Implosion hätten quittieren können. Apokalyptiker prophezeiten einen erdumspannenden Netzwerk-Crash mit fatalen Konsequenzen, bis hin zur Auslöschung der Zivilisation aufgrund nuklearer Selbstbeschleunigungsprozesse.

Der Jahreswechsel verlief jedoch weitgehend pannenfrei, und die kollektive Erleichterung darüber war möglicherweise der letzte unbeschwerte Moment der Menschheit. Wann das neue Jahrtausend endgültig anfing, ist eine Frage der paradigmatischen Präferenzen. Österreich hatte es besonders eilig und vollzog die Zeitenwende bereits am 4. Februar 2000, mit der Angelobung der schwarz-blauen Regierung unter Wolfgang Schüssel. Der Rest der Welt wartete noch ein wenig zu und wurde erst am 11. September 2001 von einem Gespenst wachgerüttelt, das bis heute keine Ruhe gibt. Geschichtsbeseelte wiederum verweisen auf den 1. Mai 2004, als die Europäische Union mit der Osterweiterung das Erbe zweier Weltkriege begradigte und damit immerhin das 20. Jahrhundert ein für alle Mal abschloss. Netz-Euphoriker schließlich gehen bis ins Jahr 1999 zurück, weil damals der Begriff „Web 2.0“ geprägt wurde, wenn auch unter Ausschluss einer breiteren Öffentlichkeit.

Über das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts kann man zweifelsfrei nur so viel mit Sicherheit sagen, dass es nun zu Ende geht, was angesichts der bleibenden Schäden, die es hinterlässt, wenig tröstlich erscheint. Terrorismus, Finanz- und Wirtschaftskrise, Rechtspopulismus, Klimawandel, Internetrevolution: Keines -dieser Megaphänomene ist, was seine Ursprünge betrifft, eine genuine Eigenentwicklung der ausklingenden Dekade, doch jedes davon hat in den vergangenen Jahren Dimensionen angenommen, die das globale Immunkräftegleichgewicht vor vollkommen neue Herausforderungen, wenn oft nicht gar prinzipiell infrage stellen. Das Phänomen der Globalisierung, in den neunziger Jahren primär noch als Schlagwort für grenzüberschreitende ökonomische Verflechtungsprozesse verwendet, scheint längst sämtliche Lebensbereiche erfasst zu haben. Alles hängt mit allem zusammen, wobei der -utopische Horizont dieser Einsicht inzwischen bedrohlich geschrumpft ist: Wenn es irgendwo kracht, dann kracht es überall – in der Regel gewaltig. Die Leistungsbilanz der so genannten „nuller“ Jahre kann ohne defätistischen -Überschwang als eine Abfolge von epochalen Crashs formuliert werden, und dass diese oft in einer durchaus kausalen -Beziehung zueinander stehen, verschärft ihre Wirkung eher, als sie zu neutralisieren.

Durch das allgegenwärtige Funktionsprinzip der Vernetzung – im technologischen, ökonomischen und symbolischen Sinn – ist die Welt in Wahrheit nicht größer, sondern kleiner geworden – und ungleich anfälliger für massive Betriebsstörungen. Wenn diese überhaupt noch behoben werden können, sind drastische Maßnahmen erforderlich, doch niemand weiß, wie sehr die Drastik der Maßnahmen auf Dauer wiederum das System gefährdet, dessen Rettung sie eigentlich garantieren sollten – ganz abgesehen davon, dass in vielen Fällen noch nicht einmal Konsens über Notwendigkeit und Charakter der Maßnahmen besteht.

Dem Menschen des frühen 21. Jahrhunderts ist die Unbekümmertheit abhandengekommen, weil er von einer Schockstarre zur nächsten taumelt: Dem Entsetzen über 9/11 folgte die Angst vor einem terroristischen Flächenbrand, das Platzen der Spekulationsblase führte zu panischen Massenarbeitslosigkeits- und Verarmungsfantasien, und der galoppierende Klimawandel hat den Homo sapiens in existenzbedrohende Turbulenzen gestürzt. Die Erkenntnis, dass die Urheber der Probleme auch deren natürliche Opfer sind, mag in einem equilibristischen Weltbild für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen – doch so viel metaphysische Coolness erscheint selbst nach rund 160.000 Jahren Gattungsgeschichte ein wenig frivol.

Angesichts der buchstäblich überlebenskritischen Situation sehnt der Mensch sich nach Geborgenheit. Diese findet er heute vorzugsweise im World Wide Web, wo für jedes noch so minoritäre Bedürfnis eine passende Nische – einschließlich interessenaffiner Zeitgenossen – bereitgestellt wird. Die Illusion von Gemeinschaft, die das Internet wie kein anderes Medium stiftet, ist allerdings trügerisch, denn sie kann die systemimmanente Kraft der Anonymität niemals überwinden. Am Ende bleibt jeder allein mit seinem Rechner, auch wenn er dieses Schicksal mit hunderten „friends“ und „followers“ teilt. Das Zeitalter maximaler Mobilität, Vernetzung und Beschleunigung hat zugleich eine neue, paradoxe Form von Entfremdung produziert, die durch die Lage der Dinge in der Welt „draußen“ und das bange Bewusstsein, dass Systeme, die ständig an ihre Grenzen stoßen, irgendwann nicht mehr expandieren, sondern kollabieren, zusätzlich verschärft wird.

Der einzige unumstrittene Gewinner der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts ist deshalb ein alter Bekannter, von dem man sich im neoliberalen Fortschritts- und Selbstverwirklichungsrausch eigentlich schon verabschiedet hatte: der Staat. Unter dem Allzwecktitel des Kriegs gegen den Terror feierte er ein fulminantes Comeback und ließ die Muskeln, die er sich über Jahre hinweg kleinlaut abtrainiert hatte, plötzlich wieder machtvoll spielen. Ein im Zweifelsfall auch repressives Sicherheitsdenken avancierte zur amtlichen Doktrin – um den Preis vieler substanzieller Freiheiten, die der Bürger sich im Zuge seiner politischen Emanzipation lange und hart hatte erkämpfen müssen. Als die globale Finanzarchitektur im Herbst 2008 final zu crashen drohte, schlug die zweite große Stunde des Prinzips Staat. Seither liegt das Gesetz des Handelns fast vollends bei ihm, was einerseits beruhigend wirkt, andererseits aber auch nur insofern, als man unter dem Eindruck eines tief sitzenden Krisentraumas gern ausblendet, dass der scheinbar omnipotente Staat seine Hilfsdienstleistungen letztlich immer nur im Namen – und auf Kosten – derer erbringen kann, die ihn konstituieren: der Bürger.

Es gibt am Ende dieses eher unseligen als triumphalen Jahrzehnts viele Gründe, die Funktionsmechanismen zumal des westlich-liberalen Lebensstils ernsthaft zu hinterfragen: Profitgier, Konsumfetischismus, Plünderung der Ressourcen, Gefährdung der eigenen Spezies. Doch keiner dieser Gründe kann stark und stichhaltig genug sein, um ihm aus lauter dumpfer Verzweiflung die Integrität und Selbstbestimmtheit des Individuums zu opfern. Eine der alarmierenden Entwicklungen der vergangenen Jahre ist die fatale Tendenz des eigenverantwortlichen Subjekts, die Abwicklung von Konflikten an übermächtige Institutionen abzutreten und sich diesen damit auf Gedeih und Verderb auszuliefern. Die Sehnsucht nach Stärke zementiert immer nur die eigene Schwäche.
Der Sehnsucht nach Stärke – oder zumindest nach Souveränität und vertrauenswürdigem Glamour – ist zu einem erheblichen Teil auch der Hype um Barack Obama geschuldet, eine der wenigen globalen Lichtfiguren, die das abgelaufene Jahrzehnt hervorgebracht hat. Die fast kultische Verehrung, die dem ersten farbigen Präsidenten der USA weit über seine home base hinaus entgegenschlägt, dokumentiert letztlich das aller fortschreitenden Hysterie zum Trotz wohl zentrale Lebensgefühl dieser Zeit: Ohnmacht.

Doch dass ein Mensch – und sei er noch so edel, hilfreich und gut – die rundum aus den Fugen geratenen Verhältnisse nicht im Alleingang wieder zurechtrücken kann, dämmert inzwischen auch den frommsten Heilkundlern. Immerhin kam Barack Obama -gerade noch rechtzeitig genug, um einer eher düsteren Dekade ein versöhnliches Licht aufzusetzen.
„Die Dinge haben eine Entwicklung genommen, für die in historisch feststellbaren Epochen kein Beispiel ist. Wer das nicht in jedem Nerv spürt, mag getrost die gemütliche Einteilung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit fortsetzen. Mit einem Mal wird man gewahren, dass es nicht weiter geht“, schrieb Karl Kraus 1909. „In den letzten dreißig Jahren ist mehr geschehen als vorher in dreihundert. Und eines Tages wird sich die Menschheit für die großen Werke, die sie zu ihrer Erleichterung geschaffen hat, aufgeopfert haben.“

Ist dieser kritische Tag in den vergangenen hundert Jahren -näher oder weiter weg gerückt? Darüber sollen Zukunftsforscher, Verschwörungstheoretiker und Crash- oder Wellness-Philosophen sich streiten. Die „nuller“ Jahre sind abgeschlossen. Doch Geschichte verläuft bekanntlich nahtlos – die „zehner“ Jahre können ihren großen Auftritt kaum noch erwarten. Eines jedenfalls steht jetzt schon fest: Sie müssen sich nach den Grenzerfahrungen der jüngsten Zeit gar nicht besonders anstrengen, um uns wieder ein bisschen fröhlich zu stimmen.