Jahrestag: Als ein Reich zerfiel
Sarajevo Teil I: Der Weg in den Weltkrieg

Die Schüsse auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand hallen bis heute nach.

Am Ende schienen alle froh zu sein, dass er tot war. „Eine höhere Macht hat wieder jene Ordnung hergestellt, die ich nicht zu erhalten vermochte“, seufzte Kaiser Franz Josef, als er am 28. Juni 1914 die Nachricht von der Ermordung seines Neffen und Thronfolgers Franz Ferdinand erhielt. „Ich traf Papa erstaunlich munter an“, schrieb Franz Josefs Tochter Valerie in ihr Tagebuch, „gewiss, er war bestürzt. Aber wie erwartet, war er nicht persönlich betroffen.“

Der Schriftsteller Stefan Zweig saß zur selben Stunde im Kurpark von Baden bei Wien, als dem Dirigenten des Kurorchesters die Meldung vom Attentat gereicht wurde. „Ich spürte nur, dass die Musik mit einem Mal aussetzte. Instinktiv sah ich vom Buche auf“, schreibt Zweig in seinen Erinnerungen. Das Entsetzen währte nur kurz: „Zwei Stunden später konnte man kein Zeichen wirklicher Trauer mehr bemerken. Die Leute plauderten und lachten, und abends spielte in den Lokalen wieder die Musik. Der Thronfolger war keineswegs beliebt gewesen.“

Und doch hat die Ermordung jenes damals 51-jährigen Franz Ferdinand von Österreich-Este und dessen Frau Sophie die Welt nachhaltiger verändert als jedes andere Attentat der Geschichte: Mehr als zehn Millionen Tote forderte der Weltkrieg, dem die zwei Schüsse des 18-jährigen Gymnasiasten Gavrilo Princip den Auftakt gaben.

Vier Kaiserreiche zerbrachen in den folgenden 52 Monaten – das österreichisch-ungarische, das deutsche, das russische und das osmanische. Als sich der Pulverschmauch verzogen hatte, zeichnete man neue Landkarten, die mit den vorherigen kaum noch Ähnlichkeit hatten.

Österreich begann an jenem Sonntag von Sarajevo seine Transformation zu einen mitteleuropäischen Kleinstaat und wollte sich dies erst mehr als 30 Jahre später eingestehen.

Wie konnte der Tod eines Mannes, dem weder Volk noch Herrscher nachzutrauern schienen, dessen Hingang die Diplomatie kaum zu erschüttern vermochte, so dramatische Folgen haben?

Das Mündungsfeuer der Browning-Pistole Princips, Mitglied einer serbischen Untergrundorganisation mit dem romantischen Namen „Schwarze Hand“, war nur noch der Funke ins europäische Dynamitfass gewesen. Jeder hatte getrachtet, dem Nachbarn ein Stück Land zu entreißen. Österreich wollte das unbequeme Serbien kassieren, Russland ein Stück österreichisches Galizien. Italien verlangte den Trentino und Görz und stieg 1915 in den Krieg gegen Österreich ein, als ihm die Entente Tirol bis zum Brenner, das Kanaltal und Triest als Beute versprach. Frankreich und Deutschland stritten um Elsass-Lothringen.

Serbien hatte das ehrgeizigste Projekt: Die im „Völkerkerker“ der Donaumonarchie schmachtenden Südslawen sollten in einem Staat vereinigt werden. Den russischen Zaren Nikolaus begeisterte der neue Panslawismus.

Doppelmoral. Franz Ferdinand hatte am Wiener Hof zu jenen gehört, die bis zuletzt vor dem großen Krieg warnten. 1863 war er als Sohn des jüngeren Bruders von Kaiser Franz Josef, Karl Ludwig, geboren worden. Seine Mutter war eine sizilianische Prinzessin, deren Vater „Re Bomba“ (Bombenkönig) genannt wurde: Er hatte 1848 sein demonstrierendes Volk einfach mit schwerer Artillerie von den Straßen gefegt.

Franz Ferdinand durchlebte die Kindheit eines Hochadeligen: in für die Untertanen unvorstellbarem Luxus, aber eingezwängt in starres Zeremoniell von absurder Scheinmoral. Der streng katholische Hof zahlte etwa anstandslos für die Kinder der von Erzherzögen geschwängerten Bürgermädeln. Auch Franz Ferdinand hatte „außertourlich“ zwei Söhne gezeugt. Wilder trieb es sein jüngerer Bruder Otto. Der Vater des späteren Kaisers Karl und Großvater von Otto Habsburg wurde legendär, als er nur mit einem Säbel bekleidet im Sacher erschien. Otto wurde früh von der Syphilis heimgesucht, die ihm auch die Nase wegfraß. Fortan trug der Erzherzog ein Gummiimitat. Als er 1906 mit 41 in einer Villa im Währinger Cottageviertel starb, war nur eine Geliebte bei ihm.

Nach dem Selbstmord seines Cousins, des Kronprinzen Rudolf in Mayerling, lernte Franz Ferdinand als Thronfolger die andere Seite dieser doppelten Moral kennen. So reagierte der Hof panisch, als 1898 aufflog, dass der damals 35-jährige Franz Ferdinand geheim die um fünf Jahre jüngere Sophie Gräfin Chotek getroffen hatte. Die Choteks entstammten zwar böhmischem Uradel, dem Familienstatut der Habsburger – erlassen 1839 vom geistesschwachen Kaiser Ferdinand I. – genügte das aber nicht.

Frisches Blut. An Großonkel Ferdinand mag der Thronfolger gedacht haben, als er einmal meinte: „Bei uns sind immer Mann und Frau zwanzigmal miteinander verwandt. Das Resultat ist, dass von den Kindern die Hälfte Trottel oder Epileptiker sind.“ Kaiserin Elisabeth („Sisi“) hatte ihm, dem Neffen, einst geraten, sich nach „anderem Blut“ umzusehen. Sie war allerdings kurz vor Auffliegen der Mesalliance in Genf erstochen worden und konnte jetzt nicht mehr für ihn sprechen.

Franz Ferdinand stand unerschütterlich zu seiner Sophie. Knirschend fügte sich Franz Josef, bestand aber darauf, dass der Erzherzog für seine noch ungeborenen Kinder auf die Thronfolge verzichtet. Am 28. Juni 1900 – genau 14 Jahre vor dem Attentat – unterschrieb Franz Ferdinand die Verzichtsurkunde. Der gesamte Hochadel blieb der zwei Tage später stattfindenden Vermählung auf dem böhmischen Schloss Konopischt fern. Die Gräfin Chotek dürfe sich künftig Herzogin von Hohenberg nennen, kabelte der Kaiser aus Ischl – nach jener Gertrud von Hohenberg, die als Gattin Rudolf von Habsburgs eine Stammmutter der Hauses war.

Der Titel bewahrte Sophie nicht vor Erniedrigungen: In Theatern durfte sie nicht in der Hofloge sitzen. Ohne ihren Mann war ihr das Benutzen der Hof-Equipage nicht gestattet. Franz Ferdinand durfte nicht einmal bei privaten Bällen mit seiner Frau erscheinen. Die Demütigungen begleiteten sie bis zum letzten Tag ihres Lebens. Franz Ferdinand hatte am Vorabend des Attentats einem Adjutanten den Text seiner Tischrede gegeben, die er beim Bankett im Rathaus von Sarajevo halten wollte. Hoheit mögen doch die Floskel „meine Gemahlin und ich“ streichen, riet der Lakai. Die würde in Wien nur wieder für Wirbel sorgen.

Franz Ferdinand war aber nicht nur Opfer, sondern auch Träger der herrschenden Doppelmoral, wie sich im Fall seines jüngeren Bruders Ferdinand – die Habsburger waren bei der Wahl der Vornamen nicht sehr variantenreich – 1908 zeigte. In Wien war ruchbar geworden, Ferdinand plane die Verlobung mit der Tochter eines Schweizer Universitätsprofessors. Der Kaiser zitierte ihn nach Wien und stellte ihn zur Rede. Zu spät, meinte Ferdinand: Er habe bereits vor zwei Jahren geheiratet. Franz Josef verfügte den sofortigen Landesverweis seines Neffen. Bruder Franz Ferdinand rührte keinen Finger.

Hofschranzen. Als Sittenwächter bei Hof fungierte Obersthofmeister Alfred Montenuovo. Er war der Enkel eines Adam Grafen Neipperg, den Kaiser Franz Josefs Tante Maria Luise nach dem Tod ihres Gatten Napoleon geheiratet hatte. Weil Neipperg etwas schäbig klang, italianisierte der Graf seinen Namen: Montenuovo.

So bewundernswert couragiert Franz Ferdinand seine Frau und seine Ehe vor den Hofschranzen schützte, so tief war er der verstockten Weltsicht verhaftet, mit der das Haus Habsburg der neuen Zeit gegenüberstand.

„Dem Kerl sollte jeder Knochen im Leib gebrochen werden“, bellte er, als der junge Oskar Kokoschka 1906 sein avantgardistisches Theaterstück „Mörder, Hoffnung der Frauen“ aufführte. Ausstellungen beim Hagenbund und in der Sezession besuchte der Thronfolger, um sich danach lautstark zu entrüsten.

Bajonette. In einem Brief an den Generalstab beklagte er 1896 „die umstürzlerischen sozialistischen Ideen, welche besonders im Arbeiterkreis von Tag zu Tag ungestört Terrain gewinnen. Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort: die Armee.“ „Ich hoffe, dass die Wahlreform ganz misslingt“, schrieb er 1907, als der Kaiser das allgemeine Wahlrecht einführen wollte. „Das wird noch schöne Früchte haben“, meinte er nach der Abstimmung im Reichstag düster.

Franz Ferdinand vertrat die Interessen der Feudalherren und Großgrundbesitzer – und die wollten nichts weniger als ein vom Besitz abgekoppeltes Wahlrecht.

Der spätere Außenminister Ottokar Graf Czernin verfasste ihm 1908 ein Konzept für den Fall der Thronbesteigung. Zentraler Gedanke: „In den ersten Jahren der Regierung Eurer Kaiserlichen Hoheit muss sich die Politik auf die Bajonette stützen. Der Weg der Gesundung führt durch den cäsarischen Absolutismus. Die Völker müssen erst entmündigt werden.“ „Vorschläge sehr gut“ notierte Franz Ferdinand auf den Deckel des Konvoluts.

„Es ist ja riesig günstig, dass alle Balkan-Hunde aufeinander losgehen“, freute er sich, als 1912 der erste Balkankrieg (Serben, Griechen und Bulgaren gegen die Türkei) losbrach. Die ständig fordernden Ungarn waren ihm ein Gräuel: „Der so genannte anständige Ungar existiert gar nicht.“ Ministerpräsident Stephan Graf Tisza war für ihn ein „ungarisches Mistvieh“, eine „Kanaille“.

Kriegshetzer. Gleichzeitig war Franz Ferdinand die einzige Stimme der Vernunft, wenn die „Kriegspartei“, angeführt von Generalstabs-Chef Franz Conrad, geadeltem Hötzendorf, wieder einmal zum Präventivschlag gegen Serbien riet.

Des Thronfolgers Argument: „Wenn wir gegen Serbien auftreten, so steht Russland hinter ihm, und wir haben den Krieg. Sollen sich der Kaiser von Österreich und der Zar gegenseitig vom Thron stoßen und der Revolution freie Bahn geben?“

Die von den Serben geführte Einigungsbewegung der Südslawen war das brennendste Problem des Habsburger-Staates. Sie war eine Folge jahrhundertelanger Fremdherrschaft:

  • Die Serben selbst waren nach der Schlacht am Amselfeld, am 28. Juni – welcher Schicksalstag – des Jahres 1389 unter das osmanische Joch geraten. Das Datum wurde zu ihrem nationalen Trauertag, dem „Vidovdan“.
  • Die Slowenen waren seit dem 9. Jahrhundert unter deutscher Herrschaft gestanden. Bloß das niedrige Volk sprach Slowenisch. Jahrhundertelang verhinderte Habsburg sogar das Entstehen einer slowenischen Schriftsprache.
  • Kroatien zählte zur ungarischen Reichshälfte und wurde von den Magyaren mit harter Hand geführt.
  • Bosnien mit seiner Hauptstadt Sarajevo war nach der türkischen Niederlage 1878 von Österreich besetzt und 1908 auch formell annektiert worden.

Die Serben hatten die fremden Herren nie akzeptiert und immer wieder mutige Aufstände gegen die Türken gewagt. Als Letztere 1878 endgültig vertrieben waren, kam es entsprechend rasch zur Nationsbildung und zum Entstehen eines serbischen Mittelstands, der seine Kinder zum Studium ins Ausland schickte. Die bürgerliche Revolution sei in Serbien der nationalen vorangegangen, schrieb der Austromarxist Otto Bauer 1923 in seinem Buch „Die österreichische Revolution“.

Franz Ferdinand beriet sich in seiner Militärpolitik gern mit dem etwa gleichaltrigen deutschen Kaiser Wilhelm II. Als einer der wenigen erwies Wilhelm Sophie die volle Reverenz. „Donnerwetter, eine Chotek als Kaiserin!“ hatte er seinerzeit gedröhnt, als er von der morganatischen Ehe erfuhr. Wenig später tauchte Wilhelm auf Schloss Konopischt auf und erkundigte sich nach der Herzogin: „Wann kann ich die Ehre haben, deiner Gattin meinen Kratzfuß zu machen?“ Franz Ferdinand war entzückt.

Rosengarten. Wilhelm war auch der letzte, der das Paar zwei Wochen vor dem Attentat besuchte. Als der deutsche Kaiser abgereist war, veranstaltete Franz Ferdinand im prächtigen Rosengarten von Konopischt eine Art „Tag der offenen Tür“. Neben den staunenden Bauern aus der Umgebung besuchte auch die böhmische Baronesse Sidonie Nadherny mit ihrem Geliebten, dem Journalisten Karl Kraus, an jenem 14. Juni 1914 den in voller Blüte stehenden Garten. Franz Ferdinand sah seinem Volk hinter zugezogenen Gardinen zu.

Wenige Tage später reiste das Thronfolgerpaar nach Sarajevo ab, wo den nahen Serben in Manövern die Stärke Habsburgs demonstriert werden sollte. Österreichs Statthalter in Bosnien, General Oscar Potiorek, hatte den Besuch des Thronfolgers just am serbischen Trauertag Vidovdan angesetzt. Die Provokation war umso gefährlicher, als es in den Monaten zuvor immer wieder zu Anschlägen gekommen war. Dennoch hatte Potiorek jede von Wien angebotene Polizeiassistenz abgelehnt, sich aber unermüdlich um Speisenfolge und Weinauswahl gekümmert.

Am Morgen nach der Ankunft nahm Franz Ferdinand eine Parade ab und bestieg dann mit seiner Frau das Gräf-&-Stift-Cabriolet, das Graf Harrach dem Paar kulanterweise zur Verfügung gestellt hatte. Schon nach wenigen Minuten wurde eines der Autos im Konvoi von einem Sprengsatz getroffen. Der Attentäter, ein junger serbischer Bosnier namens Cabrinovic, versuchte daraufhin eine Zyankalikapsel zu schlucken, die aber zu Boden fiel.

Der Wagen des Erzherzogs raste ins Rathaus, wo Franz Ferdinand seinem Ärger Luft machte und dann vorschlug, die Verletzten im Spital zu besuchen.

General Potiorek änderte die Route, vergaß dies aber dem Chauffeur Franz Ferdinands mitzuteilen. Als der Fahrer am Appel-Kai den Irrtum erkannte und zurückschob, kam das Auto direkt vor Gavrilo Princip zu stehen. Der 18-Jährige schoss zweimal. Eine Kugel durchschlug die Metallwand des Wagens und drang in den Unterleib der Herzogin. Das zweite Projektil verletzte die Halsschlagader des Thronfolgers. „Es ist nichts“, flüsterte Franz Ferdinand immer wieder mit schwächer werdender Stimme. Wenig später waren er und seine Frau verblutet.

Obersthofmeister Montenuovo richtete es so ein, dass die Särge der Getöteten spätnachts in Wien eintrafen, damit nicht allzu auffällig über das unwürdige Paar getrauert werden konnte.

Der Dramatik der Ereignisse konnte sich vorerst selbst die sozialdemokratische „Arbeiter Zeitung“ nicht entziehen: „Angesichts dieses schauerlichen Todes, dem zwei Menschen im blühenden Lebensalter erlagen, tritt alles zurück, was von der politischen Betrachtung sein Maß nimmt.“ Auch der Nachruf von Karl Kraus in der „Fackel“ war sympathisierend: „Franz Ferdinand scheint in der Epoche des allgemeinen Menschenjammers das Maß eines Mannes besessen zu haben … Er war kein Grüßer. Auf jene unerforschte Gegend, die der Wiener sein Herz nennt, hatte er es nicht abgesehen.“

Wohin die Reise ging, zeigte der Titel des Leitartikels in der christlichsozialen „Reichspost: „Blutschuld einer Nation“.

In Wien hatte die Kriegspartei, da der Zögerer tot war, nun freie Hand. Die Frage war bloß, wie der Krieg einzufädeln sei. Die Regie übernahm Außenminister Leopold Graf Berchtold. Als Erstes schickte er einen Gesandten nach Berlin, um die Zustimmung Kaiser Wilhelms einzuholen. Der Hohenzoller erteilte einen „Blankoscheck“ und schlug vor, den so günstigen Moment zu nutzen.

Ablenkung. Genau das hatte Wien erhofft. Nach außen sollte vorerst Entspannung signalisiert werden. Stabschef Conrad von Hötzendorf trat zwei Wochen nach dem Attentat seinen Urlaub in den Dolomiten an, Franz Josef war wieder in Ischl, Kaiser Wilhelm auf Nordkap-Tour. Der Stabschef der serbischen Armee kurte just im steirischen Bad Gleichberg.

Am Ballhausplatz arbeitete inzwischen Außenminister Berchtold mit seinem Stab an einem Papier, das Winston Churchill später ein „Ultimatum, wie es in neuerer Zeit nicht seinesgleichen hatte“ nannte. Die am 25. Juli an die Serben übergebenen Forderungen verlangten binnen einer Frist von bloß 48 Stunden die nationale Selbstaufgabe: Serbiens Regierung sollte alle Schuld am Attentat auf sich nehmen, künftig jegliche antiösterreichischen Publikationen verhindern, Schulbücher aus dem Verkehr ziehen und selbsterniedrigende Erklärungen in der Presse veröffentlichen. All dem stimmte Serbien zu. Bloß einen Punkt wollte man nicht erfüllen – die Teilnahme österreichischer Polizisten an den Ermittlungen in Belgrad.

Zwei Stunden später brach Österreich-Ungarn die Beziehungen zu Serbien ab.

Wien lag im Kriegstaumel. Die „Reichspost“ berichtete von einem „beispiellosen, unbeschreiblichen, dröhnenden Jubelsturm“. „Wer uns kränkt, den schlagen wir nieder, ohne viel um Erlaubnis zu bitten“, gab sich selbst die sonst so liberale „Neue Freie Presse“ blutdurstig.

In diesen Tagen habe der „Sozialdarwinismus“ seine große Stunde gehabt, schreibt der Militärhistoriker Manfried Rauchensteiner in seinem Standardwerk über den Ersten Weltkrieg, „jene Grundformel vom Stärkeren, der den Schwächeren frisst, und von der Unausweichlichkeit dieses Entscheidungskampfes“.

Auch die Sozialdemokraten, die am 1. Mai noch die Internationale gesungen hatten, marschierten nun zum Radetzky-marsch. „Zeigt, dass auch die Männer des Klassenkampfes bis zum letzten Atemzug zu ihren Fahnen stehen“, rief die „Arbeiter Zeitung“ am Tag der Kriegserklärung zu Superpatriotismus auf. Parteigründer Victor Adler war zwei Jahre zuvor Ähnliches geschwant: „Wir wissen nicht, wie das Proletariat bei Kriegsausbruch sprechen wird, ob es sich wie die Schafe stumm zur Schlachtbank führen lässt“, hatte er 1912 in einer Rede gemeint.

Auch die Intellektuellen waren jetzt von der Schicksalshaftigkeit des großen Krieges überzeugt und stimmten in das „Hurra!“ ein. „Ich fühle mich zum ersten Mal seit dreißig Jahren als Österreicher“, jubelte Sigmund Freud. Arnold Schönberg, der Neutöner, trat demonstrativ den Hoch- und Deutschmeistern bei und begann, Militärmärsche zu komponieren. Oskar Kokoschka kaufte sich ein Pferd und eine Kavallerieuniform samt Messinghelm und meldete sich als Freiwilliger bei den Dragonern. Thomas Mann erhoffte sich vom Krieg „Reinigung“.

Selbst der Pazifist Stefan Zweig erkannte nun „in diesem Ausbruch der Massen etwas Großartiges, Hinreißendes und sogar Verführerisches“. Zweig in seinen Erinnerungen: „Wie nie fühlten hunderttausende Menschen, was sie besser im Frieden hätten fühlen sollen: dass sie zusammengehören.“

Nächste Woche: Österreich im Krieg