"Jeder Klon ist immer noch ein Glücksfall"

Der schottische Genetiker Ian Wilmut, Schöpfer des vor zehn Jahren der Öffentlichkeit präsentierten Klonschafs Dolly, über die zähen Fortschritte beim Kopieren des Lebens, seinen Widerstand gegen das Klonen von Menschen und die Hoffnung, durch die Forschung an Embryonen Krebs und Parkinson zu heilen.

profil: Professor Wilmut, 1997 war ein Rekordjahr des Klonens: Im Februar gaben Sie die Geburt von Dolly bekannt und im August jene des mit menschlichen Genen bestückten Schafs Polly. Für Dolly waren 277 Versuche nötig. Heute liegt die Trefferquote, je nach Tierart, bei zwei, maximal drei Prozent. Ist das nicht noch immer sehr wenig?
Wilmut: Tatsächlich bin ich enttäuscht, dass beim Klonen in technischer Hinsicht so wenig vorangegangen ist. Andererseits sehe ich diese Zeit als Lernphase, die übrigens noch eine ganze Weile andauern wird. Und das ist auch gut so, denn dadurch verschieben sich die ethisch gewagtesten Anwendungen des Klonens in ferne Zukunft: das Klonen von Menschen und Genomveränderungen an menschlichen Embryonen. Experimente an Embryonen sind nichts anderes als Experimente an Kindern, und wer wollte dafür die Verantwortung übernehmen?
profil: Aber mit Dolly und Polly haben Sie doch genau diese Perspektiven eröffnet: Dolly ist aus der Euterzelle eines erwachsenen Schafs entstanden, und Polly veränderten Sie gentechnisch, indem Sie der Embryozelle, die ihr Erbmaterial lieferte, ein menschliches Gen einpflanzten.
Wilmut: Das Klonen stand bei uns damals nicht im Vordergrund. Für uns war es nur Mittel zum Zweck, um auf effizientere Weise als bisher neue Gene in Zellen einzubringen. Unser konkretes Ziel war, ein Tier so zu programmieren, dass es im Erwachsenenalter in seiner Milch ein bestimmtes Protein liefern würde.
profil: Waren Sie erstaunt, als Dolly zur Weltsensation wurde?
Wilmut: Unser erster großer Durchbruch hatte eigentlich schon 1995 stattgefunden, von der Öffentlichkeit kaum beachtet: die Geburt der Zwillingsklonschafe Megan und Morag. Zu deren Herstellung hatten wir Embryozellen, die bereits in Differenzierung begriffen waren, in eine Eizelle injiziert und zur Weiterentwicklung gebracht. Darin bestand der erste Meilenstein. Der nächste Schritt, als wir für Dolly noch höher differenzierte, adulte Zellen aus dem Euter eines ausgewachsenen Schafs verwendeten, war nur die logische Folge. Große Tragweite hatte natürlich der mit Dolly erbrachte Nachweis, dass es möglich ist, die Ausdifferenzierung einer adulten Organzelle ganz an den Anfang zurückzuspulen und sie in ihren ursprünglichen Zustand der Totipotenz zu versetzen, der embryonale Stammzellen so vielseitig verwendbar macht. Zwar hatten wir für Dolly mit viel Interesse aus der Wissenschaft und auch aus der Wirtschaft gerechnet, aber die riesige allgemeine Publicity kam unerwartet. Da schlug wohl die Angst ebenso wie die Faszination hohe Wellen.
profil: Mehrere Forscherteams bekennen sich dazu, am Klonen von Menschen zu arbeiten. Halten Sie diese Anstrengungen für erfolgversprechend?
Wilmut: Bis jemand so weit ist, Embryonen oder gar ausgewachsene Menschen zu kopieren, werden noch 50, wenn nicht 100 Jahre vergehen. Die Verfahren sind, wie die geringen Trefferquoten bei Tieren zeigen, immer noch höchst fehleranfällig. Deshalb meine ich, dass in der Humanmedizin der Nutzen des Zellkerntransfers zunächst im Bereich transgener Tiere und des therapeutischen Klonens liegen wird.
profil: Auch dagegen gibt es viel Widerstand.
Wilmut: Das Potenzial ist aber enorm: Krankheiten wie Aids, Krebs oder rheumatoide Arthritis bauen im menschlichen Körper einen immunologischen Schutzschild auf, unter dem sie sich ausbreiten können, ohne von der Antikörperabwehr erkannt zu werden. Ein amerikanisches Unternehmen hat nun Kühe mit der Fähigkeit zur Bildung menschlicher Antikörper entwickelt, die, so die Vision, als zielgenaue Waffe in betroffene Patienten injiziert werden sollen. Antikörperbehandlungen, die heute pro Patient und Jahr 25.000 bis 50.000 Dollar kosten, wären dann bedeutend billiger. Im nächsten Schritt werden vermutlich Schweine als Organspender in Aktion treten, und zwar für große, komplexe Organe wie Nieren, deren Herstellung im Labor kaum überwindbare Schwierigkeiten aufgibt. Es ist gelungen, bei den Versuchstieren jenes Gen abzudrehen, das die Unverträglichkeit des Schweinegewebes für den Menschen in der Hauptsache bewirkt.
profil: Im britischen Parlament liegt ein Gesetzesantrag, der die Herstellung von Mischwesen aus Mensch und Tier, etwa Kuhembryonen mit menschlichen Zellkernen, möglich machen soll. Sie sind einer der Initiatoren des Antrags. Womit begründen Sie dessen Befürwortung?
Wilmut: Eines der größten Probleme bei der Erforschung menschlicher embryonaler Stammzellen liegt in ihrer geringen Verfügbarkeit und der ethischen Problematik: Zu ihrer Gewinnung müssen Embryonen zerstört werden. Deshalb ist die embryonale Stammzellenforschung in vielen Ländern verboten oder stark eingeschränkt. Aber selbst dort, wo Freizügigkeit herrscht, müssen Spenderinnen eine nicht ganz unproblematische Hormontherapie in Kauf nehmen. Tierembryonen mit menschlichen Genen wären ein Weg aus diesem Dilemma. Jüngste Entwicklungen lassen unterdessen hoffen, dass der Engpass bald ein Ende hat: Im Vorjahr gelang es Shinya Yamanaka in Kioto, Hautzellen erwachsener Mäuse so umzuprogrammieren, dass sie praktisch wie embryonale Stammzellen funktionieren. Dabei wurden weder Eizellen verwendet noch Embryonen erzeugt. Dieses Ergebnis konnte mittlerweile von mehreren anderen Gruppen bestätigt werden. Von vielleicht noch größerer Tragweite könnte die Arbeit von Shoukrat Mitalipov, einem Forscher aus Oregon, an Primaten sein. Er berichtete im Juni bei einem Kongress, adulte Stammzellen aus der Haut eines zehn Jahre alten Rhesusaffen in embryonale Stammzellen zurückverwandelt, geklont und aus diesen Embryos Stammzelllinien gezüchtet zu haben. Das ist jedoch noch nicht offiziell publiziert.
profil: Rückt damit nicht in Reichweite, dass Patienten Zellen entnommen und diese in den embryonalen Stammzellzustand rückgeführt, repariert, vermehrt und ohne Abwehrreaktion wieder implantiert werden?
Wilmut: Das liegt noch in ferner Zukunft. Aber ein noch wenig erkanntes Potenzial der Arbeit mit Stammzellen von Patienten liegt darin, dass wir durch sie Krankheiten besser verstehen und Wirkstoffe zu ihrer Bekämpfung ermitteln können. Nehmen wir ALS, jene Krankheit, unter der Stephen Hawking leidet. Bei ungefähr zehn Prozent der Erkrankten liegt die Ursache in einem Gendefekt, der so mächtig ist, dass ein einziges falsch kopiertes Gen ausreicht, um die Krankheit auszulösen. Darüber, wie dieser Defekt die Symptome der Krankheit verursachen kann, läuft gerade eine hitzige Debatte. In näherer Zukunft wäre zu erwarten, dass die For-scher menschliche em-bryonale Stammzelllinien mit dem beschädigten Gen als Testsysteme züchten. An diesen könnten sie die Entwicklung der Krankheitsstadien verfolgen und die Interaktion verschiedener Substanzen mit den betroffenen Zellen austesten. Auf diese Weise sollten sich Medikamente entwickeln lassen, einfache Pillen, die bei Menschen mit der Veranlagung zu ALS den Gendefekt ausgleichen, die Degeneration der Nervenzellen aufhalten und damit die Symptombildung der Krankheit verhindern. Analog sollte das auch bei Parkinson, multipler Sklerose oder Krebs möglich sein, also bei Prozessen mit genetischer Ursache, die aber nicht aufgeklärt und deshalb noch nicht gezielt behandelbar sind und die im Körperinneren stattfinden, wodurch sie sich der Beobachtung entziehen.
profil: Seit dem Film Jurassic Park gibt es immer wieder Meldungen, wonach Mammuts oder Dinosaurier geklont werden sollen. Halten Sie das für machbar?
Wilmut: Um das zu bewerkstelligen, brauche ich einen Embryo, in den ich die genetische Information des ausgestorbenen Tiers einbringen kann. Dann brauche ich ein anderes passendes Tier, um darin diesen Embryo einzusetzen. Heute können wir bei höchstens 20 Spezies einen erfolgreichen Embryotransfer durchführen. Das schränkt die Möglichkeiten stark ein. Ich glaube, da wird viel übertrieben.
profil: Sie sind seit 2006 Direktor des neu eingerichteten Center for Regenerative Medicine der University of Edinburgh. Gehört die Verlängerung der menschlichen Lebensspanne zu Ihren Zielen?
Wilmut: Nein. Ich glaube, unser Ehrgeiz sollte sein, Menschen länger gesund zu erhalten. Deshalb konzentrieren wir uns darauf, degenerative Erkrankungen zu erforschen und verschlissene Organe zu reparieren. Es soll möglich werden, dass Menschen bis 80 oder 90 ein gesundes Leben führen und dann relativ schnell sterben. Müssten sie dann noch 20, 30 Jahre auf den Tod warten, wäre das doch ein schrecklicher Gedanke.
profil: Aber es gibt andere Forscher, die über das Klonen nach Wegen suchen, den Alterungsprozess aufzuhalten.
Wilmut: Ja, da gibt es verschiedene Untersuchungen. Aber man muss auch die psychologische Frage stellen: Heute, mit 63 Jahren, reagiere ich ganz anders auf Veränderungen als mit 20. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich mit 160 damit umgehen würde. Wann immer wir etwas am Menschen verändern wollen, müssen wir mit größter Vorsicht vorgehen.
profil: Tatsächlich ist Dolly jung gestorben. Die so genannten Telomer-enden an ihren Chromosomen waren kürzer als ihrem Alter entsprechend. Lag das daran, dass ihre DNA von einem erwachsenen Schaf stammte?
Wilmut: Wir wissen noch viel zu wenig, um darüber eine Aussage zu treffen. Das genetische Reprogrammieren des Spenderzellkerns durch das Plasma der Wirtseizelle ist ein unglaublich komplexer Mechanismus, den schon ein einziges Gen, das etwa ein kritisches Protein mangelhaft oder gar nicht exprimiert, zum Scheitern bringen kann, mit fatalen Folgen für den Klon. Deshalb ist jedes geklonte Tier immer noch ein Glücksfall, den viele Fehlschläge begleiten. Da liegt noch viel Arbeit vor uns.

Interview: Johanna Awad-Geissler