Die Löwen fressen zuerst

Sie haben eine der gefährlichsten Passagen der Welt ­überlebt: von Afrika durch das „Tor der Tränen“ in den ­Jemen. Doch dort beginnt für Hunderttausende ostafrika­nische Flüchtlinge oft erst der wahre Leidensweg – so wie für Fairouz und ihren kleinen Sohn.

Von Sara Assarsson

Frühmorgens an einem Wintertag des Jahres 2013 wankt Fairouz Hassan Haji barfuß über die Straße, die sich der Küste entlangschlängelt. In den Armen hält sie einen kleinen Buben, der vor Hunger fast bewusstlos ist. Ihr Bauch ist ein einziger Schmerz, ihre Füße sind wund. In ihren Augen flackert Panik, als sie den Wagen sieht, der ihr entgegenkommt, abbremst und neben ihr stehen bleibt.

„Nein!“, schreit sie. „Lasst mich!“
„Wir wollen doch nur helfen“, sagt einer der Männer.

Fairouz weint jetzt, sie hat keine Kraft mehr davonzulaufen. Mit einer Mischung aus Angst und Resignation setzt sie sich in den Wagen. Sie hat das Rotkreuz-Emblem auf der Seite des Fahrzeugs nicht einmal wahrgenommen.

350 Euro für Schlepper und Überfahrt
Die 22-jährige Äthiopierin und ihr kleiner Sohn sind zwei von 107.000 Flüchtlingen aus Ostafrika, die im vergangenen Jahr den Bab el-Mandeb überquert haben: das „Tor der Tränen“, eine schmale Wasserstraße, die den Golf von Aden vom Roten Meer trennt. Genauer gesagt: 107.000 schafften es von Dschibuti auf dem afrikanischen Kontinent in den Jemen auf der Arabischen Halbinsel. Wie viele andere in der 27 Kilometer breiten Meerenge mit ihren tückischen Strömungen ertrunken sind, weiß niemand.
Sie fliehen vor Armut, Dürre und politischer Verfolgung, und ihr Ziel heißt meistens Saudi-Arabien. Dort, erzählt man sich in Äthiopien, Somalia und Dschibuti, soll es Jobs geben, von denen man leben kann.

Fairouz hat die umgerechnet 350 Euro, die Schlepper für die Überfahrt verlangen, mühsam zusammengekratzt. „Meine Eltern sind gestorben, als ich ein junges Mädchen war. Ich musste mich um meine Geschwister kümmern“, erzählt sie.

Mit 14 Jahren schlug sie sich von Äthiopien nach Dschibuti durch und arbeitete als Wäscherin. Sie heiratete. Ihr Mann verließ sie, als ihr erstes Kind noch nicht einmal geboren war: „Nachdem er weg war, habe ich zu betteln begonnen, um wegzukommen.“

Anfang Jänner hatte Fairouz genügend Geld für die Passage. In Obock, einer Küstenstadt in Dschibuti, wurde sie mit 40 anderen auf einem kleinen Boot zusammengepfercht, das bei hohem Wellengang in die Nacht hinausfuhr. Nach einer Stunde stoppte der Motor. Die Schmuggler begannen, eine Frau nach der anderen zu vergewaltigen. Fairouz drohten sie an, ihren kleinen Sohn über Bord zu werfen. Zwölf Stunden dauerte der Alptraum, dann stolperte sie traumatisiert und erschöpft im Jemen an Land.
Aber dort begann ihr Leidensweg erst richtig.

„Hier herrscht das Gesetz des Dschungels“
Denn wer das „Tor der Tränen“ überlebt, hat es noch lange nicht geschafft. „Hier herrscht das Gesetz des Dschungels“, sagt Saleh Rayashi, der für den Dänischen Flüchtlingsrat im Jemen arbeitet: „Zuerst fressen die Löwen, und wir können uns nur noch um das kümmern, was sie übrig lassen. Aber besser, einige wenige zu retten als überhaupt niemanden.“

Fairouz und die anderen hatten gerade den Fuß auf den Strand gesetzt, als sie schon von Bewaffneten abgefangen und auf die Ladefläche eines Lastwagens gezwungen wurden. Ihren Sohn, der damals kaum ein Jahr alt war, trug sie in einem Schultertuch. „Sie haben ihn geschlagen, wenn er weinte“, sagt Fairouz und streichelt dem Kleinen über den Kopf.

Die Männer brachten die Frauen in ein nicht weit von der Küste entfernt gelegenes Dorf. Wieder Vergewaltigungen, dann der Befehl, ihre Familien anzurufen und die Lösegeldforderung weiterzugeben: 200 Dollar pro Kopf. So machen die Schlepperbanden mit den Flüchtlingen zweimal Profit. Fairouz hatte niemanden, den sie anrufen konnte. Also verkauften die Kidnapper ihren Körper, drei, vier, fünf Mal pro Nacht.
Neben ihr am Boden lag ihr Sohn.

„Er war so hungrig, dass er nicht einmal schreien konnte“, sagt sie.
Dann nimmt sie den Schleier ab, um ihre Narben zu zeigen. „Sie haben mir die Haare abgeschnitten. Erst als ich gebrüllt habe, Allah möge sie verfluchen, hörten sie auf.“ Ihr Kopf ist rasiert, die Spuren, die eine stumpfe Rasierklinge hinterlassen hat, sind deutlich zu sehen.
Irgendwann hatten ihre Peiniger genug und jagten sie davon. Als die Rotkreuz-Patrouille Fairouz fand, stand sie so unter Schock, dass sie kaum ein Wort herausbrachte.

Jetzt sitzt sie in einem Zelt des zwei Fahrtstunden von der Hafenstadt Aden entfernten UNHCR-Flüchtlingslagers Kharaz, in dem 20.000 Menschen leben, und stillt ihr Kind. „Ich habe immer noch Angst, dass sie wiederkommen und mich holen. Aber hier können wir endlich essen und schlafen“, murmelt sie mit einem todmüden Lächeln.

Nach Saudi-Arabien sind es noch 500 ­Kilometer.