'Jerichow' - Vom Abrücken des Glücks:
Christian Petzolds Dreiecksmelodram

Vom Abrücken des Glücks: Petzolds Dreiecksmelodram „Jerichow“ lässt sich auf Kinofiktion und Lebenswirklichkeit gleichermaßen ein.

Von Stefan Grissemann

Wie sehr Christian Petzold im Kino zu Hause ist, merkt man allerspätestens, wenn man ihn darüber reden hört. Von den Nuancen bestimmter Filmmomente, die andere keines Blickes würdigten, berichtet Petzold geradezu enthusiastisch: ob das die Symptome der existenziellen Müdigkeit Marcello Mastroiannis in Antonionis „La notte“ (1961) sind oder bloß jener Weg ist, den Marilyn Monroe in Fritz Langs „Clash by Night“ (1952) zurücklegt – den Weg einer jungen Arbeiterin von der Fischfabrik, in der sie ihr Geld verdient, in die Freizeit. Das sei der einzige Moment des Glücks, wenn man noch nicht zu Hause sei, aber die Fabrik schon im Rücken habe, sagt Petzold: Man könne an Monroes Bewegungen „sehen, dass sie gewusst hat, was eine Fabrik ist“.

Die Kinogeschichte hat sich in „Jerichow“ (Kinostart: 6.2.), Petzolds jüngstem Film, in diesem Sinne eingeprägt: die mühsam verborgene Mattigkeit der Männer ebenso wie der stilisierte Glamour der Schauspielerin Nina Hoss, die – wie einst Monroe – in das proletarische Drama, das sich um sie herum ereignet, nie ganz zu passen scheint. Die Prignitz, ein Landstrich im deutschen Nordosten, ist die Bühne, auf der sich dieses Eifersuchtsdrama ereignet: Ein junger Mann, aus der Armee entlassen (Benno Fürmann), lässt sich von einem türkischen Geschäftsmann (Hilmi Sözer), der eine Kette von Imbissbuden besitzt, als Assistent anstellen. Er verfällt der unnahbaren Frau (Nina Hoss) seines Chefs. „Jerichow“ ­erschöpft sich im Schicksalsspiel einer verbotenen Liebe nicht. Der Film behandelt die Situation einer Gesellschaft, der die Arbeit ausgeht, erzählt von einem Migranten, der deutsches Leben kopiert, um eine Ersatzheimat zu haben, der sich verschafft, wovon die Deutschen träumen: ein Haus, ein Auto, eine Frau. Aber je mehr er kauft, was ihn glücklich machen soll, desto deutlicher rückt das Glück von ihm ab. Daran verzweifelt er.

Um emotionale Vieldeutigkeit geht es Petzold in all seinen Filmen, daraus beziehen sie ihre Spannung: aus dem Schillern der Gefühle. „Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat“, sagt Nina Hoss in „Jerichow“, sehr ruhig, zu ihrem mittellosen Liebhaber – und setzt eine fatale Ereigniskette in Gang. Petzolds Begabung besteht auch darin, Weltbilder zur Disposition zu stellen, zum Denken und damit: zum Widerspruch herauszufordern.