„Jetzt schlagen wir zurück“: Wie die Griechen mit der Krise umzugehen versuchen

Hellas ist pleite und muss in den kommenden Jahren 30 Milliarden Euro sparen. Acht Griechen sprechen über das Versagen der Politik, die Hilfe der EU und ihre Existenzängste.

Mittwoch vergangener Woche in der Athener Innenstadt. Es ist vier Uhr Nachmittag, die Großdemonstration gegen die radikalen Sparpläne der Regierung von Premierminister Giorgos Papandreou hat für drei Menschen tödlich geendet. Die Bankangestellten starben in ihrem Büro, nachdem Demonstranten das Gebäude mit Molotow-Cocktails in Brand gesetzt hatten. Die Straßen sind nun nahezu menschenleer, aus den Mülleimern steigt der Rauch des verbrannten Abfalls auf, eingeschlagene Schaufenster und beschmierte Bankgebäude prägen den Stadtkern. In der Luft liegt der beißende Geruch von Tränengas, Polizei- und Feuerwehrsirenen hallen durch die Straßen. Im linken Szeneviertel Exarchia, nur wenige Gehminuten vom Parlament entfernt, sind dutzende mit Schlagstöcken und Tränengas bewaffnete Polizisten an Straßenecken postiert. Vor einem der wenigen geöffneten Kaffeehäuser beginnt eine Frau mittleren Alters mit einer Gruppe von Polizisten zu diskutieren. Plötzlich kommt es zu einem Handgemenge, die Polizisten beginnen die Frau mit ihren Schutzschildern zu stoßen, dann wird sie festgehalten. Es dauert nur wenige Sekunden, da springen die Besucher des Kaffees von ihren Sitzen auf, um der Frau zu Hilfe zu eilen: Studenten mit kommunistischen Emblemen auf ihren T-Shirts, ein älterer Herr mit Schnauzbart und Hut und ein Mann mit Designerhemd laufen schreiend auf die Polizisten zu. Kurz darauf wird die Frau freigelassen, die Menge applaudiert, manche schreien: „Verschwindet aus Exarchia!“

Es war nur ein kleiner Zwischenfall an diesem Ausnahmetag. Und doch gibt diese Szene einen tiefen Einblick in die griechische Gesellschaft. „Der Staat hat uns verraten und betrogen“, sagt der Besitzer eines kleinen Buchladens in Exarchia. „Das Einzige, worauf wir uns jetzt noch verlassen können, ist der Zusammenhalt der Griechen – ganz egal, wie alt sie sind und welchen Beruf sie haben. Dieses Kollektiv ist momentan sehr stark.“ Ob Studenten, Taxifahrer, Unternehmer, Beamte oder Restaurantbesitzer – sie alle sprechen von einem „gemeinsamen Kampf“, den das griechische Volk nun bestreiten müsse, um das Land vor der endgültigen Pleite zu bewahren. 300 Milliarden Euro Schulden hat Griechenland angehäuft, das Haushaltsdefizit beträgt über 13 Prozent. Um zu verhindern, dass der hellenische Bankrott auf andere Länder überschwappt und damit die gesamte Euro-Zone in Gefahr bringt, hat die internationale Staatengemeinschaft nun reagiert.

Sonntag vorvergangener Woche wurde die internationale Hilfe für das de facto bankrotte Griechenland beschlossen: ­Kredite in der Höhe von 110 Milliarden Euro wird Hellas von der EU und dem ­Internationalen Währungsfonds (IWF) bekommen, 80 Milliarden davon zahlt Europa. Auch die griechische Regierung ist zu einem radikalen Sparpaket gedrängt worden. 30 Milliarden Euro muss der sozialistische Premierminister Giorgos Papandreou bis 2013 sparen, sechs Milliarden allein in diesem Jahr. Dafür wurden vergangenen Donnerstag noch einmal die Steuern erhöht, die Gehälter von Staatsbediensteten und Pensionisten um bis zu 30 Prozent gekürzt. profil sprach mit acht Griechen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Herkunft über ihr Leben in der großen Krise.


Pablo Pablibis, 73, Pensionist,

sieht in einer sozialistischen Revolution die einzige Rettung Griechenlands.

Ich habe fast fünf Jahrzehnte im Finanzministerium als Steuerexperte gearbeitet, ganz egal, welche Regierung gerade an der Macht war. Ich weiß also ganz genau, wie Kapitalismus und Politik funktionieren. Doch was die jetzige Regierung mit uns Pensionisten macht, das ist Faschismus pur. Diese Schweine nehmen die momentane Krise als Vorwand, um die Arbeiter auszunehmen und sich persönlich zu bereichern. Ich habe mein Leben lang gut und fleißig gearbeitet, und jetzt streichen sie mir einfach so zwei Pensionsgehälter. Ich verliere 3000 Euro im Jahr. Das ist Geld, das meine Familie dringend braucht. Jetzt kann ich ihnen nichts mehr geben. Die Einzigen, die uns aus dieser Hölle noch retten können, sind die Kommunisten. Wir brauchen eine echte sozialistische Revolution, nur so können wir Griechenland noch retten. Die Politik hat uns all die Jahre betrogen, aber jetzt schlagen wir zurück.


Nikos Gherou, 39, Kioskverkäufer,

weiß nicht, wie er sich in Zukunft die Krankenversicherung leisten kann.

Ich arbeite seit zwei Jahren hier auf dem Panepistimio-Platz als Kioskverkäufer. Anfangs lief es wirklich gut. Vergangenes Jahr habe ich die Krise schon sehr gespürt, aber heuer ist es die absolute Katastrophe. Nehmen Sie dieses Päckchen Marlboro: Vor wenigen Wochen hat das noch 3,20 Euro gekostet, jetzt sind es 3,80. Mit der neuen Steuererhöhung sind es dann schon fünf Euro. Gleichzeitig sinkt mein Anteil am Gewinn von sieben auf fünf Prozent. Mit anderen Worten: Ich verdiene weniger an Produkten, die sich immer weniger Griechen leisten können. Die Beamten verlieren zirka 20 Prozent ihres Einkommens, viele werden sich also keine Schokolade oder Zeitschriften kaufen können. Im Sommer, wenn viele Touristen nach Athen kommen, geht das vielleicht noch irgendwie, aber was passiert im Winter? Ich weiß nicht, wie ich mir dann noch meine ­Krankenversicherung leisten soll, deshalb trifft mich die Krise noch viel mehr als die Beamten. Trotzdem: Wir Griechen sind stark und lassen uns nicht so leicht unterkriegen, und die EU wird uns am Ende auch nicht im Stich lassen. Ich mag kein Gejammere, ich bin und bleibe Optimist.


Sara Gkiata, 25, Bankangestellte,

kann die Wut der Demonstranten gut verstehen.

Es war unglaublich, als ich vergangenen Dezember die Zusage bekam, in der Rechtsabteilung der Piraeus-Bank in Athen anfangen zu können. Die Bank dort bietet gute Arbeitsbedingungen, man bekommt ein gerechtes Gehalt – und vor allem: Man bekommt sein Gehalt rechtzeitig, was in Griechenland eher die Ausnahme ist. Trotzdem könnte ich ohne die Unterstützung meiner Eltern nicht überleben. Die Mietkosten, Strom, Zigaretten, Essen, Benzin – alles ist in den letzten Monaten um so viel teurer geworden und wird jetzt noch einmal teurer. Ich persönlich kann die Wut der Demonstranten schon verstehen. Meine Eltern sind Lehrer und bekommen wegen des jüngsten Sparpakets 300 Euro weniger im Monat. Doch Banken mit Molotow-Cocktails zu bewerfen und damit Leute umzubringen ist kontraproduktiv. Solche Aktionen zerstören alles, wofür ein Großteil der Griechen friedlich kämpft. Wem ich die Schuld an der momentanen Situation gebe? Natürlich hat jeder Grieche auch Schuld an der Krise. Seien wir doch ehrlich: Ich kenne viele Menschen mit gutem Gehalt, die nur einen Teil ihrer Steuern zahlen. Auf Dauer rächt sich so etwas natürlich. Die Politik hat versagt, aber man kann sie nicht allein für ­alles verantwortlich machen.


Nikos Glovados, 51, Staatsbeamter,

hat kein Vertrauen in die Politik und baut auf den Zusammenhalt der Bevölkerung.

Mit unserem Land geht es bergab. Ich habe keine Ahnung, wie ich meine Familie in den nächsten Jahren ernähren soll. Ich arbeite im staatlichen Statistikamt, und mit meinem Einkommen ist sich bisher alles gut ausgegangen. Athen ist zwar sehr teuer, aber zumindest habe ich keine Mietkosten, weil ich das Haus von meinem Vater am Stadtrand geerbt habe. Mit dem neuen Sparpaket der Regierung verliere ich 500 Euro im Monat. Jetzt weiß ich nicht, wie ich die Ausbildung meiner zwei siebenjährigen Kinder finanzieren soll. Auf die Politik ist kein Verlass mehr. Zuerst sagen sie, die Steuern werden nicht mehr steigen, am nächsten Tag steigen sie. Dann sagen sie, es gibt keine weiteren Maßnahmen, plötzlich kürzen sie dir das Gehalt. Die EU versucht, uns zu helfen, das ist gut so. Aber im Grunde zählt jetzt der Zusammenhalt in der Bevölkerung am meisten.


Elena Tsiatsianis, 35, AHS-Lehrerin,

will, dass Griechenland so schnell wie möglich aus der EU austritt.

Das griechische Bildungssystem steht symbolisch für die Dekadenz unseres Staats. Anstatt in die Schulen zu investieren, wird immer mehr gekürzt. Sie wollen jetzt 30 Schüler pro Klasse haben, dadurch werden viele Lehrer einfach gekündigt. Alle Studien sagen, dass 30 Schüler zu viel sind, aber das ist denen egal. Viele fix angestellte Kollegen verlieren jetzt ihr 13. und 14. Gehalt, für mich wären allein zwölf Monatsgehälter Luxus. Heute werden Lehrer in meinem Alter nur noch auf Werkvertragsbasis angestellt. Wir bekommen pro Unterrichtsstunde bezahlt, wer krank ist, hat Pech gehabt. Außerdem bekommen wir unser Gehalt unregelmäßig bezahlt. Vergangenes Jahr zum Beispiel habe ich erst im Juni das Gehalt für Jänner bekommen. Die Politiker haben sich über Jahre hinweg persönlich bereichert, und wir zahlen jetzt den Preis dafür. Und was die Kredite der EU betrifft, denke ich: Griechenland sollte so schnell wie möglich aus der Union austreten – wir sind wirtschaftlich einfach nicht stark genug. Allein kommen die Griechen immer am besten zurecht, das war schon immer so in unserer Geschichte.


Thanassis Valtinos, 77, Schriftsteller,

glaubt, dass alle Griechen verantwortlich sind für die Krise.

Nach dem Ende der Diktatur 1974 glaubten wir, Griechenland werde endlich ein normales Land und könne die Vergangenheit hinter sich lassen. Leider sind wir danach direkt in ein neues Dilemma geschlittert. Für die momentane Krise sind wir alle verantwortlich, weil wir die Politiker, die das alles angerichtet haben, gewählt haben und bei der Korruption zum Teil auch mitgemacht haben. Wir haben über Jahre hinweg über unsere Verhältnisse gelebt, und jetzt zahlen wir den Preis dafür. Schauen Sie sich doch mal um in Griechenland: Die jungen Leute sitzen in Cafés herum und wollen nichts arbeiten. Sie haben keine Ideale und Ideen, das ist das wesentliche Problem. Ich sehe schwarz für die Zukunft des Landes, weil es momentan keine Politiker mit Visionen gibt. Papandreou ist meiner Meinung nach zu schwach, um die Krise zu meistern, die Kommunisten sind ein Haufen von Kaffeesudlesern, die längst überholten Idealen nachhängen. Die Kredite aus Europa kommen spät, und Deutschland hat in dieser Situation zu zögerlich gehandelt. Angela Merkel finde ich persönlich irgendwie anziehend, sie hat den Charme einer Hausfrau, die dir Kaffee und Kuchen serviert, aber politisch hat sie in Bezug auf Griechenland wirklich einen großen Fehler begangen. Vielleicht ist diese Krise aber auch eine Chance für unser Land. Die Griechen haben gute Eigenschaften: Sie sind ehrlich, hart im Nehmen und humanistisch. Ich hoffe nur, dass diese verloren gegangenen Werte in dem momentanen Ausnahmezustand wiederentdeckt werden. Wie sich die Krise auf mich persönlich auswirkt? Ich musste mein Leben lang mit sehr wenig Geld auskommen. Dabei wird es auch ­bleiben.


Nikos Kostoglou, 50, Werbeunternehmer,

meint, dass die Griechen härter als die Deutschen und Schweizer arbeiten.

Natürlich spüre ich die Krise, vor allem die kommenden zwei Jahre werden noch hart für uns, weil immer weniger Leute investieren wollen und die Steuern fast täglich steigen. Ich bin trotzdem der Meinung: Gerade in der Krise muss man in gute Ideen investieren, denn wenn es bergauf geht, wird das jeder tun. Ich verstehe die Vorurteile der Europäer gegenüber Griechenland nicht. Wir sind hart arbeitende Menschen, die sich in dem ganzen Chaos zurechtfinden müssen, wir arbeiten zum Teil sogar härter als die Deutschen oder die Schweizer. Auch dass wir unsere Steuern nicht zahlen und der Schwarzmarkt bei uns blüht, ist einfach nicht wahr. In Italien beispielsweise ist die Situation viel schlimmer. Besonders die Reaktion der Deutschen leuchtet mir nicht ein: Ihr Wohlstand beruht unter anderem darauf, dass wir jahrelang ihre Produkte gekauft haben, anstatt zu sparen. Die aktuelle Krise hat uns die Politik eingebrockt. Das Einzige, was ich mir vorwerfen kann, ist, dass ich diese Leute auch gewählt habe. Trotzdem: Griechenland hat schon so viel durchgemacht, Hellas wird nicht untergehen. Die EU und der IWF haben uns jetzt Kredite gegeben, die sie auf jeden Fall zurückbekommen werden. Wie gesagt: zwei Jahre, dann geht es wieder bergauf. Es gibt keinen Grund zu verzweifeln.


Myrto, 22, Studentin,

weiß nun, wie es ist, einen großen Traum aufzugeben.

Vor vier Jahren bin ich nach der Matura nach Athen gegangen. An der polytechnischen Universität studiere ich Architektur, nebenbei versuche ich mich als Schauspielerin in diversen Kellertheatern. Das Schauspielen macht mir enormen Spaß, bis vor Kurzem wollte ich das sogar hauptberuflich machen. Jetzt weiß ich: ­Daraus wird nichts. Die Kunst ist das Letzte, was momentan in Griechenland gefragt ist. Im Grunde kann ich mich gar nicht beschweren. Mein Vater arbeitet als Bauingenieur, meine Mutter als Lehrerin an einem Gymnasium. Sie unterstützen mich mit 500 Euro im Monat. Wahrscheinlich wird das jetzt weniger, weil sie meiner Mutter zwei Monatsgehälter im Jahr streichen und mein Vater große Einbußen in seiner Firma hat. Aber zumindest müssen wir keine Angst haben zu verarmen. Meine Familie besitzt eine kleine Wohnung in Athen, in der ich jetzt mit meiner Schwester wohne. Zum ersten Mal in meinem Leben weiß ich aber, wie es ist, einen großen Traum aufzugeben, weil es nicht anders möglich ist. Ich werde mich jetzt schnell um einen Job bemühen und die Schauspielerei sein lassen. Aber es geht hier nicht um mich. Diese Krise betrifft uns alle, wir alle müssen jetzt zusammenhalten. Dabei können uns nicht die EU, nicht der IWF und schon gar nicht unsere Politiker helfen.