John McCain ringt um Aufmerksamkeit

Barack Obama dominiert die Öffentlichkeit, sein Gegner John McCain ringt hingegen um Aufmerksamkeit. Eine Begegnung mit dem möglichen 44. Präsidenten in einer US-Kleinstadt.

Den Augenblick für den professionellen Händedruck nimmt er sich Zeit. Seine Handfläche ist trocken, trotz der langen Bühnenpräsenz im schweißtreibenden Licht der Scheinwerfer des Kirby-Center-Theaters. Die Finger drücken kräftig zu. Am Handgelenk baumelt das breite schwarze Armband mit der hellen Gravur, das die Aufschrift „Matthew“ trägt und eigentlich gar nicht zu Anzug und Krawatte passt. „Die Mutter eines jungen Soldaten hat es mir anvertraut“, sagt John McCain. „Sie hat das größte Opfer für ihr Land gebracht, das man bringen kann. Ihr eigener Sohn wurde kurz vor dem Weihnachtsabend 2006 vor den Toren Bagdads getötet. Und sie hat mir mit diesem Armband das Versprechen abgerungen, dafür zu sorgen, dass sein Tod nicht umsonst war.“

„Country First!“-Heldengeschichten und das Wahlkampfmotto McCains kommen hier im republikanischen Kernland gut an. Drei Autostunden von New York entfernt ticken die Uhren anders als in der Stadt. Viele hier sind überzeugt, dass sie mit McCain dem nächsten Führer der freien Welt die Hand geschüttelt haben: einem 72-Jährigen, der weniger dafür verehrt wird, was er ist, als dafür, was er einmal war: ein Kriegsheld. Obwohl man den Eindruck gewinnen könnte, dass all die alten und viel zu jungen Veteranen hier gerade deshalb gekommen sind – so enthusiastisch beklatschen sie die ohnehin längst bekannte Geschichte der Gefangenschaft in Vietnam, die McCain wieder erzählt.

Der Pfarrer zitiert vor der zwei Stockwerke hohen US-Flagge die Bibel und Abraham Lincoln, zwei junge Mädchen schmettern a cappella die offizielle Nationalhymne – und die inoffizielle: „God bless America!“ Die Hände auf den Herzen, der Blick verklärt nach oben. Wilkes-Barre, irgendwo in Pennsyl­vania, 40.000 Einwohner: Es ist ein Minderheitenprogramm, das John McCain hier weitab vom Schuss abspult, während sich sein Kontrahent Barack Obama seit seinem Trip durch Europa und den Nahen Osten in der Aufmerksamkeit der Welt­öffentlichkeit sonnt. In Wilkes-Barre sucht McCain den Kontakt mit den einfachen Leuten: Seine Anhänger erklären das damit, dass ihm die kleinen Termine mit den einfachen Menschen wichtiger sind; seine Gegner behaupten, dass er die großen mit wichtigen Menschen einfach nicht kriegt. Die so genannten Townhall-Meetings sind das Herzstück der Kampagne von McCain. Quer durch das ganze Land wollte er dabei eigentlich Diskussionen mit seinem Kontrahenten ausfechten – mit offenem Visier, vor Publikum. Das Obama-Büro winkte ab. Aus gutem Grund. Israel gegen Pennsylvania, Berlin gegen Wilkes-Barre: So empathisch John McCain hier auch die Alltagssorgen der einfachen Amerikaner von Benzinpreis bis Jobnot anspricht, wirkt seine Show gegen jene Obamas so provinziell, als würde er nicht für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten, sondern für jenes des Bürgermeis­ters von Wilkes-Barre kandidieren. Ein Schwachpunkt und Pluspunkt zugleich: Die Menschen hier schätzen ihn als Gegenthese zum Ungreifbaren, aber sie haben kaum Argumente parat, warum er der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden sollte. Sie haben nur Argumente, warum Obama es nicht werden sollte: zu wenig Erfahrung, viel zu liberale Haltung gegenüber den Bösen der Welt und – vor allem – keine Kriegserfahrung. „Amerika hat in der Vergangenheit schon viel geschafft. Als Kennedy sagte, wir fliegen zum Mond, taten wir es. Wir haben Nazi-Deutschland und Japan im Zweiten Weltkrieg besiegt, und wir gewinnen auch den momentanen Krieg viel schneller, als viele denken“, ruft McCain.

Charismaproblem. Er ist kein großer Redner. Weniger noch: Er ist langweilig. Seine Sachlichkeit durchbricht er nur, wenn er im Zwiegespräch die Chance zu einer ironischen Pointe wittert: „Wir sollten vielleicht nicht 223 Millionen Dollar für eine Brücke auf eine Insel vor Alaska ausgeben, wo gerade einmal 50 Menschen leben. Stattdessen sollten wir dem Typen, der sein Leben als Diesel-Truck-Fahrer bestreitet, ein wenig von der Steuer auf Sprit erlassen.“ Damit reißt er nicht einmal seine engsten Anhänger zu Begeisterungsstürmen hin. Die Begeisterung, den potenziellen nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten hautnah zu erleben, hält sich – wenn es nicht um McCains Kriegsvergangenheit geht – überraschenderweise ohnehin in engen Grenzen. George und Cindy waren um vier Uhr Früh die ersten hier, gefrühstückt haben sie auf einer Decke. Das wäre nicht nötig gewesen. Mehr als 1600 Menschen haben allein die freiwilligen Wahlkampfhelfer des regionalen McCain-Büros in den Tagen vor der Veranstaltung durchgerufen. Mit mäßigem Erfolg.

1000 Plätze fasst das Kirby-Center-Theater auf dem Public Square von Wilkes-Barre am Parkett, aber nicht einmal die schafft es McCain zu füllen. Gerade mal 600 bis 800 Menschen zieht er an. Eine Gruppe kahl geschorener Marines springt für den Kriegsveteranen in die Bresche und füllt die freien Reihen auf. McCain dankt: „Ich würde unsere Truppen heimbringen, wenn unser Job erledigt ist. Stolz und ehrenhaft! Dann, nicht früher, würden wir dieses Land verlassen. Aber wir würden nie wieder zurückmüssen, weil wir unsere Aufgabe dort erledigt haben! Senator Obama würde lieber einen Krieg verlieren, um eine Wahl zu gewinnen. Bei mir ist es umgekehrt!“

Das mangelnde Charisma macht es auch den Reportern nicht leicht, Neues über ihn zu berichten. Nur ein einziger Journalist hat sich tags davor zum Flughafen aufgemacht, um über die Ankunft des Präsidentschaftskandidaten in New Hamp­shire zu berichten. Auch beim Townhall-Meeting zeigen gerade mal ein paar lokale Medien Interesse, spontane Interviewanfragen europäischer Journalisten wehrt McCain unter Hinweis auf seinen gar so engen Terminplan dennoch ab: „Dafür haben wir keine Zeit!“ – Natürlich nicht: Würde er sich Zeit für die Auslandspresse nehmen, würde das den Eindruck verstärken, dass sich die US-Medien nicht wirklich um ihn reißen. Und so versucht McCain, sich als Gegenstrategie nach Kräften rarzumachen. Dem Reporter vom NBC-Lokalkanal 28 räumen seine Presseleute zumindest ein paar Minuten Fragezeit ein. Im Untergeschoß bauten die TV-Leute dafür einen eigenen Stand auf: just unter den abbröckelnden Styroporplatten der sehr renovierungsbedürftigen Decke, gleich neben den Herrentoiletten. Und die Frage muss natürlich kommen: „Wird Obama von den Medien wie ein Rockstar behandelt – ganz im Gegensatz zu Ihnen? Finden Sie das unfair?“ Der Pressesprecher tippt nervös mit seinem Fuß auf. Das Offensichtliche hat die Metaebene erreicht: Sogar wenn sich die Medien um McCain kümmern, fragen sie ihn, warum sie sich denn kaum um ihn kümmern. McCain quält sich mit dem Lächeln. „Ach, es ist, wie es ist. Ich sehe mir das interessiert an, und manchmal amüsiert“, lenkt er ab. „Ich bin glücklich mit unserem Wahlkampf. Wir halten unsere Townhall-Meetings ab, touren durch das Land – alles, um die Wahl zu gewinnen. Es ist eben, wie es ist.“

Ölteppich. Es ist offensichtlich, dass der als jähzornig bekannte McCain dem ­Reporter lieber etwas ganz anderes entgegenbrüllen würde. Dabei hat der Mann wirklich auch Pech. Einen prestigeträchtigen Pressetermin auf einer Bohrinsel im Golf von Mexiko, der dazu dienen sollte, die Ölförderung vor der Küste als umweltschonendes Mittel gegen den hohen Benzinpreis zu promoten, musste er absagen. Offizieller Grund: schlechtes Wetter. Inoffizieller Hintergrund: Just am Tag vor dem Auftritt war ein Tanker 50 Kilometer vor New Orleans mit einem Frachtschiff kollidiert und hatte das Wasser mit einem Ölteppich überzogen.

Dem mangelnden Interesse der Öffentlichkeit versuchte der vergessene Kandidat erst ironisch, fast selbstironisch, zu begegnen. Während Barack Obama im Nahen Osten den israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres traf, gab John McCain in einem Supermarkt in einem amerikanischen Ort namens Bethlehem Statements über den dramatisch gestiegenen Milchpreis ab. Unglücklicherweise rumpelten einem nervösen Supermarktangestellten dutzende Dosen Apfelmus aus dem Regal, als sich der Präsidentschaftskandidat gerade davor filmen ließ.

Und als Obama vorvergangene Woche seine Rede vor 200.000 frenetisch jubelnden Deutschen in Berlin hielt, ließ sich McCain im German Village von Columbus, mitten im umkämpften Bundesstaat Ohio, beim Speisen von „Sauerkraut-Bratwurst-Balls“ abfilmen. Inzwischen hat sein Wahlkampfteam die Gangart wieder verschärft. Zunächst schalteten die Republikaner in allen amerikanischen Städten mit dem Namen Berlin Anti-Obama-Spots, die den Demokraten mit so zweifelhaften Berühmtheiten wie David Hasselhoff, Britney Spears oder Paris Hilton in Verbindung bringen. Mittlerweile läuft die Kampagne landesweit. McCain selbst schaffte es zumindest mit seiner Kritik an den „kriecherischen Deutschen“, Schlagzeilen zu ernten.

Auserkoren. Europa ist weit, und „Austria“-Assoziationen haben hier nichts mit Salzburg, Mozart oder dem Kitschfilm „Sound of Music“ zu tun. „Ich hab eine Glock zu Hause“, raunt einem der 74-jährige Sitznachbar zu. „Es ist eine absolut perfekte Waffe, die ihr da produziert. Gratulation!“ Er nimmt einen Schluck aus der in Tarnfarbe lackierten Wasserflasche und nickt John McCain vor ihm auf der Bühne zustimmend zu. „Gott – und er da oben! – mögen uns vor diesem Osama Obama bewahren.“ „Wissen Sie, wir verstehen hier überhaupt nicht, was es die Europäer angeht, wen wir zum Präsidenten wählen“, sagt ein Lehrer mit „McCain for President“-Button auf der Brust. Er ist dazu auserkoren, die ganze Rede McCains als Teil einer lebenden Kulisse von der Bühne aus zu verfolgen. Die „Jetzt erst recht“-Haltung klingt nicht ganz fremd. „Was Obama da international abgezogen hat, war echt übertrieben. Die Europäer konnten uns zuletzt auch nicht leiden. Na und? Wir haben genug Probleme im eigenen Land.“ Nach einer knappen Stunde hat McCain sein Soll erfüllt. Ein paar Fotografen schießen Bilder. Und Kanal 28 wird am Abend sein McCain-Interview in Kurzfassung bringen. Es wird zwei Minuten dauern, im Lokalfernsehen.

Von Josef Barth, New York, Pennsylvania