John Naisbitt: „Die Balance herstellen“

John Naisbitt, 75, versteht sich als „globaler Philosoph unter den Zukunftsforschern“. Er prägte den Begriff „Megatrends“ durch sein gleichnamiges, 1982 erschienenes Buch, von dem in 57 Ländern neun Millionen Stück verkauft wurden. Weitere Bücher Naisbitts, der auch im Management von IBM und Eastman Kodak tätig war, sind „Megatrends 2000“, „Global Paradoxon“ sowie „High Tech – High Touch“. Zudem fungierte der 15fache Ehrendoktor, der mit einer Österreicherin verheiratet ist und den größeren Teil des Jahres in Wien lebt, als stellvertretender Unterrichtsminister des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy und als Special Assistant von US-Präsident Lyndon B. Johnson.

profil: Sie haben einmal gesagt, dass der rasante technische Fortschritt ein Bedürfnis nach tieferen Beziehungen weckt. Kürzlich wurde eine Studie publiziert, wonach 20 Prozent der Jugendlichen ihre Beziehungen via SMS beenden.
Naisbitt: Das sind ja Feiglinge.
profil: Und es sieht eher danach aus, dass zumindest die Jüngeren tiefere Beziehungen in Wirklichkeit vermeiden.
Naisbitt: Das sind eben einige junge Leute. Aber ich bleibe bei meinem Standpunkt, dass durch den Fortschritt der Technologie die soziale Anpassung hinterherhinkt und dass die Menschen nach einer Antwort darauf suchen. Diese Wechselwirkung gab es immer. Das Problem ist heute, dass der Fortschritt so rasant ist.
profil: Also hält die soziale Anpassung nicht Schritt?
Naisbitt: Ich glaube, aufgrund der überladenen Technologie erleben wir eine Renaissance der Künste, der Literatur und Musik. Das ist eine Art kompensatorische Antwort. Weil der technische Fortschritt nicht langsamer wird, wird die Bedeutung dieser Renaissance zunehmen, was dazu dient, die Balance zu erhalten.
profil: Sie nennen dieses Gegengewicht „High Touch“, im Gegensatz zu bloßer High Tech. Haben wir in den vergangenen Jahren Fortschritte Richtung High Touch gemacht?
Naisbitt: Ich glaube schon. Im Grunde ist die am wenigsten ausgereifte Beziehung schließlich die zur Technologie. Welche Beziehung soll man zu einem Computer haben? Trotzdem werden manche Menschen von ihren Handys beherrscht. Manche wollen der Realität entkommen. Manche Leute haben ein sehr dysfunktionales Verhältnis zur Technologie.
profil: Werden wir nicht alle von der Technik beherrscht? Wenn heute das E-Mail für fünf Minuten ausfällt, ist das schon fast eine Katastrophe.
Naisbitt: Das ist lustig, nicht? Das ist Teil der Beschleunigung in unserem Leben. Bevor es das Telefon gab, haben die Menschen Briefe geschrieben und versendet, was Wochen dauerte. Inzwischen ist der Informationsfluss auf Sekunden geschrumpft. Entwicklungen haben aber oft auch unerwartete Konsequenzen. In Dublin gab es Ende des 19. Jahrhunderts acht Postzustellungen pro Tag, die Post kam achtmal pro Tag. Können Sie sich das vorstellen? Und als sich das Telefon durchsetzte, war die unbeabsichtigte Konsequenz, dass die Zahl der Briefe rapide sank. Die Folge war der Tod der Kunst des Briefschreibens.
profil: Entdecken wir diese Kunst durch das E-Mail-Schreiben wieder?
Naisbitt: Der amerikanische Autor Truman Capote hat in einem anderen Zusammenhang gesagt, das ist nicht Schreiben, sondern bloß Tippen. E-Mail ist auch nicht Schreiben, das ist Tippen.
profil: In Bezug auf eine andere Technologie haben Sie etwa die automatisierten Telefondienste überspitzt mit „Bleiben Sie in der Leitung, während wir Sie ignorieren“ charakterisiert. Sehen Sie eine Gegenbewegung gegen solche Technik?
Naisbitt: Das ist eine wirklich dumme Sache, weil man dadurch Kunden verliert. Diese Services sind schrecklich. Die Leute gehen in der Telefonhölle verloren, und sie können nicht mit echten Menschen sprechen. Es wird gedacht, das spart Geld, aber es stimmt nicht. Die wirkliche Effizienz wäre, High-Touch-Personal zu haben, das sich mit den Menschen befasst und ihnen wirklich weiterhilft. Das wird sicher eines Tages in Angriff genommen werden, entweder technologisch oder man wird wieder Menschen haben, die mit Menschen sprechen.
profil: Für Schulen haben Sie gefordert, in jeder Klasse müsse es nicht nur einen Computer geben, sondern auch einen Poeten.
Naisbitt: Das ist meine Kampagne.
profil: Wie kann man sich das vorstellen?
Naisbitt: Zunächst muss man sagen, dass die Qualität der Schulen sinkt. Die Forderung, dass es einen Computer für jeden Schüler geben soll, unterstütze ich. Es ist wichtig, dass die Kinder damit vertraut sind. Aber zugleich fordere ich einen Poeten für jedes Klassenzimmer, zumindest im metaphorischen Sinn. Das meiste Geld und die meiste Energie fließen in die Technologie, manchmal auf Kosten der Künste, der Musik, Literatur und humanistischen Bildung. Ich dränge deshalb darauf, die erwähnte Balance zwischen High Tech und High Touch herzustellen. Dann hätten wir die ideale Gesellschaft. Sie verfügt über einen Computer und einen Poeten.
profil: Meinen Sie Kunstunterricht oder dass sich Schüler als Künstler betätigen?
Naisbitt: Beides. Der wirkliche Sinn von Bildung ist, dass man lernt, wie man lernt. Das dauert das ganze Leben. Aber viele Menschen können das nicht, weil sie nicht wissen, wie man lernt.
profil: Eines der wichtigsten Themen zurzeit ist wohl die Beschäftigung. Menschen verlieren traditionelle Jobs, und Forscher prognostizieren neue Formen der Arbeit. Ist die Fähigkeit, richtig zu lernen, eine Antwort auf gesellschaftliche Änderungen?
Naisbitt: Es ist eine wichtige Antwort. Zunächst müssen wir akzeptieren, dass sich die Jobs ändern. Das passiert aber seit vielen Jahren. Ende des 19. Jahrhunderts arbeiteten in Amerika 80 Prozent der Leute entweder als Bauern oder im häuslichen Umfeld. Heute haben wir vielleicht drei Prozent Bauern. Das ist der Prozess. Man kann nicht am Vergangenen festhalten.
profil: Aber genau das geschieht?
Naisbitt: Nehmen Sie den neuen Finanzminister von Frankreich oder den deutschen Kanzler Gerhard Schröder. Sie sagen, wir müssen die Unternehmen und die Jobs retten. Absolut falsch. In einer dynamischen Wirtschaft wie Amerika verliert man rund sechs Prozent aller Jobs pro Jahr. Aber zum Beispiel verlieren wir in Detroit sechs Prozent und schaffen nur vier Prozent neue. In Dallas schaffen wir zehn Prozent neue Jobs.
profil: In welchen Bereichen?
Naisbitt: In den neuen Bereichen. Wir verlagern die Jobs von gestern in Länder wie China. Wir müssen uns mit den Jobs von heute befassen. Wenn man hingegen die Position von Frankreich oder Deutschland betrachtet, wo die Jobs gerettet werden sollen, bleibt man in der Wirtschaft von gestern stecken. Das ist ein Weg ins wirtschaftliche Desaster.
profil: Müssen wir akzeptieren, dass das Industriezeitalter zu Ende geht?
Naisbitt: Das ist längst vorbei. In den USA trägt der produzierende Sektor etwa 23 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Das hat sich seit Dekaden nicht geändert. Aber die Zahl der dort Beschäftigten sinkt permanent. Einst waren 60 Prozent der Menschen dort beschäftigt, heute sind es neun Prozent. Diese neun Prozent produzieren 23 Prozent des BIP. Und das BIP wächst ständig, was nicht möglich wäre, wenn man in den alten Jobs hängen bleibt. Man muss sich darauf konzentrieren, neue Fähigkeiten zu erwerben, während man die Jobs von gestern in andere Teile der Welt verlagert.
profil: Welche Jobs kommen stattdessen?
Naisbitt: Jobs im Finanzsektor, in den Bereichen Tourismus und Reisen ganz besonders. Der Tourismus ist bereits die größte Industrie der Welt. Aufgrund des wachsenden Wohlstands entsteht ein weites Feld für Kreative, für Künstler, Schauspieler, Regisseure, auch für Ingenieure. Hinzu kommt die alternde Bevölkerung und dadurch eine neue Medizin.
profil: Und diese Bereiche versprechen bessere Beschäftigung als die traditionelle Produktion?
Naisbitt: Das ist doch viel besser als Massenproduktion. Arbeit in Fabriken ist grauenvoll. Ich bin auf einer Farm in Utah aufgewachsen, wir mussten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten. Ich habe auch in einer Stahlfabrik gearbeitet, es war fürchterlich. Wieso werden diese schrecklichen Jobs romantisiert?
profil: Aber das heißt nicht, dass die neuen Berufe auch ökonomisch funktionieren. Können wir uns die neuen Jobs leisten?
Naisbitt: Wenn sich ein Land selbst belastet, indem es seine Wettbewerbsfähigkeit durch das Festhalten an der Vergangenheit einschränkt, kann man es sich nicht leisten. Aber wenn man die Gegenwart akzeptiert und neue Fähigkeiten und Bildung hervorhebt, schon.
profil: In Europa scheint sich das noch nicht durchgesetzt zu haben.
Naisbitt: Dann bleiben die Europäer entweder in den alten Jobs hängen, oder sie verlieren ihre Jobs und sind auf die Wohlfahrt angewiesen. Und das ist keine dynamische Wirtschaft. Eines der Probleme in Europa ist, dass es kaum richtige Entrepreneure gibt. Es gilt nicht als wertvoll, Entrepreneur, also Unternehmer, zu sein. Aber es sind Entrepreneure, die eine Wirtschaft revitalisieren. Also ist es die Aufgabe der Regierungen, ein entsprechendes Umfeld zu schaffen. Wenn in Amerika ein Unternehmer scheitert, steht er auf, klopft den Staub ab und versucht es erneut. Wenn Ihnen das in Japan passiert, sind Sie für den Rest Ihres Lebens erledigt, weil Sie versagt haben.
profil: Bei uns ist es doch so ähnlich.
Naisbitt: Richtig. Es gibt keine unternehmerische Kultur, die den Gründergeist würdigt. Microsoft hätte etwa niemals in Frankreich gegründet werden können.
profil: Sie glauben, dass gerade in einer globalisierten Welt die kleinen Unternehmen immer bedeutender werden, was Sie als globales Paradoxon bezeichnen.
Naisbitt: Absolut. Vor einigen Jahren hatte ich ein privates Treffen mit dem chinesischen Staatschef Jiang Zemin. Wir haben über die größten Probleme in China gesprochen. Es gibt riesige Konzerne, und es geht darum, sie effizient zu gestalten, ohne zu viel Arbeitslosigkeit zu erzeugen. Wir waren uns einig, dass dies ein schwieriger Balanceakt ist. Und dann sagte er, wir konzentrieren uns auf die Großen und lassen die Kleinen ziehen. Und mein unternehmerisches Herz dachte, ich möchte einer von den Kleinen sein. Eine große Regierung sollte nicht versuchen, Business zu machen.
profil: Verhalten sich die Staaten in Europa besser?
Naisbitt: Ich sehe nicht viel Fortschritt. Vor vier Jahren haben die EU-Minister gesagt, 2010 werden wir eine wissensbasierte, die stärkste und dynamischste Wirtschaft der Welt haben. Und jetzt liegt Europa noch weiter hinter den USA zurück. Also worum geht es hier? Um den alten Lebensstil? Der ist fein, aber keine Vorbereitung auf die Zukunft. Man muss sich entscheiden, ob man ein dynamischer Mitspieler in der globalen Wirtschaft sein will.
profil: Vertreten Sie nicht auch die These, dass in einer globalisierten Wirtschaft die Nationen neue Bedeutung erlangen, nämlich als Quelle der Identität?
Naisbitt: Je mehr wir wirtschaftlich vernetzt sind, desto mehr sind wir, bewusst oder unbewusst, von Fragen kultureller Identität betroffen. Bis Mitte dieses Jahrhunderts werden wir ökonomisch so verflochten sein, dass das BIP eines anderen Landes keine Bedeutung mehr hat. Gleichzeitig und als Folge dieser Entwicklung entsteht die Frage, was wirklich wichtig für uns ist. Fragen wie die Muttersprache, Kulturgeschichte oder Gemeinschaft gewinnen auf der ganzen Welt immer mehr an Bedeutung.
profil: Auch Fragen der Religion?
Naisbitt: Das ist dieselbe Kategorie wie die Renaissance der Künste. Interessant ist aber, dass beide Enden der Religion an Bedeutung gewinnen. Das eine Ende ist der Fundamentalismus, ob im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten oder im Nahen Osten. In Zeiten großer Veränderungen laufen viele Leute Fundamentalisten nach, weil sie ihnen sagen, was sie tun sollen. Auf der anderen Seite des religiösen Spektrums steht die ebenfalls zunehmende individuelle Spiritualität.
profil: Sie haben auch einen Nostalgie-Boom prophezeit.
Naisbitt: Ja, in Zeiten großer Veränderungen sehnen sich die Leute nach
dem, was sie aus einfacheren Zeiten kennen. Deshalb haben wir so viel Retro-
Design und Revivals aller möglichen Dinge.
profil: Ist das nicht Fluchtverhalten?
Naisbitt: Sicher. Wenn die Zukunft nicht so viel versprechend ist, klammert man sich eben an die Vergangenheit.
profil: Halten Sie die erwähnten Ursachen für den Fundamentalismus auch für einen Grund für das Terrorismusproblem?
Naisbitt: Ich glaube schon. Der 11. September war ein Aufbäumen gegen die Modernität. Ich hoffe, es war das letzte große Zucken. Viele Leute hängen an der Vergangenheit und würden gern dorthin zurückkehren, weil es viel bequemer ist.
profil: Sie waren vor ein paar Tagen in der Türkei. Was waren denn die wichtigsten Fragen der Leute dort?
Naisbitt: Fragen im Zusammenhang mit einem EU-Beitritt. Einige Leute wussten, dass ich in Österreich lebe und dass Österreich jenes Land unter den 25 EU-Mitgliedern ist, das am vehementesten gegen einen Beitritt der Türkei ist. Wir haben viel über die EU gesprochen, auch viel über die Fragen, die wir vorher erörtert haben. Es wird eben alles globalisiert, auch die Fragen sind mittlerweile globalisiert.
profil: Welche Position vertreten Sie in Bezug auf einen Beitritt der Türkei?
Naisbitt: Die EU ist sicher der wichtigste Baustein auf dem Weg zur globalen Ökonomie. Deshalb glaube ich, dass es wichtig ist, dass die Türkei Teil der EU wird. Es ist eine Brücke zwischen Europa und Asien.
profil: Und welchen Baustein symbolisieren in Zukunft die Vereinigten Staaten?
Naisbitt: Sie sind wie das römische Imperium der einzige Big Player.
profil: Dieses Imperium ist zurzeit nicht gerade ein Sympathieträger.
Naisbitt: Sie könnten sich sicher besser benehmen. Dass sie es nicht tun, ist dumm. Derzeit können die USA tun, was sie wollen. Wer soll sie stoppen? Niemand kann das. Aber es ist nicht sehr klug, etwas zu tun, bloß weil man es kann.
profil: Wird der Terrorismus nicht in Wahrheit durch das derzeitige Verhalten der USA gefördert?
Naisbitt: Wie fördern die USA den Terrorismus? Diese Argumentation gleicht der Taktik in manchen Strafprozessen, wenn versucht wird, das Opfer verantwortlich zu machen. Wenn ich auf der Straße überfallen und ausgeraubt werde, fördere ich dann den Raub? Ich bin das Ziel.
profil: Aber Terroristen in aller Welt fühlen sich durch den Irak-Einmarsch legitimiert.
Naisbitt: Was ist der Ausweg? Was sollten die USA machen? Aber ich will die USA weder verteidigen noch anklagen. Ich verstehe mich zunächst hauptsächlich als Weltbürger. Zweitens lebe ich in Österreich. Drittens bin ich Amerikaner, der auf einer Farm in Utah aufgewachsen ist.
profil: Sie prognostizieren auch eine größere Bedeutung des Einzelnen.
Naisbitt: Es hat einen Wechsel gegeben, was die kleinste Einheit betrifft, von der Nation hin zum Einzelnen. Es ist ein Triumph des Individuums.
profil: Gleichzeitig halten Sie die Biotechnologie für eine wirkliche Revolution. Geht nicht die Gentechnik an die Substanz des Individuums?
Naisbitt: Technologien sind im 21. Jahrhundert viel folgenreicher als früher. Mit der Biotechnologie können wir den Menschen verändern. Wir sind die erste Spezies, welche die Verantwortung für ihre eigene Evolution trägt. Es stellen sich sehr alte Fragen mit neuer Dringlichkeit: Was bedeutet es, Mensch zu sein.
profil: Müssen wir den Menschen neu definieren?
Naisbitt: Das könnte sein. Das große Dilemma dieses Jahrhunderts ist, dass wir mit der Biotechnologie einerseits schreckliche Krankheiten behandeln und vielleicht heilen können. Aber mit derselben Technologie könnten wir Menschen klüger, flinker oder größer machen. Das fällt unter den dunklen Schatten der Eugenik, die Schaffung des perfekten Menschen. Hitler hatte die Idee, aber nicht die Wissenschaft. Nun haben wir die Wissenschaft.
profil: Haben Sie einen Vorschlag, wie wir damit umgehen sollen?
Naisbitt: Es ist die Gelegenheit für eine Debatte über die Frage, was ist machbar und was ist wünschenswert. Darwin hielt sein Manuskript über die Ursprünge der Spezies zurück, weil er fühlte, dass die Welt dafür nicht bereit war. Und als er es dann publizierte, war die Welt noch immer nicht bereit. Wir sind alle davon betroffen und sollten an der Debatte teilnehmen. Ich will nicht sagen, was dabei herauskommen sollte, aber wir sollten darüber reden. Wir können es gemeinsam akzeptieren oder gemeinsam Grenzen definieren.