Visionär und Polemiker: Der aus Wien vertriebene Designer Josef Frank

Wohn-Visionär, Stil-Demokrat und scharfer Polemiker: Der aus Wien vertriebene Architekt und Designer Josef Frank prägt unsere Lebensräume bis heute – wie sehr, ist in seinen nun erstmals gesammelten Schriften nachzulesen.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein zeigte sich bei der Begehung der Ausstellung Werkbundsiedlung im Juli 1932 von der Radikalität des Projekts tief beeindruckt. „Bloody modern houses!“, schrieb er an einen britischen Freund. Dass die Musterhaussiedlung im Wiener Stadtteil Lainz unter der Ägide des damaligen Stararchitekten Josef Frank, der Kory­phäen wie Adolf Loos, Richard Neutra, Josef Hoffmann und Margarete Schütte-Lihotzky mit Entwürfen beauftragte, in der verschärften Krisensituation überhaupt zustande kam, grenzte an ein Wunder.

Die Wiener waren mit den avantgardistischen Architekturen und Wohnkonzepten, die als Gegenströmung gegen den kommunalen Wohnbau mit seinen deprimierenden Schachteleinheiten verstanden werden sollten, restlos überfordert und nannten die bis heute bestehende Siedlung „das spinnerte Dorf“. Das Projekt sollte zum kommerziellen Flop geraten. Wie sehr dieses Manifest einer neuen Wohnkultur für die breite Masse jenseits der tristen Mietskasernen die Geschmacksideologie jedoch bis heute prägt, kann man zurzeit in der Ausstellung und dem Katalog „Werkbundsiedlung Wien 1932“ im Wien Museum am Karlsplatz überprüfen.

Frank war zu diesem Zeitpunkt bereits in der internationalen Szene wegen seiner dem sachlichen Funktionalismus verpflichteten Hausentwürfe hoch geschätzt. Neben Stararchitekten wie Le Corbusier und Walter Gropius war er 1927 der einzige Österreicher, der von Ludwig Mies van der Rohe für würdig befunden worden war, sich an der vom Deutschen Werkbund initialisierten Weißenhofsiedlung in Stuttgart zu beteiligen. Franks Vision vom „glücklichen Wohnen“ in einer Lebenswelt, in der im Gegensatz zu den „Volkswohnpalästen“ Natur und Bauwerke miteinander verschmelzen und „alle den gleichen Anteil von Luft und Sonne erhalten“, sollte noch für geraume Zeit Utopie bleiben.

Sowohl die allgemein schüttere Auftragslage als auch der sich verschärfende Antisemitismus trieben den Sohn eines jüdischen Textilhändlers 1933 in die Emigration. Der Werkbund, der die Vereinigung von Industrie, Kunst und Handwerk in Volksnähe zum Ziel hatte und dessen zentrale Figur der glühende Sozialdemokrat Frank verkörperte, war inzwischen in zwei Lager zerrissen worden: Eine Fraktion bildeten die dem Austrofaschismus gegenüber durchaus aufgeschlossenen erzkonservativen Köpfe wie Clemens Holzmeister und Josef Hoffmann; die linke Hälfte prägten neben Frank Protagonisten wie Dagobert Peche und Oskar Strnad.
Frank, der mit der schwedischen Musiklehrerin Anna Sebenius verheiratet war, hatte Glück: Estrid Ericson, die Stockholmer Gründerin des inzwischen weltberühmten Einrichtungshauses Svenskt Tenn, war schon Jahre zuvor auf Franks Möbel- und Stoffentwürfe und seine theoretischen Texte in diversen Architektur- und Designpublikationen aufmerksam geworden. Problemlos fand Frank, der in Wien ab 1925 mit seinem Designkonzept-Geschäft Haus und Garten „schon Jahrzehnte zuvor den Ikea-Gedanken vorweggenommen hatte, weil er die passenden Möbel und Stoffe in Wien einfach nicht gefunden hatte und sie deswegen selbst produzieren lieߓ (so die Architekturpublizistin Iris Meder), bei Svenskt Tenn eine neue Spielwiese, der er bis zum Ende seines Lebens, 1967, treu bleiben sollte.

In seiner Wahlheimat besitzt Josef Frank bis heute Kultstatus. In Stockholm ist in zentraler Lage ein Platz nach ihm benannt, und in der skandinavischen Design-Geschichte gilt er als Begründer jenes Wohnstils, der mit dem Ikea-Prinzip zum Massenphänomen gewachsen ist. Bis heute kann man bei Svenskt Tenn die Entwürfe jenes Mannes ordern, der im Gegensatz zu den unerbittlichen Dogmatikern wie Josef Hoffmann und Ludwig Mies van der Rohe einen eklektischen Wohnstil propagierte. Er hasste starre Einrichtungen, das Prinzip der einheitlichen Garnituren war ihm zuwider, und Wohnungen hatten lebendige Organismen zu sein, die durchaus auch den sentimentalen und pathetischen Bedürfnissen ihrer Bewohner gerecht werden durften. Nippes und eigenartige Erbstücke waren durchaus erlaubt. Die von Frank bereits in den 1920er-Jahren propagierte Wohnästhetik, bei der stilistische Versatzstücke wie türkische Kelims, afrikanische Nippes, Industrie-Chic und mit floralen Mustern überzogene Biedermeier-Sofas zwanglos arrangiert sind, dominiert heute die Einrichtungswelten der kreativen Mittelschicht.

Wie sehr Frank, der ab 1938 kaum mehr als Architekt, sondern hauptsächlich als Designer arbeitete, in seiner Stil- und Einrichtungsphilosophie seiner Zeit voraus war, beweist nun das ambitionierteste Projekt der jüngeren österreichischen Design-Geschichte. In einer vier Jahre dauernden Knochenarbeit sammelte ein Herausgeber-Trio, bestehend aus dem Wiener Kulturtheoretiker Tano Bojankin, dem amerikanischen Frank-Spezialisten Christopher Long und der deutschen Architekturpublizistin Iris Meder, die unzähligen Publikationen und Vorträge, in denen Frank seine Wohn- und Bauvisionen formulierte und eine „Moderne der Unordnung“ (Meder) propagierte. Bojankin, der in dem berühmten, von Frank entworfenen Haus Beer in der Hietzinger Wenzgasse aufgewachsen ist, will mit diesem Opus magnum eine bis dato völlig unentdeckte Seite des „Anti-Dogmatikers“ Frank erschließen: „Die Texte waren in alle Welt verstreut und sind teilweise von unglaublicher polemischer Schärfe, die stark von Franks langjährigem Wegbegleiter Adolf Loos geprägt ist. Frank war ja häufiger Gast an Loos’ Stammtisch im Café Museum.“ In seinem Vorwort zitiert Bojankin den Architekten Ernst A. Plischke, der die Quintessenz dessen Schaffens so formulierte: „Frank war ein Intellektueller, der Ideen baute.“

Das Idol von Kalibern wie Hermann Czech, Johannes Spalt und Luigi Blau hasste jede Form von bemühtem Pomp. Er, der immer, auch auf dem Gipfel seines Ruhms, nur zur Miete und in maximal drei Zimmern wohnte, lebte immer nach der Maxime: „Die Wohnung ist kein Kunstwerk. Deswegen hat sie auch nicht die Verpflichtung, aufregend zu wirken.“