Wider die Öde

Die Entdeckung von Josef Frank als radikaler Theoretiker eines „Bohemewohnens“ und Polemiker gegen verordnete Einrichtungskonzepte: Auszüge aus seinen Schriften.

Keine wohl abgestimmten Harmonien
„Wohnzimmer, die nicht nur Repräsentationszwecken dienen, sind keine Kunstwerke und auch keine in Farbe und Form wohl abgestimmten Harmonien, deren einzelne Teile (Tapeten, Teppiche, Möbel, Bilder) ein fertiges Ganzes bilden, in dem sie nun unauflöslich verbunden sind; ein jeder neu hinzugefügte Gegenstand würde hier auf jeden Fall unangenehm empfunden werden und den einheitlichen Eindruck zerstören …“
„Die Einrichtung des Wohnzimmers“, 1919

Chaos leerer Nachahmungen
„In diesem Sinn existiert ein Wiener Kunstgewerbe überhaupt nicht, wenn auch vielleicht einmal Ansätze zu einem solchen vorhanden waren. Ich nehme hier als Folgerung aus dem vorhin Gesagten die Arbeiten Josef Hoffmanns aus, die gewöhnlich als jenes gelten müssen. Seine bedeutende Persönlichkeit ist stark genug, einen großen Kreis zu solchen Leistungen fähig zu machen, die mit allen Reizen seines individuellen Könnens ausgestattet sind. Diese können aber nicht verallgemeinert als Werke einer ganzen Nationalität, hier also der Wiener, gelten. Denn weiter hinter ihm braust ein Chaos leerer Nachahmungen und Entstellungen, die ohne vorhandene Tradition und ohne seinen persönlichen Einfluss in Dekorationen ausarten müssen, denen alles und jedes Mittel recht ist.“
„Über die Zukunft des Kunstgewerbes“, 1921/22

Schildwachen der Gemütlichkeit
„… Das Wort Möbel kommt von mobile – was beweglich heißt. Das soll im wörtlichsten Sinn genommen werden. Ein Kleiderkasten ist nicht beweglich, er bildet einen Raum im Raum, kann nur an einer bestimmten Stelle stehen und verlangt viele Rücksichten, Ordnung, Symmetrie und dergleichen. Er zerstört die Klarheit des Raumes, wenn dieser nicht im Verhältnis zu ihm unverhältnismäßig groß ist. Deshalb sind derartige Möbel zu vermeiden …
Kastenmöbel sind als Bestandteile einfachsten Hausrates durchaus berechtigt, sind aber keine Objekte für Luxus-Entfaltung; Derartiges wirkt unangenehm, weil der Besitzer dieses Stückes sein Geld in vielen Fällen falsch verwendet, nämlich auf Repräsentation, bevor noch der Raum als solcher eine befriedigende ­Lösung gefunden hat.
… was für uns übrig bleibt, sind bewegliche Tische und Stühle, die keinerlei Einfluss ausüben können; denn sie sind wie zufällig in den Raum gestellt und haben keinen festen Platz. Deshalb muss aber auch ein jedes dieser Stücke vom andern unabhängig sein. Wir brauchen also keine Garnituren mehr, die aus den unzertrennbaren zwei Fauteuils mit Bank und dem Tisch bestehen, dessen Platte wie auf einer Steinsäule liegt – nicht mehr das Schlafzimmer, dessen Hauptwand: Kasten, Nachttisch, Bett eine feste Gruppe bilden, und nicht mehr den Leder-Polster-Ohren-Arm-Lehn-Stuhl, der vor dem Ofen wie eine Schildwache der Gemütlichkeit aufgepflanzt ist und ihn halb ­verdeckt. Es gibt also für uns keine ,Einrichtungen‘ mehr, sondern nur mehr ,Einzel-Möbel‘.“
„Einzelmöbel und Kunsthandwerk“, 1923

Schreckbild vergangener Zeiten
„Das moderne Wohnhaus entstammt dem Bohèmeatelier im Mansardedach. Dieses von Behörden und modernen Architekten als unbewohnbar und unhygienisch verpönte Dachgeschoß, das die Bauspekulation dem widerstrebenden Gesetz mit Mühe entreißen muss, das aus Zu­fällen aufgebaut ist, enthält das, was wir in den darunterliegenden, planvoll und ­rationell eingerichteten Wohnungen vergeblich suchen: Leben. Große Räume, große Fenster, viele Ecken, krumme Wände, Stufen und Niveauunterschiede, Säulen und Balken – kurz all die Vielfältigkeit,die wir im neuen Haus suchen, um der trostlosen Öde des rechteckigen Zimmers zu entgehen. Der ganze Kampf für die moderne Wohnung und das moderne Haus hat im Grunde das Ziel, die Menschen von ihren gutbürgerlichen Vorurteilen zu befreien und ihnen die Möglichkeit eines Bohèmewohnens zu geben. Die schön und ordentlich eingerichtete Wohnung in alter oder neuer Harmonie soll zu einem Schreckbild vergangener Zeiten werden.“
„Das Haus als Weg und Platz“, 1931

Verkleidung und Verblendung
„Wien war bis zum Einsetzen der Siedlerbewegung von jeder Wohnungsreform unberührt geblieben. Hier ist auch heute noch das Ideal des Kleinbürgertums die aus kleiner Küche und großem Zimmer bestehende Wohnung, in der die Küche Aufenthaltsraum und Mistwinkel, das Zimmer Schlaf- und Prunkraum ist: ein Typ, dessen Geist aber auch unsere reichsten Wohnungen beherrscht, die keinen Wohnraum, wohl aber einen Speisesaal enthalten. Diese Wohnkultur ist so gering, dass niemand überhaupt weiß, was für Ansprüche er an eine Wohnung stellen kann. Sie entspricht durchaus dem allein auf höfische Pracht eingestellten Wiener Geist, der Repräsentation über alles schätzt: Diesem Zustand verdankt auch das Wiener Baugewerbe seinen Tiefstand, da die Prachtarchitektur ihr Hauptziel in Verkleidung und Verblendung sieht.“
„Die Wiener Siedlung“, 1924

Der Mensch ist keine Eintagsfliege
„1. Behauptung.Der moderne Mensch, der eine Zentralheizung hat, der in der Eisenbahn, im Automobil und im Luftschiff fährt, kann unmöglich auf einem Sessel aus der Zeit Ludwig XV. sitzen. Dadurch, dass er auf diesem Sessel sitzt, beweist er, dass er es kann, ohne komisch oder auch nur auffallend zu wirken. Es wird bei obiger Behauptung übersehen, welch geringe Rolle in unserer Zeit die Form gegenüber der Zweckerfüllung spielt. Es haben sich eine Anzahl von Geräten, deren Funktion seit der Urzeit die gleiche geblieben ist, z. B. Sessel, schon seit Langem zu solcher ­Vollkommenheit entwickelt, sodass sie, schon damals typisiert, heute noch verwendbar sind. Das Zeitalter, in dem etwas entsteht, lässt sich nicht genau mit einer Jahreszahl versehen, einschränken. Der Sessel hat eine größere Lebensdauer als das Automobil, das absichtlich als Modegegenstand hergestellt wird, nicht länger modern sein darf als seine Verwendbarkeit.
Folgen. Der Architekt bemühht sich seit vierzig Jahren, Dinge, die ihn eigentlich nicht viel angehen, in Modeformen herzustellen, jährlich neue Sesselformen ­herauszubringen, die aber in der Regel nicht einmal das Alter einer Karosserie erreichen.
Lehre. Du sollst nicht jährlich einen neuen Stil erfinden und nicht Gelüste tragen nach dem Stil deines Nächsten; der Mensch ist keine Eintagsfliege.“
„Drei Behauptungen“, 1927

Das Gegenteil der Arbeitsstätte
„Der moderne Mensch, den seine Berufstätigkeit immer stärker anstrengt und abhetzt, braucht eine Wohnung, die viel behaglicher und bequemer ist als die alter Zeiten, weil er sich seine Ruhe in kürzerer Zeit konzentrierter verschaffen muss. Die Wohnung ist deshalb das absolute Gegenteil der Arbeitsstätte. Dies bezieht sich nicht nur auf die Bequemlichkeit der Sitz- und Ruheplätze, sondern auf alles Sichtbare, da das Auge sich auch erholen will, weshalb alle in Fabrik, Büro usw. vorhandenen Dinge vermieden werden sollen. Es ist nicht praktisch, einen Gegenstand für verschiedene Zwecke zu verwenden … Da sich im Lauf eines ­Lebens eine Menge von Anschauungen, Erfahrungen und Gegenständen ansammelt, so muss die Wohnung die Möglichkeit bieten, diese alle aufzunehmen, weshalb jede Einheitlichkeit und jede Farbenharmonie und jeder Stil, selbst der moderne, zu vermeiden sind. Die Wohnung ist auch kein Kunstwerk, deshalb hat sie nicht die Verpflichtung, aufregend zu wirken, was das Gegenteil ihres Zwecks wäre. Einheitlichkeit und Schmucklosigkeit machen unruhig, Ornamentik und Vielfältigkeit verschaffen Ruhe und beseitigen das Pathetische der reinen Zweckform.“
„Die moderne Einrichtung des Wohnhauses“, 1928

Publikation
Die zweibändige bibliophile Ausgabe versammelt alle Texte Franks.
Wie einflussreich Josef Frank für ­einen unbekümmerten Wohnindividualismus wirkte, ist durch die erstmalige Sammlung seiner Publikationen und Vorträge nachvollziehbar. Mit der Treibstoffmischung aus Am­bition und Leidenschaft hat sich das Herausgebertrio Bojankin/Long/Meder der Mühsal unterzogen, die weltweit verstreuten Frank-Texte aus den zahlreichen fremdsprachigen Interieur- und Architekturpublikationen zu destillieren und sie mit akribischen Erläuterungen und Kommentaren über Kontext und Entstehung auszustatten.

Von den 1910er-Jahren bis zum Beginn der 1960er-Jahre ziehen sich die Schriften, die Franks Wohnvisionen dokumentieren. Gestalterisch ist der Grafiker Peter Duniecki Franks allgemeiner Forderung nach „Unaufgeregtheit“ und seiner mehrfach artikulierten Antipathie für alles Modische stilsicher nachgekommen: Die Cover der zweibändigen bibliophilen Ausgabe, die mit Sicherheit zu einem Standardwerk in den Architektur- und Designbibliotheken avancieren wird, zieren zart gesetzte Kalligrafien von Franks Unterschrift. Neben seinem wissenschaftlichen Wert ist die Lektüre der Polemiken gegen die „Volkswohnpaläste“ des „Roten Wiens“ und die „Unbrauchbarkeit der Wiener Möbel“ sowie seiner philosophischen Exkurse über Stil, Modernität und die psychohygienische Funktion des Wohnens durchaus amüsant – nicht ganz auf dem sprachlichen Niveau seines Wegbegleiters Adolf Loos, aber fast.

Josef Frank: Schriften/Writings
Hrsg. von Tano Bojankin, Christopher Long, Iris Meder. Mit einem Essay von Denise Scott-Brown. Deutsch und Englisch, 2 Bände, 900 Seiten, mit Abbildungen. Gestaltung Peter Duniecki. Metro Verlag, 98 Euro, Erscheinungsdatum: 27.11.