Jubiläum: Der gute Mensch von Paris

Großintellektueller, Humanist, Aufwiegler: Lange galt Jean-Paul Sartre als hoffnungslos verstaubt. Anlässlich seines 100. Geburtstags wird der Popstar der Philosophie nun wiederentdeckt: als Wegweiser zur Entwicklung eines authentischen Selbst.

Es war wohl eine Begegnung der bizarreren Art, 1974, im Hochsicherheitsgefängnis von Stuttgart-Stammheim. Jean-Paul Sartre, der Weltliterat, der den Nobelpreis abgewiesen, der sich zum Sprachrohr der Entrechteten gemacht hatte, der „Archetypus des französischen Intellektuellen“ (Jean Améry), war zu Besuch bei Deutschlands Staatsfeind Nummer eins, Andreas Baader, der Zentralfigur der Roten Armee Fraktion (RAF). Hier der Dichter, der Denker, der mit dem Existenzialismus eine veritable Modephilosophie begründete – dort der Existenzialist der extremen Art, der seine Vision der Welt mit Waffengewalt umgesetzt hatte. Öffentlich unterstützte Sartre tapfer die Forderung der inhaftierten Linksradikalen nach besseren Haftbedingungen. Zurück im Auto, lehnte sich der 69-Jährige erschöpft zurück und meinte nur: „Ein Arschloch, dieser Baader.“

Heute ist Baader eine Popfigur, eine schillernde Chiffre für heroische Gesten und ein Rebellentum, das keine Grenzen kennt – er ist, wie etwa die viel beachtete RAF-Ausstellung in Berlin zeigte, gewissermaßen in Mode. Und Sartre? An ihn erinnert man sich jetzt wieder, weil er am 21. Juni seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Aber er ist nicht nur seit ziemlich genau 25 Jahren tot und nicht nur ein wenig in Vergessenheit geraten – er wurde nach seinem Ableben geradezu aggressiv weggeschoben. Sartres Pathos, sein Habitus des „engagierten Intellektuellen“, der nicht nur Spezialist für alles, sondern auch Gewissen der Welt sein will, die Figur des autokratischen Großdenkers und sein aufklärerischer Glaube, mit der Kraft des Wortes könne in die Weltläufe eingegriffen werden – all das wirkt heute verstaubt und wird bestenfalls belächelt. Sartres Romane werden kaum mehr gelesen, seine Stücke nur mehr selten aufgeführt. Was soll man mit so einem schwerfälligen Mythos im Zeitalter der Totalironie anfangen?

Doch plötzlich wird Sartre wiederentdeckt. Schon vor fünf Jahren erklärte ihn Bernard-Henri Lévy, der Beau unter den Pariser Geistesprinzen, mit einer gewichtigen Biografie zum „Philosophen des 20. Jahrhunderts“. Sartre, der sich kurzfristig sogar der stalinistischen Kommunistischen Partei angeschlossen hatte und sich später mit Verve auf die Seite der rebellierenden Studenten der 68er-Revolte schlug, wird nun zum Philosophen der Individualisierung erklärt. Sein Existenzialismus, rühmt etwa der Münchener Philosophieprofessor Hans-Martin Schönherr-Mann in seinem neuen Buch, habe das Potenzial, die „Philosophie des Individuums für das 21. Jahrhundert“ zu werden.

Das ist gar nicht so abwegig. Gewiss muss man Sartre nicht gleich zum frühen Denker der Risiko- und Optionengesellschaft verklären. Aber was an diesem Mann Generationen faszinierte, war die radikale Freiheit: jene, die er in seinen Schriften verkündete – und jene, die er in seiner schonungslos öffentlichen Existenz vorlebte. Erst durch diese Identität von Denken und Leben konnte Sartre so ungemein populär werden, nicht nur in Frankreich. In seiner Heimat galt er jahrzehntelang als Halbgott und Idol der Jugend: der General des Geistes, einziger legitimer Gegenspieler des Mannes der Macht, General Charles de Gaulle. Der Existenzialismus bestimmte Lifestyle, Kunst, Literatur, Film.

Rolle. „Eine Mode?“, fragte Bernard-Henri Lévy. „Zweifellos. Aber keine so schlechte Mode.“ Und deren Zentralfigur Sartre mit ihrem Hang zur scharfen Polemik, ihrer öffentlichen Beziehung mit Simone de Beauvoir, dieser kleine, hässliche, schielende Mann mit der schnarrenden Stimme, dem die Frauen der Reihe nach verfielen, der Autorität beanspruchte und dem sie unwidersprochen zugebilligt wurde – dieser Sartre war auch ein begnadeter Schauspieler. „Eine Rolle?“, fährt Lévy fort. „Sicherlich. Aber eine Rolle ist großartig, wenn sie sich der Hand eines Künstlers und dem Kopf eines Philosophen verdankt, der seine eigene Existenz modelliert.“

Der Künstlerphilosoph Sartre war eine Ich-AG, lange bevor der Terminus geprägt wurde. Wenn die moderne Identitätskritik postuliert, dass jeder Versuch, ein authentisches Ich zu entwickeln, von vornherein zum Scheitern verurteilt sei, weil alles, was „ich“ sein könnte, schon irgendjemand vor mir war, so hätte Sartre energisch bestritten, dass der Mensch von Zwängen geprägt wird und nur im Strom der Meinungen mitschwimmen könne. Der Mensch ist prinzipiell frei, allen Zwängen zum Trotz – das ist der simple Ausgangspunkt von Sartres Existenzialismus. Jeder besitzt jederzeit die Möglichkeit, sein Leben zu verändern. Und sein Wesen ist ihm nicht vorbestimmt. „Die Existenz geht der Essenz voraus“, lautet eine von Sartres berühmten Formulierungen. Jeder Mensch kann sich jederzeit neu erfinden.

Sartre selbst erfand sich täglich aufs Neue. Aufgewachsen im Haus des Großvaters inmitten von Büchern, war er bald besessen von der Sprache. Nicht zufällig hieß ein autobiografischer Text „Die Wörter“. Er wurde Lehrer in der Provinz, dann Gymnasiallehrer in Paris. Im Zweiten Weltkrieg geriet er in deutsche Gefangenschaft, ohne in Kampfhandlungen verwickelt zu werden, und auch im antifaschistischen Widerstandskampf betätigte er sich nur am Rande. Er schrieb lieber. Als sich erste Erfolge einstellten, hängte er seinen Brotjob an den Nagel und arbeitete wie ein Getriebener täglich im Café de Flore am Boulevard St. Germain an seinen Manuskripten, an seiner Seite Simone de Beauvoir, die Lebensfrau, die er zeitlebens siezte, während er alle anderen Menschen prinzipiell duzte.

Nach Kriegsende waren Sartre und Beauvoir bereits die Stars der Szene, sie verkörperten das Selbstverständnis der Pariser Boheme des Geistes geradezu beispielhaft. Seine Literatur war philosophisch, seine Philosophie literarisch. Essays, Aufrufe, Dramen, Romane, voluminöse Biografien, dickleibige philosophische Werke – kein Genre ließ Sartre aus. Natürlich verzettelte er sich dabei auch. Dennoch hat sein Werk einen roten Faden: Der Ekel gegen Konventionen, gegen das Spießertum, gegen das Vergangene fordert radikale Zeitgenossenschaft.

Zigarette. „Schreibend existiere ich“, sagt Sartre einmal über sich selbst. Immer im dunklen Anzug, immer eine Zigarette in der Hand, wird er zum Popstar der Philosophie. Als er seinen berühmten Vortrag „Der Existenzialismus ist ein Humanismus“ halten will, drängen so viele Zuhörer in den Saal, dass die Einrichtung in die Brüche geht. Manche fallen in Ohnmacht, Sartre erreicht erst mit einstündiger Verspätung das Podium.

Seiner Lebensphilosophie des Ich bleibt Sartre immer treu. Selbst als er sich den Kommunisten und dem Marxismus zuwendet, geht er nicht in einem Kollektiv auf. Sartre bleibt Sartre. Philosophisch gedeutet, heißt das: Nie stehen die gesellschaftliche Struktur oder objektive Bedingungen im Mittelpunkt von Sartres Denken, sondern der Mensch, die moralische Gestalt, die sich engagiert. Noch in seiner orthodoxesten Phase beschwört Sartre unbeugsam einen „Existenzialismus, der sich am Saum des Marxismus entwickelt hat“.

Kommunismus und Individualismus bilden für Sartre keinen Widerspruch. Der Revolutionär, der sich auf die Seite der Revolution in Indochina und der algerischen Unabhängigkeitsbewegung stellt, der illegale maoistische Zeitschriften in aller Öffentlichkeit verkauft, der Terroristen im Hochsicherheitstrakt besucht, der setzt auch immer existenzielle Zeichen: Das agierende Subjekt verändert die Welt. Als man General de Gaulle vorschlägt, den Aufwiegler inhaftieren zu lassen, spricht dieser den legendären Satz: „Voltaire verhaftet man nicht.“

Weltappetit. Sartre wirft sich ins Getöse, voller Lebens- und Weltappetit. Er besucht Fidel Castro und Che Guevara, nimmt eine Pendeldiplomatie zwischen Kairo und Jerusalem auf. Zum Buch „Die Verdammten dieser Erde“ des Antiimperialismus-Theoretikers Frantz Fanon schreibt er ein legendäres Vorwort, in dem er ein Loblied auf die kathartische Kraft der Gewalt singt, auf „diese ununterdrückbare Gewalt“, die nichts weiter sei „als der sich neu schaffende Mensch“. Die Gewalt – sozusagen der Königsweg zum authentischen Selbst. Rebellische Junge und bärtige Dschungelkrieger sehen in Sartre ihren Helden, seinen Gegnern gilt er als Dämon. Auf seine Wohnung werden zwei Sprengstoffattentate verübt, die Illustrierte „Paris Match“ nennt ihn eine „Bürgerkriegsmaschine“, und am Boulevard verteufelt man ihn als „Schimmelpilz, der sich für Hass, Eifersucht, Dummheit und die ordinärste Sexualität interessiert“.

In dem überspannten Hin und Her der späten sechziger Jahre fällt gar nicht auf, dass Sartre langsam aus der Mode kommt. Die Zeit geht hinweg über Gestalten, die sich noch an intellektuellen Herrschern wie Voltaire, dem großen Aufklärer, oder an Emile Zola, dem Heros des engagierten Dichters, modellieren. Der antibürgerliche Rebell Sartre wird – ironischerweise – zunehmend als Faktotum der untergegangenen bürgerlichen Epoche gesehen, als Vertreter eines „humanistischen“ Marxismus, der noch an ein irgendwie klar definiertes „Wesen“ des Menschen glaube, an eine reine Subjektivität.

Aber eine neue Generation von französischen Großdenkern rechnet mit Sartre ab. Die Strukturalisten, Michel Foucault, der kommunistische Philosoph Louis Althusser, der Psychoanalytiker Jacques Lacan werden die einflussreichen Stichwortgeber der siebziger Jahre. Das „zentrierte Subjekt“, wie sie es nennen, wird „dekonstruiert“. Und das heißt: „Der Mensch“ in einem immanenten Sinn existiert im Grunde nicht, denn er ist von Geschichte und Gesellschaft nicht nur geprägt – er ist nichts außer Geschichte und Gesellschaft. Wer vor diesem Hintergrund noch mit dem Verweis auf ein „Wesen“ des Menschen für Weltveränderung plädiert, kann nur von gestern sein. Für seine Nachfolger ist Sartre, was man heutzutage böse einen „Gutmenschen“ nennt.

„Fall des Intellektuellen“. Als Sartre 1980 stirbt, wird mit ihm auch eine Epoche zu Grabe getragen. 50.000 Menschen erweisen ihm die letzte Ehre. Niemals ist ein Philosoph und Dichter von einer derart großen Menschenmenge verabschiedet worden. Als die Nachrufe geschrieben sind, wird Sartre zum paradigmatischen „Fall des Intellektuellen“. Das Requiem ist kurz und schmerzlos ausgefallen.

Doch eine solche Jahrhundertfigur wird man nicht so schnell los – und auch nicht sein Thema. Der Existenzialismus mag als Theorie überholt sein, nicht jedoch als Modell eines Habitus. Der Imperativ, dass jeder ein einzigartiges Individuum, ein über sich selbst verfügendes Subjekt und ein authentisches Ich zu sein habe, ist längst Allgemeingut: Ganze Branchen leben davon – von der Unternehmensberatung bis zur Psychotherapie.

Wenn Sartre von einem zentralen Impuls getrieben war, dann vom Wunsch nach dem „bedeutenden Leben“, wie Bernard-Henri Lévy es nennt. Sartre hat sich diesen Wunsch erfüllt. Und er hat eine Philosophie entwickelt, die lebenspraktische Ratschläge gibt. Ist das altmodisch? Wahrscheinlich. Gibt es dafür heute wieder eine Nachfrage? Zweifellos. Er habe, sagte Sartre einmal, „keinerlei Angst vor dem Urteil der Nachwelt“ – und fügte nach kurzem Stocken hinzu: „Nicht, dass ich überzeugt wäre, dass es gut sein wird. Aber ich möchte, dass es gesprochen wird.“ Er sollte auch in diesem Fall Recht behalten.

Von Robert Misik