Jugendkultur

Warum werden die „Protestwähler“ eigentlich immer in Schutz genommen? Wer rechts wählt, muss den Verdacht aushalten, rechts zu denken.

Da ist er wieder, vital wie eh und je, noch ein bisschen jünger als früher und vor allem so laut, dass er selbst im nicht unmittelbar benachbarten Ausland mit Entgeisterung wahrgenommen wird. Eine Zeit lang hatte er sich verdächtig still verhalten, man war fast schon geneigt gewesen, ihm, wenn er vereinzelt noch aufkreuzte, keine weitere Beachtung zu schenken. Das missfiel ihm wohl, weshalb er am 28. September zu einem vernichtenden Comeback ansetzte. Der Rechtswähler ist zurück – und nach einem langen Moment des Schreckens beeilen sich nun alle, die Lage schönzureden: Er will ja nur spielen!

Er will keinesfalls nur spielen, er weiß ganz genau, was er tut, und er tut es ohne falsche Scheu. Bei den Nationalratswahlen hat er einen politischen Erdrutsch ausgelöst und den Stimmenanteil von FPÖ und BZÖ, verglichen mit 2006, nahezu verdoppelt. In der Altersgruppe der unter 30-Jährigen landeten die Blauen und die Orangen unweit der absoluten Mehrheit, bei den unter 19-Jährigen ist HC Strache ohnehin der unumstrittene King: 43 Prozent votierten für ihn. Die beiden großen Volksparteien SPÖ und ÖVP haben dramatisch abgewirtschaftet. Sie sehen sich einem vergleichbar starken dritten Lager gegenüber, und da sie dessen Klientel nicht so ohne Weiteres abschreiben wollen, säuseln sie im Einklang mit zahlreichen politischen Beobachtern, es handle sich dabei um „Protestwähler“. Dies kann man nur als Akt fürsorglicher Entmündigung werten: Der Rechtswähler wird gleichsam exkulpiert, indem man ihm eine diffuse Motivlage unterstellt, nach der Devise: Er meint ja gar nicht wirklich, was er gewählt hat – er will nur eine allgemeine Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen, wofür man ihm nun, bitte schön, nicht böse sein darf.

Warum eigentlich nicht? Wer zwingt den mehr oder minder latent Unzufriedenen denn dazu, seinen vorgeblichen Protest durch ein Votum für Haider oder Strache zu dokumentieren? Und woher wollen die verständnisvollen Auguren so genau wissen, dass daran keineswegs auch eine bestimmte Geisteshaltung geknüpft sein muss? Auf diese Weise werden 30 Prozent der Bevölkerung für dümmer verkauft, als sie in Wahrheit möglicherweise sind. Es geht nicht um unbedarfte Protest-, sondern um aufrechte Überzeugungswähler – an diesen Gedanken sollte man sich vielleicht einmal gewöhnen. Das profil der Vorwoche hat eine Flut von Leserbriefen und Mails ausgelöst. Manche stießen sich an der Covergestaltung, laut welcher einem Drittel der Österreicher pauschal Rechtsradikalität unterstellt worden sei. Tatsächlich zeigte das Titelbild nur die Herren Strache und Haider, unter der provokant in Fraktur gesetzten Headline „Sieg …!“. Von deren Wählern war nirgendwo die Rede, was in der aktuellen Coverstory nun nachgeholt wird: Es muss zulässig sein, die Beweggründe von volljährigen Staatsbürgern zu hinterfragen, die offenbar nicht das geringste Problem damit haben, ihre Stimme einer von zwei Parteien zu geben, die in entscheidenden Fragen rechte bis radikal rechte, also demokratie- und zum Teil menschenfeindliche Positionen vertreten. Und es ist auch zulässig, daraus gewisse Rückschlüsse auf ideologische Befindlichkeiten zu ziehen. Wer rechts wählt, muss den Verdacht aushalten, rechts zu denken.

Es ist eine durchaus gespenstische Eigenheit, dass ziviles Unbehagen in Österreich sich reflexartig rechts (um nicht zu sagen: weit rechts) der Mitte Bahn bricht. Alles nur, weil es kein vergleichbares linkes Kontinuum in der Geschichte des Landes gibt, wird gern als Begründung dafür angeführt, was jedoch einem Zirkelschluss gleichkommt: Wie soll denn eine genuin linke Tradition entstehen, wenn im Zweifelsfall immer das genuin rechte Bewusstsein die Oberhand behält? Österreich hat sich am 28. September in eine Situation manövriert, deren Dramatik dadurch nicht gemildert wird, dass sie der Situation von 1999 zum Verwechseln ähnlich sieht. Die unwürdige Performance der Koalition Gusenbauer/Molterer reicht als Erklärung für den spektakulären Rechtsruck nicht aus, und schon gar nicht als Beschwichtigung für die alarmierenden Strache-Zustimmungswerte unter den jüngeren und jüngsten Wählern. Hier verfestigt und verschärft sich etwas, was in Europa zwar nicht beispiellos, in diesem Ausmaß aber beklemmend ist.

Dass die unter 30-Jährigen fast zur Hälfte rechts wählen, kann nicht leichthin als eine kollektive Geste des Protests abgetan werden. Jeder Protest hat eine Tendenz – er hat immer aber auch eine Substanz, in der sich eine Haltung zur Welt, zu den Menschen und, nicht zuletzt, zur Demokratie kristallisiert. Die Zukunft eines Landes liegt in den Händen seiner Jugend – demnach drohen Österreich düstere Zeiten.