Jugendpolitik: Die Leiden der jungen Werte

Die Forderung von Bildungsministerin Gehrer „Kinder statt Partys“ geht ins Leere: Die heutige Jugend will zwar weniger Nachwuchs, steht aber auf alte Werte.

Beim letzten Life Ball im Wiener Rathaus tauchte er im schrillen Glitzerkostüm auf und feierte ausgelassen bis lange nach Mitternacht. Auch in Wiener Szenelokalen wird der junge „Zeit im Bild“-Moderator oft gesichtet. Zu seinem Glück urlaubt er gerade und treibt sich daher weniger auf Partys herum: Sonst müsste sich Stefan Gehrer, Sohn von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer, lästige Fragen zu den umstrittenen Aussagen seiner Mutter gefallen lassen.

Die Jugendlichen sollten sich überlegen, hatte die Mutter dreier Söhne in der „Presse“ kritisiert, warum sie „von Party zu Party rauschen“ und dabei auf sinnstiftende Aktivitäten wie das Kinderkriegen vergessen. Überdies, so legte Gehrer später noch eins drauf, müssten sich junge Menschen fragen, welche Dinge im Leben wirklich wichtig sind. Schnöder Mammon, „eine Ferienwohnung in Ibiza und ein Domizil in Lech“, so die Vize-Obfrau der ÖVP, gehörten sicher nicht dazu.

Mehr Kinder braucht das Land. Mitten in der Sommerdebatte über den Konflikt zwischen den Generationen um die Lasten der Pensionen löste die Vorarlberger Politikerin einen gehörigen Wirbel aus. Und für ihre Forderung – vereinfacht: Kinder machen statt Party feiern – musste Gehrer sogar Kritik aus den eigenen Reihen einstecken. Denn die Standpauke Gehrers droht Jungwähler, die bei den letzten Nationalratswahlen mehrheitlich ins schwarze Lager strömten, zu vergraulen.

Die Chefin der Jungen ÖVP, Silvia Fuhrmann, fühlte sich von der Bildungsministerin gar zur „Gebärmaschine“ herabgestuft. Sie hatte von den Senioren keck einen Solidarbeitrag für die Jüngeren eingefordert. „Die Jugend ist nicht so egoistisch und vergnügungssüchtig“, kritisiert der Kinderpsychiater Max Friedrich. „Ich bin fassungslos, wie die Frau Bildungsministerin so aus dem Bauch heraus Aussagen trifft. Was sie sagte, ist der kategorische Imperativ: weniger Party, Frauen hinter den Herd. So kann man keine Diskussion führen.“

Kanzler Wolfgang Schüssel sprang Gehrer zwar zur Hilfe, präzisierte aber: „Die Entscheidung für oder gegen Kinder ist eine individuelle Freiheitsentscheidung.“ Schelte musste Gehrer dafür von der Opposition hinnehmen. „Das ist ein reines Ablenkungsmanöver“, meinte die Jugendsprecherin der SPÖ, Gabriele Heinisch-Hosek. „Wir sollten uns endlich mit dem sozialen Gefüge in diesem Land beschäftigen. Da finden tausende Jugendliche keine Lehrstelle, keinen Job. Dagegen hilft keine Wertediskussion, sondern nur eine aktive Arbeitsmarktpolitik.“

Weil die Jungen keine schlagkräftige Lobby besitzen wie etwa die Pensionisten, bleiben sie bei wichtigen Entscheidungen ausgesperrt. Beim runden Tisch zur Pensionsreform fanden Jugendvertreter ebenso wenig Platz wie beim Österreich-Konvent über die Verfassungsreform. Dort ist der jüngste Vertreter über 30 Jahre alt. Das Ausgesperrtsein rächt sich. In Umfragen zeigen sich junge Leute an traditioneller Politik immer weniger interessiert.

Traditionelle Werte. Dabei sind die Jugendlichen zwischen 14 und 24 keineswegs nur hedonistischen Freuden zugetan, wie Gehrer beklagte. Gemäß der „Jugend-Wertestudie“ des österreichischen Instituts für Jugendforschung aus dem Jahr 1999 werden Freunde und Familie noch vor der Freizeit als „wichtige Lebensbereiche“ genannt. Politik und Religion werden als eher unwichtig eingestuft. „Von der viel zitierten Single-Gesellschaft ist in den Werthaltungen der Jugendlichen wenig zu spüren. In den Lebensperspektiven der österreichischen Jugendlichen hat die fixe Paarbeziehung vielmehr einen großen Stellenwert“, heißt es in der Studie. Treue, Toleranz und erfüllte Sexualität sind die dafür maßgeblichen Kriterien. Aber: „Kinder als Basis einer funktionierenden Lebensgemeinschaft haben an Bedeutung verloren. Die Perspektive, möglichst bald eine Familie mit Kindern zu gründen, ist – unabhängig vom Geschlecht – nur für eine Minderheit attraktiv.“

Partys und Rauschmittel verlieren dabei nicht an Attraktivität: Laut Studien haben etwa 15 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren zumindest einmal an einem Joint gezogen, ein bis zwei Prozent schluckten eine Ecstasy-Pille. Bei einer Umfrage aus dem Jahr 2000 unter Jugendlichen hingegen wurden 500 Grazer zwischen zwölf und 25 Jahren gefragt, welche Drogen sie im vergangenen Jahr zumindest einmal eingenommen hatten. Ergebnis: Ein Drittel hatte sich mit Cannabis berauscht (36,7 Prozent), 6,1 Prozent hatten zu Ecstasy gegriffen, 1,4 Prozent zu Opiaten. „Nur die wenigsten davon entwickeln ein problematisches Suchtverhalten“, sagt Sophie Lachout, Psychologin bei Check it – einem Drogenpräventionsprojekt: „Das höchste Risiko haben Personen mit psychischen und sozialen Problemen.“

Nicht nur Lustgewinn. In vielen Jugendszenen ist vor allem Cannabis zu einem „fixen Bestandteil des Ausgehrituals geworden“, beobachtet Lachout. Dass sich die Kids damit aber vor Verantwortung und Kinderkriegen drücken, kann Lachout nicht bestätigen: „Die Jugendlichen wollen Spaß haben. Aber sie streben sicher nicht nur nach Lustgewinn, sondern vertreten durchaus traditionelle Lebenskonzepte.“ Auch wirtschaftliche Faktoren – wie die Unsicherheit des Arbeitsmarkts – spielen eine große Rolle für die Fortpflanzungsfreudigkeit. Im Juli dieses Jahres waren 33.299 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren ohne Job. Oft verdingen sie sich in freien Dienstverhältnissen. Normale Anstellungen, wie sie die Generation vor ihnen als selbstverständlich betrachtete, sind heute rar. „Gerade Leute mit guter Ausbildung werden mehr in prekäre Dienstverhältnisse gedrängt, weil sie sonst gar nicht genommen würden“, sagt die Sozialpolitikexpertin der Arbeiterkammer Monika Weißensteiner. Die Risken: Verdienstausfall bei Krankheit und kein Arbeitslosengeld bei Jobverlust.

Unsicherheit und Zukunftsskepsis schlagen sich negativ auf die Geburtenrate nieder. In Schweden sank die Geburtenrate fast zeitgleich mit der Währungskrise 1992. In der ehemaligen DDR wurden nach dem Fall der Berliner Mauer wesentlich weniger Kinder gezeugt als zuvor. „Die junge Generation ist in solchen Situationen natürlich verunsichert“, doziert Wirtschaftsforscher Alois Guger. „Wer setzt da schon Kinder in die Welt?“ Ähnliches könnte nach Ansicht des Wifo-Experten nun auch Österreich in den kommenden Jahren drohen. Mit der Pensionsreform müsse die junge Generation nun doppelt einzahlen – einerseits ins staatliche System, andererseits privat vorsorgen. „Ich könnte mir vorstellen, dass man sich bei dieser finanziellen Belastung auch überlegt, mit dem Kinderkriegen noch ein wenig zu warten“, so Guger.
Demografen schlagen bereits Alarm: Die Geburtenrate in der Alpenrepublik sinkt bedrohlich, trotz des gerade erst eingeführten Kindergeldes. In der EU steht Österreich an viertletzter Stelle. Gab es 1990 noch über 90.000 Geburten, wurden im Vorjahr nur 78.399 Babys geboren.

Trotz der massiven Enttabuisierung von Sexualität hat sich der Durchschnittswert des „ersten Mals“ bei Österreichs Weiblichkeit nicht verschoben. „Seit zehn Jahren hält sich der Zeitpunkt des ersten Geschlechtsverkehrs,“ so der Gynäkologe Werner Grünberger, Begründer der „First Love“-Ambulanzen – kostenlosen und anonymen Beratungsstellen für junge Mädchen –, „bei 15,3 Jahren. Dramatisch ist die Tatsache, dass zwei Drittel unserer Befragten angaben, das erste Mal ungeschützt absolviert zu haben.“

Ein Umstand, den der Jung-FP-Politiker Johann Gudenus übrigens fast noch forciert sehen wollte. Mitte vergangener Woche hatte er allen Ernstes eine Steuer auf Verhütungsmittel gefordert. Nach heftigen Protesten der Kondomhersteller Olla und Blausiegl sowie seiner eigenen Fraktion zog er diesen Vorschlag aber wieder zurück. Gynäkologe Grünberger konstatiert jedoch bei seinen „First Love“-Klientinnen, die zwischen 13 und 19 Jahre alt sind, ein eklatantes Absinken des Kinderwunsches: „Mehr als die Hälfte unserer 876 befragten Mädchen gaben an, dass kein Kinderwunsch in ihrem Lebenskonzept existiert. Noch vor zehn Jahren deklarierten sich 75 Prozent klar zu späteren Kindern.“ Die deutsche Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2002 hingegen ist bezüglich der Gebärverweigerung etwas optimistischer: 67 Prozent der befragten Jugendlichen zwischen 16 und 25 Jahren wollen eigene Kinder, wobei der Frauenanteil dabei um zwölf Prozentpunkte höher liegt. In der Altersgruppe 22 und 25 manifestiert sich die Sehnsucht nach Fortpflanzung naturgemäß am massivsten.

Der Sozialforscher Bernd Marin sieht Vorwürfe an die heutige Generation, zu wenig Kinder in die Welt zu setzen, überhaupt als unbegründet an. „Die heutige Generation der unter 40-Jährigen erfüllt ihr Plansoll bei der Reproduktion genauso viel oder so wenig wie ihre Eltern und Großeltern. Nur ist sie zahlenmäßig schmäler als die vorangegangene, also kommen heute bei gleicher Kinderzahl auf eine Frau automatisch weniger Geburten. Bei weiterhin 0,3 Prozent Nettozuwanderung wie im letzten halben Jahrhundert wird Österreich auch weiterhin wachsen.“

Zeugungshemmnisse. Für die blaue Jugendstaatssekretärin, Ursula Haubner, ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine wichtige Voraussetzung für die Entscheidung zum Nachwuchs. „Da gibt es noch immer zu viele Hemmnisse.“ Vor allem bei den Kinderbetreuungseinrichtungen: Nach einer Erhebung des Sozialministeriums fehlen insgesamt 90.000 Plätze, besonders bei den Kleinsten. Das von der schwarz-blauen Regierung eingeführte Kindergeld werde den Eltern ermöglichen, beim Kind zu bleiben oder eine fremde Betreuung zu finanzieren, so Haubner.

Die Wiener Beauftrage für Frauengesundheit, Beate Wimmer-Puchinger, betrachtet dagegen finanzielle Lockmittel für mehr Kinderfreudigkeit als viel zu kurz gegriffen: „Da muss endlich auf mehreren Ebenen mitgedacht werden. In Skandinavien gehört es durchwegs zum Alltag, dass Männer um drei Uhr nachmittags die Sitzungen verlassen, um ihre Kinder von Betreuungsstätten abzuholen. In Österreich dümpelt die Rate der Karenzväter bei knapp einem Prozent dahin. Österreich ist einfach kein kinderfreundliches Land.“
Und nur die wenigsten Väter gehen in Karenz. Die Hoffnung auf ein „fair share“ in der Partnerschaft, in der bei Kindern beide zu gleichen Teilen gefordert sind, dominiert die Lebenswünsche der Frauen unter 30 zu 53 Prozent, wie eine neue Studie der Werbeagentur FCB Kozba und der Karmasin-Marktforschung in Österreich belegt. Die Kluft zwischen Traum und Wirklichkeit ist jedoch drastisch groß. „80 Prozent der Hausarbeit“, so Alice Nilsson, Strategin bei FCB Kozba, „liegt in Österreich in den Händen der Frauen.“ Von Scheidungsfolgen ganz zu schweigen.

Ungerechtigkeit wird aber auch beim Generationenvertrag konstatiert. „Der Generationenvertrag wird schon seit Jahrzehnten gebrochen“, warnt Sozialforscher Bernd Marin. „De facto gibt es durch Schieflagen schon jetzt eine Besteuerung vor allem der Jungen unter 35. Der Deckel bei Kürzungen auf Jahrzehnte, die Verschiebung der Harmonisierung um 30 Jahre und fortgesetzte Sonderrechte an ungedeckten Überzahlungen für Beamte, ÖBB-ler sowie viele Landesbedienstete kosten jeden ASVG-Versicherten monatlich 150 Euro, unter 35-Jährige noch viel mehr.“

Wie sehr die ältere Generation von den Jungen profitiert, soll auch eine Berechnung des Instituts für Höhere Studien (IHS) zeigen, die zuletzt von den Medien aufgegriffen wurde. Demnach zahle beispielsweise ein heute 28-Jähriger im Laufe seines Lebens rund 113.000 Euro mehr ins heimische Sozialsystem, als er herausbekomme. Umgekehrt kann ein heute 68-Jähriger rund 192.000 Euro mehr aus dem System lukrieren, als er eingezahlt hat. Über die Seriosität der Zahlen ist jedoch ein Expertenstreit entbrannt. Bernd Marin hält die Studie für „durchaus glaubwürdig“. Wirtschaftsforscher Alois Guger vom Konkurrenzinstitut Wifo hingegen ist den genannten Werten gegenüber „sehr skeptisch“. Da das Ende der achtziger Jahre entwickelte Modell massiv von Zinssätzen und Produktivitätssteigerungen abhänge, sei es „äußerst fehleranfällig“.

Zahlende Erben. Guger führt außerdem ein Faktum ins Treffen, das der Jugend die intensivere Finanzbelastung versüßen sollte – das Erbe. Nach Berechnungen des Wifo würden die Alten den Jungen nicht bloß 150 Milliarden Euro an Staatsschulden hinterlassen (durchschnittlich 44.000 Euro pro Haushalt), sondern allein ein Geldvermögen von gut 290 Milliarden. „Mit durchschnittlich 89.000 Euro pro Haushalt entspricht das immerhin der doppelten Schuldenlast“, so Guger. Das zeige, so sein Kollege Gunther Tichy in einem Kommentar, dass „die Alten keineswegs über ihre Verhältnisse gelebt haben; sie haben vielmehr gespart, und die Jungen werden vom ererbten Nettovermögen nicht unerheblich profitieren“.

Natürlich gebe es reichere Familien, die mehr zu vererben hätten, und ärmere, wo weniger übrig bliebe. Guger: „Es herrscht also weniger ein Generationenkrieg zwischen Jung und Alt als vielmehr ein Verteilungsproblem zwischen Reich und Arm.“