Junge Architekten: Zum Erfolg verdammt

Dietmar Steiner über die äußerst produktive Szene junger österreichischer Architekten, die auch das Ende der traditionellen Trennung von Kunst und Kommerz markiert.

Vergangene Woche eröffnete das Architekturzentrum Wien mit dem „Az West“ einen eigenen Schauraum für vornehmlich junge österreichische Architektur, die sich hier mit vier Ausstellungen pro Jahr präsentieren soll. Und am Mittwoch dieser Woche werden die Preise für den Wettbewerb „Das beste Haus“ vergeben. Damit prämieren das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur und die sBausparkasse die besten Einfamilienhäuser in jedem Bundesland. Und wieder sind unter den Schöpfern der nominierten Bauten fast ausschließlich junge Architekten. Es scheint, als ob heute die Vorstellungen neugieriger Bauherren besonders gut mit den frischen Ideen junger Architekten und Architektinnen harmonieren. Denn wenn von einem anhaltend innovativen Klima für engagierte Architektur in diesem Land die Rede sein kann und dieses vom Ausland mit Respekt und Verwunderung beobachtet wird, dann ist dies vor allem einer neuen Kundenschicht, den neuen Bauherren für Architektur, zu verdanken.

Fast jedes europäische Architekturmuseum oder -zentrum setzte im vergangenen Jahrzehnt Initiativen für junge Architekten. Allen voran der französische Staat, der in regelmäßigen Abständen und schon seit vielen Jahren Ausstellungen mit jungen Architekten veranstaltet, entsprechende Kataloge druckt und diese gezielt an Bauträger verteilt. Junge Architektur formiert sich inzwischen auch selbst, bildet eigene, solidarische Netzwerke. Initiativen wie „wonderland“, „young blood“, „architektur in progress“ bilden mit österreichischen Wurzeln europäische Plattformen mit beachtlicher medialer Wirkung.

Für diese Aktivitäten gibt es einen einfachen Grund: die schiere Vermehrung von Architekten an sich. So viele Architekten wie heute gab es noch nie in Europa. Dafür offizielle Zahlen zu nennen wäre spekulativ, weil Berufszugang und -ausübung nicht nur in den verschiedenen europäischen Ländern unterschiedlich geregelt sind. Zwar wird im Regelfall ein einschlägiges Universitätsstudium verlangt – wer aber dann was in welchem Umfang planen und bauen darf, entzieht sich konsistenten Reglements. Man kann aber ruhig davon ausgehen, dass sich die Zahl der Architekten in den vergangenen 25 Jahren verdoppelt hat, wobei seit rund einem Jahrzehnt in ganz Europa ein auffallender Schub an jungen, selbstständigen Architekten zu beobachten ist. Warum geschieht dies, und warum so grundsätzlich?

Um dies zu erklären, ist ein historischer Rückblick erforderlich. Der Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg zeitigte infolge der bauwirtschaftlichen Notwendigkeiten auch einen enormen Bedarf an Architekten. Die Aufgaben waren überwiegend von der öffentlichen Hand getragen. Europa brauchte Infrastruktur, Schulen, Kindergärten, Kirchen und öffentlich geförderten Wohnbau. Dafür definierte sich der Beruf des Architekten als kreativer Gestalter ebenso wie als Treuhänder des Auftraggebers. Der Architekt des Wiederaufbaus eroberte ein geschütztes Feld. Als Demiurg der Moderne übernahm er symbolisch die Verantwortung für die räumliche Entwicklung der Gesellschaft und wurde dafür, dem Beruf des Notars oder des Apothekers gleich, mit dem entsprechenden Privileg einer Honorarordnung dem Markt entzogen. Dennoch befand sich der Architekt selbst in dieser Zeit in einer widerständigen Situation, weil er nur marginal mit Einzelprojekten seine Bestimmung und selbst ernannte öffentliche Verantwortung gegenüber dem wirtschaftlichen Moloch der Bauindustrie wahrnehmen konnte. Gleichwohl waren die Architekten zumindest ideologisch und ästhetisch Leitbildproduzenten der Entwicklung.

Es etablierte sich in diesem geschützten Bereich eine lebensfähige Struktur von kleinteiligen Architekturbüros von zehn bis 30 fix angestellten Mitarbeitern, die ein gedeihliches Auskommen hatten. Zugleich entstand ein Segment großer Planungsfirmen, die ohne kulturellen Widerstand als Erfüllungsgehilfen der Bauindustrie als so genannte Geschäftsarchitekten bezeichnet wurden. Bis in die späten achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bestand diese klare Trennung zwischen den kreativen Ateliers der „Künstlerarchitekten“ und den spekulativen „Architekturfirmen“, beide aber von Honorarordnungen und durch Regelwerke geschützt.

Von diesem System hat sich Europa heute verabschiedet. Staat, Kommunen und die öffentliche Hand haben sich aus dem direkten Baugeschehen mehr und mehr zurückgezogen und dieses privaten Bauträgern übertragen. Und selbst wenn die öffentliche Hand noch tätig ist, agiert sie, als wäre sie privat. So wurde aus dem geschützten Beruf des Architekten ein Dienstleister am freien Markt. Das bewirkte eine grundsätzliche Änderung des Berufsbilds. War der traditionelle „Ziviltechniker“ noch ein dem Notar gleichgesetzter Treuhänder des Auftraggebers, ist der Architekt heute zum Anbieter einer nur noch schwer vermittelbaren kreativen, technischen und organisatorischen Leistung geworden. Nur nebenbei bemerkt, wurde damit ein wesentlicher Wert der europäischen Gesellschaft aufgegeben, der den freien Berufen (Notare, Apotheker, Architekten), die an eine staatliche Zulassung und Kontrolle gebunden waren, eine Art anwaltliches Handeln im Auftrag des Staates und damit vorbeugenden Schutzes des Konsumenten zuordnete. Stattdessen wurde der Weg der angelsächsischen und skandinavischen Kultur beschritten, in der jeder eine Dienstleistung anbieten kann, deren ordnungsgemäße Erfüllung erst im Nachhinein einzuklagen ist. Die einzigen auch ökonomischen Gewinner bei dieser Entwicklung sind übrigens die Juristen und Anwälte, die heute umfassend in Bauvorhaben eingebunden sind.

Die logische Folge dieser Entwicklung für den künftigen Beruf des Architekten ist eine, brutal gesagt, flächendeckende Marktbereinigung. Architekturfirmen mit einem kompletten Dienstleistungsangebot, vom Development über die Planung mit allen Sonderfachleuten bis zur Projektsteuerung und sogar der Verwertung am Ende des Bauvorhabens, gewinnen an Gewicht und haben die höchsten Zuwachsraten. Sie waren immer schon der Normalfall in England und Amerika, und dieses Berufsbild, befördert von Regelwerken der EU, expandiert nun auch am Kontinent. Wenn Stararchitekten des kulturellen Sektors wie Peter Eisenman oder Peter Cook heute als „Design Consultants“ für die weltgrößte, US-amerikanische Architekturfirma HOK arbeiten, ist dies ein Signal und Beweis für das neue Berufsbild. Und die Degradierung und Disziplinierung des Entwurfs von Daniel Libeskind für Ground Zero unter die Prämissen der Architekturfirma SOM in New York ist ein weiteres plakatives Indiz.

Marginalisiert werden dabei die kulturtragenden, mittelständischen Architekturbüros, die früher einen praxisnahen Weiterbildungspool für junge Architekten bildeten und nun keine Anstellungen mit mehrjähriger Arbeitsplatzsicherheit mehr tätigen können. So bleibt den Absolventen der Architekturfakultäten heute gar keine andere Wahl, als sich in die großen Firmen einzugliedern oder selbst das Verständnis eines Unternehmens zu entwickeln und in selbstausbeutenden Gruppen eigene „Start-up-Businesses“ zu gründen.

Damit erklärt sich auch der Hang der jungen Architekten, sich nicht mehr über ihre Namen als Architekturatelier zu präsentieren, sondern komplizierte Firmenbezeichnungen zu erfinden, die sich kaum von den kryptischen Namen von Internet-Unternehmen unterscheiden. Die Holleins, Holzbauers, Peichls der nächsten Generation heißen dann eben querkraft, next enterprise, BEHF, polar oder xarchitekten. Es spielt auch keine Rolle, welche Personen hier tätig sind, wichtig ist allein der Firmenname, der einmal groß und mächtig sein und wirtschaftlichen Erfolg garantieren soll.

Was unterscheidet aber die jungen Architekten, abseits des veränderten Berufsbilds, von den Architekten des vergangenen 20. Jahrhunderts? Planen und bauen sie anders? Eigentlich nicht, denn da ist keine einheitliche Linie auszumachen, einen eigenen „Stil“ haben sie nicht kreiert, Manifeste neuer Positionen sind nicht zu erblicken. Vielleicht sind sie im gesellschaftlichen Sinn ein wenig näher beim Kunden, beim Bauherrn, begründen ihre Entwürfe weniger aus der Tradition der Architekturgeschichte. Und sie sitzen nicht mehr in den Ateliers und warten demütig darauf, dass zufällig ein Bauherr auf sie aufmerksam wird, sondern gehen offensiv an Öffentlichkeit und Medien heran.

So wird es in den nächsten Jahren eine spannende Marktveränderung der Architekturschaffenden geben. Welche dieser jungen Gruppen wird überleben, welche scheitern? Wird es Zusammenschlüsse geben, wird eine Gruppe die andere übernehmen? Der Beruf des Architekten hat soziologisch und wirtschaftspolitisch seinen geschützten Sektor verlassen und wird sich in Zukunft irgendwo zwischen Bauwirtschaft und Creative Industry einpendeln. Getrieben von einer medialen Aufmerksamkeit, die schon heute architektonische Leistungen nach den Maßstäben eines Spektakels oder der Absegnung durch den Namen eines Stararchitekten bewertet. Altmodische Begriffe von guter oder schlechter Architektur haben dafür fast jede Bedeutung verloren und prägen nur noch die Insiderdebatten von Architekturhistorikern.

Betrachten wir also diese Zeit als Eintritt in eine sich anbahnende Ewigkeit der permanenten Veränderung und Ungewissheit. Und vertrauen wir in dieser Zeit auf die kreative Kraft der jungen Architektur. Sie erfindet Ungesehenes, erschafft Altbekanntes neu, schert sich nicht um Kriterien und das Wissen der vergangenen Ära der Architektur. Und lebt dafür in einem neuen, beständigen Dialog mit den Erfordernissen der Gesellschaft und den Wünschen ihrer Bauherren.