Junger Wein

Jahrelang fanden Österreichs solide Mittelklasseweine bei Sommeliers und Einkäufern kaum noch Beachtung. Jetzt holt sie ausgerechnet der Konsument wieder vor den Vorhang. Von Manfred Klimek

Nein, das österreichische Weinwunder begann nicht mit dem Weinskandal, der vor knapp zwanzig Jahren einen gesamten Wirtschaftsbereich eliminierte und ihn neu erfand. Das österreichische Weinwunder begann in den frühen Siebzigern des letzten Jahrhunderts, als ein deutscher Weinjournalist dem Weinbaugebiet der Wachau einen Besuch abstattete und dabei auch in den Keller des Josef Jamek vordrang.
Dort lagerten die aktuellen Abfüllungen, durch die er sich schnell durchgekostet hatte. Am späten Nachmittag jedoch schritt Gastgeber Jamek noch weiter in sein Gewölbe hinein, um die älteren Jahrgänge hervorzuholen – darunter so manche Flasche, die einige Jahrzehnte waagrecht in der konservierenden Kälte gelegen hatte. Dem Verkoster wurden Spätlesen entkorkt, die sich zumeist noch jugendlich und stabil präsentierten. Doch unter den alten Weinen waren auch ein paar Kreszenzen der schlichteren Kabinett-Kategorie, wunderlicherweise auch jene in perfektem Zustand: ein Beweis für die hohe Qualität der Wachauer Weißweine, die man bislang nur bei Elsässer- und Rheinweinen feststellen hätte können. Nach dieser Bestandsbewertung gerieten die Weine der Wachau – und damit der österreichische Wein – das erste Mal in die Schlagzeilen. Zwar nur in jene der Fachpresse, doch durchgehend positiv.
Wein war in diesen Tagen kein Kultgetränk der Massen. Der österreichische Weinmarkt, von den heimischen Connaisseuren kaum beachtet, profitierte fast ausschließlich von seinen ständig steigenden Exporterfolgen: Tanklastzüge schipperten die billigen und oft sehr süßen Säfte nach Deutschland, in die Benelux-Staaten, nach Skandinavien und Japan. Wer sich der Qualität besann und jene vor die Menge stellen wollte, wurde von der Standesvertretung und den Kollegen verlacht. Nur ein paar Sturschädel wie Josef Jamek nahmen das Risiko an, als Außenseiter zu gelten.
Die kleinen Weinbauern der Wachau konnten kaum Flächen zukaufen, ein Umstand, der sie heute noch einengt. Doch das bewahrte sie davor, den grassierenden Ertragswettlauf mitmachen zu müssen. Sie wussten ihre Gewinne nur in die Qualität ihrer Weine zu investieren, die Trauben genauer zu selektieren, die Kellertechnik umfangreich zu verbessern. Auch wenn der Markt es ihnen noch nicht dankte.
Trockene Spätlesen – wie die Weine der heutigen Smaragd-Kategorie damals hießen – wurden nur in besonders guten Jahren gekeltert. Kabinettweine jedoch – die Vorläufer der heutigen Federspiele – füllte man jedes Frühjahr in Flaschen. Sie wurden aufgrund ihrer moderaten Preise vorbehaltlos akzeptiert, sie waren das Rückgrat der Wachauer Winzerschaft. Heute, so scheint es, sind sie oft nur ungeliebte Krücken.

Federspiel verlangt. Weinbauern, wie etwa „Rieslinggott“ Franz Xaver Pichler, dessen teuerste Kreation, die Selektion „Unendlich“, im Restaurant des Berliner Hotels „Adlon“ um 260 Euro angeboten wird, verkörpern den unglaublichen Erfolg des österreichischen Weinbaus: Derartige Summen hätte vor zehn Jahren noch kein Konsument für eine österreichische Abfüllung bezahlt. Pichlers „Unendlich“, so sagt der Sommelier des „Adlon“, der Steirer Gerhard Retter, verkaufe sich gut, Weine der oberen Kategorie bleiben – wie ihre Käufer – von jeder Krise verschont.
Pichler hat seine Produktion hochwertiger Veltliner und Rieslinge – allesamt in der Smaragd-Kategorie – in der letzten Dekade nahezu verdreifacht. Dies ging zulasten der Federspiele, der bisherigen Absicherung des Betriebes. Und kein anderer Weinbauer der Wachau tut diese Hinwendung zur höchsten und teuersten Qualitätsstufe derart lautstark kund. Auch wenn seine Kollegen Gleiches denken und Gleiches nachvollziehen.
Um dem Verschwinden der leichten Weine gegenzusteuern, wurden Initiativen wie etwa der „Federspiel-Cup“ des bedeutendsten österreichischen Fachmagazins „Falstaff“ gegründet. Alleine sie halfen bislang wenig: Selbst die Sieger dieses Bewerbes waren daran interessiert, noch mehr Smaragdweine zu keltern. Der Vergleich zwischen Mehraufwand und Wertschöpfung machte sie sicher. Und die Nachfrage schien ungebrochen.
Doch die treuen Sammler sind seit heuer nicht mehr bereit, jeden Jahrgang bedingungslos einzulagern – zumal sie schon auf brechend vollen Kellern sitzen. Und neue Märkte sind weniger leicht zu erobern, als dies noch vor wenigen Jahren wie selbstverständlich möglich war – die Qualität des österreichischen Weines ist längst kein Wunder mehr, der neuigkeitsabhängigen ausländischen Fachpresse nur selten noch eine Schlagzeile wert.
Auch der Gast denkt um, bestätigt Eveline Eselböck, profil-Autorin, Wirtin und Sommeliere im burgenländischen Restaurant „Taubenkobel“. Statt einer Flasche teuren Smaragds trinke der nun immer öfter zwei Flaschen Federspiel. „War es gestern noch fast eine Pflicht, die besten österreichischen Weine zu verkosten“, so Eselböck weiter, „so ist der Gast heute viel mehr daran interessiert, den passenden Wein zu seinem Essen zu finden. Und da sind die hochwertigen Kreszenzen mit ihren hohen Alkohol- und Zuckerprozenten nicht immer die beste Wahl.“

Ungebrochener Nationalpatriotismus. Die Wachauer Federspiele – nicht zu vergessen auch die leichteste Kategorie, die Steinfeder – sind nicht die einzigen Weine im mittleren Segment, die vom Konsumenten wieder verlangt werden. Im glasweisen Ausschank waren sie der Gastronomie ja stets willkommen, doch jetzt greift der Gast auch wieder zur Bouteille. Große Nachfrage, sagt Eveline Eselböck, herrsche auch nach typisch burgenländischen Rotweinen, nach fruchtig ausgebauten Blaufränkischen und Zweigelt. Allerdings nur von bekannten Winzern.
Diesen Trend bestätigt Heinz Kammerer, Eigentümer der größten österreichischen Weinhandelskette Wein & Co. Der Umsatz der österreichischen Weine habe sich auf zwei Drittel der Gesamtmenge gesteigert, die Nachfrage nach Inlandsware ist ungebrochen: „Es herrscht ein einzigartiger Lokalpatriotismus zulasten ausländischer Weine.“
Doch die höchsten Steigerungsraten macht Kammerer im günstigen und mittleren Segment aus, wobei die Markenweine – wie etwa der Zweigelt „Red“ von Gernot Heinrich – dominieren. „Wer kein Brand schaffen kann, seinen Namen nicht zum Merkmal macht“, so Kammerer, „wird es zukünftig schwer haben. Einige der vielen kleinen Abfüller müssen dann das Winzern einstellen, denn der Konsument zeigt keine Bereitschaft, sich die unzähligen Namen der einzelnen Erzeuger zu merken.“
Davon profitieren jene Weinbauern, die rechtzeitig Größe mit Qualität vereinbaren konnten. Einer von jenen ist der Kamptaler Willy Bründlmayer, jetzt schon eine Legende des österreichischen Weinbaus. Mit seinem einfachen Riesling „Zöbinger Heiligenstein“ und dem günstigen Alltagsveltliner „Leicht & Trocken“ konnte er noch vor Beginn des großen Interesses an österreichischen Weinen zwei erfolgreiche Namen etablieren. Als dann der große Boom einsetzte, war Bründlmayer einer der wenigen, der ausreichend Flaschen lagernd hatte, den Markt zu bedienen.

Modeweine in Gefahr. Doch anders als Heinz Kammerer sieht Bründlmayer neben den kleinen Abfüllern auch jene Modeweine der mittleren Kategorie bedroht, die zu sehr dem Zeitgeist verpflichtet sind. „Diese Kreationen“, so Bründlmayer, „werden eben wieder vom Markt verschwinden und durch andere ersetzt. Wer sich zu sicher fühlt, wird bald gefährdet sein. Gut möglich, dass auch ich einige meiner Weine zukünftig überdenke, sie zusammenfasse und ihnen eine neue Richtung gebe.“
Bründlmayers gehaltvolle Weine, etwa der Veltliner „Lamm“ und der Riesling „Lyra“, verkaufen sich als Zubrot seiner bekannten Weine: „Derzeit reißen mir die Konsumenten den ‚Heiligenstein‘ oder den ‚Berg Vogelsang‘ (ein leichter Veltliner, Anm.) kartonweise aus der Hand. Und wenn wieder etwas Gutes über meine Kreationen in der Zeitung steht, nehmen sie auch ein paar Flaschen von den großen Lageweinen mit. Doch diese Konsumenten, die abseits der Verkoster und Sammler stehen, wollen Weine von mir, die sie täglich trinken können, die sie mitnehmen und schenken können, ohne sich zu blamieren. Die Top-Kreszenzen treffen eben nicht immer den Massengeschmack.“
Peter Moser ist einer der wenigen wirklichen Weinexperten Österreichs, durch die Kehle des „Falstaff“-Herausgebers rinnen jährlich tausende österreichische Weine: Er kategorisiert und bewertet fast alles, was heimische Produzenten herstellen. Und er kann die Fehlentwicklungen ausmachen, kann versuchen gegenzusteuern.
Ein solcher Versuch ist der „Federspiel-Cup“, der die einfachen Wachauer Weine wieder in den Mittelpunkt der Berichterstattung rücken sollte. Mit derzeit noch bedingtem Erfolg, da, so Moser, „die Medien immer noch nach Vorzeigeweinen gieren und jeder Weinbauer wie selbstverständlich trachtet, das Beste aus seinen Trauben herauszuholen und aus diesem Besten einen Wein der höchsten Kategorie zu keltern. Da verliert man den Bezug zur Mitte.“
Das Segment „fruchtig und unkompliziert“, so Moser, würde in Österreich inzwischen fast ausschließlich von den südsteirischen Weinen besetzt. „Die verkaufen sich wie blöd, vor allem auch im Ausland. Denn die Spitzenweine dieser Region – alles hervorragende Kreationen – sind dem Konsumenten zu kompliziert, das bleibt der Spleen einer Minderheit.“ Der Konsument glaube inzwischen, die besten einfachen Weine kämen alle aus dem Weinviertel oder der Steiermark. Und das, obwohl man eine gute Flasche Steinfeder eines mäßig bekannt gebliebenen Wachauer Produzenten ab Hof schon um etwa vier Euro kaufen kann.

Masse mit Klasse. Nach und nach, so Moser, werden die Federspiel-Weine auch den großen Smaragden angeglichen, sie werden schwerer und alkoholischer, da die Winzer diesen Weg nun einmal eingeschlagen haben. Zu viel Alkohol finde sich zwischenzeitlich auch in einigen Rotweinen der mittleren Kategorie, vor allem in jenen, die nur wenige Monate in neuer Eiche liegen oder in gebrauchten Fässern ausgebaut werden. „Da setze man“, so Moser, „auf das falsche Pferd.“
Für Christian Grünwald, Herausgeber der Fachzeitschrift „A la carte“, bleibt das mittlere Segment ohnehin das einzige, das in Zukunft noch steigenden Absatz garantieren kann. „Der Boom der teuren Weine war ein solistisches Ereignis, denn auch der wohlhabende Konsument ist auf Dauer nicht bereit, für einen Wein weit über zwanzig Euro auszugeben. Eine Flasche des einfachen und sehr guten Veltliners ,Fass 4‘ des Winzers Bernhard Ott kostet heute um die zehn Euro. Für den gleichen oder einen ähnlichen Wein dieser Kategorie hat man vor fünf Jahren noch maximal achtzig Schilling bezahlt.“ Diese Anhebung der Preise werde zukünftig mit Konsumverzicht oder Abwanderung zu billigeren Konkurrenten beantwortet. „Aber“, so Grünwald, „die Spitze ist ohnehin erreicht, viel teurer kann der Wein in dieser Kategorie nicht mehr werden.“
Einige bekannte und viele unbekannte Produzenten unter einen Hut zu bringen, versucht die Österreichische Weinmarketing Gesellschaft (ÖWM) – die nach dem Weinskandal gegründete, halbstaatliche Vermarktungsagentur – derzeit im Weinviertel. Das Anbaugebiet ist schlecht beleumundet: Allzu lange war der Wein des Weinviertels, meistens ein Grüner Veltliner, der Massenproduktion ausgeliefert, er war hauptsächlich Schankwein der Kaschemmen, geriet wegen seiner Säuerlichkeit oft in Verruf und diente folglich bloß als Grundlage einer ausufernden Sektproduktion. Das soll sich ändern, ÖWM-Geschäftsführer Michael Thurner lancierte vor zwei Jahren den schon lange geplanten Zusammenschluss der Weinviertler Qualitätswinzer unter dem Siegel DAC, der Abkürzung für Districtus Austria Controllatus, einem Begriff wie aus einem Asterix-Heft.

Wein mit Garantie. Das Siegel DAC soll freilich nicht nur auf das Weinviertel beschränkt bleiben, die ÖWM plant, auch andere Regionen zu überzeugen. Derzeit konzentrieren sich ihre Aktivitäten auf das Burgenland, doch dort will man – der Autonomie verpflichtet – einen höheren Qualitätsbegriff anstreben: Die Weinviertler Kategorisierung, bloß alle Kabinettweine unter dem Siegel zu vereinigen, scheint den Burgenländern wenig zielführend. Ihre Produzenten sollen den Begriff des DAC optimieren.
Die DAC-Weine des Weinviertels, die ja der Testballon des neuen Siegels waren, werden im Ausland gut angenommen, vor allem in der deutschen und skandinavischen Gastronomie finden sich DAC-Veltliner auf der Karte. Die Einkäufer haben endlich eine Orientierungshilfe und können sich auf eine Qualitätsgarantie berufen. Das hilft den vielen kleinen Abfüllern des Weinviertels zu überleben.
Der inländische Konsument wendet sich zunehmend den einfachen Weinen renommierter Winzer und Produzenten zu, die ausländischen Einkäufer vertrauen neuen österreichischen Qualitätssiegeln und Winzervereinigungen: Das könnte das Fazit einer Momentaufnahme sein. Doch der Markt mit dem Lebensmittel und Luxusgut Wein bleibt fragil. Gut möglich, dass ein stärkerer Konsumverzicht in Zeiten wirtschaftlicher und persönlicher Unsicherheit die Binnennachfrage zurückgehen lässt. Erste Indikatoren sind nicht zu übersehen.
Doch wenn man schon zu den leichten Kalibern zurückkehrt, dann soll es doch vom Feinsten bleiben: Als der Rieslinggott F. X. Pichler gefragt wurde, warum er vergangenes Jahr entgegen seiner Abneigung einen Riesling Federspiel gekeltert hätte, entgegnete der stets wortkarge Winzer: „Die Leut homs so woin.“
Vox populi eben.