Jungunternehmer: Seiltanz ohne Netz

Vom erfolgreichen Jungunternehmer zum Sozialfall ist es oft nur ein kleiner Schritt. Viele Entrepreneure schlittern unverschuldet in die Krise – aufgrund von Unfällen oder Krankheit. Immer häufiger werden nun Maßnahmen zur sozialen Absicherung von Unternehmern gefordert.

Seit einigen Wochen erschien Gerlinde Schorr*), 31, nicht mehr zum Jungunternehmerstammtisch im „I Ragazzi“, einem Szenelokal im siebenten Wiener Gemeindebezirk. Ein Kollege machte sich Sorgen und fand die Designerin in einer tiefen Krise und vor den Scherben ihres Traums einer Ich-AG. „Ich habe mich einfach geschämt zu kommen“, erzählt Schorr.

Anfang des Jahrzehnts wagte sie als Designerin für Möbel und Taschen den Sprung in die Selbstständigkeit. 2003 war ein besonders gutes Jahr, doch dann kam die Flaute. Schorr: „Genau in diese Zeit fielen die hohen Vorschreibungen der Kranken- und Sozialversicherung.“ 2700 Euro im Quartal forderte die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA), 1000 Euro im selben Zeitraum das Finanzamt. „Das konnte ich mir neben den laufenden Kosten nicht leisten und musste mich verschulden“, berichtet Schorr. „Dann hatte ich die Bank im Nacken. Die ruft dauernd an und verlangt Kopien von Offerten oder Verträgen. Gleichzeitig musste ich mich um neue Aufträge kümmern. Es ist ein Teufelskreis.“

Noch hat Schorr ihre Bankverbindlichkeiten nicht beglichen, noch steht sie beim Finanzamt in der Kreide. „Bis Ende Mai habe ich viel zu tun“, sagt sie, „aber keine Ahnung, was danach sein wird. Um neue Aufträge zu keilen, fehlt mir einfach die Zeit. Wahrscheinlich werde ich mein Gewerbe zurücklegen und mir einen Job suchen müssen.“

Kritische Frühphase. „Dieser Fall ist typisch für das Schicksal vieler Jungunternehmer“, sagt Johannes Nejedlik, Chef des Kreditschutzverbandes von 1870. „Die Wahrscheinlichkeit, zahlungsunfähig zu werden, ist in den ersten acht Jahren nach der Gründung am höchsten. Wirklich kritisch ist die Anfangsphase in den ersten 36 Monaten“, so Nejedlik. „Viele überschätzen ihre kaufmännische Kompetenz, haben zu wenig Eigenkapital, um Durststrecken zu überwinden, oder gehen zu hohes Risiko ein.“

Tatsächlich verzeichnet die jüngste KSV-Insolvenzstatistik rund 60 Prozent der Konkursverfahren – mehr als 7000 im Jahr 2005 – bei Unternehmen, die ab 1995 gegründet wurden. Besonders gefährdet sind aufgrund meist dürftiger personeller und finanzieller Ressourcen Klein- und Kleinstunternehmen, deren Anzahl jedoch stetig wächst: 54,1 Prozent der 320.671 bei der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) registrierten Unternehmen sind 1-Personen-Unternehmen (EPU).

Waren 1993 erst 66,8 Prozent aller WKO-Mitglieder nicht protokollisierungspflichtige Einzelfirmen, lag die Quote im Vorjahr bereits bei 81,6 Prozent. Die Anzahl der handelsrechtlich erfassten Personengesellschaften ist im gleichen Zeitraum von 4,6 auf 6,3 Prozent gewachsen. „Die meisten davon sind Jungunternehmer, vor allem in den Bereichen Kleingewerbe, Consulting- und Informationstechnologie, Medien, Werbung und Marketing“, sagt Daniel Brandstätter, neuer Bundesvorsitzender der Jungen Wirtschaft und Unternehmer mit rund 150 Beschäftigten in Kärnten.

Existenzängste. Zwar gaben im Rahmen einer Studie der Wirtschaftskammer Tirol vom Mai 2005 rund 47 Prozent der 14.500 befragten Kleinstunternehmer als Motiv für die Selbstständigkeit an: „Ich wollte immer schon mein eigener Chef sein.“ Doch zugleich beklagen viele Entrepreneure die soziale Unsicherheit, die damit verbunden ist. „Sorge bereitet den Jungunternehmern die fehlende soziale Absicherung“, sagt Walter Hämmerle, Mitautor der Tiroler Studie. „Bei Unfall oder Krankheit fürchten viele eine existenzgefährdende Situation. Offenbar haben Jungunternehmer Angst, dass ihre Risikobereitschaft fatale Folgen haben kann.“

Zu ähnlichen Ergebnissen gelangte eine Umfrage der Jungen Wirtschaft unter 1500 Jungunternehmern, die Anfang April 2006 in Kooperation mit profil durchgeführt wurde:

• 87,6 Prozent der Jungunternehmer würden eine „bessere soziale Absicherung“ als sehr wichtig oder wichtig erachten.

• 82,2 Prozent sind an einer Berufsunfähigkeits- oder Arbeitslosenversicherung interessiert.

• 85 Prozent halten ihre Pflichtversicherungsbeiträge für überhöht und kaum finanzierbar.

• 78,2 Prozent wären zu einer freiwilligen, 17,9 Prozent sogar zu einer verpflichtenden Arbeitslosenversicherung bereit.

Angesichts von Berichten aus der Praxis wundern derartige Ansinnen nicht: Manfred Botz, 36, Bäcker im Burgenland, verlor sein Geschäftslokal durch das Hochwasser 2002. Folge: Beinaheruin, weil die Hilfszahlungen zu spät einlangten, er aber sämtliche Kosten weitertragen musste. Ähnlich erging es Gerhard Heinzle, 40, Gastronom in Weißenkirchen in der Wachau. Das Hochwasser erreichte bei ihm einen Pegel von 2,70 Metern – und zerstörte so gut wie alles. Gesamtschaden: 400.000 Euro.

Der EDV-Entwickler Hagen Sehorst, 29, aus Wien wird bei einem vertraglich vereinbarten 3000-Euro-Auftrag wegen interner Querelen mit 600 Euro abgespeist. Folge: „Mich erhalten jetzt die Eltern. Ich habe nicht einmal das Geld, den Auftraggeber zu klagen.“ Ähnliche Erfahrungen hat auch Martin Lengauer, 36, seit 2001 Inhaber einer kleinen PR-Agentur, gemacht: „Man muss oft monatelang auf sein Geld warten, gleichzeitig aber innovativer und billiger als die Konkurrenz sein und auch noch Subunternehmer bezahlen. Da kann man nur noch die Bank anbetteln.“ Die Lehrbeauftragte und Auftragsforscherin Andrea Hoyer-Neuhold, 38, wird schwanger. Folge: „Seither habe ich wegen der Karenz 50 Prozent meiner Jobs verloren. Würde mich mein Mann nicht unterstützen, wäre ich armutsgefährdet.“

Sozialer Absturz. Ein Salzburger wiederum übernahm Mitte der neunziger Jahre einen Installateursbetrieb. Das Geschäft lief gut, bis zwei Jahre später bei dem Mann ein Gehirntumor diagnostiziert wurde. Die Folge: „Ein Monat Krankenhaus, ein Monat Rehabilitation und vier Monate, in denen ich nur stundenweise arbeiten konnte.“ Schlusspunkt: Unternehmensinsolvenz, Privatkonkurs, Hausverkauf.

Renate T. machte sich im Alter von 45 Jahren mit einer Boutique selbstständig. Ihre Ehe lief zwar nicht mehr so gut, aber sie wurde trotzdem nochmals schwanger. Nach kurzer Karenzzeit verlor sie zwei Großkunden. Es stellte sich heraus, dass ihr inzwischen geschiedener Ex-Mann beim Hauptauftraggeber angeheuert hatte und gegen ihr Geschäft intrigierte.

Alexander W., ehemaliger Taxifahrer aus Wien, wollte vor vier Jahren seine Geschäftsidee verwirklichen: hochwertige Chauffeurdienste für betuchte Business-Reisende. Er investierte seine Ersparnisse in drei Luxuslimousinen. Ein Jahr später wurde er – unverschuldet – in zwei Unfälle mit Totalschaden verwickelt. „Ich lag im Spital, die Leasingraten aber liefen weiter“, so W. „Meine Frau chauffierte zwar den dritten Wagen, doch die Einkünfte reichten vorne und hinten nicht.“

Martin Lenhart eröffnete im Alter von zirka 30 Jahren einen kleinen Laden für Softwareentwicklung. Dann traten plötzlich Schwächeanfälle auf. Zwei Jahre lang hielt er durch, wog aber nur noch 43 Kilo bei 1,75 Meter Körpergröße – das Herz. Es kam zur Transplantation und zu einem Arbeitsausfall von nahezu einem Jahr sowie zu Schulden in Höhe von etwa 80.000 Euro. „Wenn ich Glück habe“, so Lenhart, „bin ich in zwei Jahren wieder schuldenfrei.“

Raubbau am Körper. „Der Mensch kann eben nur ein gewisses Maß an Belastungen ertragen“, sagt Christian Wolf vom Institut für Arbeitsmedizin der Universität Wien am AKH. „Meist ändert sich bei Selbstständigen der Lebensstil. Sie rauchen zu viel, schlafen zu wenig, betreiben kaum Sport“, so Wolf. „Schließlich landen sie bei uns: mit Bluthochdruck, Magen-Darm-Beschwerden, Schlafstörungen oder Herzrhythmusfehlern.“ Auch Hans-Georg Kantner vom KSV meint, dass Selbstständige „mehr arbeiten, aber weniger verdienen als unselbstständig Beschäftigte, oft nicht weit vom Existenzminimum entfernt. Sie tragen ein viel höheres Risiko, bleiben aber im Krisenfall über.“

Mittlerweile fordern verschiedenste Gruppierungen – von der Jungen Wirtschaft über den sozialdemokratischen Wirtschaftsverband bis zur Grünen Wirtschaft – Verbesserungen der Absicherung von Jungunternehmern, wenigstens aber eine Gleichstellung mit unselbstständig Beschäftigten respektive mit großen Kapitalgesellschaften.

• Beispiel Krankenversicherung: Selbstständige, die bei der SVA versichert sich, zahlen einen Beitragssatz von 9,1 Prozent auf ihr ausgewiesenes Einkommen. Unselbstständig Beschäftigte, die den ASVG-Regeln unterliegen, jedoch nur 7,5 Prozent.

• Beispiel Besteuerung: Der effektive Höchststeuersatz für unselbstständig Beschäftigte liegt bei maximal 43 Prozent. Jungunternehmer zahlen bis zu 50 Prozent. Kapitalgesellschaften ist es gestattet, in ihren Bilanzen Verlustvorträge geltend zu machen, während das dem Großteil der EPUs – vorwiegend Einnahmen-Ausgaben-Rechner – verwehrt ist. Auch die in der jüngsten Steuerreform festgesetzte Senkung der Körperschaftsteuer auf 25 Prozent nützt den meisten Jungunternehmern nichts, da diese meist nur die verpflichtende Mindest-KöSt (437 Euro pro Quartal) zahlen müssten – selbst dann, wenn sie Verluste machen.

• Beispiel Arbeitslosenversicherung: Bei unselbstständig Beschäftigten beträgt der Arbeitslosenbeitrag sechs Prozent des Einkommens, wobei der Arbeitgeber davon die Hälfte zu begleichen hat. „Aber eine Arbeitslose für Unternehmer gibt es praktisch nicht“, so Herbert Böhm, Vorstand des Arbeitsmarktservice. „Es sei denn, er weist nach, dass er kein Unternehmer mehr ist.“

Arbeitslosengeld. Diese Variante ist aber nur für jene gescheiterten Jungunternehmer ein Ausweg, die nachweisen können, dass sie vor ihrer Selbstständigkeit bereits den Anspruch auf Arbeitslosengeld erworben und nicht aufgebraucht haben. Zudem ist eine Voraussetzung, dass die Gewerbeberechtigung ruhend gestellt oder zurückgelegt wurde. Meist ist das bei einem Konkurs der Fall.

Eine Möglichkeit gibt es noch, um im Notfall den totalen Einkommensverlust zu vermeiden: eine Zusatzversicherung bei der SVA. Kostenpunkt: 4,25 Prozent der Beitragsgrundlage, maximal (gemessen am Höchstbeitrag von 4375 Euro) 185,94 Euro monatlich. Dafür kriegt man – so ein ernsthafter Betriebsentgang nachgewiesen wird – im Höchstfall 116,67 Euro pro Tag bei einem Spitalsaufenthalt oder 87,50 Euro täglich, wenn man zwar arbeitsunfähig ist, aber zu Hause leiden muss.

„Wir haben derzeit rund 280.000 aktive Mitglieder“, sagt SVA-Sprecher Josef Paulis, „aber nur 5271 Zusatzversicherte.“ Deren Beiträge beliefen sich 2003 auf 4,26 Millionen Euro, die Leistungen der SVA hingegen auf nur 3,5 Millionen Euro. Paulis: „Wahrscheinlich wissen zu wenige von diesem Service. Auch wird von Jungunternehmern an allen Ecken und Enden gespart, weil eben jeder Euro zählt.“

Freilich bieten auch private Assekuranzen Betriebsunterbrechungsversicherungen an. „Das Prinzip bei all diesen Versicherungen ist immer gleich“, so Walter Hrubesch, zuständiger Manager bei der Uniqa. „Man darf durch die Auszahlung der Versicherung nicht reicher als durch seine normale Tätigkeit werden. Und es muss eine hundertprozentige Arbeitsunfähigkeit vorliegen. Sonst zahlen wir nicht.“

Auch Gerlinde Schorr hatte sich eine derartige Versicherung geleistet. Bei ihr wurde ein Burn-out-Syndrom diagnostiziert, was aus versicherungstechnischer Sicht aber irrelevant ist. Hrubesch: „Ein Tierarzt hingegen, der eine Haarallergie entwickelt, wird sein Geld kriegen. Denn schließlich haben fast alle Tiere Haare.“

Von Rainer Himmelfreundpointner
Mitarbeit: Julia Heuberger