Justin Timberlake: Hobbymusiker

Justin Timberlake ist der größte Entertainer der Welt. Daran kann auch sein neues Album nichts ändern.

Älterwerden schmerzt und macht sentimental sowie kurzsichtig. Gegen Letzteres gibt es zum Glück Hilfe – und zwar beim Augenarzt. Der setzt einen hinter eine Apparatur, in die er verschiedene Linsen einklinkt, die wiederum bewirken, dass die verschwommenen Buchstaben an der gegenüberliegenden Wand schärfer werden oder auch nicht. Dazu wird er einen fragen, ob es jetzt denn besser, also schärfer werde oder nicht. Am Ende stellt er einem ein Rezept für einen Sehbehelf aus.

Auf dem Cover seines dritten Soloalbums „The 20/20 Experience“ blickt Justin Timberlake durch eine derartige Augenarztapparatur. Über die Fehlsichtigkeit des 32-jährigen Popmusikers und Schauspielers ist nichts Genaues bekannt, eine ausgeprägte Sentimentalität lässt sich allerdings nicht verleugnen. Justin Timberlake blickt durch die Linse des Retropop und sieht dort Al Green, Barry White, Stevie Wonder und Frank Sinatra, mutmaßlich in Cinemascope und satten Sepiatönen. Seine vorige Platte hieß „FutureSex/LoveSounds“, seine aktuelle lässt zwar weder die geistige noch die geschlechtliche Liebe außer Acht, ignoriert dafür die Zukunft beharrlich. Das ist nicht als Vorwurf gemeint. „FutureSex/LoveSounds“ entstand nun einmal in einer Zeit, in der es noch keine iPhones gab und MySpace das große Ding im Internet war (anno 2006, um genau zu sein), „The 20/20 Experience“ fällt in eine Ära, die vor lauter Retro- und Revivalwellen kaum noch die eigene Gegenwart erkennt. Außerdem, und das wiegt wesentlich schwerer, handelt es sich nicht um das Album eines Popstars im engeren Sinn. Sondern um ein Projekt des Unterhaltungs- und Konsumkonzernvorstands Justin Timberlake, für den man andere Kategorien finden muss als für Justin Bieber oder den Grafen von Unheilig, obwohl dieser zumindest ähnliche Anzüge trägt.

King und King
Der US-„Playboy“ fiel Timberlake bei einer Begegnung im Jahr 2011 regelrecht vor die Füße: „Wenn du ihn triffst, weißt du, wie es sich angefühlt haben muss, den jungen Elvis oder Sinatra zu treffen.“ Mit Elvis teilt Timberlake die Herkunft aus dem amerikanischen Süden: Der Sohn eines Pastors stammt aus Millington, Tennessee; ganz in der Nähe, nämlich in Memphis, starb der King an seinem Lebenswandel (sowie, für den Black-Music-Lover Timberlake zweifellos noch prägender, Martin Luther King jr. an der Kugel eines rassistischen Attentäters). Mit Sinatra wiederum verbindet Timberlake seine Berufsauffassung. Beide handeln mit „Unterhaltung aller Art“.

Nicht zufällig klingt „The 20/20 Experience“, das Timberlake mit den Edel-R‘n‘B-Produzenten Timbaland und J-Roc eingespielt und in der Vorwoche in guter neuer David-Bowie-Manier zum Gratisvorhören auf iTunes gestellt hat, weniger nach dem Album eines hauptamtlichen Popstars als nach dem Hobby, das sich dieser halt leistet wie einen neuen Golfplatz. Einen solchen hat Timberlake (kolportiertes Handicap: 6) natürlich schon längst. Außerdem im Portfolio: Jobs als Kreativdirektor des Golfausstatters Callaway, des Mode­labels William Rast und der Möbel- und Accessoires-Marke Homemint; Anteile an dem Schnapshersteller 901 Silver Tequila, der Restaurantkette Southern Hospitality BBQ, dem sozialen Netzwerk MySpace und dem Basketballteam Memphis Grizzlies; außerdem Werbeverträge mit Givenchy, Audi und Sony sowie eine durchaus zufriedenstellende Auftragslage in Hollywood.

In David Finchers Film über die Gründungsgeschichte von Facebook „The So­cial Network“ gab Timberlake übrigens einen gewissen Sean Parker, seines Zeichens Gründer der MP3-Tauschplattform Napster und als solcher der offizielle Totengräber jener Musikindustrie, deren letzte wirklich rosige Zeit Timberlake noch als Mitglied der obszön erfolgreichen Boy­group ’N Sync erlebt hat. In Interviews erzählt Timberlake gern und ausführlich von damals, zum Beispiel davon, wie man bei Live-Konzerten stets noch während der letzten Nummer und bei laufender Hintergrundmusik in den Tourbus gehetzt sei, um möglichst ungeschoren davonzukommen, und trotzdem regelmäßig von mehreren hundert schreienden Mädchen verfolgt worden sei. Timberlake hatte damals, nach eigenen Angaben, trotzdem nur Augen für den Videomitschnitt des gerade gegebenen Konzerts, den er seinen Ko-Boys zwecks Fehleranalyse präsentierte. Dem „Playboy“ erklärte er im besagten Interview, warum: „Ich habe mir den Arsch abgearbeitet. Alles, was ich gut gemacht habe, hat mich viele, viele Stunden Vorbereitung gekostet. Der Trick ist natürlich, diesen Aufwand unsichtbar zu machen.“

Rosarote Zukunft
Diesen Trick beherrscht Timberlake nach wie vor blendend, wie zum Beispiel seine bemerkenswert zurückgelehnten (und bis dato mit zwei Emmys ausgezeichneten) Auftritte in der Sketchshow „Saturday Night Live“ zeigen oder die nicht minder aufwändig aufgelockerten Gastspiele beim Late-Night-Talker Jimmy Fallon, mit dem Timberlake das mit Abstand famoseste Rap-Stimmen-Imitatorenduo der Welt bildet (YouTube-Suchtipp: „The History of Rap“).

Dass „The 20/20 Experience“ hörbar weder die Welt noch das Popgeschäft, noch Justin Timberlakes Image verändern will, hat also gute Gründe. In dessen groß angelegtem Entertainmentbegriff ist die Musik nicht mehr viel mehr als ein nettes Extra, zu dem man sich aber doch in Schale wirft (und darüber gleich einen Song scheibt, in dem Fall: „Suit and Tie“). Im Reich des Justin Timberlake geht die Sonne nie unter, und wenn sie doch untergeht, setzt man einfach die Justin-Timberlake-Sonnenbrille ab. Dieser Wundertütenansatz wiederum macht den leicht sentimental veranlagten Sinatra-Fan aus Tennessee zu einem der zukunftsträchtigsten Unterhalter der Gegenwart, auch wenn er mit Songs unterhält, die man mit gutem Willen als zeitlos bezeichnen kann und mit schlechtem als gestrig.

Timberlake kann der Zukunft jedenfalls durch eine rosarote Brille entgegensehen. Die Chancen, dass er auch mit kleineren Alben wie diesem der größte Entertainer der Welt bleibt, stehen ziemlich genau bei 20/20.

Justin Timberlake: The 20/20 Experience (RCA/Sony)