Justiz: Richter unterm Baum

Die Gefängnisse sind voll, die Gerichte überfordert. Deshalb sollen nun die Dorfbewohner und Nachbarn über die Verdächtigen urteilen.

Es dauert eine Weile, bis es losgeht unter dem Baum. Mindestens 100 Zuhörer müssen anwesend sein, so verlangt es das Gesetz. Manchmal, wenn sich die Warterei schon über Stunden hinzieht, streifen Polizisten durch die Gegend, um Passanten zur Teilnahme zu überreden. Dann kann das „Gacaca“ beginnen, und Zeugen, Angehörige der Opfer und Angeklagte treten vor.

„Gacaca“ heißt „auf dem Gras“ und bezeichnet die Gerichtsbarkeit ebendort. Es ist die Antwort Ruandas auf ein Dilemma: Bei 500.000 bis 800.000 Morden in 90 Tagen muss es 1994 sehr viele Mörder gegeben haben. 120.000 Verdächtige sperrte man in Gefängnisse, die so voll sind, dass die Häftlinge bloß stehen können und sich zum Schlafen abwechseln müssen (profil 20/95). 2,6 Millionen Dollar im Monat kostet allein ihr karges Essen. Mit der Tutsi-Minderheit war auch ein Großteil der intellektuellen Oberschicht inklusive Richtern und Anwälten ermordet worden. Reguläre Prozesse für alle hätte Ruanda niemals auf die Beine stellen können.

Nun soll sich das Volk auf seine Traditionen besinnen und diese Aufgabe selbst übernehmen. Überall im Land sitzen Laienversammlungen über Angeklagte zu Gericht, um Urteile zu fällen. 751 Gacacas arbeiten bereits, sie werden von ausländischen Hilfsorganisationen unterstützt und von der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit mitfinanziert. Als „beeindruckend“ erlebte der zuständige Sektionschef Georg Lennkh, was er vor Ort sehen konnte: „Es läuft ganz ruhig ab. Gesetzte Worte, keine Schreie, keine wilden Anklagen, wie man es vielleicht bei uns erwarten würde. Man merkt, dass es dort eine ganz andere Kultur des Sprechens gibt.“

Trauma. Die Regierung verlangt viel von den Überlebenden. Sie hat im vergangenen Mai die ersten 23.000 Häftlinge freigelassen, die ihre Beteiligung am Völkermord gestanden und sich entschuldigt hatten. Sie wurden in ihre Dörfer zurückgeschickt, um dort auf ihr Gacaca zu warten, und begegnen den Angehörigen ihrer Opfer wohl mehrmals am Tag. In den nächsten Wochen sollen noch einmal 30.000 freikommen. Die Frist, sich mit einem vollen Geständnis die Rückkehr in die Gemeinschaft zu erkaufen, läuft Ende März ab.

Die Rückkehr der Täter hat viele verdrängte Wahrheiten, aber auch neue Spannungen in die Dörfer gebracht. Es gab Einschüchterungsversuche, um Zeugen davon abzuhalten auszusagen, und auch vereinzelte Morde. Aber es gibt keine Alternative. „Es ist bitter“, sagt Charles Kayitana von der nationalen Gacaca-Kommission, „aber manchmal ist die bittere Medizin die einzige, die heilt.“

Die schlichten Versammlungen unter den Dorfbäumen stehen in seltsamem Kontrast zu den klimatisierten Gerichtssälen im tansanischen Arusha, wo das Internationale Ruanda-Tribunal tagt. Mit Richtern aus aller Welt, hoch bezahlten Anwälten und Dolmetschern, die zwischen Kinyaruanda, Französisch und Englisch übersetzen, wird hier über 81 Masterminds des Massenmords verhandelt. Jahrelang gab es Kritik an den schleppenden Verfahren, die pro Jahr 177 Millionen Dollar kosten.

Erst im vergangenen Jahr, mit der Ernennung des neuen Chefanklägers Hassan Jallow, ist Bewegung in das Tribunal gekommen. Es gab bisher 18 Schuldsprüche, unter ihnen drei Radio-Chefs, die für die Hetzpropaganda verantwortlich waren. Über vier frühere Minister wird noch verhandelt.