Justiz: Thriller

Nach 14 Wochen, der Einvernahme von 138 Zeugen und der Durchsicht von 684 Beweismitteln wartet Popstar Michael Jackson noch immer auf sein Urteil. Die US-Öffentlichkeit verfolgt den Prozess jedoch nicht annähernd so fasziniert wie vor zehn Jahren jenen gegen O. J. Simpson.

Bleierne Erschöpfung macht sich breit. Selbst den kämpferischsten Michael-Jackson-Fans fehlt mittlerweile die Kraft. Unter den Papp-Pamphleten „Not guilty“ oder „Michael is innocent“ dösen sie unter der gleißenden kalifornischen Sonne vor dem Gerichtsgebäude der Kleinstadt Santa Maria, jener 88.000-Seelen-Gemeinde, die seit 14 Wochen von 1000 bis 1600 Medienvertretern und einer stetig schwindenden Anzahl von Fans belagert wird. Zwischendurch wird das ermattete Völkchen von protestierenden christlichen Fundamentalisten aufgemischt, in deren Sündenregister selbst außerehelicher Geschlechtsverkehr als sicheres Ticket für das Fegefeuer gilt. „Es ist wie eine große Party, für die man Leute aus allen Teilen der Welt einlädt“, sagt Carmen Jenkins, die ein Café in der Nähe des Gerichts besitzt.

Der unfreiwillige Gastgeber dieser Party, Michael Jackson, hat sich indessen auf seiner Ranch „Neverland“ eingebunkert und vertreibt sich die Zeit mit seinen drei Kindern und dem Fernseher. Dass auch seine Finanzlage durchaus prekär ist, dürfte ihm noch am wenigsten Sorge bereiten: Jacksons Schulden belaufen sich inzwischen auf 415 Millionen Dollar (340 Millionen Euro). Sollte sich seine Situation nicht bessern, wird er wohl seinen Anteil an der Sony/ATV-Lizenzagentur liquidieren müssen, die Musikrechte im Wert von einer Milliarde Dollar hält.

„Meinem Informanten Gordon Novel zufolge rechnet Jackson schon seit März mit einer Verurteilung. Damals hat er sich bei Novel, einem ehemaligen Ermittler der Staatsanwaltschaft, erkundigt, ob man sich in den Gefängniszellen auch Filme ansehen könne“, erklärt Maureen Orth, Star-Reporterin des US-Hochglanzmagazins „Vanity Fair“, gegenüber profil (siehe Interview),

Den Ausschlag für „die Party“, die dem Städtchen Santa Maria aufgrund unvorhergesehener Einkünfte beim Aufstocken der Stadtbibliothek helfen wird, gab eine Anklageschrift, die Ende April vergangenen Jahres vom Kreisgericht von Santa Barbara veröffentlicht wurde. Sie umfasst zehn Anklagepunkte gegen den heute 46-jährigen Michael Jackson, darunter vier Fälle von Kindesmissbrauch sowie mehrere Versuche, einen Minderjährigen durch Alkohol sexuell gefügig zu machen.

Mister „No Bullshit“. Ein großer Tag für den Oberstaatsanwalt im Bezirk Santa Barbara: Der Republikaner und neunfache Vater Tom Sneddon bekam damit die Chance, zwei Jahre vor dem Ruhestand doch noch den „Scoop“ seiner Karriere zu landen. 1993 hatte Mister „No Bullshit“, wie Sneddon von seinen Kollegen genannt wird, erkennen müssen, dass 20 Millionen Dollar offenbar zugkräftiger waren als sein Verlangen nach Gerechtigkeit. Auf diese Summe belief sich angeblich das Schweigegeld, das Jordy Chandler, den damals 13-jährigen Sohn eines Zahnarztes und Möchtegern-Filmproduzenten, davon abgehalten hatte, seine Aussagen in einem Polizeibericht, dass Michael ihn zu „Masturbations- und Oralverkehr“ genötigt habe, vor Gericht zu bekräftigen. Jeweils eineinhalb Millionen Dollar sollen die getrennt lebenden Eltern des Jungen kassiert haben. Der damals zuständige Staatsanwalt Tom Sneddon hatte nichts mehr gegen Jackson in der Hand.

Der britische Journalist Martin Bashir sollte Sneddon zehn Jahre später die ersehnte Zündschnur liefern. In seiner BBC-Dokumentation „Living with Michael Jackson“, die Jackson im Februar 2003 endgültig als ein „Ein-Mann-Irrenhaus“ („New York Times“) präsentierte, verkündete der entrückte Popstar: „Es gibt nichts Liebevolleres, als mit jemandem in einem Bett zu schlafen. Ich habe mein Bett mit vielen Kindern geteilt. Das ist es, was die Welt jetzt braucht: Liebe.“ Im Bild war auch der damals 13-jährige Gavin Arvizo zu sehen, der sich an Jackson schmiegte.

Es brauchte auch nicht lange, bis Sneddons Ermittler die Familie des Jungen im Ostteil von Los Angeles ausfindig gemacht hatte. Damals lebte Janet Avrizo mit ihren drei Kindern in einem Einzimmerapartment und von 750 Dollar monatlicher Wohlfahrt; ihr geschiedener Mann, ein Lkw-Fahrer, hatte sie und die Kinder geschlagen und im Alkoholrausch die Haustiere getötet.

„Pinocchios Lustinsel“. Auf dem „Grill“, so der Fachjargon von Sneddons Ermittlerteam, schmolz Avrizo, die vor Kurzem den Soldaten Jay Jackson geheiratet hat, diesen Namen aber während des Prozesses wegen der Gefahr „noch größerer Verwirrung“ (Richter Rodney Melville) nicht benutzen durfte, schnell dahin. 2000 hatte ihr damals schwer krebskranker Sohn seinen angebeteten Star kennen gelernt, berichtete sie den Ermittlern. Und mit dessen Rettung vor dem sicher scheinenden Krebstod liefen die Dinge zwei Jahre später aus dem Ruder. Die Besuche auf „Pinocchios Lustinsel“, wie ein Zimmermädchen im Zeugenstand der Anklage „Neverland“ bezeichnete, gestalteten sich in Folge immer gespenstischer. Eine auf Video dokumentierte Einvernahme von Gavin Avrizo, welche die Anklage vergangene Woche vor den Schlussplädoyers noch einmal zum Einsatz brachte, zeigt einen verschüchterten Buben, der mit stockender Stimme erzählt: „Jackson erzählte mir, man müsse immer masturbieren. Wenn nicht, drehe man durch.“

Avrizos Aussagen ähneln jenen von Jordy Chandler, dessen Polizeiprotokolle aus dem Jahr 1993 auf der Website „The smoking gun“ nachzulesen sind, auf fatale Weise.

„Es ging immer nur um Alkohol, um Pornografie und um Sex mit kleinen Jungs“, hatte Janet Avrizo vor wenigen Wochen im Zeugenstand des Gerichtssaals von Santa Maria ihre „Neverland“-Eindrücke zusammengefasst und dann mit dem Finger auf Michael Jackson gezeigt, der, gestützt von einem orthopädischen Kissen, in einem seiner sechzig eigens für den Prozess gefertigten Outfits auf der Anklagebank saß und ab und zu Minzbonbons lutschte, die ihm eine Frau aus seinem Verteidigungsteam reichte.

86 Zeugen hatte die Anklage im Zuge der dreieinhalbmonatigen Verhandlungen aufgerufen – die Verteidigung lediglich 52.

Der erhoffte Auftrieb von glamour-trächtigen Figuren wie Liz Taylor und Diana Ross hatte nicht stattgefunden. Abgesehen von dem Komiker Chris Tucker, dem Talkmaster Jay Leno und dem abgehalfterten Kinderstar Macaulay Culkin fiel das Promi-Aufgebot des Jackson-Verteidigers Tom Mesereau relativ dürftig aus. Zu Hochform trieb den 55-jährigen Harvard-Absolventen mit der silbergrauen Mähne ausgerechnet der vermeintliche Trumpf seines Kontrahenten Sneddon. Janet Avrizo hatte sich während Meseraus Kreuzverhör zunächst immer stärker in Widersprüche verstrickt und war schließlich zusammengebrochen. Die Verteidigung hatte ihr nachweisen können, dass ihr die Prügelspuren, die ihr 1999 zu 150.000 Dollar Schmerzensgeld verholfen hatten, nicht, wie behauptet, vom Wachpersonal einer Kaufhauskette, sondern vom eigenen Ehemann beigebracht worden waren. „Meseraus genialer Schachzug bestand darin, seine Verteidigung ganz auf die Charakter-Ermordung der Hauptzeugin der Anklage zu konzentrieren und damit die Jury vom Missbrauchsdelikt abzulenken“, so die Journalistin und Prozessbeobachterin Maureen Orth.

Nachtkästchen-Lektüre. 684 Beweisstücke waren in die Schlacht geworfen worden, darunter antiquarische Nudistenmagazine, Pornomagazine wie der „Hustler“ und ein Bildband mit jungen Männerakten des verstorbenen Fotografen Herb Ritts, die aus Jacksons Schrank und Nachtkästchen sichergestellt worden waren und während der Verhandlung großflächig an die Wand projiziert wurden. Dass die zwölfköpfige Jury sich bis profil-Redaktionsschluss Freitagnacht vergangener Woche zu keiner Entscheidung durchringen konnte, wird nicht zuletzt damit begründet, dass „die acht Frauen und vier Männer sich durch ein in die Länge gezogenes Verfahren später lukrativere Angebote für Film- und Buchverträge erhoffen“, wie auf der Webpage von CBS-News zu lesen war.

Die Berichterstattung rund um den langen Sturzflug des selbst ernannten „Peter Pan“ und „King of Pop“ stieß allerdings bei Weitem nicht auf jenes Publikumsinteresse, das der Prozess gegen O. J. Simpson vor zehn Jahren hervorrief. Das liegt nicht nur am Kameraverbot im Gerichtssaal, das Richter Rodney Melville zu Prozessbeginn Ende Februar verhängte. Melville wollte „den Zirkus so nach draußen verlagern“. Doch der befürchtete Zirkus fand auch jenseits des fensterlosen Raums mit den beklemmend niedrigen Decken, in welchem der Fall 1333603 des Volkes von Kalifornien gegen Michael Joe Jackson verhandelt wurde, nur in sehr verhaltenem Maße statt.

„Boy, oh Boy“, seufzt Jerry Burke, Produzent beim Fox News Channel: „Ich dachte, wir werden mit den Ratings durch die Decke schießen, als wir das Material von Jackson ausstrahlten, der auf einem Autodach tanzte. Ein Irrtum. Es interessierte niemanden.“ Burke erklärt sich die Indifferenz der Zuschauer mit der Tatsache, dass „Jackson generell ein Abtörner ist. Dieser ganze verschwitzte Kram, die expliziten Ausdrücke, das wollen die Leute nicht.“

Maureen Orth, die den Prozess während der vergangenen 14 Wochen nahezu nahtlos im Gerichtssaal verfolgt hat, bestätigt diesen Eindruck: „O. J. Simpson war ein Volksheld und Sympathieträger, während Jackson von der Welt seit zwölf Jahren unter ,komplett durchgedreht‘ eingeordnet wird. Der Absturz eines sowieso Verlorenen interessiert viel weniger.“ Hinzu komme der „Igitt-Faktor“: „Verglichen mit dem sexuellen Missbrauch an Minderjährigen klassifiziert die amerikanische Öffentlichkeit den Mord an einer Ehefrau, so paradox das auch klingen mag, als konventionell verträglich.“ Außerdem berge der Prozess „wenig News-Wert“. Seit über einem Jahrzehnt wisse die Öffentlichkeit, dass Jackson in „Neverland“ seltsame Dinge mit Buben anstelle.

Was Orth in der dunklen Soap-Opera am meisten irritiert, sind jedoch die Frauen, „die ihre Kinder an diesen Mann verkaufen, weil sie derart vom Ruhm paralysiert sind, dass sie alles tun, um einen kleinen Zipfel davon in die Hände zu bekommen“.

„Sie haben als Grund für Ihre Depression angegeben, dass sie traurig sind, weil Sie ein Niemand sind?“, fragte Jacksons Verteidiger Mesereau die Zeugin Janet Avrizo im Kreuzverhör. Und Avrizo sank in sich zusammen und antwortete leise: „Ich bin leider immer noch ein Niemand.“

Von Angelika Hager und Sebastian Hofer