Kärnten: In die Wüste?

Jörg Haider redet sich um Kopf und Kragen: Auch nach seinen Auslassungen gegen die USA und Israel liegt er in den Umfragen deutlich abgeschlagen hinter der SPÖ.

Es brauste und zischte, dichter Dampf stieg aus dem mit Trockeneis belegten Topf, in den nun der Autor griff und kühn sein jüngstes Werk herauszog: „Aus der Kärntner Wirtshaus-Kuchl“ heißt das jüngste Œuvre des Landeshauptmanns, gedacht zum alsbaldigen Verzehr, jedenfalls noch im Wahlkampf.

Mit großem Brimborium präsentierte es Jörg Haider vergangenen Donnerstag im Krumpendorfer „Föhrenhof“ beim Weihnachtsschmaus mit Kärntner Journalisten, zu dem er unter dem Titel „Jörg kocht“ geladen hatte.

Zwei Tage davor war er übergekocht.

In einem ORF-Interview war ihm die Wahl zwischen Saddam Hussein und George W. Bush schwer gefallen, hatte er keine „graduellen Unterschiede“ zwischen dem irakischen Diktator und jenen „bis hin nach China, bis hin nach Israel“ zu erkennen vermocht.

Auch daran, dass der Mann aus dem Erdloch tatsächlich Saddam sei, zweifelte er: Eine „Schmierenkomödie der Amerikaner“ sei das, ein „Betrugsmanöver“.

Die Weltmacht blieb gelassen: Das US-Außenministerium beließ es bei der nicht unpfiffigen Bemerkung, es gebe schließlich auch Leute, die nicht glauben, dass Neil Armstrong den Mond betreten hat.

Die Folgen in der Heimat könnten sich als nachhaltig erweisen. Die Kärntner ÖVP schloss dezidiert eine Wahl Haiders zum Landeshauptmann aus; eine Frage, zu der sich Parteichef Wolfgang Schüssel allerdings eher wortkarg gab. Prompt wurde Schüssel Samstag in einem „Standard“-Interview von Haider gelobt: Der Kanzler habe klug reagiert.

Klar ist: Liegt die FPÖ bei der Landtagswahl am 7. März knapp vor oder auch knapp hinter der SPÖ, wird Haider die ÖVP unter der Drohung, die Koalition in Wien zu brechen, zur Pflicht rufen.

Sollte Haiders FP allerdings deutlich hinter die Sozialdemokraten zurückfallen, könnte er gar nichts mehr erzwingen.

Und genau das, glauben Meinungsforscher, könnte jetzt passieren.

Das Meinungsforschungsinstitut OGM erhob im Auftrag der „Kleinen Zeitung“ vergangene Woche die Stimmung in Kärnten. Ergebnis: Die SPÖ führt demnach mit 39 Prozent klar vor der FPÖ, die auf 32 Prozent kommt. Die ÖVP hält bei 23, die Grünen bei fünf Prozent.

„Die FPÖ wird in Kärnten sicher nicht mehr Erster“, meint Politologe Peter Ulram vom Meinungsforschungsinstitut Fessel: „Wenn sie jemals eine Chance gehabt hätte – jetzt ist sie dahin.“

Ähnlich sieht das Werner Beutelmayer, Chef des Meinungsforschungsinstituts market: „So kann er seine Kernwähler nicht mobilisieren. Er hat sich außerhalb der allgemein akzeptierten Linie gestellt.“

Es gibt auch Zweifler. „Bei uns ist die Hemmschwelle, was Haider betrifft, so tief, dass man sich nicht sonderlich aufregt“, meint Antonia Gössinger, eine ausgewiesene Haider-Expertin, in der Klagenfurter Redaktion der „Kleinen Zeitung“.

Ein gewisses Maß an Antiamerikanismus sei zwar salonfähig, aber Haider habe wohl überzogen, meint der Politologe Peter Filzmaier: „Aber wenn das Stimmungsbarometer auf Streit steht, ist das seine Chance. Mit Harmonie ist Haider noch nie gut gefahren.“

Strategie? Ein Strategiewechsel liegt jedenfalls vor. „Er hat in den vergangenen Wochen einen Wahlkampf nach dem Motto geführt: ,Was vorher war, ist vergessen.‘ Sein Ziel war es, Vertrauen aufzubauen – das hat er jetzt wieder aufgegeben“, meint OGM-Chef Wolfgang Bachmayr.

Aber ist es tatsächlich Strategie, oder ging es mit dem Kärntner einfach durch?

Egal, meint sein Wahlkampfgegner, Kärntens SPÖ-Chef Peter Ambrozy: „Es geht nichts über die Lippen, was nicht im Kopf ist.“

Tatsächlich wurde in der Öffentlichkeit oft unterschätzt, wie wichtig Haider seine Kontakte in die arabische Welt sind.

Die Neigung zum Orient war in ihm im Frühjahr 2000 entbrannt. Sein Sekretär Gerald Mikscha hatte an der Wiener Imadec-University Saif Gaddafi, den Sohn des libyschen Staatschefs, kennen gelernt und ihn Haider vorgestellt. Gemeinsam ging man zum Opernball und zum Tennis.

Im Mai jenes Jahres stattete Haider Saifs Papa Muammar einen Besuch ab. Und weil’s so schön war, flog der Kärntner schon sechs Wochen später mit einigen Geschäftsleuten wieder nach Tripolis und brachte von dort etliche tausend Liter Billigbenzin nach Hause.

Auf den Geschmack gekommen, brach der Landeshauptmann unter Mitnahme von Gattin Claudia und eines ORF-Kamerateams im November 2001 zu einer zweiwöchigen Morgenland-Reise auf nach Libyen, Ägypten, Syrien und Kuwait.

Der in Europa trotz des Falls der Sanktionen immer noch isolierte Kärntner wurde hochrangig – durchwegs auf Ministerebene – empfangen. In Kairo gab es sogar einen Termin bei Premier Atef Ebeid.

Welch Labsal solche Ehren für den lange Gemiedenen bedeuteten, wird in Haiders im März erschienenen Buch „Zu Gast bei Saddam“ klar. „Man bekundete auf diese Weise Solidarität mit jenem erfolgreichen europäischen Politiker, der dafür … vom internationalen Bannstrahl der EU sowie einer mehr als kritischen Haltung der USA … und einer nicht für möglich gehaltenen Medienhatz getroffen wurde.“

Vor allem die geringe Gegenliebe, die er in den Vereinigten Staaten gefunden hatte, scheint Haider tief verletzt zu haben.

Häufig war er in den neunziger Jahren in die USA gereist; an der Harvard University verbrachte er sogar mehrere Monate als Gasthörer.

Auch die US-Politik kopierte er damals ungeniert: Als Newt Gingrich, damals republikanischer Fraktionsführer im Kongress, einen „Contract with America“ präsentierte, erfand Haider einen „Vertrag mit Österreich“; als der ultrakonservative Pat Buchanan eine „America first“-Initiative einleitete, startete Haider ein „Österreich zuerst“-Volksbegehren. Sein Flat-Tax-Konzept kupferte er beim rechten US-Ökonomen Alvin Rabushka ab.

Irak-Kontakte. Gemieden blieb er dennoch. Als Haider im Oktober 2001 den New Yorker „Ground Zero“ besuchte, hatte kein Stadtpolitiker für ihn Zeit.

Schwer muss es ihn getroffen haben, als sein Bild im Wiesenthal Center in Los Angeles in der „Halle der Demagogen“ aufgehängt wurde. Daneben prangte das Konterfei des irakischen Diktators Saddam Hussein.

Dessen Botschafter in Österreich, den Diplomaten Naji Sabri, kannte Haider gut. Im Sommer 2001 kam Sabri eigens an den Wörthersee, um sich von Freund Jörg zu verabschieden: Er musste in der Heimat das Amt des Außenministers übernehmen.

Sabri war es auch, der den Kontakt zu Saddam herstellte. Am 11. Februar 2002 traf Haider zum Entsetzen der uninformierten FP-Regierungsfraktion in Bagdad ein und parlierte, Cohiba-Zigarren paffend, mit dem Staatschef über die Lage der Welt im Allgemeinen und über US-Imperialismus sowie Zionismus im Besonderen.

Noch zweimal zog es Haider im Jahr 2002 nach Bagdad. Zunehmend sah er den Konflikt im Nahen und Mittleren Osten mit den Augen der Irakis.

In seinem Buch zitiert er etwa ausgiebig die Ansicht, historisch gesehen sei Kuwait ja eine irakische Provinz, der Einmarsch 1990 sei also nicht ganz grundlos erfolgt.

Auch Saddams Urheberschaft am Giftgasmassaker von Halabja, bei dem 1988 mehr als 5000 Kurden getötet wurden, stellt er infrage: Es dürfe „kein Platz für nicht eindeutig belegbare Schuldzuweisungen“ sein, schreibt Haider und zitiert den „mir gegenüber geäußerten Verdacht“, dass es sich um eine „gezielte US-Militärprovokation“ gehandelt haben könnte.

Einiges weist darauf hin, dass Haiders nahöstliche Gesprächspartner deshalb Zutrauen zu ihm hatten, weil sie bei ihm antisemitische beziehungsweise rechtsextremistische Tendenzen zu orten glaubten.

So erzählt Haider in seinem Buch in verblüffender Offenheit, wie ihm der syrische Verteidigungsminister Mustafa Tlas stolz ein signiertes Originalgemälde Adolf Hitlers mit Blumenmotiv zeigte. Haider: „Tlas erzählte mir, er könnte sich um keinen Preis der Welt von diesem Werk trennen.“

Unkommentiert lässt Haider auch Bemerkungen von Saddams Sohn Udai bei einem Treffen 2002. Nach einer „scharfen Abrechnung“ mit Israel habe Udai „seinen Respekt vor den deutschen Tugenden zum Ausdruck“ gebracht: „Sie lägen, so meinte er, dem deutschen Volk im Blute und könnten von niemandem ausradiert werden.“

Wie eng Antiamerikanismus, Antizionismus und gewisse Reminiszenzen bei manchen FPÖ-Größen miteinander verwoben sind, bewies FPÖ-Generalsekretärin Magda Bleckmann vergangenen Freitag bei einer Podiumsdiskussion in einer Fürstenfelder Schule: Nach einer Verteidigung von Haiders Saddam-Äußerungen gab sie – als die Sprache auf dessen Sager von der „ordentlichen Beschäftigungspolitik“ der Nazis kam – den Schülern den Rat, doch einmal ihre Großeltern zu fragen, wie viele Jobs damals in der Rüstungsindustrie geschaffen worden seien. Ihr Pressesprecher versuchte danach abzuwiegeln: „Was sie nicht gutheißt, sondern ablehnt. Das hat sie noch dazugesagt.“

Hilflose Reaktionen. Die ÖVP steht solchen Auslassungen von Haider und seinen Leuten eher hilflos gegenüber, was schon die Wortwahl beweist. „Absolut nicht opportun“, kommentierte Außenministerin Benita Ferrero-Waldner den ersten Besuch bei Saddam Hussein; „absolut unklug“ nannte sie die abermalige Visite im November; „absolut kein Verständnis“ hatte sie für das jüngste „Zeit im Bild“-Interview.

Haider ist das absolut egal. Ferreros Auslandsreisen seien „Besuchstrips für Drei-Wetter-Taft“, höhnt er in seinem Buch.

So übermütig ist er nicht immer. Viele Gefährten von ehedem erzählen von eher geknickter Stimmung. Vorvergangene Woche etwa hatte er bei Franz Klammers Geburtstagsfest in Bad Kleinkirchheim zu später Stunde den Ex-Freunden Karl-Heinz Grasser und Ex-Generalsekretär Walter Meischberger vorgejammert, wie schnöde sie ihn verlassen hätten.

Er könne diesen Vorwurf nicht nachvollziehen, meinte Meischberger laut Zeugen: „Schließlich hast ja du mich hinausgeworfen und nicht ich dich.“

Auch Ex-Parteiobmann Mathias Reichold traf er unlängst zwecks Versöhnung. Seinem ehemaligen Ziehsohn Peter Westenthaler bot er im Frühjahr nach einem Gespräch über Bundesliga-Fragen (Haider ist Obmann des FC-Kärnten) gar hohe Regierungsfunktionen an.

Nur an Susanne Riess-Passer wagt er sich nicht heran – in realistischer Einschätzung der zu erwartenden Reaktion.

Die Kameraden von damals erinnern ihn an die Zeit, als die Möglichkeiten noch groß waren. Angesichts des eher überschaubaren Spielfelds, das einem Landeshauptmann von Kärnten zur Verfügung steht, waren in Haider schon wiederholt Fluchtgedanken aufgekeimt: Von einer Gastprofessur in Harvard träumte er, oder von einer Buchhandlung mit Vinothek in Klagenfurt.

Die Vertretung arabischer Wirtschaftsinteressen in Österreich könne einen Mann ebenfalls ernähren, überlegte er ein anderes Mal.

Auch mit Lebenserinnerungen ließe sich vielleicht Geld machen. Wie schrieb er doch über seinen letzten Besuch bei Saddam: „Als ich mich verabschieden wollte, schickte er die Dolmetscher aus dem Raum. Dann vertraute er mir etwas an, worüber ich zu schweigen verpflichtet bin. Darüber werde ich in meinen Memoiren einmal schreiben.“

Man darf gespannt sein.