Kärntner Naturjuwelen: Die Brüder Scheuch versuchen Haiders Erbe zu verteidigen

Ulla Schmid über deren Versuch, das politische Erbe Haiders zu verteidigen.

Die Tür geht auf, und der Klubobmann kommt herein. Er sagt weder „Hallo“, „Grüß dich“, „Entschuldige“ oder was man halt so sagt, wenn man in ein Büro platzt, das einem nicht gehört. Doch der Landesrat, der an seinem Besprechungstisch sitzt, schaut nur kurz auf und wendet sich dann sofort wieder seiner Gesprächspartnerin zu. Er ist kein bisschen irritiert. Die beiden haben ihr Revier nicht abgesteckt, und sie haben auch keine beruflichen Geheimnisse voreinander. Deins ist meins – und umgekehrt. Das ist unter den Geschwistern offenbar selbstverständlich.

Kurt Scheuch wird bald 42 Jahre alt und ist seit 2003 Klubobmann im Kärntner Landtag; Uwe Scheuch ist 39, seit 2006 Landesrat, seit Kurzem Landeshauptmannstellvertreter und seit Samstag Kärntner Parteichef. Jörg Haider hat die Brüder in die Politik geholt und politisch adoptiert. Eigentlich hätten sich die zwei Zeit lassen können, um ganz an die Spitze zu kommen. Doch der Unfalltod des Landeshauptmannes setzt sie nun unter Zeitdruck. Am 1. März nächsten Jahres wird in Kärnten gewählt. Die Nachlassverwaltung von Haiders politischem Erbe lastet auf den Schultern der Brüder Scheuch. Wenn das BZÖ die Festung Kärnten nicht halten kann und der Landeshauptmann verloren geht, dann wird das Projekt BZÖ auch im Rest Österreichs ein Ablaufdatum haben.

Beim Kreisverkehr an der Ortseinfahrt von Spittal an der Drau steht neuerdings eine Holz-Stahl-Skulptur, gut fünf Meter hoch und zwei Tonnen schwer. Ihre Aufstellung war von großem Tamtam begleitet: Politik, Presse, Blasmusik – alles da. Als das Konstrukt von einem Kran an seinen Platz balanciert wurde, sprang Gerhard Dörfler, Haiders Nachfolger als Landeshauptmann, in einem plötzlichen Anfall von Juvenilität auf die schwebende Last und dirigierte sie an seinen Platz.

Diese Aktion hätte man bei Jörg Haider wohl spontan genannt; bei Dörfler wirkte sie aufgesetzt. Der biedere 59-Jährige soll für das BZÖ bei den kommenden Landtagswahlen das 2004 noch unter dem Namen FPÖ eingefahrene Ergebnis von 42,4 Prozent verteidigen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich die Umfrageergebnisse, die einem die anderen Parteien vage zuflüstern, auszumalen: Dörfler, so heißt es, habe miserable Popularitätswerte. Da steige ein anderer BZÖler „um Ecken besser“ aus: Uwe Scheuch.

Im „Oberkärntner Volltreffer“ ist dieses Foto abgebildet: Ein glücklich lächelnder Mann kniet in einem seichten Bergbach und schöpft mit den Händen Wasser. Seine kurze Krachlederne gibt viel behaartes Männerbein frei, die Ärmel des Trachtenhemds hat er zünftig hochgekrempelt. „Uwe Scheuch freut sich über besondere Naturjuwele“ steht da zu lesen. Das ist die wesentliche Nachricht, alles Weitere interessiert wohl nur Fans der Oberkärntner Fauna: „In Seitenbächen, vor allem im Gitschtal, lebt der extrem seltene Dohlenkrebs. Für die kundigen Einheimischen ist Uhu kein Klebstoff und der Ziegenmelker kein Hirte, sondern eine Rarität der lokalen Vogelwelt.“ Der halbseitige „Bericht“ ist eine bezahlte Anzeige, eine von vielen, die das BZÖ wöchentlich auf Regierungskosten in allen verfügbaren Regionalblättern schal­tet. Eigentlich geht es immer nur ums Bild: Scheuch verleiht Auszeichnungen, Scheuch stellt auf der Nockalm einen Sendemast auf, Scheuch startet Joboffensive.

Der schlaksige Landesrat setzt sich halt gerne in Szene. Oft schrammt er dabei hart am Rand der Lächerlichkeit. Im Sommer verlangte er allen Ernstes, dass in Spittal/Drau 500 Plakatständer mit seinem Konterfei aufgestellt werden, um einen Informationsabend für Lehrlinge publik zu machen. Zum Vergleich: Bei Wahlkämpfen stehen in Spittal maximal 150 Dreieckständer – für alle Parteien.

Ein gerüttelt Maß an Eitelkeit dürfte Uwe in die Wiege gelegt worden sein. Man kann sich gut vorstellen, wie der kleine Uwe mit seinem sonnigen Wesen Verwandte und Volksschullehrer um den Finger wickelte. Mit Selbstbewusstsein und Schmäh tänzelt er über das politische Parkett, inhaltliche Unsicherheiten plaudert er eloquent weg. Die Skilehrer-Masche kommt in Kärnten gut an, in Wien wäre er wohl ins Stolpern geraten. Als 2006 im Bund die Partie um Peter Westenthaler ans Ruder kam, wäre Scheuch rasch vom Generalsekretär zum einfachen Abgeordneten degradiert worden. Dankbar ergriff er Haiders Angebot, nach Kärnten zu wechseln. Dort ist manches einfacher. Selbst Affären, die ihn bundespolitisch um Kopf und Kragen gebracht hätten, fallen im Süden unter Kavaliersdelikte. Mutmaßlicher Versicherungsbetrug in Ungarn? Scheuch weiß von nichts. Alkohol am Steuer? Scheuch gibt sich zerknirscht.

Doch er kann sehr wohl auch anders. Vor gut einem Jahr zitierte Scheuch den Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“ zu sich ins Büro. Die Unterhaltung bekam eine für Reinhold Dottolo überraschende Schlagseite. Erst beklagte sich Scheuch, dass er in der Tageszeitung zu wenig abgebildet sei, dann drohte er mit nicht näher ausgeführten „Gegenmaßnahmen“. Wenn es um die Partei geht, nimmt er das Land in Geiselhaft – mit aller Macht: Am Freitag vor Jörg Haiders Begräbnis verordnete Scheuch als Bildungsreferent des Landes eine „Trauerstunde“ an den Pflichtschulen, deren Einhaltung von der Landesschulinspektion kontrolliert wurde. Und nachdem sich das Comedy-Duo Stermann/Grissemann in „Willkommen Österreich“ über die tränenreichen Auftritte Stefan Petzners im ORF lustig gemacht hatte, tobte Uwe über diese „Boshaftigkeit“, die „gegen die gesamte Kärntner Bevölkerung“ gerichtet sei. Im Parteiblatt „Kärntner Nachrichten“ wird seither ganzseitig ein Formular für eine Beschwerde beim ORF abgedruckt, das man ausgefüllt ans BZÖ Kärnten schicken kann.

In einem Punkt unterscheidet sich Uwe von seinem Mentor Haider. Er bindet andere Parteien stärker ein. Die Grünen, von Haider nicht einmal ignoriert, werden neuerdings zu Allparteiengesprächen über Wahltermine und Wirtschafts­belebung eingeladen. Und auch der Spittaler ÖVP-Bezirksparteichef Ferdinand Hueter konstatiert: „Der Umgangston ist verbindlicher geworden.“ Es mag Taktik sein, um mögliche Koalitionspartner für den Tag nach der Wahl nicht unnötig zu vergrätzen. Aber das kostet ihn schließlich nichts. Die Wünsche der Landesregierung werden ohnehin andernorts durchgedrückt.

Das Landhaus in Klagenfurt , zwischen Altem Platz und Heiligengeistplatz, zählt zu den repräsentativsten Bauten in Klagenfurt. Eine enge Treppe mit hohen Stufen führt zum BZÖ-Klub. In einem großräumigen Eckbüro mit antikem Mobiliar jeglicher Art residiert, umgeben von Bildern Kärntner Künstler, die Rückendeckung von Uwe Scheuch: sein Bruder Kurt. Sehr sittsam sitzt er da, er spricht leise, und mit seinem roten Halstuch und dem Kärntner Trachtenjackerl wirkt er wie ein Mitglied der Jeunesse dorée, das vom Wiener Jägerball in diesen Renaissancebau gebeamt wurde.Kurt spricht viel von Familienbindung, von den Visionen Jörg Haiders und von der „Nibelungentreue“, mit der er immer zu Haider gestanden ist und auch in Zukunft stehen wird. Die Art, wie er von seinem jüngeren Bruder redet, und auch die Beiläufigkeit, mit der er dessen Schmähs begegnet, birgt jene Nachsicht und Zuneigung, wie sie ältere Geschwister ihren jüngeren oft entgegenbringen.

Kurt ist viel stärker in der Kärntner Politik verhaftet als Uwe. 1985 kam er in den Gemeinderat seines politischen Heimatbezirks Spittal/Drau, konsequent arbeitete er sich bis 1998 zum FPÖ-Landesgeschäftsführer hoch, dann gab er ein kurzes Zwischenspiel im Nationalrat. Bundesweite Bekanntheit erlangte er, weil er 2002 beim Parteitag in Knittelfeld das Kompromisspapier zwischen Haider und der damaligen Parteiobfrau Susanne Riess-Passer zerriss. Unglücklicherweise leitete er damit den Koalitionsbruch mit der ÖVP und den erdrutschartigen Wahlverlust der FPÖ ein. Im Jahr darauf war Karrierepause angesagt, bevor er 2003 als Klubchef in den Landtag berufen wurde. Dieser Job liegt ihm: Nach dem Motto „Zu viel Wissen macht Kopfweh“ informiert er seine Mandatare nur fragmentarisch, peitscht Entscheidungen durch und achtet auf Disziplin. Parteidisziplin, wohlgemerkt.

Kurt sitzt im Landtag direkt vor dem Rednerpult, und obwohl dieses mit einem Mikrofon ausgestattet ist, schafft er es locker, mit seinen Zwischenrufen den Redner zu überbrüllen. „Ist das wohl eine gescheite Frage?“, ruft er gerne, wenn Mandatare anderer Fraktionen in der Fragestunde zu Wort gebeten werden. „Verräter!“, brüllt er in den Raum, wenn sich der VP-Abgeordnete Stephan Tauschitz für Volksabstimmungen nur auf EU-Ebene ausspricht, oder etwa: „Das passt zu dir, Reinhart“, wenn Dörfler von „Rohrkrepierern“ spricht (der SPÖ-Landesparteichef heißt Reinhart Rohr, Anm.). Als ihm einmal der vom BZÖ gestellte Landtagspräsident Josef Lobnig einen Ordnungsruf verpasste, „machte Scheuch ihn in der nächsten Klubsitzung einen Kopf kürzer“, erinnert sich Franz Schwager, der als einziger FPÖ-Landtagsabgeordneter nicht zum BZÖ gewechselt ist.

Die politischen Gegner bringen Kurt Scheuch trotzdem Respekt entgegen. „In sachlichen Verhandlungen kennt er sich aus, und er ist lösungsorientiert“, sagt Rolf Holub von den Grünen. Auch Gerhard Köfer, SP-Bürgermeister der Stadt Spittal, einer roten Bastion im ansonsten tieforangen Heimatbezirk der Scheuchs, meint, der Kurt sei zwar ein „Häferl“, aber in seiner „geraden Art“ berechenbar. Ein Land, eine Partei, ein Brüderpaar – kann das gut gehen?

Im Mölltal hängen die Nebelschwaden wie Watte in den Berghängen, der Himmel ist nur zu erahnen, vereinzelt gehen Kinder in bunter Regenkleidung am Wirtshaus vorbei. In der Stube, die vor 400 Jahren noch der Stall eines Bauernhofs war, sitzt der Wirt, der seit Kurzem stolzer Inhaber der „silbernen Ehrennadel“ der 1000-Seelen-Gemeinde Mühldorf ist. „Die Wiener müssten einmal freundlicher über uns schreiben“, tadelt der Wirt seine Gäste, „so schlimm sind wir Kärntner gar nit.“ Das BZÖ sei eigentlich gar keine Partei, es sei eine Bewegung, die viel für die Menschen tue. Ideologie, „das gibt’s hier gar nicht mehr“. Hier, in Mühldorf, auf dem Sternhof, sind die Scheuchs als Kinder eines Großbauern aufgewachsen.

Die Familie ist „freiheitlicher Uradel“ , wie Andreas Mölzer sagt. Die Großväter waren Nationalsozialisten, der früh verstorbene Vater ebenso, und „die Buben sind auch ideologisch rechts geprägt“ (Mölzer). Umso mehr trägt ihnen das freiheitlich-nationale Lager in Kärnten nach, dass sie Haiders Abspaltung von der FPÖ 2005 nicht verhindert haben. Böse Zungen behaupten, Uwe hätte sich das Match mit dem gleichaltrigen Heinz-Christian Strache um die Nachfolge Haiders nicht antun wollen. Erspart hat er es sich nicht. 139.497 freiheitliche Stimmen aus dem Jahr 2004 sind nun, nach Haiders Tod, in Kärnten auf dem Markt. Das Spiel hat erst begonnen.