Bergarbeiter

Wenn Gerlinde Kaltenbrunner diese Woche ihren letzten ­Achttausender angeht, sitzt ihr wichtigster Bergkamerad 9000 Kilometer entfernt in Innsbruck: Karl Gabl, Wind- und Wetterguru.

Von Horst Christoph

Wetterumsturz im Tiroler Inntal. Am Abend zuvor ist die Nordföhnlage zusammengebrochen, schwere Regenfälle haben eingesetzt. Jetzt am Vormittag reißt es etwas auf, die höchsten Bergspitzen sind angezuckert vom frischen Schnee.

In seinem Büro am Innsbrucker Flughafen sitzt seit fünf Uhr Früh Karl Gabl, der Leiter der Regionalstelle Tirol-Vorarlberg der österreichischen Zentralanstalt für ­Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). Er erledigt Routinearbeiten, bespricht sich mit Kolleginnen und Kollegen und wird daran erinnert, dass bald das ORF-Landesstudio eine Einschätzung der aktuellen Wetterlage haben will. In Wirklichkeit aber ist der 64-jährige Meteorologe gerade ­wieder einmal ganz weit weg – mit seinem Kopf und seinem Herzen. Um sechs Uhr hat Gerfried Göschl angerufen. Der Ex­trembergsteiger aus Liezen in der Steiermark hat am Mittwoch davor mit einer internationalen Expedition den Gipfel des Hidden Peak im Karakorum bezwungen. Jetzt will er weiter zum K 2 und möchte von Karl Gabl wissen, welches Wetter ihn dort erwartet.

Wie ist es möglich, dass jemand, der „mit Ärmelschonern“, wie er mit wohlkalkulierter Selbstironie meint, in seinem Büro in Innsbruck hockt, über das Wetter im Himalaya Bescheid weiß? „Ich bin Nutznießer eines international vernetzten, hoch technisierten Wetterdatensystems“, erklärt Gabl. Es ist das Anfang der acht­ziger Jahre gegründete European Centre for Medium-Range Weather Forecasts ­(ECMWF), das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage, eine zwischenstaatliche, von 34 Ländern unterstützte Organisation, die ihren Sitz in Reading bei London hat. Dort wird in einem IBM-Supercomputer alles gespeichert, was 40.000 meteorologische Stationen und 1200 Wetterballons aus aller Welt mehrmals täglich an Wetterdaten liefern: Temperaturen, Winde, Niederschläge und Luftdruck. „Derzeit ist auch die Beobachtungsstation in Kabul wieder in Betrieb“, freut sich der Innsbrucker Meteorologe, für dessen Wettereinschätzung im Karakorum die Daten aus Afghanistan besonders wichtig sind. Das ECMWF, so ist Gabl überzeugt, ist auch dem amerikanischen Wetterbeobachtungssystem überlegen.

Die Meteorologie ist – als ernste Wissenschaft – sehr jung. So alt der Wunsch und die oft treuherzigen Versuche sind, dem Wetter auf die Schliche zu kommen, so wenig erfolgreich war dies bis in die jüngste Zeit. Humbug wie der „Hundertjährige Kalender“ oder dass auf einen wespenreichen Herbst ein strenger Winter folge, geistert aber immer noch umher. Gabl: „Die Wespen haben im Herbst keine Ahnung, wie der Winter wird.“

Auch mit den Bauernregeln und ihren Lostagen – „Wenn’s zu Lichtmess stürmt und schneit, ist das Frühjahr nicht mehr weit“ – ist nur wenig anzufangen. Und die Eisheiligen und die Schafskälte sagen ­lediglich, dass es im Frühjahr und im Frühsommer in Mitteleuropa häufig noch Kälteeinbrüche gibt.

Globale Wetterzusammenhänge wurden erst in den zwanziger und dreißiger Jahren nachgewiesen. Damals entdeckte man die so genannten „Jetstreams“, das sind Starkwindbänder in großer Höhe, die sich infolge globaler Ausgleichsbewegungen zwischen unterschiedlichen Temperatur- und Luftdruckregionen bilden. Die wichtigsten sind der Polarfront-Jetstream (PFJ) und der Subtropische Jetstream (STJ). STJ, mit mehreren hundert Stundenkilometern von Asien über den Pazifik wehend, spielte im Zweiten Weltkrieg eine Rolle, als die amerikanischen Bomber im Anflug auf Pearl Harbour fast zum Stillstand kamen. Umgekehrt schickten die Japaner mit Bomben beladene Ballons über den Pazifik in den Westen der USA.

Den STJ, auf Computerkarten als sich ständig vergrößernder oder verkleinernder Schweif erkennbar, studiert Gabl derzeit besonders genau. Er gibt nämlich Auskunft über die Wetterverhältnisse am K 2, dem zweithöchsten Berg der Welt, und dort ist nicht nur der Steirer Gerfried Göschl zugange, sondern auch Gerlinde Kaltenbrunner, Österreichs erfolgreichste Höhenbergsteigerin. Nachdem seit vergangenem Jahr die Südkoreanerin Oh Eun-Sun und die Spanierin Edurne Pasabán alle vierzehn Achttausender bezwungen haben, wartet die Oberösterreicherin noch auf ihren letzten Gipfel, eben den K 2. ­Bisherige Versuche schlugen fehl. Zuletzt stürzte im vergangenen Jahr der Schwede Frederik Ericsson vor Kaltenbrunners Augen in den Tod, sie gab auf und ist jetzt zu einem neuerlichen Versuch auf einer anderen Route, dem Nordpfeiler, zurückgekehrt. Derzeit sind sie und ihr Team mit der Höhenakklimatisation beschäftigt.

Wenn Gerlinde Kaltenbrunner diesmal der Gipfelsieg gelingt, so wäre sie die erste Frau und die Erste unter Österreichs Töchtern/Söhnen, die alle Achttausender „by fair means“, das heißt ohne Flaschensauerstoff, bestiegen hat. Sowohl die Koreanerin Eun-Sun als auch die Spanierin Pasabán benutzten immer wieder Atemmasken. Gerfried Göschl, der ebenfalls ohne Atemhilfe klettert, hält als bester österreichischer Mann nach dem Hidden Peak bei sieben der höchsten Gipfel.

Wie Göschl setzt auch Gerlinde Kaltenbrunner bei jeder Expedition auf die Hilfe Karl Gabls. „Danke Charly“ stand auf einem selbst gemalten Transparent, das sie nach ihrem Erfolg am Mt. Everest in die Kamera hielt. Und gerne sagt sie: „Der Charly ist immer dabei. Er ist auf Expeditionen mein wichtigster Zeltgenosse“ – in neuntausend Kilometer Entfernung. Letztes Jahr, als sie am K 2 kletterte, war Gabls Mobiltelefon neben seinem Bett in Innsbruck auch nachts eingeschaltet. Erst wenn er per Satellitentelefon oder E-Mail grünes Licht gab, ging Kaltenbrunner los. Ihr Mann Ralf Dujmovits, der erste Deutsche, der alle Achttausender in der Tasche hat und sie jetzt als Betreuer begleitet, weiß: „Er hat uns oft halbe Tage herausgefischt, an denen das Wetter gut war und wir allein am Gipfel gestanden sind.“ Am Donnerstag der Vorwoche sprach Dujmovits mit Gabl. Er meldete Schneefall, den aber der Meteorologe auf seinem Wettermodell nicht finden konnte und deshalb als lokalen Stauniederschlag interpretierte. Bis auf Weiteres sollte das Team im Lager auf über 6000 Meter bleiben, weil ein Zwischenabstieg wegen der Lawinengefahr nicht ratsam war.

50 bis 60 Expeditionen berät Charly Gabl jährlich. Die deutschen Kletterbrüder Thomas und Alex Huber sind ebenso seine „Klienten“ wie der Südtiroler Hans Kammerlander, der Italiener Simone Moro oder der Tiroler Jungstar David Lama. Gabl: „Wenn sie unterwegs sind, schlafe ich schlecht und bin erlöst, wenn sie wieder im Basislager sind.“ Wie vor Jahren, als ihn sein Freund Wolfgang Nairz vom Elbrus (5633 Meter) anrief, wo er mit einer Gruppe unterwegs war: „Wir wollen übermorgen den Aufstieg schaffen, bis dahin sind wir akklimatisiert.“ „Ihr müsst morgen gehen, sonst kommt ihr nicht hin­auf, das Wetter schlägt um.“ Die Gruppe quälte sich hinauf und wieder zurück. Am Tag darauf kamen vier Kasachen im Schneesturm um.

Karl Gabl betont, dass er lediglich die Wettermodelle interpretiere. War­um er sie aber besser interpretiert als andere, die die gleichen Daten zur Verfügung haben, erklärt er ganz einfach: „Weil ich kein golfspielender Meteorologe, sondern ein Bergsteiger bin.“ 1946 in St. Anton am Arlberg geboren, lernte er am Jesuitengymnasium Stella Matutina in Feldkirch, wo übrigens achtzig Jahre vor ihm der Sherlock-Holmes-Autor Arthur Conan Doyle studiert hatte, „Kritikfähigkeit und dass jedes Ding zwei Seiten hat“. Früh schon interessierte er sich für Schnee und Wetter. Während seines Meteorologiestudiums in Innsbruck nahm er an einer Skiexpedition auf den 7492 Meter hohen Noshaq, den höchsten Berg Afghanistans, teil.

Fünfzehnmal war er insgesamt im Himalaya unterwegs, zweimal scheiterte er knapp an Achttausendern, und am Huascaran (6768 Meter) in den Anden gelang ihm als Erstem die Begehung des schwierigen Südsporns. Er ist geprüfter Bergführer und Landesskilehrer. Der Lawinentod seiner Cousine, der Skiweltcup-Gesamtsiegerin Gertrud Gabl, bei einer Skitour 1976 brachte ihn dazu, sich intensiv mit der Vermeidung alpiner Gefahren auseinanderzusetzen. Er ist Präsident des österreichischen Kuratoriums für alpine Sicherheit, Gerichtssachverständiger für alpine Unfälle und Mitbegründer des Bergwetterdiensts des Alpenvereins.

Karl Gabl weiß also, wie er mit denen, die er berät, reden muss, welche Fragen er stellen muss und wie er die Antworten zu bewerten hat. Er fragt nach der Wolkenbildung, der Art von Schneefahnen, die in großen Höhen wehen, nach der Schneebeschaffenheit und den Windverhältnissen. „Wir Meteorologen sind wie Ärzte“, doziert er. „Die messen das Fieber und den Blutdruck, wir die Außentemperatur und den Luftdruck. Und besonders wichtig sind uns die Winde.“ Eine andere Lieblingsinterpretation seines Berufs ist die vom Meteorologen als „Synoptiker“, dem eine Zusammenschau der Wetterphänomene gelingt: aus Erfahrung und einem Quäntchen Intuition. Das Wort Glück vermeidet er, den Tod in den Bergen kennt er, ohne ihn aber hinzunehmen. Vor Jahren wurde er nach einem Kletterunfall auf der Zugspitze von der Garmischer Bergrettung angerufen. Das Wetter sei sehr schlecht, aber der Verletzte würde die nächste Nacht wohl nicht überleben. Gabl überprüfte die Wetterdaten und rief zurück: „In einer halben Stunde reißt es hoffentlich für kurze Zeit auf. Wenn dann ein Hubschrauber bei euch ist, habt ihr eine Chance.“ So war es dann auch. Der Verletzte konnte geborgen werden.

Bei der Ski-WM 2001 in Gabls Heimatgemeinde St. Anton musste der Abfahrtslauf wegen starker Schneefälle verschoben werden. Aus Angst vor einem angesagten Südföhneinbruch drängten die Veranstalter auf ein rasches Rennen auf verkürzter Piste. Gabl als meteorologischer Berater erklärte, es gebe in St. Anton keinen Südföhn, man solle noch einen Tag warten, bis die ganze Strecke präpariert sei, damit es keinen Zufallssieger gebe. Charlys Rat wurde nach heftigem Für und Wider befolgt. Er konnte wieder einmal kaum schlafen, aber am Tag des Rennens war die inzwischen in ganzer Länge präparierte Piste in hervorragendem Zustand, und Hannes Trinkl war ein würdiger Sieger.

Noch heuer muss der Hofrat Karl Gabl als Beamter in Pension gehen. Was der Vater zweier erwachsener Kinder, seit fünf Jahren verwitwet, dann machen wird, mag er sich noch nicht so recht ausmalen. Auch seine vielen Freunde auf den Bergen der Welt wollen sich das wohl nicht wirklich vorstellen.