Kampf den Kindern

Sie demütigen uns mit High-Tech-Geschick. Anleitung zur Gegenattacke.

„Wer Hunde und kleine Kinder frisst, kann kein schlechter Mensch sein“ W. C. Fields

Vier von fünf Erwachsenen jammern über High-Tech. Nicht nur, weil sie im reifen Alter etwas radikal Neues – die Digitalisierung aller Prozesse – lernen müssen. Es nervt sie, darin von den Kindern gedemütigt zu werden. Diese beherrschen jede Elektronik ab ovo, praktisch mit der Geburt.

Dies ist ärgerlich. Es ist ein erstmaliges geschichtliches Phänomen. Früher, als sich die Werkzeuge nur verfeinerten, nie radikal veränderten, waren immer die Alten die Könner. Sie hatten einen uneinholbaren Vorsprung durch Erfahrung. Heute lehren die Lehrlinge die Meister. Die Kinder und Jugendlichen sind unendlich geschickt und instinktsicher. Desktops, Notebooks, Scanner, Printer, Browser, Search Engines, Handys, Games, DVD-Recorder, MP3-Musik- und Auto-Navi-Geräte sind ihnen wie Haustiere lieb und zugetan.

Während Ältere noch grummeln, dass keines der Dinge einen treuen deutschen Namen hat (eine sinnlose Energieverschwendung), hat ein Kind bereits begriffen, wie der neue, relativ komplexe TV-Recorder (DVD oder Festplatte als überlegene Nachfolger der VHS-Bänder) zu bedienen ist und wie man den „Bullen von Tölz“ programmiert.

Warum ist das so? Ist es ein unabwendbares Schicksal? Oder können die Alten von den Jungen lernen? Antwort: Wenn sie wollen, ja. Viele der Fähigkeiten der Kinder haben zwar mit Merkmalen der Kindlichkeit zu tun, lassen sich aber, sofern man sie durchschaut, simulieren.

Tipp 1: Das Einzige, das Sie beim nächsten neuen High-Tech-Gerät lesen sollten, ist die Verpackungsanleitung. Sie müssen wissen, wo Transportsicherungen (kleine Keile, Tixo, Klammern) zu lösen sind. Andernfalls rührt sich der Krempel keinen Millimeter. Das Installieren der so genannten Treiber wurde leicht. Jeder, der eine CD in den PC einlegen kann, hat gewonnen.

Tipp 2: Lesen Sie keine Bedienungsanleitungen. Diese rauben den Mut. Außerdem sind acht von zehn eine Frechheit: in winziger Schrift gedruckt, lächerlich übersetzt, oft eher verdunkelnd als erleuchtend.

Tipp 3: Trauen Sie dem wesentlichen Kunstgriff der Kinder, dem unbefangenen, heiteren „Trial & Error“. Legen Sie einfach los. Hauen Sie in die Tasten. Der vermeintliche Irrsinn von Versuch & Irrtum hat Methode. Er ist lustig, führt zu vielen Aha-Erlebnissen, nimmt die Befangenheit und ist ungefährlich. Man muss einfach glauben, dass nichts kaputtgeht. Das fällt Älteren erfahrungsgemäß schwer. Früher, als jedes Gerät noch tausend mechanische Steuerteile hatte, führte diese Methode zum Gerätetod. Heute rührt man nur in der stummen Welt der Software herum. Falsche Befehle, die die Mechanik ruinieren könnten, werden erst gar nicht akzeptiert. Heute gilt wieder der alte Handwerksspruch: „Probieren geht über Studieren.“

Tipp 4: Lesen Sie die Bedienungsanleitung (Tech-Deutsch: Manual) dann doch. Jetzt wird sie Freude machen. Was vorher kryptisch war, ist Ihnen jetzt besser vertraut. Viele Feinheiten entdecken Sie nur mit dem systematischen Manual.

Tipp 5: Mit den bisherigen Tipps ist schon viel gewonnen. Aber nur, soweit es um die lustvolle und kundige Nutzung der Geräte geht. Gehen Sie noch einen Schritt weiter.

Sie können die schrecklichen, High-Tech-talentierten Kids nur dann gründlich schlagen, wenn Sie sich einer Selbsttherapie unterwerfen. Dazu gehört:

  • Vergessen Sie die Uralt-Attitüde, in der Technik alles verstehen (und reparieren) zu wollen. In der High-Tech können Sie nichts mehr zerlegen und durch Angreifen begreifen.
  • Lassen Sie sich durch ständige Neuerscheinungen nicht entmutigen. Gehen Sie einfach davon aus, dass man heute dank des primitiven Geniestreichs der rasenden Addition der Binärzahlen 0 und 1 alles schneller, zuverlässiger, reproduzierbarer und standardisierbarer erzeugen und steuern kann. Darunter vieles, was unsere Sinne anspricht: Text, Sprache, Musik, Film. Und dass bald alles fein zum anderen passt und miteinander reden kann – jenes „seamless computing“, von dem Microsoft-Chef Bill Gates beim jüngsten Wien-Besuch sprach: Küchenherde, Garagentore, Organizer, Heimkino, Audio-Video-Studio, Autofernheizung, Handy und zuletzt das Gerät, mit dem alles begann, der PC.
  • Lassen Sie sich von den aufgeregten Technikern und deren Jargon nicht abschrecken. Es ist beispielsweise nicht wirklich wichtig, ob die herzerfrischende Wunderwelt des Internet durch die Wand (via Kabel) oder elegant über W-LAN-Funk auf den Bildschirm fährt oder warum Bluetooth und Infrarot Kabel ersetzen können, aber es ist wunderbar, nun endlich von einer der tödlichen Krankheiten des elektrischen Zeitalters, den Kabeln, befreit zu sein. Sagen Sie einfach „klass!“ – so wie Bill Gates, als ich ihn im zweiten Interview fragte, wie es sich mit 40 Milliarden Euro so lebt.
  • Hören Sie endlich auf, mit Ihrer Digital-Feindlichkeit zu kokettieren. Sie werden dafür nicht bewundert. Man hält Sie einfach für alt. Das gilt auch für die Generaldirektoren, die gerne sagen, sie hätten fürs Digitale ihre Angestellten. Selbst wenn es so ist, wäre es besser, sie schwiegen.

Fortschrittsfeindlichkeit und Trägheit werden von den Jungen nicht als Vorzug gesehen. Womit sie ganz Recht haben. Anderseits müssen wir sie auf ihrem eigenen Feld, der High-Tech, schlagen, sonst bilden sie sich selbst etwas ein. Es genügt, wenn sie in ihrem Kinder-Reich, den digitalen Games, unschlagbar scheinen. Dagegen weiß ich noch keine Tipps. Das kann sich ändern. Momentan trainiere ich auf Sonys Playstation 2 und Microsofts Xbox alle Rennspiele. Vielleicht entdecke ich noch, wie man die kleinen Teufel besiegt und fertig macht.