Kanon-Donner

Kino. Im März präsentierte profil die 50 besten Filme der Kinogeschichte, ausgewählt von einer internationalen Expertenjury. Nun liegt die Auswertung des Leser-Votings vor – mit überraschenden Ergebnissen. Von Stefan Grissemann

Die Regeln des Spiels waren einfach: Welche Filme, so lautete die Frage, die profil im vergangenen März an Kino-Spezialisten, aber auch an cinephile Leser richtete, halten Sie für die bedeutendsten der Filmgeschichte? Der Sieger des ersten Bewerbes, gekürt von Kino-Professionalisten, hieß wenig später, durchaus passend, „Die Spielregel“, inszeniert 1939 von dem französischen Filmemacher Jean Renoir. Auf den Plätzen dahinter folgten Arbeiten des Japaners Ozu, des Russen Vertov, Hitchcocks „Vertigo“ und Robert Bressons „Zum Beispiel Balthasar“. Bei dieser Gelegenheit forderten wir unsere Leser auf, dem Expertenkanon einen eigenen entgegenzusetzen.

Das Kubrick-Coppola-Syndrom. Nun liegen die Ergebnisse vor, und es darf als mittlere Überraschung gelten, dass ein Film, der es bei den Spezialisten gerade auf Rang 37 geschafft hat, von profil-Lesern – sogar mit einigem Abstand – zum besten gekürt worden ist: Stanley Kubricks pop-philosophisches Science-Fiction-Epos „2001“. Daneben ist übrigens noch ein zweiter Film Kubricks in den Top 10 vertreten: die zynische Gewaltstudie „Clockwork Orange“. Wie Kubrick rangiert auch Francis Ford Coppola mit gleich zwei Werken im Spitzenfeld: Zwei Plätze hinter dem seinerzeit heftig umstrittenen, heute längst kanonisierten Vietnam-Kriegsfilm „Apocalypse Now“ (Rang 5) liegt in dieser Liste Coppolas Mafia-Chronik „Der Pate“.
Was der profil-Leserkanon vor allem und auf einen Blick beweist, ist die absolute Hegemonie des englischsprachigen und insbesondere des US-amerikanischen Kinos: Unter den ersten zehn Filmen finden sich sieben amerikanische und zwei britische Produktionen sowie die italienisch-amerikanische Koproduktion „Spiel mir das Lied vom Tod“. Erst auf Platz 16 ist ein Film ohne Beteiligung prominenter amerikanischer oder britischer Darsteller zu entdecken: Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“.

Zeit der Revolution. Aber nichts überrascht in diesen Wertungen mehr als die viertgereihte Arbeit: Während die anhaltende Popularität von Sergio Leones Italowestern „Spiel mir das Lied vom Tod“ (Platz 2) noch einigermaßen vertraut erscheint, erstaunt die Wertschätzung, die Terry Gilliams – auch schon fast zwanzig Jahre alte – Groteske „Brazil“ bis heute genießt. Interessant erscheint außerdem, dass beide Siegerfilme dieses Kanons, „2001“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“, derselben Zeit entstammen, die eine fruchtbare nicht nur im Kino war: dem Revolutionsjahr 1968.
Filmgeschichte, das lässt sich diesem Publikumsvotum nebenbei entnehmen, wird auch und vor allem von denen geschrieben, die darüber entscheiden, welche Produktionen am Markt präsent gehalten und welche diesem dauerhaft entzogen werden: von den Verleihern, den Fernsehanstalten, den Kinematheken. Die schnelle Verfügbarkeit bestimmter Filme ist eine Vorbedingung für die Aufnahme in einen Kanon wie diesen. Praktisch alle der hier dokumentierten 50 Arbeiten sind nicht nur problemlos auf Video oder DVD erhältlich, sondern auch regelmäßig im Fernsehen zu sehen. Die Auswahlmöglichkeiten sind beschränkt, davon berichtet auch die französische Filmtheoretikerin Nicole Brenez (siehe Kasten Seite 93): Die Filmgeschichte – oder was man dafür hält – wird weit gehend von der Industrie geregelt. Nicht zuletzt deshalb werden die Präferenzen der Experten, die schon berufsbedingt Zugang zu entlegeneren Arbeiten haben (müssen), gern als „elitär“ beklagt.

Vor der Geschichte bestehen. Auch der skrupulöse Umgang mit der Filmgeschichte – aktuelles Kino ist unter Kritikern selten „kanonfähig“ – erscheint letztlich als eine Art Berufskrankheit: Menschen, die mit dem Kino arbeiten, können regelmäßig an sich selbst feststellen, welchen Konjunkturen und Revisionen die eigenen Vorlieben unterworfen sind. So zögert man, Filme aus den achtziger oder neunziger Jahren als „ewig“ zu feiern, schon weil man fürchten muss, dass diese vor der Geschichte, die erst noch geschrieben werden muss, nicht bestehen können werden.
Derlei Bedenken plagen profil-Leser naturgemäß eher nicht. So kommen auch neuere Filme zum Zug, die sich locker unter die ehernen Klassiker mischen: Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ und David Finchers „Fight Club“ sind in dieser Hinsicht noch die absehbarsten Entscheidungen; auch Wong Kar-wais „In the Mood for Love“, Peter Jacksons „Herr der Ringe“ und Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ sind weithin geschätzte Arbeiten. „Die fabelhafte Welt der Amelie“ und David Lynchs „Mulholland Drive“ muten in diesem Kontext dagegen seltsam an. Sogar Spielbergs „Schindlers Liste“ wird deutlich der Vorzug vor Lanzmanns ungleich spröderer Holocaust-Studie „Shoah“ gegeben.

Bester Darsteller: Henry Fonda. Mit solchen Filmlisten lässt sich übrigens praktisch endlos weiterspielen: Alexander Horwath, als Direktor des Österreichischen Filmmuseums Kooperations- und Kanon-Partner von profil, ist als Freund von Qualitäts-Rankings bekannt. Deshalb wird er nicht nur den ganzen September über im Filmmuseum ein sehr persönliches Programm von wenig bis nicht bekannten „besten Filmen“ der Geschichte vorstellen (siehe dazu auch Kasten rechts), er hat unlängst auch, aus rein privatem Interesse, einen Schauspielerkanon aus den Filmnennungen der Experten destilliert. Der große Henry Fonda, erzählt Horwath, habe sich dabei übrigens knapp vor Robert De Niro und Jean-Pierre Léaud durchgesetzt. Und ewig lockt die Bestenliste.