Kant, Karl, Gott, Bush

Warum gerade in Zeiten wie diesen an die Aufklärung erinnert werden muss.

Eigentlich wollte ich hier diese Woche über die Aktualität von Immanuel Kant schreiben. Und ich wollte auf die ironische Pointe hinweisen, dass der deutsche „Spiegel“ den Meisterphilosophen aus Königsberg mit der Überschrift des ersten Heftes des Jahres 2004, „Das Projekt Aufklärung. 200 Jahre nach Kant“, auf die Titelseite hob, sein österreichisches Pendant aber, das profil, im Heft Nummer eins die Coverstory dem Kaiser Karl widmete. Das sollte beileibe keine profil-Selbstkritik werden. Der Beschluss, über „die skurrile Entscheidung des Vatikans, den umstrittenen Habsburger selig zu sprechen“, wie es auf der profil-Titelseite stand, groß zu berichten und diese zu analysieren, war sicher so richtig und treffsicher wie die Entscheidung des „Spiegel“, aus gegebenem Anlass breit zu schildern, wofür Kant und sein Denken standen und noch heute stehen.

Genau aber das ist das Ärgernis, über das ich mich auslassen wollte. Dass die Deutschen sich in ihrem Intelligenzler-Magazin mit der Aufklärung und dem Kant’schen „Weg des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit“ beschäftigen können, wir in Österreich aber uns mit spektakulären Obskurantismen herumschlagen müssen, wie dem des „seligen Herrn Karl“, der zwar einen Giftkrieg befehligte, aber durch ultramontane Bigotterie und seine heilende Kraft, was Krampfadern in Brasilien betrifft, in die Gnade Gottes gelangte.

Ich hätte natürlich pflichtschuldigst darauf hingewiesen, dass Karls Seligsprechung nicht vom Wiener Ballhaus-, sondern vom römischen Petersplatz organisiert wird. Aber gleichzeitig hätte ich auch nicht vergessen zu schreiben, dass das so recht auch in den austriakischen Zeitgeist passt: der einen Tiroler Nationalratspräsidenten dazu verleitet, Gott in die Verfassung hineinzureklamieren, was so recht dem Kant’schen Denken widerspricht, der vehement die Trennung von Staat und Religion propagierte – ein Zeitgeist, der auch eine angehende österreichische Präsidentschaftskandidatin veranlasst, eine frühere Ehe durch den Heiligen Vater annullieren zu lassen, um vor das Wahlvolk nicht als in Konkubinat lebende Sünderin treten zu müssen.

Tröstend aber hätte ich auch auf die erschreckende Tatsache hingewiesen, dass die Gegenaufklärung ja nicht nur im alpinen Hinterwald des Alten Kontinents marschiert, sondern gerade auch in der Neuen Welt, in den Vereinigten Staaten: mit George W., der Zeitungen nicht, die Bibel aber täglich liest, mit den christlichen Fundis, die im Weißen Haus sitzen und das Kabinett zu morgendlichen Betstunden zusammenrufen, mit Sicherheitsgesetzen, die Bürgerrechte und -freiheiten, ja wesentliche Teile der US-Verfassung außer Kraft setzen, die aus der Zeit der Aufklärung stammt und auf die die Amerikaner so stolz sind.

Und wie musste Howard Dean, der demokratische Herausforderer von George Bush und agnostische Nicht-Kirchgänger auf die inquisitorische Frage eines Journalisten, ob er glaube, dass Jesus der Sohn Gottes sei, wie aus der Pistole geschossen antworten, um sich die Wahlchance nicht total zu verderben? „Ja, selbstverständlich.“

„Alles verrückt“, hätte ich geschrieben und darüber, dass sich Kant, der Autor der Schrift „Zum ewigen Frieden“ und Theoretiker des Völkerrechts, im Grab umgedreht hätte angesichts des „preemptive war“, den Bush und Konsorten am Golf führten. Das und viel mehr wäre in dieser so geplanten Kolumne gestanden.

Dann sah ich aber via Fernsehen den amerikanischen Präsidenten seine erste Rede im neuen Jahr halten und war schwer beeindruckt: In dieser pries er die Einwanderer, die im vergangenen Jahrhundert durch ihre harte Arbeit, ihre Talente und ihren Patriotismus Amerika zu einer stärkeren und besseren Nation gemacht hätten, in den höchsten Tönen. „Durch Tradition und Überzeugung sind wir eine willkommen heißende Gesellschaft.“

Und Bush ließ es nicht bei pathetischen Worten, sondern er kündigte auch ein Gesetz an, das den etwa zehn Millionen illegal in Amerika lebenden und arbeitenden Ausländern – zum großen Teil aus Mexiko und anderen mittelamerikanischen Ländern – in den USA einen legalen Status verleihen soll. Zunächst als auf drei Jahre befristete „Gastarbeiter“, die dann ihren Aufenthalt verlängern und auch um eine Green Card oder Einbürgerung ansuchen können.

Natürlich stehen hinter diesem Bush-Projekt konkrete Interessen: Die Wirtschaft braucht legal billige Arbeitskräfte, und der Präsident benötigt die Stimmen der Hispanics, die sich jetzt aus einsehbaren Gründen über das geplante Gesetz freuen. Und natürlich kommt nun Kritik von allen Seiten. Konservative monieren, damit würden Gesetze verletzende Taten belohnt. Und Progressive finden, dass das Vorhaben nicht weit genug geht.

Das alles mag stimmen. Tatsache bleibt aber, dass wohl der rechteste und antiaufklärerischste Präsident, den Amerika in den vergangenen hundert Jahren hatte, ein Ausländer-Gesetz einbringen will, das in Europa nicht einmal die linkeste Sozialdemokratie zu propagieren sich trauen würde. Und dass Bush damit noch dazu seine Wiederwahlchancen verbessert. Das bedenkend, kommt einem, trotz aller sonstigen Verkommenheit amerikanischer Politik heute, der legendäre Satz eines Zeitgenossen von Immanuel Kant, des deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe, wieder in den Sinn: „Amerika, du hast es besser.“

Wir Österreicher bleiben aber ungetröstet. Oder doch nicht? Wir haben zwar keinen aufklärerischen Philosophen wie Kant zu feiern. Bei uns wurde die Aufklärung nicht gedacht, sondern komponiert. Lasst uns also Mozarts 250. Geburtsjahr in zwei Jahren feierlich und ausgiebig begehen. Vielleicht hilft’s.