Kapitalismus und Politik

Noch nie ist die Sozialdemokratie den Problemen der Wirtschaft so hilflos gegenübergestanden wie jetzt. Hilflosigkeit macht aggressiv – das ist der Hintergrund der „Kapitalismus“-Debatte. Menschen, die täglich um ihren Job fürchten oder keinen mehr haben, sehnen sich nach einem Sündenbock. SPD-Chef Franz Müntefering und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) haben ihn geliefert: „Wie die Heuschrecken“ hinterlassen die Exponenten eines schrankenlosen Kapitalismus kahl gefressene Unternehmensskelette; abgehobene Manager beziehen Millionengagen, damit sie die Produktion in Niedriglohnländer verlegen, statt hierzulande Arbeitsplätze zu schaffen.

Ich erlaube mir, den letzten Vorwurf in Zahlen zu übersetzen: Natürlich ist es obszön, wenn Daimler-Chef Jürgen Schrempp bei einem Jahreseinkommen von 10,8 Millionen Euro von seinen Mitarbeitern Lohnverzichte fordert. Aber wenn er selbst auf 5,5 Millionen verzichtete, verdiente jeder Mitarbeiter jährlich gerade 8,5 Euro mehr.

Ein guter Manager verzichtete dennoch, um die Motivation der Mitarbeiter zu erhöhen – ein Kostenfaktor wäre es nicht.

Schrempp allerdings ist ein katastrophaler Manager. Ein schrankenloser Kapitalismus müsste ihn seit Jahren vom Sessel gespült haben. Aber größter Aktionär von Daimler ist kein Unternehmer, sondern die Deutsche Bank.
Darüber sollte man sich den Kopf zerbrechen.

Das Problem Unternehmensfiletierung ist ein künstlich aufgebauschtes: Natürlich ist es empörend, wenn funktionierende Unternehmen „ausgebanlt“ werden – aber deren Zahl ist marginal. Im Normalfall führt das Zerlegen in einzelne Teile dazu, dass diese an anderen Stellen, wo sie eine letztlich bessere Überlebenschance haben, wieder anwachsen.
Damit zum Kern – den „Arbeitsplätzen“.

Auf die Gefahr hin, unter die Manchester-Liberalen gereiht zu werden: Unternehmen sind nicht dazu da, Arbeitsplätze zu erhalten oder zu schaffen, sondern sie sind dazu da, möglichst kostengünstig verkäufliche Produkte auf den Markt zu bringen. Nur so können sie im kapitalistischen Wettbewerb – der das eigentliche Geheimnis seines Erfolges ist – bestehen. In diesem Wettbewerb ist jede Arbeitskraft, die eingespart werden kann – sei es durch Reorganisation, sei es durch Fusion, sei es durch kostensparende Maschinen –, ein Wettbewerbsvorteil, der von der Börse zu Recht honoriert wird.

Aufgabe der Politik beziehungsweise des DGB wäre es, dafür zu sorgen, dass die verbesserte Wettbewerbssituation der Unternehmen auch den Arbeitnehmern zugute kommt.

Das allerdings findet in einer globalisierten Wirtschaft Grenzen – weil es solche für den Standort nicht mehr gibt: Ein guter Betriebswirt kann und muss die Produktion an den jeweils kostengünstigsten Standort verlegen. Hohe Qualifikation, leistungsfähige Infrastruktur und politische Stabilität verschaffen den traditionellen Industrieländern für kurze Zeit nach wie vor auch Standortvorteile, die zu wahren wichtigstes Anliegen der Politik sein sollte.
Sie zeigt darin wenig Geschick.

Neue Standorte überholen die alten in immer mehr Bereichen, und das ist aus volkswirtschaftlicher Sicht gut – sofern man der Rechnung nicht nur das deutsche (österreichische) Volk, sondern die Völker der Erde zugrunde legt: Was bei uns an Arbeitsplätzen und vielleicht sogar Kaufkraft verloren geht, wächst – erstmals – anderswo zu.

An einem nahen Beispiel: Natürlich hat es den Semperit- Arbeitern wehgetan, dass die Reifenfertigung ins kostengünstigere Tschechien und in die Slowakei übersiedelt ist – aber in Tschechien und der Slowakei sind Arbeitsplätze entstanden, und tschechische und slowakische Arbeiter haben sich gefreut.

Im konkreten Fall stehen wir trotzdem auf der Gewinnerseite, denn unsere Exporte in den ehemaligen Ostblock haben ein Rekordniveau erreicht.

Aber wir müssen akzeptieren, dass Arbeitsplätze auch in Länder abwandern, die uns nicht postwendend höhere Exportquoten bescheren.
Stattdessen geht es nur den Leuten dort etwas besser.

Ich weiß, sie werden auch dort „von den Kapitalisten ausgebeutet“, bekommen lächerliche Löhne, arbeiten unter ungesunden Bedingungen, manchmal sogar im Kindesalter. Aber das ändert nichts daran, dass sie Arbeit erhalten und dass ihre Einkommen – viel zu langsam, aber doch – steigen. (Vielleicht könnte der DGB ihnen energischer helfen, Gewerkschaften zu gründen, dann stiegen sie rascher.)

Nicht gegen den Kapitalismus haben sich die Vorwürfe nachdenklicher Menschen zu richten, sondern gegen die Politik: dass sie immer weniger imstande ist, die immer größeren Werte, die er schafft, auf eine Weise zu verteilen, die von der eigenen Bevölkerung akzeptiert wird. Denn die Lohnsumme, die der „Kapitalismus“ in Deutschland auswirft, ist immer noch groß genug, dass alle Deutschen davon zufrieden leben könnten.

Aber die Gewerkschaften versagen darin, die Arbeit gleichmäßiger zu verteilen und den Menschen auf diese Weise die Angst zu nehmen.

Und vollends versagt die Politik darin, ihnen verständlich zu machen, dass es „gerechter“ ist, wenn wir eine gewisse Minderung unseres sagenhaften Wohlstandes in Kauf nehmen, weil „Globalisierung“ ihn – endlich – in ärmeren Ländern wachsen lässt.