Kardinalsuntugenden: Die Suche nach dem neuen Papst

Die Wahl des neuen Papstes wird von Zerwürfnissen im Vorfeld überschattet – und von der Befürchtung, dass Kandidaten möglicherweise durch den streng geheimen Vatileaks-Bericht belastet werden.

Von Thomas Migge, Rom

Wenn sich die Türen der Sixtinischen Kapelle diesen Dienstag zum Konklave schließen, werden dahinter wohl keineswegs Andacht und Einkehr herrschen. Alle Zeichen stehen vielmehr auf Zank und Hader.
Bereits im Vorkonklave, einer traditionell eher gemütlichen Veranstaltung zur Festlegung von Prozedere und Datum der Papstwahl, haben sich die Fronten zwischen zwei einflussreichen Kardinalsfraktionen verhärtet: den US-Amerikanern auf der einen, der Mehrheit der Italiener auf der anderen Seite.

Angeführt von Timothy Dolan , dem Erzbischof von New York, und seinem Bostoner Kollegen Sean O’Malley , stellten die elf Amerikaner eine Reihe von Forderungen: mehr Transparenz innerhalb der Kirche, eine grundlegende Reform der aus ihrer Sicht zu mächtig gewordenen römischen Kurie, Null-Toleranz-Politik im Umgang mit Missbrauchstätern und, nicht zuletzt, Einsicht in den geheimnisumwitterten Vatileaks-Bericht, der im Safe der Papstwohnung liegt und nur für die Augen des neuen Pontifex bestimmt ist.
Die US-Kirchenfürsten befürchteten, dass durch die Geheimhaltung des Reports „unangenehme Themen unter den Tisch gekehrt werden sollen“, sagt Thomas Reese, Rom-Korrespondent der US-Wochenzeitung „National ­Catholic Reporter“.

Nicht nur die Amerikaner verlangen Einsicht in den Vatileaks-Bericht: „Wir wollen niemanden wählen, der darin als Schmutzfink oder als korrupt erwähnt wird“, sagt ein deutscher Kardinal, der nicht genannt werden will.
Schieres Entsetzen herrscht darüber bei vielen Italienern, insbesondere den mächtigen Kurienkardinälen: ­Allein die Tatsache, dass die Amerikaner ihre Position ­öffentlich bei Pressekonferenzen darlegten, kommt für sie einem Tabubruch gleich. Sie setzten zunächst alles daran, den US-Glaubensbrüdern einen Maulkorb zu verpassen – und das Vorkonklave möglichst rasch zu beenden.

„Warum diese Eile?“, fragte der deutsche Kardinal Walter Kasper . „Das Vorkonklave ist die Möglichkeit, bestimmte Dinge zu reflektieren.“ Auch der österreichische Kardinal Christoph Schönborn soll mehr Zeit gefordert haben, um vor der Wahl heikle Themen ansprechen zu können.
All das ist auch Ausdruck eines Kampfs um die Kurie , also die Regierung des Vatikans. Die Fraktion des bisherigen Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone fürchtet nichts so sehr wie einen neuen Papst, der das zentrale Verwaltungsorgan der Kirche von Grund auf reformieren will.

Wohl nicht von ungefähr spricht sich Kasper, mit 80 der älteste wahlberechtigte Kardinal, für einen „neuen Modus in der Kirchenführung“ aus und deklariert sich somit als Angehöriger des Gegenlagers. Im Konklave werden die beiden Fraktionen ungefähr gleich große Blöcke bilden – was klare Mehrheiten schwierig und die Papstwahl so unberechenbar machen würde, dass doch wieder der Heilige Geist ins Spiel käme.