Karl-Markus Gauß: „Grenzenlose Apathie“

Der Schriftsteller Karl-Markus Gauß über seine Erfahrungen mit den slowakischen Roma. Karl-Markus Gauß wurde 1954 in Salzburg geboren, wo er heute als Essayist, Kritiker und Herausgeber der Zeitschrift „Literatur und Kritik“ lebt. In seinem letzten Buch „Die Hundeesser von Svinia“ schreibt er über seine Reisen zu den Roma der Ostslowakei.

profil: Sie haben für Ihr Buch „Die Hundeesser von Svinia“ lange
bei den Roma in der Ostslowakei recherchiert. Lag die soziale Revolte in der Luft?
Karl-Markus Gauß: Einerseits ja. Ich habe mit eigenen Augen niemals größeres Elend gesehen. Das erweckte in mir den Eindruck großer Konfliktträchtigkeit. Anderseits nein: Die Volksgruppe der Roma ist von Apathie erfasst. Es ist noch lange und intensive Arbeit notwendig, bis sie zu einer gemeinsamen politischen Äußerung fähig ist.
profil: Demnach stimmt die Behauptung der slowakischen Regierung, diese Revolte sei nicht spontan, sondern politisch gesteuert?
Gauß: Nein. Ich glaube schon, dass wir jetzt spontane Hungerrevolten sehen. Es ist jedoch fraglich, ob daraus eine politische Bewegung entstehen kann. Die Roma sind ja politisch völlig zersplittert, bei den letzten Regionalwahlen sind 49 verschiedene Roma-Parteien angetreten. Deshalb haben sie keine eigene Repräsentanz, sondern werden von Roma-Beauftragten vertreten.
profil: Die slowakische Regierung behauptet, dass die Roma vor allem von ihren eigenen Leuten betrogen werden. Auch Sie schreiben von den Wucherern in den Siedlungen …
Gauß: … allerdings mit grundsätzlicher Sympathie für die Seite der Roma. Natürlich gibt es Wucherer, aber vor allem deswegen, weil kein Rom bei einer slowakischen Bank ein Konto oder eine Kreditkarte bekommt.
profil: Muss man sich mit dem Argument, hohe Sozialhilfen hielten die Roma von der Arbeit ab, nicht zumindest auseinander setzen?
Gauß: Man müsste sich damit auseinander setzen, wenn die Sozialhilfe
hoch wäre und es Arbeitsplätze gäbe. Aber es gibt in der Ostslowakei keine Jobs, die auf Roma warten.
profil: Die EU pumpt zur Unterstützung der Roma viel Geld in die Slowakei. Warum greifen die Hilfsprojekte nicht?
Gauß: Bratislava und die EU begehen den kapitalen Fehler zu glauben, sie könnten für die Roma etwas tun, ohne es mit den Roma zu tun, also ohne sie an Planung und Durchführung der Projekte zu beteiligen. Es gibt jetzt nur zwei Möglichkeiten: Entweder zieht die slowakische Regierung die Kürzung der Sozialhilfe durch und schafft damit für die kommenden Jahrzehnte eine dritte Welt innerhalb der EU. Oder die EU versucht, die Roma über Bildungsprogramme zu integrieren.
profil: Aber auch dann gäbe es erst Hoffnung für die nächste Generation.
Gauß: Ja, das Ausmaß der sozialen Verwüstung und der kulturellen Desorientierung ist erschreckend. Jede Hoffnung auf kurzfristige Besserung ist eine Illusion.
profil: Haben Sie bei Ihren Recherchen den Eindruck gewonnen, dass mit der EU-Erweiterung zehntausende Roma nach Westeuropa ziehen werden?
Gauß: Nein, obwohl ein solches Schreckensbild das Gute hätte, die EU vielleicht zu entschiedener Hilfe zu motivieren. Aber Arbeitsemigranten, sogar Bettler, brauchen Initiative oder die Vision von einem besseren Leben. Bei den Roma bin ich vor allem grenzenloser Apathie begegnet. In den allerschlimmsten Slums ist den Menschen sogar das Zeitempfinden abhanden gekommen. Die Tage verlaufen im ewig gleichen Rhythmus. Man steht herum, raucht und wartet. Und zeigt dann überraschend auch immer wieder Fähigkeiten, die uns schon abhanden gekommen sind: die Fähigkeit zum spontanen Fest oder zur Gastfreundschaft.

Karl-Markus Gauß „Die Hundeesser von Svinia“; Zsolnay. 120 S., EUR 15,40