Karlheinz Töchterle: „Der Trend bereitet mir Schmerzen“

Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle über Berufungen von Universitätsprofessoren aus Deutschland, den Trend zu Studiengängen in Englisch und den Bedeutungsverlust der ­deutschen Sprache in der Forschung.

Interview: Otmar Lahodynsky

profil: Die Zahl von Professoren aus Deutschland an unseren Universitäten steigt weiter an. Ist die gewünschte Internationalisierung in Wahrheit nur eine Germanisierung?
Töchterle: Es gibt natürlich auch aus anderen Ländern Berufungen. Aber allein wegen der Größe, der gleichen Sprache und der geografischen Nähe Deutschlands gibt es von dort für jede ausgeschriebene Stelle deutlich mehr Bewerber. Außerdem sind die neu berufenen Professoren aus Deutschland in der Regel sehr gut qualifiziert. Das sage ich als ehemaliger Rektor der Universität Innsbruck, wo ich über 100 Berufungen geführt habe.

profil: Gerade in Innsbruck soll es zwischen deutschen und österreichischen Uni-Lehrern zu Animositäten gekommen sein.
Töchterle: Als Rektor habe ich keine derartigen Aversionen bemerkt. Es gab vor einigen Jahren einen Konflikt mit deutschen Professoren in der Schweiz. Bei uns kam es vereinzelt zu Beschwerden. Aber die Berufungsverfahren verlaufen objektiv und transparent. Wenn eine Personengruppe aus einem anderen Land konzentriert auftritt, dann kann das mitunter auch auf die Nerven gehen. Ich kenne da auch Geschichten von Nordtirolern beim Törggelen in Südtirol. Aber meine Wahrnehmung der Deutschen hat sich geändert. Sie treten verhaltener auf. Die alten Klischees gelten für mich nicht mehr.

profil: Sind deutsche Professoren besser qualifiziert und österreichische Bewerber demnach dümmer?
Töchterle: Nein. Die Österreicher sind in Deutschland sehr geschätzt als kluge, gebildete Leute. Umgekehrt überschätzen wir manchmal die Deutschen wegen ihrer sehr geschliffenen Sprache. Sie besitzen meist eine schöne Diktion. Und das kann natürlich auch blenden.

profil: Für Verstimmung unter österreichischen Uni-Lehrern sorgt, dass deutsche Professoren gern auch Assistenten an heimische Unis mitnehmen.
Töchterle: Das kommt vor und ist Gegenstand der Berufungsverhandlungen. Diese Leute müssen sich aber in Österreich für eine ausgeschriebene Stelle bewerben. Allerdings entscheidet der Professor dann maßgeblich, wer diese Stellen kriegt.

profil: Sollte man nicht im Zuge der Internationalisierung der Universitäten mehr Studiengänge in Fremdsprachen anbieten? Dann kämen vielleicht auch mehr Professoren aus anderen nicht deutschsprachigen Ländern zu uns.
Töchterle: Das tun wir ja schon. Laut Gesetz können die Unis schon jetzt etwa ein rein englischsprachiges Studium anbieten. Es ist allerdings gelebte Praxis, immer auch einen Studiengang auf Deutsch anzubieten. Viele Fakultäten nützen bereits diese Möglichkeit. Ich habe Berufungsverhandlungen auch mit Engländern, Schotten, Schweizern und Italienern geführt. Bei einer Professur am Institut für Politikwissenschaften nahm ich eine Italienerin, weil sie fachlich top und obendrein eine Frau war.

profil: Laut Erhard Busek gibt es in Österreich zu wenige Studien, die komplett in einer Fremdsprache angeboten werden. Auf der privaten Universität in Krems soll aber bald ein Medizinstudium ausschließlich auf Englisch angeboten werden.
Töchterle: Das ist der Trend, der mir als Geisteswissenschafter gewisse Schmerzen bereitet. Wir dürfen als Deutschsprachige unsere Sprache nicht so offensiv verteidigen wie die Franzosen die ihre. Wir müssen da sehr sensibel sein. Aber noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war Deutsch die führende Sprache in der Wissenschaft. Da tut es schon weh, wenn man zusehen muss, wie Deutsch allmählich als wissenschaftlicher Dialekt angesehen wird. Aber international erfolgt die Kommunikation auch in der Wissenschaft hauptsächlich auf Englisch. Die EU propagiert zwar die Mehrsprachigkeit, aber das Faktum ist ein anderes. Es geht hier schon um den Schutz anderer und kleinerer Sprachen und den Erhalt der Vielfalt.

profil: Österreichische Wissenschafter klagen manchmal darüber, dass sie für Publikationen schwerer Verlage finden als etwa deutsche Kollegen. In Deutschland gibt es auch mehr Förderungen für wissenschaftliche Publikationen als bei uns.
Töchterle: Da sehe ich überhaupt keinen Nachteil zwischen einzelnen Ländern. Jeder Wissenschafter muss sich um Publikationen bemühen. In der Naturwissenschaft wird in der Regel auf Englisch veröffentlicht. Wer international beachtet werden will, muss in den besten Zeitschriften publizieren. Ein guter Aufsatz wird überall gern genommen, sonst ist er eben nicht gut genug.