Karrieren: Wien–London retour

Karl-Heinz Grassers Traum von einem internationalen Spitzenjob ist vorerst vorbei. Nun macht er sich selbstständig – und wäre im Notfall wieder für die Politik zu haben.

Tuchlauben 14, Wien-Innere Stadt, das ist jetzt also das Hauptquartier: Mit dem barocken Winterpalais des Prinzen Eugen, in dem Karl-Heinz Grasser als Finanzminister saß, hat das eher nüchterne Wohn- und Bürohaus, Baujahr 1899, ebenso wenig gemein wie mit einer schicken Konzernzentrale in New York oder London.

Tuchlauben 14 hat 27 Hausparteien: Familien, ein Anwaltsbüro, Kleinhandelsfirmen. Und im zweiten Stockwerk, rechts hinten, eben auch das „Büro Karl-Heinz Grasser“. Keine schlechte Lage. Zwei Häuser weiter liegt das Kult-Restaurant Fabios. Wiens teuerste Einkaufsmeile, der Kohlmarkt, beginnt nur ein kleines Stück weiter. Grasser sitzt gerne unten im Café am Eck, meist mit seinem Freund Walter Meischberger, dem früheren FPÖ-Generalsekretär. Meischberger ist heute Grassers wichtigster Geschäftspartner. Jeder der beiden hält ein Drittel an der 2006 gegründeten „Valora Solutions Projektbegleitung GmbH“. Das dritte Drittel gehört Peter Hochegger, Besitzer einer florierenden PR-Agentur. Schon als Finanzminis-ter hatte Grasser eine etwas kostspielige „Road Show“ und seine umstrittene, von der Industriellenvereinigung bezahlte Homepage bei Hochegger-Firmen in Auftrag gegeben.

Waren aller Art. Die Valora Solutions residieren ebenfalls im Büro Tuchlauben 14. Seit vergangener Woche ist dort noch eine dritte Firma untergebracht, die Grasser allein gehörende „Valuecreation GmbH“. 17.500 Euro, die Hälfte des geringstmöglichen Stammkapitals, hat er einbezahlt. Der Geschäftsgegenstand laut Firmenbuch: „Handel mit Waren aller Art, Erbringung von Dienstleistungen jeglicher Art, insbesondere Beratung und Vermittlung von Projekten der Energieerzeugung (Gas, Strom) sowie Verwaltung von Beteiligungen“.

Grassers Suche nach einem Spitzenjob in einem großen Investmenthaus oder in der Industrie ist damit laut Freund Meischberger beendet: „Nach langem Überlegen hat sich Grasser für die Selbstständigkeit entschieden.“ Derzeit sei er nicht mehr auf der Suche nach einem Job, sondern nach Partnern, die sich an seiner Valuecreation beteiligen: „Er hat zwei unterschriftsreife Angebote auf dem Tisch und wird sich in den nächsten Wochen entscheiden, wer seine Partner werden.“

Nix London, nix New York: Die Wiener U-Bahn-Zeitung „heute“ aus dem Grasser nahestehenden Haus Dichand berichtete, Grasser und seine Frau Fiona suchten derzeit eine Villa im Wiener Nobelbezirk Döbling und hätten bereits „ein schönes Objekterl“ im Auge.

Allenthalben hatte man angenommen, Grasser werde in der Spitzenetage eines großen Investmenthauses oder im Vorstand einer Industrie-Holding landen – er selbst hatte diese Erwartungen stets aktiv geschürt. Schon wenige Tage nach seinem Ausscheiden aus der Regierung vertraute Grasser der Tageszeitung „Österreich“ an, er führe Job-Gespräche in London, Paris, München und Wien. VW, Citigroup und Crédit Suisse seien an Grasser interessiert, munkelte das Blatt. „Format“ vermeldete eine Woche später tief beeindruckt: „Gut zehn lukrative Jobs sollen Grasser bereits angeboten worden sein.“ Ost-Chef von VW, Investmentbanker in New York oder der Vorstand der Meinl-Bank – er könne es sich aussuchen. Anfang März deponierte Grasser in einem „Kurier“-Interview, er werde binnen sechs Wochen entscheiden, welches der Angebote „von der Industrie bis zu verschiedenen Finanzunternehmen“ er annehmen werde. Das wäre Ende April gewesen.

Problem Fotos. Ende April übernahm Grasser tatsächlich eine Aufgabe, aber keinen Job: Als Aufsichtsratschef der im internationalen Maßstab recht kleinen Vermögensverwaltung C-Quadrat mit Firmensitz bei der Wiener Urania wird er jährlich mit maximal 20.000 Euro entschädigt – für eine Villa in Döbling reicht das bei Weitem nicht. Bei der Vorstellungs-Pressekonferenz von C-Quadrat kündigte Grasser denn auch an, er werde sich „in den nächsten Wochen zwischen einem Job in der Industrie, bei einer Private-Equity-Firma sowie einem Posten als Investmentbanker entscheiden“.

In einem „News“-Interview wurde er genauer: „Von 15 potenziellen Unternehmen, mit denen ich geredet habe, bin ich mit vier noch in Verhandlungen.“ Und: „Ich möchte was Großes.“ – „Österreich“ wusste: „Einen unterschriftsreifen Vertrag bei einem internationalen Industrieunternehmen hat er schon. Sein Hauptjob entscheidet sich in vier Wochen.“

Vier Wochen später – es war nun Ende Mai – erklärte der Ex-Minister, über seine hauptberufliche Tätigkeit werde er „in den nächsten Wochen“ entscheiden. Wenige Tage darauf meldete er seine Firma an.

Aus dem großen Job ist vorläufig nichts geworden – jetzt wird Grasser eben selbst Unternehmer. Was war da? Litt der junge Ex-Minister an schwerer Selbstüberschätzung, als er von Top-Management-Posten schwärmte? Oder erkennen die großen Konzerne nicht die Fähigkeiten des langjährigen Publikumslieblings?

Grassers Jobsuche sei von Beginn an mit einem Handicap belastet gewesen, erzählen Vertraute des Jungunternehmers: In mehreren der infrage kommenden Konzerne sei die politische Herkunft Grassers – also seine FPÖ-Vergangenheit – und seine frühere Nähe zu Jörg Haider ein Thema gewesen.

Dennoch hatte Grasser nach profil vorliegenden Informationen einen seinen Fähigkeiten und Erfahrungen durchaus gemäßen Lobbyisten-Vertrag fast schon in der Tasche. Für das Londoner Büro des New Yorker Investment-Hauses Lehman Brothers sollte er den Kontakt zu den 27 EU-Finanzministern halten. Kolportiertes Honorar: 100.000 britische Pfund pro Jahr. Der Deal zerschlug sich dem Vernehmen nach an dem denkwürdigen Zwischenspiel mit den Fotos von KHG und Fiona in der italienischen Ausgabe der Hochglanzillustrierten „Uomo Vogue“. Als die Bilder des Starfotografen Michael Comte im vergangenen Jänner dort veröffentlicht wurden, schwärmte Grasser noch in einem „News“-Interview: „Ein Genie! So ein Shooting ist anstrengender, als man denkt.“ Wenig später, Mitte Februar, veröffentlichte die deutsche Ausgabe von „Vanity Fair“ Fotos derselben Serie. Plötzlich war Grasser nicht mehr so beeindruckt von Meister Comtes Arbeiten: „Wir haben diese Fotos für meine Frau und mich gemacht. Wir haben untersagt, diese Fotos zu veröffentlichen.“ Grasser mit nackter Brust am Cover, Grasser mit Rüschen-Bluse auf weißen Laken – am 16. Februar kündigte der Ex-Minister eine Klage gegen „Vanity Fair“ an, die laut Auskunft der Anwaltskanzlei Gheneff-Rami auch eingebracht wurde. Eine Sprecherin von „Vanity Fair“ erklärte hingegen vergangene Woche gegenüber profil, in ihrem Haus sei „nie eine Klage Grassers eingegangen“.

Faktum ist, dass sich in den Tagen der Veröffentlichung der Fotos ein hoher Repräsentant von Lehman Brothers in Wien zu Gesprächen mit einem großen österreichischen Bankhaus aufhielt. Einer der Teilnehmer: „Er war etwas schockiert und hat gemeint, Grasser sehe wie ein Callboy aus.“ In der stockkonservativen Welt des großen Geldes, in der ein strikter Dresscode gilt, seien solche Ausrutscher unverzeihlich, meint der Banker.

Zurückhaltung. Vielleicht deshalb – und wohl auch wegen der Schwangerschaft von Frau Fiona – nahm sich Grasser bei seinen öffentlichen Auftritten zuletzt deutlich zurück. Fiona ist mit einer Kolumne und Lippenstift-Tipps in „News“ und mit Restaurant-Empfehlungen für den betuchteren Sardinien-Urlauber im „Seitenblicke-Magazin“ fast präsenter als der Gatte.

Auch sein Engagement bei der gemeinsamen Firma Valora Solutions hält sich in überschaubaren Grenzen. „Zwei oder drei Stunden pro Woche besprechen und reflektieren wir Dinge“, schildert Walter Meischberger Grassers Tätigkeit bei Valora. Bei Projekten wie einem Einkaufszentrum in Mazedonien oder einem Windpark seien Grassers Expertise und sein Rat jedoch hilfreich. Operativ tätig ist Grasser nicht. Überdies scheint es zwischen den Freunden etwas zu kriseln: Zuletzt verdichteten sich Gerüchte, wonach sich Dritteleigentümer Peter Hochegger aus dem Unternehmen zurückziehen wolle.

Auch die Tätigkeit des in denselben Räumlichkeiten in der Tuchlauben untergebrachten Büro Karl-Heinz Grasser ist wenig aufreibend. Manfred Lepuschitz, der ihn schon zu Ministerzeiten als Pressesprecher betreut hatte, vermittelt dort seine Vorträge und Auftritte. Mitte April referierte Grasser beim Börseabend der Steiermärkischen Sparkasse über Rohstoffpreise, Inflationsraten und die steirische Weinstraße. Darauf und auf einen Einsatz in der Schweiz beschränkte sich Grassers Vortragstätigkeit seit Jänner aber auch schon.

„Er will nicht der Schnittlauch auf jeder Suppe sein“, erklärt Meischberger Grassers neue Zurückhaltung. Dass es „dauernd Anfragen“ für Fernsehstatements gebe, die der Ex-Politiker immer ablehne, will der ORF allerdings nicht bestätigen. Nur zweimal sei Grasser seit Jänner eingeladen gewesen, einmal in der „ZiB2“, einmal „Im Zentrum“. Zu sehen war Grasser noch in Helmut Zilks Sendung „Lebenskünstler“ – und vorvergangenen Sonntag bei Sabine Christiansen im Rahmen einer ARD-Diskussion über den G8-Gipfel.

Politauftritt. Dort schulmeisterte er die deutsche Regierung wegen der Kosten von 100 Millionen Euro für das Sicherheitsaufgebot in Heiligendamm: „Wir haben für die österreichische EU-Präsidentschaft nur 80 Millionen Euro ausgegeben, und es gab keine Ausschreitungen.“ Das Gegenargument, ein EU-Treffen sei nicht mit einem G8-Gipfel vergleichbar, ließ er nicht gelten und forderte, Europa und die USA sollten ihre Märkte für Produkte aus den Entwicklungsländern öffnen. Aber gerade er als neuer Investmentmanager und Aufsichtsrat bei Firmen wie C-Quadrat mache doch Profite auf Kosten der Dritten Welt, konterte der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel. Als ihn Grasser mit einem Griff an den Arm kalmieren wollte, reagierte Gabriel barsch: „Meister, wir wollen’s nicht zu schmusig werden lassen.“

Da es nun zu keiner fixen Bindung an ein großes Unternehmen kommt, wäre Grasser wieder frei für die Politik. Als vergangene Woche der koalitionsinterne Konflikt um die Pflege hochkochte, vermeinte SPÖ-Geschäftsführer Josef Kalina sogar einen Zusammenhang zu erkennen: „Vielleicht wird der Streit inszeniert, um mit einem Spitzenkandidaten Grasser flott in eine Neuwahl zu gehen.“

Grasser selbst hatte sich zuletzt dezidiert unpolitisch gegeben und verkündet, nur noch die „Financial Times“ zu lesen. Als ihn die Tageszeitung „Österreich“ interviewte, erklärte er, nur noch die „Financial Times“, „Österreich“ und die „Kronen Zeitung“ zu lesen. Für die „Krone“ tritt er in der aktuellen Plakatwerbung auf.

Tatsächlich hat die Aktie Grasser in der ÖVP zuletzt verloren. Wohl nährte die Ankündigung von Landeshauptmann Erwin Pröll, auch in Zukunft gemeinsame Auftritte mit Grasser zu suchen, Spekulationen, wonach Pröll Grasser im niederösterreichischen Landtagswahlkampf einsetzen wolle. In der Bundes-ÖVP trauert aber nur noch Wolfgang Schüssel mitunter dem früheren Getreuen nach.

Dieser will sich noch nicht wirklich festlegen. Befragt zu einer möglichen Rückkehr in die Politik, meint er manchmal, dieses Kapitel liege hinter ihm, um im selben Atemzug mit einem verschmitzten „Sag niemals nie“ wieder alles offenzulassen.

Für Politik hat Grasser vorerst ohnehin keine Zeit. Derzeit sucht er „Leute mit Zugang zu Kapital“, die seine Firmen-Stammeinlage von 17.500 Euro etwas auffetten.

Knete statt Karriere.

Von Herbert Lackner und Eva Linsinger