Kassenärzte leiden unter ihrem Image

Medizin. Die traurige Wahrheit über Österreichs Ärzte: Autonomieverlust, Arbeitsüberlastung, magere Einstiegsgehälter. Die Gesundheitsbürokratie spart am falschen Ort.

Als Dr. House in der gleichnamigen US-amerikanischen Fernsehserie gefragt wird, ob er mit dem Patienten schon über dessen Krankheit gesprochen habe, sagt er: „Nein. Wieso? Ist er Arzt?“ Die Serie um den menschenverachtenden wie genialen Neurotiker hat beim jüngeren Publikum durchschlagenden Erfolg. Gregory House kann sich alles erlauben, weil er am Ende mit seiner Diagnose stets richtigliegt. Er verkörpert die Sehnsucht nach dem Gott im weißen Mantel. Zugegeben: House ist Fernsehen und damit denkbar weit von der Realität der Medizin, zumal in Österreich, entfernt. Nach einem Vorschlag der Sozialpartner sollen bis 2012 rund 600 Millionen Euro im Gesundheitswesen eingespart werden, hauptsächlich bei Medikamenten, Ärzten und Spitälern. Die Ärztekammer redet vom „Abschlachten“ eines Berufsstandes und „Raub der Ethik“. Revoltieren die Ärzte zu Recht?

Der Alltag der Ärzte vergeht zum Großteil mit banalen Problemen, doch schon im nächsten Augenblick kann es um Leben und Tod gehen, um die Hoffnung, alles sei machbar, und die Erkenntnis, dass dem nicht so ist.
Das überaus lange Medizinstudium nimmt darauf kaum Rücksicht. Wenn ein junger Mensch die selektionsfördernden Prüfungen gut überstanden hat, zeugt das von großer Disziplin, aber nicht unbedingt von menschlicher Reife. Der durchschnittliche Medizinstudent ist bei der Promotion 27 Jahre alt. Zwei Jahre wartet er auf einen Turnusplatz. Ein zukünftiger praktischer Arzt durchläuft die verschiedenen Stationen durchschnittlich in vier Jahren, ein künftiger Facharzt muss mit weiteren 8,5 Jahren rechnen. In dieser Zeit arbeiten die Jungärzte viele Stunden für relativ wenig Geld. Sie sind vom Wohlwollen des jeweiligen Chefs abhängig. Sie werden an hierarchische Gepflogenheiten gewöhnt, an einen bestimmten Umgangston. Sie können auf gute oder schlechte Lehrer treffen. Eine Gynäkologin etwa wäre bei Beendigung der Facharztausbildung 38 Jahre alt. Auf einen Kassenvertrag wartet sie im Schnitt weitere fünf Jahre. Ein Hausarzt ist durchschnittlich Anfang 35 Jahre alt, wenn er eine Praxis eröffnet. Nach einer Umfrage unter Hausärzten hat er sich damit – wie die meisten Ärzte – einen Jugendtraum erfüllt. Er wollte Arzt werden, um Menschen zu helfen. Er strebte einen Beruf an, in dem er mit Menschen zu tun hat. Hausarzt wollte er werden, der „Freiheit“ wegen. Das waren die Pläne. Eine Befragung von Hausärzten in Tirol, Niederösterreich und Wien ergab, dass die überwiegende Mehrheit unter Autonomieverlust, überbordenden bürokratischen Pflichten und mangelnder Zeit für die Patienten klagte. Mit zunehmenden Berufsjahren litten die Hausärzte im ländlichen Gebiet auch unter der dauernden Verfügbarkeit, der Angst, noch spät am Abend könnte ein Patient Hilfe brauchen, dem Gefühl, nie richtig zu entspannen. Im städtischen Gebiet, vor allem in ­Wien, vermissten die Hausärzte die Anerkennung. Sie fühlten sich mehrheitlich als Durchgangsstation, die man notgedrungen absolviert, um an ein Rezept, eine Krankschreibung, eine Kur oder einen Facharzt heranzukommen. Sie zweifelten an ihrer Kompetenz.

Internet-Doktoren. Die Befragung stammt aus den späten neunziger Jahren. Damals schon klagten die Ärzte auch über die „Anspruchshaltung“ der Patienten. Deren typischer Vertreter wäre heute der halbgebildete Hypochonder, der, gerüstet mit Wissen aus Internet, Fernsehen und den Erfahrungen aus der Verwandtschaft, zum Arzt kommt, weiß, was ihm fehlt, und forsch spezielle Untersuchungen und Medikamente einfordert. Die Anspruchshaltung, so darf man annehmen, hat in den vergangenen Jahren noch zugenommen und sich im städtischen Gebiet auf die Fachärzte verlagert. „Die Medizin ist zu einer kollektiven Klagemauer geworden, aber dafür ist sie die falsche Institution“, sagt der Neurologe und Co-Autor der Hausärztestudie, Rudolf Karazman. Die Vergütung seitens der Krankenkassen fördert zudem ein teures, aber nicht unbedingt vernünftiges Verhalten der Ärzte. Niedergelassene Ärzte verdienen an der Quantität. Das ist für alle Beteiligten ein Quell der Frustration. Ein praktischer Arzt bekommt einmal im Quartal, das sind drei Monate, für einen Patienten eine Basisvergütung von 17,96 Euro überwiesen. Für die wichtigste Maßnahme im Arzt-Patienten-Verhältnis, das Gespräch, die therapeutische Erklärung, die Erkundung der Lebensumstände des Patienten, von der Kasse mit 15 Minuten kalkuliert, bekommt der Arzt 11,12 Euro überwiesen. Und das nur für zwölf Prozent seiner Patienten.

Ein spezielles Imageproblem haben Zahnärzte. Ihnen eilt der Ruf voraus, sie würden gewissenlos abkassieren. Tatsächlich liegen ihre Einkommen in der unteren Hälfte der Fachärzte. Die Kassenverträge in Österreich decken – im Gegensatz zu Deutschland – nur die billigste Art der Grundversorgung: Amalgamplombe, Wurzelbehandlung, das Ziehen eines Zahns. Schon bei der Prothese gilt ein 50-prozentiger Selbstbehalt. Kronen, Brücken und Zahnhygiene zahlen die Österreicher trotz Versicherung nahezu zur Gänze aus eigener Tasche. Die Kassentarife sind dafür absurd niedrig. Ein Beratungsgespräch, in dem der Zahnarzt einen Heilplan für das Gebiss vorschlägt, wird mit zehn Euro vergütet, das Röntgenfoto, das dazu notwendig wäre, wird nicht bezahlt. Besonders empört die Zahnärztin Martina Gredler, dass sie laut Kassenlogik sogar schwangeren Frauen Amalgamplomben verpassen müsste. Porzellan fällt nicht in den Leistungskatalog.

Manche Zahnärzte neigen dazu, einen Patienten mit großem Sanierungsbedarf, aber kleiner Brieftasche an die Zahnklinik weiterzuschicken, weil sie an langwierigen Wurzelbehandlungen kaum etwas verdienen. Die in diesem Fall gebräuchliche Phrase: „Ein so schwieriger Fall kann nur in einem Zentrum mit Spezialisten behandelt werden.“ Mangel an Zeit und Zuwendung ­herrscht freilich auch in den Spitälern. „Im Stress ist es einfacher, den Patienten in die Computertomografen zu stecken, wenn er darin sein Heil sieht, als sich mit ihm auseinanderzusetzen“, sagt Harald Mayer, Unfallchirurg in Schärding und Sprecher der Spitalsärzte in der Wiener Ärztekammer. Er wünsche sich Arbeitsbedingungen, die Angestellte ein Berufsleben lang im Spital hält, ohne dass sie „zwangsweise im Burn-out landen“. Thomas Szekeres, ärztlicher Betriebsrat im Wiener AKH, geht noch weiter: „Wir laufen Gefahr, dass immer weniger Medizinabsolventen eine Karriere im Spital anstreben.“

Promi-Primarii. Wenn von Klinik-Ärzten die Rede ist, dann fallen einem jene Primarii ein, die in Hochglanzpostillen die neuesten Technologien preisen und prominente Patienten betreuen, hinter sich stets einen Rattenschwanz von Pflegepersonal und ehrfürchtigen Ärzten. Doch vor allem Letztere leiden, wie eine bundesweite IFES-Studie 2006 ergab, unter zunehmend schlechteren Arbeitsbedingungen, die sich in überbordender Bürokratie auf Kosten von Behandlungszeiten, Personalknappheit, übervollen Ambulanzen und ständigem Zeitdruck äußern. Laut Arbeits­inspektorat verstoßen sieben von zehn Spitälern gegen das Arbeitszeitgesetz.

Die Auswirkungen sind fatal: Jeder dritte Spitalsarzt arbeitet laut eigenen Angaben über 60 Wochenstunden, jeder zweite mehr als das erlaubte Maximum von 72 Wochenstunden. Die Turnusärzte trifft es am härtesten: Jeder fünfte rackert laut IFES hundert Stunden und mehr. Doch wo kein Kläger, da kein Richter. „Die Hierarchie verhindert, dass sich Kronzeugen finden“, sagt der grüne Gesundheitssprecher Kurt Grünewald, selbst Primar an der Innsbrucker Uni-Klinik. Passieren dann Fehler bei der Behandlung und landet der Fall vor Gericht, „lauten die ersten Fragen der Juristen: Durfte der Arzt diese Behandlung überhaupt durchführen? Durfte er um diese Zeit überhaupt noch im Spital sein?“, erzählt Ronald Gallob, Obmann der Spitalsärzte in der nieder­österreichischen Ärztekammer. Die Krux sind die niedrigen Grundgehälter. Im Wiener AKH etwa trägt ein Turnusarzt im Monat zwischen 950 und 1400 Euro netto nach Hause, ein Facharzt ohne wissenschaftliche Tätigkeit 2000 Euro, ein Facharzt mit Forschungsfeld 2400 Euro. Aufgefettet wird das Gehalt erst mit Diensten, Sonderklassegeldern und Ambulanzgebühren. Das System verleitet zur Selbstausbeutung. Die niedrigen Einstiegsgehälter haben einen weit reichenden Nebeneffekt: Vielfach werden lieber Turnusärzte als diplomierte Krankenpfleger eingestellt, weil sie billiger sind. Doch statt den älteren Kollegen über die Schulter zu schauen, kleben sie Etiketten, schreiben Tabellen oder verteilen Spritzen. „Dieselben Turnusärzte sitzen später in Ordinationen und schicken die Patienten ins Spital, weil sie sich in der Diagnose unsicher sind“, kritisiert Gallob die mangelnde Praxis.

Kammervertreter Mayer hielte flachere Hierarchien günstig für das Patientenwohl und für alle im Spital Beschäftigten. Auch für das Pflegepersonal: Im Schnitt bleiben Schwestern und Pfleger nach der Ausbildung gerade noch zwei Jahre im Spital. 85 Prozent sind unter 35 Jahre alt. Erfahrungswissen kann sich da nicht ansammeln. Das spürt auch der Wiener Patientenanwalt Harald Brustbauer. Neben Beschwerden wegen angeblicher Behandlungsfehler im Spital hat er vor allem mit Klagen über das Verhalten des Pflegepersonals zu tun. Aber auch die Konflikte mit praktischen Ärzten und Zahnärzten haben im vergangenen Jahr zugenommen. Brustbauer ortet die Ursache in fehlender sozialer Kompetenz, auf die in der praktischen Ausbildung zu wenig Wert gelegt werde, und mangelnder Zeit. ÖVP-Gesundheitssprecher Erwin Rasinger, selbst praktischer Arzt in Wien, hält ein Umdenken für unumgänglich. Er sagt aus Erfahrung: „Ich hätte lieber nur 800 statt 1100 Krankenscheine im Quartal und dafür die Zeit, mit meinen Patienten mehr zu reden. Aber jeder Arzt, der intensiv betreuen will, ist sein eigener Feind.“

Von Martina Lettner, Ulla Schmid und Christa Zöchling