Katalonien drängt stärker in die Unabhängigkeit

In Katalonien wollen die regierenden Nationalisten die Regionalwahlen zum Stimmungstest für die Unabhängigkeit machen – und spalten damit die Gesellschaft.

Von Manuel Meyer

Das Herz ist das Symbol für die Liebe. Doch für das Herz, das auf dem Bus von Manel Parra und seiner Bürgerplattform „Movimiento Cívico de España y Catalanes“ prangt, können sich nicht alle begeistern. Zwar rufen einige Passanten auf der Rambla Nova, der prachtvollen Flanierstraße der Stadt Tarragona, „Bravo“ oder halten den Daumen nach oben. Andere jedoch zeigen den Mittelfinger oder schauen grimmig.

"Unsolidarische" Katalanen
Die eine Hälfte des Herzens stellt nämlich die spanische Flagge dar, die andere die Senyera – Kataloniens Flagge mit ihren vier roten Streifen vor gelbem Hintergrund. Die Botschaft ist klar: „Wir fühlen uns als Katalanen, aber auch als Spanier und wollen, dass Katalonien weiterhin ein Teil Spaniens bleibt“, erklärt Manel Parra, Präsident der Bürgerplattform.
Kein Thema spaltet die 7,5 Millionen Katalanen derzeit mehr als die sich im Zuge der Wirtschaftskrise verstärkenden Unabhängigkeitstendenzen im äußersten Nordosten Spaniens. Auch der Streit mit den restlichen Spaniern, welche die Katalanen als „unsolidarisch“ beschimpfen, wird immer heftiger – spätestens seit die in Katalonien regierenden Nationalisten von Regierungschef Artur Mas (CiU) die kommenden Sonntag stattfindenden Regionalwahlen zum ersten Schritt eines Unabhängigkeitsreferendums gemacht haben, das in zwei Jahren stattfinden soll.

Manel und die anderen freiwilligen Helfer verlassen den Bus, um Werbematerial mit dem Aufruf zu verteilen, Parteien zu wählen, die sich für den Verbleib Kataloniens in Spanien aussprechen. „In Europa versuchen wir, Grenzen niederzureißen, und hier bauen wir sie wieder auf. Das ist absurd“, sagt Manel, während er versucht, mit Passanten ins Gespräch zu kommen und Broschüren zu verteilen.

Doch kaum jemand will mit ihm reden. Und die wenigen, die überhaupt einen Flyer annehmen, schmeißen ihn meistens ungelesen gleich wieder in den Mistkübel. Eine junge Frau beschimpft Manel im ­Vorübereilen sogar als „Faschisten“.

Spanisches Dorf?
Schon immer gab es nach Unabhängigkeit strebende Nationalisten in Katalonien. In vielen Dörfern fällt es den Einwohnern sogar schwer, überhaupt Spanisch zu sprechen. Die ablehnende Haltung gegenüber dem Zentralstaat war allerdings noch nie so stark wie heute. Die Stimmungsmache der Nationalisten war für Manel einer der Gründe, sich der Bürgerplattform anzuschließen. „Sie erzählen uns, dass die Spanier uns berauben, unterdrücken, nicht wertschätzen und dass es einem unabhängigen Katalonien wirtschaftlich viel besser gehen werde, was schlichtweg gelogen ist“, ärgert sich Manel.

Er selbst stammt aus Bellpuig, einem kleinen, nationalistisch geprägten Dorf nahe Lleida, und arbeitet in Barcelona als Katalanischlehrer. Er spricht von den eigenen Traditionen, der eigenen Sprache, aber auch von den tiefen geschichtlichen, politischen, wirtschaftlichen und vor allem familiären Verbindungen zwischen Katalanen und Spaniern. Über 70 Prozent der heutigen Katalanen stammen aus Familien, die aus anderen Regionen Spaniens kommen, gibt Manel zu bedenken: „Wir sind ein Teil Spaniens.“
Das sehen Regierungschef Artur Mas und seine Nationalisten nicht so. Dennoch galten sie bisher nicht als aggressive Unabhängigkeitsverfechter. „Seit 2010 ist aber auch unser Wille zum Dialog mit Spanien am Ende“, sagt Oriol Pujol, Nummer drei der nationalistischen Regierungspartei. In diesem Jahr lehnte das spanische Verfassungsgericht das bereits 2006 von der Mehrheit der Katalanen angenommene neue Länderstatut für Katalonien ab, da es die Region als „Nation“ definierte. Es kam zu Massenprotesten.

Doch erst die Krise gab den Separatisten so richtig Auftrieb. Katalonien ist Spaniens wirtschaftsstärkste, gleichzeitig aber auch am höchsten verschuldete Region. Die Nationalisten erklären die leeren Kasse nun damit, dass die Region zu viele Steuern an die Zentralregierung und andere Regionen abführen müsse.

"Unabhängigkeit à la carte"
Die Strategie geht auf: Am katalanischen Nationalfeiertag Mitte September protestierten 1,5 Millionen Katalanen in Barcelona für einen „neuen Staat in Europa“. Dabei haben die Katalanen seit 1979 eine weitreichende Autonomie, eigene Polizeikräfte, beachtliche Steuerhoheiten und Katalanisch als Amts- und Unterrichtssprache.

Manel wirft den Nationalisten vor, eine „Unabhängigkeit à la carte“ zu fordern: „Sie wollen armen Regionen wie Andalusien kein Geld mehr geben, verlangen aber gleichzeitig, dass die Andalusier nach einer Trennung von Spanien weiterhin katalanische Produkte kaufen.“ Das ist aber noch lange nicht alles: „Die Separatisten wollen nicht Seite an Seite mit Madrid gegen die Krise kämpfen, aber Real Madrid und den FC Barcelona in der gleichen Fußballliga kämpfen sehen.“

Josep Balmes gibt hingegen offen zu, bereits beim EM-Endspiel zwischen Spanien und Deutschland vor vier Jahren in Wien für Deutschland gewesen zu sein. Freundlich, aber distanziert gibt er Manel den Flyer wieder zurück. „Ich habe 30 Jahre auf diesen Moment gewartet. Wir haben ein Recht auf Selbstbestimmung. Die Politik kann nicht über dem Willen der Bürger stehen“, sagt der 58-Jährige, der aufgrund seines Jobs als Lastwagenfahrer das ganze Land kennt. „Ich habe nichts gegen die Spanier, aber ich fühle mich nicht wie einer von ihnen.“

Schon seit seiner frühen Jugend sei er für die Unabhängigkeit Kataloniens gewesen. Er erinnert sich noch gut daran, wie ihm während der Franco-Diktatur unter Androhung von Schlägen in der Schule verboten wurde, Katalanisch zu sprechen. „Ja, ich möchte, dass wir endlich unseren eigenen Staat haben“, sagt er. Dafür macht er auch wirtschaftliche Gründe geltend: Barcelona bezahle jährlich 16 Milliarden Euro an Madrid und andere Regionen wie Andalusien. Dort würden die Menschen nichts arbeiten, aber mittlerweile besser leben als die Katalanen, empört er sich.

Kein ökonomisches Heilsversprechen
Experten wie Pedro Aznar vom katalanischen Wirtschaftsinstitut ESADE glauben nicht an das ökonomische Heilsversprechen der Unabhängigkeit. Die EU habe bereits erklärt, ein sich einseitig unabhängig erklärendes Katalonien nicht automatisch und gegen den Willen Spaniens aufzunehmen. Damit ginge sich die Unabhängigkeit rein finanziell nicht aus, sagt Aznar: „Ein unabhängiges Katalonien außerhalb der EU müsste sich derzeit auf den internationalen Finanzmärkten mit einem Zinssatz von bis zu zehn Prozent finanzieren. Zudem hätte es durch den fehlenden Schutz der Europäischen Zentralbank kaum Chancen, die überschuldeten katalanischen Banken zu stützen.“

Die Parolen der Nationalisten finden im Umfeld hoher Arbeitslosigkeit und Rezession dennoch Gehör. Laut aktuellen Umfragen würden 57 Prozent der Katalanen für eine Loslösung von Spanien stimmen. In Jahren zuvor waren höchstens 25 Prozent dazu bereit. Neueste Prognosen versprechen Artur Mas sogar eine absolute Mehrheit bei den anstehenden Wahlen.
„Wenn das passiert, wandere ich sofort aus“, sagt Jaime Ramos. Der 56-jährige Reifenhändler aus Tarragona hat die meisten Kunden außerhalb Kataloniens. „Sollten die Katalanen sich wirklich für die Unabhängigkeit entscheiden, geht mein Geschäft zugrunde“, fürchtet er und bittet Manel gleich um mehrere Flyer, um sie unter Freunden zu verteilen.

Jaime hofft, dass Artur Mas nicht Ernst mit seinen Unabhängigkeitsdrohungen macht. Gut möglich, dass der Nationalist lediglich versuche, eine bessere Verhandlungsposition für neue Finanzforderungen zu schaffen und sein politisches Überleben zu sichern. Noch vor Kurzem war Mas wegen Kürzungen der Beamtengehälter, Massenentlassungen im Gesundheitsbereich und erhöhten Studiengebühren im Zentrum der Kritik gestanden und musste um seine Wiederwahl fürchten.

Gereizte Stimmung, geteiltes Land?
Nun wird er plötzlich als Volksheld und Verteidiger der katalanischen Nation ge­feiert. Im Fall seiner Wiederwahl am kommenden Sonntag hat Mas bereits angekündigt, „mit oder ohne Zustimmung Madrids“ ein Unabhängigkeitsreferendum durchzuführen. Die Antwort aus Madrid kam prompt. Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy erklärte, er werde weder ein solches Referendum dulden noch den Eintritt eines unabhängigen Kataloniens in die EU.

Wie gereizt die Stimmung im Land ist, erfahren Manel Parra und seine Bürgerplattform auf ihrer Rundreise dann noch sehr deutlich. In Sant Cugat del Vallés, einer kleinen Stadt nordöstlich von Barcelona, springt der Bus nicht mehr an. Unbekannte haben die Kupplung zerstört – und damit auch das aufgemalte Herz für die Einheit zum Stillstehen gebracht.