Kein Wunder

Michael Hanekes Oscar krönt die Austro-Filmerfolgsserie. Doch der Schein trügt: Während österreichisches Kino weltweit reüssiert, tun sich in der Branche Abgründe auf.

Alle paar Jahre macht der Begriff die Runde, aber angesichts der jüngsten Filmfestivalerfolge scheint er nie besser gepasst zu haben als jetzt: Österreichs „Kinowunder“ hat sich nach internationalen Auszeichnungen für Filme wie Ulrich Seidls „Paradies: Glaube“ (Spezialpreis der Jury in Venedig 2012), „Der Glanz des Tages“ (Regie: Tizza Covi, Rainer Frimmel; Silberner Leopard in Locarno 2012 und Max Ophüls Preis 2013), Daniel Hoesls „Soldate Jeannette“ (Tiger Award in Rotterdam 2013) und nun, gleichsam als Krönung, Michael Hanekes mit einem Oscar geehrtes Drama „Amour“ als stabil erwiesen. Aber die Bedingungen, unter denen solche Höchstleistungen zustande kommen, sind alles andere als rosig: Filmproduzenten kämpfen ums Überleben, die Nachwuchs- und Innovationsförderungen sind weiterhin fahrlässig unterdotiert, und der ORF droht ungerührt, weil er ab Ende 2013 seine Gebührenrefundierung verlieren könnte, massive Kürzungen auch im Filmbereich an.

Aber in Zeiten des Triumphs ist davon öffentlich nicht die Rede. Man lässt sich lieber feiern: „Österreich Unchained“, titelte die „FAZ“ nach der für Christoph Waltz und Haneke so gelungenen Oscar-Gala am Dienstag vergangener Woche, während man in der „Süddeutschen Zeitung“ – nicht ohne darauf hinzuweisen, dass Hanekes Vater Deutscher war – mutmaßte, dass Österreich mit seinen beiden Ikonen „fremdele“, die ja vor allem im Ausland zu Ruhm und Ehre gekommen seien. Wenn es auch wahr ist, dass sowohl Waltz als auch Haneke erst durch Auslandsproduktionen berühmt wurden: Das Fremdheitsgefühl hält sich in Grenzen, solange die Umarmung der großen Söhne währt.

Keine Höhenflüge an den Kassen
An Österreichs Kinokassen zeichnen sich indes keine ungeahnten Höhenflüge ab. Hanekes „Amour“ strebt derzeit zwar auf die 100.000-Besucher-Marke zu, und die durchaus spröde Haushofer-Adaption „Die Wand“ sowie der Kinderfilm „Yoko“ konnten jeweils rund 80.000 Zuschauer verbuchen. Seither stoßen nur die Teile eins und zwei der „Paradies“-Trilogie Ulrich Seidls auf breiteres Publikumsinteresse, sie liegen derzeit zusammen bei etwa 70.000 Besuchern. Der Rest ist Schweigen: Fast ein Viertel jener Filme, die in Österreich jedes Jahr an den Kinostart gehen, verbuchen weniger als 1000 Zuschauer – zum Teil sogar substanziell weniger. Und stolze vier Fünftel aller anlaufenden Arbeiten kommen über ein paar tausend Interessenten nicht hinaus.

Die Zeiten werden nachweislich härter. Unter den 20 hierzulande lukrativsten Austro-Kinohits der vergangenen zwölf Jahre findet sich nur ein einziges nach 2010 veröffentlichtes Werk: der Kinderfilm „Die Hexe Lilli – Die Reise nach Mandolan“, mit knapp 118.000 Besuchern – auf Platz 16. „Der Zustand der kritischen Masse ist erreicht“, erklärt der Produzent und Regisseur Franz Novotny auf profil-Nachfrage; er spricht von „Futterneid und Intrigen“. Auch ihr erscheine die Stimmung „nach wie vor sehr angespannt“, stellt Diagonale-Leiterin Barbara Pichler, deren Festival kommende Woche über die Bühne gehen wird, mit Blick auf die heimische Produktionslandschaft fest. Novotny weiter: „Hervorragende Produzenten wie Veit Heiduschka, der Hanekes Werk über Jahrzehnte begleitet hat, stehen infolge ihrer Konsequenz manchmal am Rande des Untergangs.“ Man dürfe aus der persönlichen Risikobereitschaft im Sinne hoher Qualität in der Filmkunst „kein Geschäftsmodell“ machen, so Novotny – aber leider passiere ebendies. „Das durch die Mittelverknappung vergiftete Klima, das einem die Arbeit vergällt, müsste einer solidarischen Atmosphäre positiver Energien weichen. Die Politik ist gefordert, den Lobreden echtes Geld hinzuzufügen: Geld, das den eingefahrenen Erfolgen, dem gewachsenen Bedarf und den Talenten nicht bloß mit süßem Gesäusel Rechnung trägt.“

Lieber Oper und Theater
In den Filmförderungsinstitutionen sieht man dies naturgemäß ein wenig anders. Die beiden größten, das Österreichische Filminstitut (ÖFI) und der Filmfonds Wien (FFW), fühlen sich nicht schlecht dotiert. Beim FFW habe sich die Gesamtantragssumme 2012 sogar um 16 Prozent reduziert, das Förderbudget sei im gleichen Zeitraum erhöht worden, berichtet Filmfonds-Leiterin Gerlinde Seitner. „Im Herstellungsbereich wurden 2012 sogar um 30 Prozent weniger Anträge gestellt. Insofern können wir keine verschärfte Konkurrenzsituation diagnostizieren.“ Und ÖFI-Chef Roland Teichmann kalmiert: „Der Wettbewerb um Fördergeld ist immer sehr kompetitiv; das hat sich auch durch die Aufstockung des ÖFI-Budgets auf 20 Millionen Euro nicht geändert.“ Unlängst wurde sein Direktorenposten neu ausgeschrieben; der seit 2004 amtierende Teichmann hofft dennoch, auch nach 2014 dort zu arbeiten – er werde sich jedenfalls dafür bewerben.
Die wahren Problemzonen des österreichischen Films ortet Teichmann in den Bereichen Entwicklung und Verwertung: „Viele Projekte werden zu schnell in die Herstellung getrieben, und Kinostarts erfolgen oft zu sehr nach Schema F, statt einem differenzierteren Konzept zu folgen.“ Alexander Glehr, Produzent im Unternehmen Novotnys, sieht das ähnlich: „Warum muss jeder vom ÖFI geförderte Film tatsächlich ins Kino kommen? Warum öffnet man die verpflichtende Verwertung nicht auch neuen Verbreitungsmöglichkeiten?“

Die Dokumentaristin Ruth Beckermann lenkt den Blick weg vom Geld: Das Kino sei in Österreich „bei den selbst ernannten Eliten noch immer nicht angekommen, ob Rot, Grün oder Schwarz – alle sitzen sie zusammen und deklinieren Opern- und Theaterpremieren miteinander durch. Konservativ sind die wie eh und je.“

An Initiativen zur Besserung der Situation fehlt es jedenfalls nicht: 40 Filmschaffende aus den Bereichen Regie, Drehbuch, Produktion werden Ende dieser Woche gemeinsam mit zehn VertreterInnen der verschiedenen Filmförderungsinstanzen im Rahmen der neuen „Plattform österreichischer Kinofilm“ eine Debatte dar­über zu führen versuchen, welche Strategien nötig sind, um den Erfolg des österreichischen Filmschaffens auch für die Zukunft abzusichern. Ein Knackpunkt wird dabei, wieder einmal, der ORF sein, dessen ohnehin oft widerwilliges Zutun in der Kinofilmförderung dieser Tage erneut auf des Messers Schneide steht. Roland Teichmann kritisiert dies: „Allein können ÖFI und FFW keine Projekte ermöglichen. Dazu braucht es Partner, und der ORF spielt hier eine zentrale Rolle. Den Fortbestand und die Dotierung des Film-Fernseh-Abkommens daher in Geiselhaft einer Gebührenrefundierung zu nehmen, halte ich für kein taugliches Mittel.“

Noch nie habe sie vom ORF einen Auftrag erhalten, erzählt dagegen abgeklärt Ruth Beckermann – „und wäre man am Küniglberg nicht durch das Film-Fernseh-Abkommen dazu gezwungen, man würde zu meinen Filmen wohl keinen Cent zahlen. Die drehen sich im Kreis mit ihren sinnlosen Reformen. Kluge Jugendliche schauen dort eh längst nicht mehr rein – also ist mir’s auch schon egal, wenn man im ORF Dokumentarfilme am liebsten gegen Mitternacht zeigt.“