Kennedy-Mythos: Tausend Tage

Am 22. November jährt sich das Dallas-Attentat auf John F. Kennedy zum 40. Mal. Der US-Schriftsteller und Pulitzer-Preisträger Norman Mailer über den legendären US-Präsidenten, seine Frau Jackie und den „dynamischen Mythos der Renaissance“, den dieses Paar mit größter Leidenschaft lebte.

Ich erinnere mich noch genau an jenen Nachmittag im Juli 1960. Im Rückblick kommt es mir vor wie eine merkwürdige Erscheinung von fast religiöser Qualität – obwohl ich für so etwas normalerweise nicht besonders anfällig bin. Ich sollte einen Essay über John F. Kennedy und seinen Auftritt beim Bundeskongress der Demokratischen Partei im Biltmore Hotel in Los Angeles schreiben. Kennedy hatte bereits als Senator in Washington einige Aufmerksamkeit erregt. Auf dem Parteikongress sollte er nun zum Präsidentschaftskandidaten nominiert werden – oder auch nicht. Es war spannend.

Kennedy fuhr in einem großen offenen Cabrio vor dem Hotel vor. Wie er da, aufrecht stehend, mit seinem Konvoi um die Ecke bog, war das eine perfekt ins Bild gesetzte Szene – großes, glamouröses Kino. Aber es hatte zugleich etwas sehr Komisches. Denn direkt gegenüber dem Hotel befand sich der berühmt-berüchtigte Pershing Park, in dem sich Homosexuelle, Trunkenbolde und Drogenabhängige trafen. Und so standen sich die fein angezogenen Horden vor dem Hotel und auf den Balkonen und all die Schwulen und Landstreicher auf der anderen Straßenseite gegenüber. Sie applaudierten, so kräftig sie konnten, ein und demselben Mann.

Eine wirklich komische Szene, die ich nie vergessen habe.

Später am Tag sah ich Kennedy dann aus der Nähe: eine sehr attraktive Erscheinung, groß, gewandt, mit einem orange-braunen Teint wie ein Skilehrer und mit strahlend weißen Zähnen. Ich wusste sofort: Wenn dieser Mann nominiert und dann auch gewählt werden sollte, dann wird er Amerika von Grund auf verändern.

Ganz gleich, wie ernst er politisch zu nehmen war, man würde ihn ohne jeden Zweifel als großen Schauspieler erleben, sozusagen als Publikumsmagneten. Vergessen wir nicht: Wir befanden uns am Beginn des Fernsehzeitalters. In Amerika hatten bereits über 80 Prozent der Menschen ein TV-Gerät.

Ungefähr einen Monat später interviewte ich „Jack“ Kennedy, wie ihn damals bereits alle nannten, im „Kennedy Compound“ in Hyannisport auf Cape Cod. Ich fuhr die 50 Meilen von Princetown, wo ich damals schon zeitweise lebte, in großer Aufregung. Weil ich etwas spät dran war, bretterte ich wie verrückt über enge Straßen, bis ich schließlich vollkommen verschwitzt ankam.

Und da war er. Er sah jetzt nicht mehr aus wie ein Filmstar, nein, überhaupt nicht so, wie ich ihn im Biltmore Hotel erlebt hatte. Jetzt wirkte er zehn Jahre älter und eher wie ein Harvard-Professor. Leicht reserviert und zerbrechlich.

Die ganze Erschöpfung des Wahlkampfes war ihm anzusehen. Seine Gesichtsfarbe wirkte jetzt beinahe grau. Ruhig und höflich begrüßte er mich: „Es freut mich sehr, Mr. Mailer, Sie kennen zu lernen. Ich habe Ihre Bücher gelesen. Zum Beispiel …“ Und dann kam ein wunderbarer Augenblick – wunderbar jedenfalls für mich als Journalist. Denn er hatte einen Blackout, wahrscheinlich eine Folge der enormen Anstrengung, die es bedeutet, alle Fäden in der Hand zu behalten, wenn man sich als Präsident bewirbt.

In diesem Augenblick jedenfalls fiel ihm kein Titel ein. Und ich dachte: „Der Teufel soll mich holen, wenn ich ihm jetzt helfe.“ Ich wartete nur darauf, dass er sagen würde: „Ich habe ,Die Nackten und die Toten‘ gelesen.“ Diesen Titel nennen die meisten, die meine Bücher kaum kennen. Die Pause dehnte sich. Aber dann bemerkte er: „Ich habe ,Der Hirsch-Park‘
gelesen und die anderen Bücher.“ „Der Hirsch-Park“ ist, wenn man es kurz fasst, ein existenzieller Roman über Sex und Hollywood. War also Kennedy ein existenzieller Kandidat, das heißt, einer mitten aus dem Leben, einer, der für unerwartete Veränderungen aufgeschlossen war? Ich war mir nicht so sicher. Vielleicht hatte ihm auch einfach nur irgendein Berater gesagt, er solle dieses Buch nennen, weil bekannt war, dass ich es selbst besonders gern hatte. So arbeiten Politiker normalerweise.

Weil es sich schließlich um ein Interview handelte, hatte ich ein paar Fragen vorbereitet, die ihn in Verlegenheit bringen sollten.

Ich konfrontierte ihn zum Beispiel mit einer Anzeige, die von den Demokraten zu jener Zeit oft geschaltet wurde. Sie zeigte seinen Rivalen Richard Nixon mit einem großen, schweren Bart – durchaus unheimlich aussehend. Die Zeile unter diesem Bild lautete: „Würden Sie von diesem Mann einen Gebrauchtwagen kaufen?“ Die Anzeige hatte in den zurückliegenden Wochen große Wirkung gezeigt. Die Wochenzeitung „Village Voice“, zu deren Gründern ich gehörte, hatte sie an einige Autoren mit der Bitte um interessante Kommentare weitergegeben. Und einer hatte den Text so fortgesetzt:

„Bei Jack Kennedy ist das nicht die Frage. Man würde ihm ganz sicher trauen und das Auto von ihm kaufen. Aber dann würde er am Nachmittag noch einmal vorbeischauen, um sich davon zu überzeugen, dass der Wagen auch gut läuft, und, bevor er sich verabschiedet, Ihre Frau verführen.“ Genau diese Zeilen zeigte ich ihm. Kennedy geriet etwas aus der Fassung. Ich hatte keine Ahnung, dass ich in einer offenen Wunde stocherte. Die Insider, zu denen ich nicht gehörte, tratschten bereits über sein ausschweifendes Sexualleben, das ja, wie sich dann herausstellte, in der Tat sehr viel aktiver als das irgendeines anderen Kandidaten für das höchste Staatsamt war. Noch heute frage ich mich, warum er eigentlich nicht mehr Ärger mit FBI und CIA hatte – aber das wäre wohl noch gekommen, hätte er länger gelebt. Jetzt jedenfalls, als er mir gegenübersaß, dachte er vermutlich: „Beginnt es schon durchzusickern? Wird alles herauskommen?“

Er fing an, ganz leicht zu zittern, und gab sich die größte Mühe, gelassen zu wirken. Aber es gelang ihm nicht. Kennedy wurde nervös. Eigentlich behielt er bei Interviews immer die Oberhand. Diesmal nicht.

Bevor ich ging, musste ich noch versichern, dass ich am nächsten Tag zurückkäme, um ein zweites Interview zu führen. Ich könnte mitbringen, wen immer ich wolle. Später wurde mir klar, dass er sich dadurch Aufschluss über mein Wesen erhoffte – er war in psychologischen Dingen äußerst geschickt.

Ich kam also am nächsten Tag mit meiner zweiten Frau, Adele. Das war alles, was er wissen wollte: Einen Mann, der nur seine Frau beeindrucken wollte, brauchte er nicht zu fürchten. Bei dem zweiten Interview war er sehr viel entspannter. Damals lernte ich auch Jackie kennen. Ich war sofort von ihrer Schönheit gefesselt. Sie war sehr lebendig und höchst attraktiv. Zehn Prozent meiner selbst verliebten sich sofort in sie. Das kommt vor. Man ändert seine Gewohnheiten und sein Leben nicht, aber ein kleiner Teil bleibt für immer verliebt in diesen Menschen. Man vergisst ihn nie mehr. So war das bei mir mit Jackie. Jetzt ist sie zu einem Mythos geworden. Jeder Schritt in ihrem weiteren Leben hat dazu beigetragen. Aber schon damals zog sie eine enorme Aufmerksamkeit auf sich. Sofort wurde sie zum Star. Viele fragten mich: „Wie ist sie?“ Und einmal antwortete ich: „Sie sieht aus wie die Heldin einer Mordgeschichte, die am Mittelmeer spielt.“ Sie hatte meine bescheidenen prophetischen Kräfte freigesetzt. Denn einige Jahre nach Jacks Ermordung heiratete sie Aristoteles Onassis und wurde tatsächlich eine Heldin am Mittelmeer.

Aber schon lange zuvor, als sie 1961 ins Weiße Haus einzog, spürten wir in Jackie etwas Mystisches – eine merkwürdige Vibration, die im Leben Amerikas eigentlich immer gefehlt hatte. Da war jemand, der uns wie eine Muse anzog und etwas tief Sitzendes in uns ansprach. Andauernd war man versucht, Metaphern für sie zu suchen.

Der Gedanke, dass diese schöne Frau jetzt die First Lady unseres Landes war, war geradezu surrealistisch. Die meisten Amerikaner, besonders in jenen Jahren, hatten die Mentalität des „Bible Belt“, der fundamentalistisch-protestantischen Südstaaten. Das, vermischt mit einer gehörigen Portion Rassismus, waren die Wurzeln des Denkens und Handelns in Amerika. Wir waren kein Land mit Tradition.

Wir hatten nichts Exotisches oder auch nur Geheimnisvolles an uns, keine tiefere Schicht.

Und dann war da plötzlich dieses exotische Element im Weißen Haus.

Viele von uns wussten das unendlich zu schätzen! Denn heimlich geben wir auch heute noch zu, dass unser Land nicht so interessant ist, wie es eigentlich sein sollte. In vieler Hinsicht ist es eine Einöde.

Damals war Jackie nicht nur unser Mythos, sondern auch unser Lebenselixier. Bevor Kennedy an die Macht kam, hatten wir acht Jahre Eisenhower als Präsidenten gehabt. Das Resultat war eine absolut geschmacksfreie, sexfreie, geruchsfreie Atmosphäre. Eine Sterilität, die sich in der Architektur, in den Sitten, den Moden und im Lebensstil ebenso niederschlug wie beispielsweise in der Literaturkritik. Mit einem Wort: Spießigkeit pur. Mit einem so imposanten und geistvollen Präsidentenpaar wie den Kennedys musste sich das alles ändern. Vielleicht waren die frühen sechziger Jahre in Amerika jene Epoche, in der wir uns am meisten danach sehnten, den dynamischen Mythos der Renaissance mit dem größten Nachdruck und der größten Leidenschaft zu leben. Er besagt, dass jeder Mann und jede Frau grundsätzlich etwas Außergewöhnliches leisten können.

Das alles war in unseren Köpfen präsent, in manchmal tief vergrabenen Gefühlen, aber das Leben schmeckte nicht danach.

Wir wollten wieder Helden sehen. Ich war seinerzeit noch nicht einmal sicher, ob John F. Kennedy wirklich der Held war, den wir brauchten. Ich stand der politischen Maschinerie, die ihn als Figur geschaffen hatte, ausgesprochen reserviert gegenüber. Aber ich spürte, dass mit den Kennedys im Weißen Haus der Mythos unserer Nation wieder aufleben könnte. Die Chance auf einen tief greifenden Wandel war plötzlich da. Und sie wurde genutzt. Politik und Mythos wurden zu einer Einheit – für tausend Tage. Es war eine außergewöhnliche Zeit. Die Kennedys verstanden es in diesem kurzen Abschnitt, ihren eigenen Mythos zu schaffen.

Seit der Ermordung John F. Kennedys in Dallas am 22. November 1963 ist mein Land nie mehr dasselbe geworden. Der Schock von damals ist vergleichbar mit jenem, den wir erfahren haben, als die Türme des World Trade Center zusammenstürzten – das merkwürdige Gefühl, als habe sich im engsten Familienkreis ein tragischer Todesfall ereignet, war wieder da.