Joy Division: „Der Zorn und die Frustration sind beispiellos”

Kevin Cummins, Musikfotograf aus Manchester, über seine Joy-Division-Porträts, nationalsozialistische Pop-Ästhetik und das Ende des Musikundergrounds.

Interview: Philip Dulle

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In Ihrem Fotoband "Joy Division“ versammeln Sie nun jene Aufnahmen, die Sie in den späten siebziger Jahren von der britischen Postpunk-Band machten. Ian Curtis erscheint in Ihren Bildern fast mythisch verklärt.
Cummins: Das hängt damit zusammen, dass er so jung gestorben ist. Er war ja erst 23, als er sich das Leben nahm - und wir waren eng befreundet. Nach all den Jahren haben die Fotos eine geradezu ikonische Wirkung gewonnen, die ich damals nie für möglich gehalten hätte.

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Wie hat sich diese Ikonisierung ergeben?
Cummins: Man kann die einzelnen Faktoren - die Musik, die Bilder, den Sound von Joy Division und die tragische Figur Ian Curtis - nicht mehr getrennt voneinander betrachten. Jeder Teil erzählt eine Geschichte, und daraus entstand etwas Mythisches. Dazu gehören auch die Fotos.

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Sie schreiben, dass Sie es als vergeudetes Material betrachteten, wenn Ian Curtis auf Fotos lächelte. Unter Ihren Bildern findet man kaum eines, auf dem Curtis zufrieden wirkt. War sein Selbstmord abzusehen?
Cummins: Die Band hat sich mit seinen Texten nie genau beschäftigt. Erst nachdem Curtis sich das Leben genommen hatte, wurde man auf seine Notizbücher aufmerksam. Curtis’ Lyrics sind sehr dunkel. Aber was soll man sagen: Joy Division waren fast noch Kinder, die dabei waren, ihr Abenteuer zu leben. Der Zorn und die Frustration in Ians Texten sind dennoch beispiellos.

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Sie hätten Ihre Fotos mit moderner Digitaltechnik nicht machen können?
Cummins: Sicher nicht. Ich konnte mir die teuren Filmrollen damals kaum leisten. So nahm ich mir für jedes Foto viel Zeit. Es existieren daher nur wenige Bilder der Band, was sie umso wertvoller macht. Die Digitalfotografie kann der Aura solcher Arbeiten nicht standhalten.

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Steht die Musik im Fall des Phänomens Joy Division gar nicht im Mittelpunkt? Geht es vor allem um Ästhetik? Immerhin hat die Band nur zwei Studioalben veröffentlicht; eines davon erst nach dem Tod des Sängers 1980.
Cummins: So weit kann man nicht gehen. Ich wollte mit meinen Fotos eben die Arbeit der Band reflektieren. Man betrachtet diese Bilder - und weiß genau, wie Joy Division klingen.

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Joy Division hat anfangs gern mit Nazi-Symbolik kokettiert. Der Bandname selbst gilt als Anspielung auf jene jüdischen Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs zur Prostitution gezwungen wurden. War das bloß ein Spiel mit verbotenen Motiven oder böses Kalkül?
Cummins: In der englischen Punk-Kultur provozierten viele Bands mit NS-Motiven: Siouxsie and the Banshees zum Beispiel. Bei Joy Division spielte aber eher die Mode, ihre grauen Anzüge eine Rolle; hier verfolgte die Band einen osteuropäischen Stil.

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Und der Name der Joy-Division-Nachfolgeband New Order? War das nicht auch auf das "Dritte Reich“ gemünzt?
Cummins: Nein, auch wenn es reichlich naiv war, sich so zu nennen. Für den Rest der Band war New Order nur ein Neuanfang: der Abschluss mit Joy Division - der Versuch, sich ohne Ian Curtis zu behaupten und einen neuen Stil zu finden.

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Gibt es in Manchester noch so etwas wie einen musikalischen Underground?
Cummins: Nein. Das ist vorbei: Da waren zuerst die Buzzcocks, dann Joy Division und The Fall. Später kamen die Smiths dazu, die Happy Mondays und die Stone Roses. Manchester wollte nie zum Liverpool der Achtziger werden, wo man an jeder Straßenecke immer nur die Beatles gehört hat. Aber inzwischen taucht doch jeder Sound-Schnipsel neuer Bands sofort im Internet auf. Und jede Szene ist schon wieder vorbei, ehe sie noch richtig angefangen hat.


Kevin Cummins,

geboren 1953 in Manchester, ist ein Kind der nordenglischen Industriemetropole. Er begann seine Karriere als Fotograf beim Magazin "New Musical Express“ und schuf mit seinen ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Porträts ein tiefenscharfes Bild der britischen Pop-Szene. Zu seinen wichtigsten Klienten zählten neben Joy Division Bands wie The Clash, die Buzzcocks, die Sex Pistols und The Smiths, aber auch Rock-Größen wie Mick Jagger und Courtney Love.